Epik




Anderswo (Auszug)

 

Wie Luisa so auf dem Bordstein saß, dachte sie über den Kuchen nach, der zuhause auf dem Tisch stand, so alleine und ungegessen. Annika, ihre große Schwester, hatte erst später aus. Plötzlich hörte sie eine Stimme aus einer Seitenstraße.
»Schabidibu Schubiduba ...«
Sie schien zu singen und klang so freundlich. Luisa stand auf und verfolgte die Melodie in eine Gasse. Doch sie sah niemanden. Aber der Gesang ging weiter.
»... wenn das Leben nicht so spielt, wie du denkst, Shubidu, nimm ein anderes Instrument ...«
»Wo das wohl herkommt?«, fragte sich Luisa und lief weiter zwischen den hohen Häuserwänden hindurch, bis sie schließlich eine Mauer entdeckte, hinter der sich wohl die Quelle des Gesanges verbarg, doch sie konnte kaum drübergucken.
»Hallo?«, wagte sie, auf ihren Zehenspitzen stehend, einen Versuch.
Augenblicklich verstummte die Melodie, wodurch die Neugier sie noch mehr anreizte und sie mithilfe einer Obstkiste über die Mauer kletterte.

Es roch fürchterlich und Luisa rümpfte die Nase. Das Gras stand sehr hoch.

»Mäht denn hier den niemand?«, dachte sie sich und sah sich um.
Die Mauer war auf der anderen Seite in bunten Farben angemalt, was ihr sehr gefiel, doch es war so unaufgeräumt. Umgekippte Mülltonnen, ein Haufen vollgepackter, blauer und grauer Plastiksäcke, große Röhren aus Metall, Holz und Ziegelsteine, auf denen sich das Moos niedergelassen hatte, ein Backofen, Teile von Autos, Reifen, die Vorderseite eines rostigen Fahrrades, Dosen, Kartons, durchnässte Zeitungsstapel, Eimer, ein dreckiger grüner Koffer, kurzum, all das, was niemand mehr zu brauchen schien.
Luisa spazierte zu dem Platz, an dem sie von der anderen Seite den Gesang vernommen hatte. Doch alles, was sie fand, war ein alter, ausgetragener Lederstiefel. Sie stützte die Hände auf die Hüfte und blickte sich um. Dann wieder zu dem Lederstiefel. Ein weiterer Blick, um zu schauen, dass niemand ihr einen Streich spielte. Dann fasste sie Mut, doch nahm sich selbst nicht ernst, als sie den Stiefel ansprach.
»Hast DU hier gerade gesungen?«
Schmunzelnd sah sie sich um, ob nicht der tatsächliche Sänger, seines Streiches geglückt, aus seinem Versteck kommen oder sich zumindest mit einem Kichern bemerkbar machen würde. Doch weit und breit war niemand zu sehen. Plötzlich erklang eine Stimme.

»Nein.«

Sie kam aus der Richtung des Stiefels und Luisa trat erschrocken einen Schritt zurück. Denn dieser stand, nach wie vor, regungslos vor der Mauer. Er kann doch nicht?

Luisa ging näher heran und um den faltigen, alten Lederschuh herum. Dann reichte sie langsam nach ihm.

»Nicht anfassen.«

Vor erneutem Schreck zog sie rasch die Hand zurück und beobachtete, ohne sich zu bewegen, den Schuh.
Die Naht zwischen Sohle und vorderer Kappe war gerissen und es schien fast so, als ob er verkrampft die Lippen zusammenbeißen würde. Sie stand weiter still, ohne sich einen Hauch zu bewegen und gab keinen Ton von sich. Plötzlich öffnete sich erst ein Auge und dann ein zweites an der Lasche des Schuhs unmittelbar zwischen dem dritten Paar Schnürsenkellöcher von oben. Sie öffneten sich nur einen Spalt und fuhren rasch die Umgebung ab. Als sie dabei Luisa entdeckten, schlossen sie sich blitzschnell.

»Du hast aber eben gesungen nicht?«, fragte Luisa, wie eine Detektivin und stolzierte ein Stück. Die Augen blinzelten kurz.

»Und wenn?«, brummte der Schuh mit geschlossen Augen durch die lose Naht hervor.

Luisa nahm die Hände hinter dem Rücken zusammen.

»Und wenn, finde ich, du hast sehr schön gesungen.«
Sie blickte zum Schuh, um zu sehen, ob ihr Lob Wirkung zeigte. Das tat es. Denn er öffnete die Augen.

»Findest du?«

»Aber natürlich ... so schön freundlich und eine so wundervolle Melodie.«

»Das ist der Blues.«

»Der was? Meine Mutter hat glaube ich auch so was.«

»Keine Bluse«, brummte er hervor und schüttelte die Lasche.
»Den Blues mein ich.«

Das Wort hatte Luisa noch nie gehört, was sie natürlich vor diesem Schuh nicht zugeben wollte, welcher fortfuhr: »Ich zeig es dir.«
Und er begann zu summen.

»Mmmhhhh wenn das Leben einmal mau ist, schubidu, und du nicht so gut drauf bist, schabiba, dann sing den Blues, er tut dir gut, auch wenn alles andere grau ist dadabidibudiba.«

Dabei wackelte er im Takt hin und her und hätte sich fast in der Melodie verloren, bis er wieder zu Luisa blickte.

»Verstehst du?«

Luisa schüttelte mit dem Kopf.

»Du singst über etwas, das dir nicht passt im Rhythmus des Blues. Dadurch fühlt es sich nicht mehr so schlimm an. Das ist die Magie des Blues.«
Rhythmus. Noch ein Wort, dass Luisa nicht kannte.

»Versuch's einfach mal.«
Der Schuh summte ihr den Takt vor und betrachtete sie dabei mit so einer Vorfreude, dass Luisa nicht anders konnte.

»Hmmm ich wandere schon den ganzen Tag, weil der ... hmm blöde Bus nicht kam. Was hat er sich dabei gedacht ... ehhmm«

Sie geriet ins Grübeln. Doch der Schuh setzte ein, um sie zu unterstützen.
»Also sing ich, bis spät in die Nacht Schabib Schabibudu.«

»Ja, das ist gut«, erwiderte Luisa und nahm den Einfall des Schuhs auf.
»Bis spät in die Nacht und bis die Sonne wieder lacht Babi...du...bi...«
Sie kicherte.

»Du hast Talent. Es gibt nicht viele Leute, die den Blues fühlen. Wie heißt du?«

»Luisa und du?«, antwortete Luisa voller Stolz.

»Dreimal darfste raten.«

Luisa dachte angestrengt nach. Welcher Name kam am häufigsten vor. Ihr Onkel hieß Onkel Gregor und Papa hatte auch einen Kollegen auf der Arbeit der Gregor hieß und der Sohn von Bäcker Schmitz hieß auch so.

»Hmmm Gregor?«

»Äh Äh.«

Wieder grübelte sie. Dann sah sie den Namen Thomas an die Wand gemalt. In ihrer Klasse gab es sogar zwei Thomase.

»Vielleicht Thomas?«

»Auch falsch.«

Sie grübelte verzweifelt weiter. Einen Versuch hatte sie noch. Aber woher sollte sie es auch wissen?

»Hmm Anders?«

»Nee, man nennt mich einfach Schu«

Luisa konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.
»Ach soooo, na da hätte ich drauf kommen können.«

Plötzlich setzte eine krächzend-fiepsige Stimme ein.

»Wer ist das? Was macht sie hier?«
Sie sprach so schnell, dass Luisa vor Schreck umfuhr.

»Wer war das?«, fragte sie den Schuh.

Aus dem Berg von Plastiksäcken tauchte ein langer, dünner, hell-rosaner Schwanz hervor und verschwand im nächsten Moment wieder zwischen den Säcken, um gleich darauf wieder hinter einem hervorzuschauen.

»Schu, wer ist das?«, krächzte die Stimme auf etwas nagend.

»Du kannst ruhig rauskommen Raffi. Das ist Luisa.«

»Lulululuisa?«
Plötzlich sprang eine Ratte aus den Plastiksäcken hervor und blieb mit der rechten Vorderpfote erhoben stillstehen, während sie Luisa betrachtete.

»Lululuisa ... Lulu ...«
Wieder verschwand sie in dem Berg von Müll und tauchte plötzlich links von Luisa auf.

»Wie hast du das gemacht, du warst doch gerade noch ...?«, fragte Luisa erstaunt. Doch die Ratte wartete das Ende der Frage gar nicht erst ab und fiepste hervor: »Wir Ratten finden immer einen Weg, egal wohin.«
Aufgeregt lief sie um Luisa herum, immer für einen Moment mit erhobener Vorderpfote stehen bleibend und scheinbar schnüffelnd.
»Was machste hier? Du bist so schön angezogen und riechst so gut.«

»Danke ich ...«
Schon lief die Ratte wieder davon und krabbelte in eine Dose.

»Sprich ruhig weiter. Hab' gute Ohren.«
Augenblicklich lugte der Kopf wieder aus der Dose hervor.

»Ich glaub, ich hab mich verlaufen«, antwortete Luisa zögernd.

»Wo willsten hin?«
Wieder rannte die Ratte los und knabberte an einem Reifen, bevor sie in den selbigen hineinsprang.

»Nach Hause.«

»Da biste hier falsch.«

»Das weiß ich selbst.«, entgegnete Luisa trotzig.

Die Ratte lugte aus dem Reifen hervor.
»Nun mal halblang. Außen hui innen pfui? Nicht gut erzogen die Kinder heute.«

Jetzt reichte es Luisa.
»Das stimmt nicht. Ich bin sehr gut erzogen. Eine junge Dame sagt meine Oma immer« und fügte etwas beleidigt hinzu: »Außerdem habe ich heute Geburtstag.«

Augenblicklich stutzte die Ratte und blieb mit offenem Mund auf dem Reifen stehen.
»Gebu... Gebu... bu... Geburtstag!!!???«

Schu verdrehte die Augen und die Ratte Raffi rannte los. Luisa blickte ihr hinterher, dann zu Schuh, der neben sie hüpfte. Plötzlich tauchte Raffi wieder auf und zerrte mit ihren Schneidenzähnen ein kleines Schächtelchen mit dreckigem Geschenkpapier und halb aufgezogener Schleife hinter sich her.

»Für mich?«, fragte Luisa neugierig.

Raffi nickte aufgeregt. Luisa zog die Schleife ganz auf und blickte hinein. Doch die Schachtel war leer.

»Da ist ja nichts drin.«

»Was soll'en drin sein?«
Raffi stellte sich mit den Vorderpfoten auf den Rand der Schachtel und sah hinein.

»Ein Geschenk?«

Irritiert blieb Raffi mit einer erhobenen Pfote stehen, wie ein Hund, der aufhorcht.

»Aber da ist doch das Geschenk mit Schleife und Papier«, wunderte sie sich.

Luisa schüttelte den Kopf und begann zu erklären: »Da ist aber nichts drin. Das ist nur die Verpackung.«

»Ach so ...«, erwiderte Raffi etwas enttäuscht und sprang in die Schachtel, um sich genau umzusehen, bis sie wieder zu Luisa aufblickte.

»Ich dachte immer, das wäre ein Geschenk. Der Spaß ist doch das Auspacken ...«
Raffi legte den Kopf verträumt zur Seite und schwärmte: » ... die Schleife und das schöne bunte Papier ...«

»Nicht, wenn nichts drin ist«, erklärte Luisa weiter.

Raffi war jetzt sichtlich enttäuscht.

»Haben Sie denn noch nie ein Geschenk bekommen?«, forschte Luisa nach.

Raffi schüttelte den Kopf.
»Ratten erhalten längst nicht so viele Geschenke, wie man annehmen mag. Dann bring ich es wieder zurück.«

»Nein warten Sie!«
Luisa griff nach dem Päckchen und steckt es in ihren Rucksack. Schließlich hatte sich Raffi Mühe gemacht, es ihr zu bringen.

»Ich freue mich sehr über das Geschenk. Dankeschön.«
Und ihre Freude übertrug sich auf Raffi, der sie dabei leicht über den Kopf streicheln wollte. Doch geschickt duckte sich die kleine Ratte und schmiegte sich anstatt dessen an Luisas Knöchel.

»Gern geschehen. Ich bin Raffi. Aber Frau Lululuisa wir würden gerne noch mit ihnen ihren Geburtstag feiern, aber wir müssen los Schu.«

»Wohin?«

Raffi und Schu tauschten Blicke aus.

»Hast recht, ich hatte es ganz vergessen«, brummte letzterer hervor.

»Was vergessen?«, erkundigte sich Luisa neugierig.

Wieder tauschten die beiden Blicke aus. Bis sie ohne Worte entschieden, dass sie sie einweihen konnten.

»Aber nicht weitersagen ja?«, flüsterte Raffi.

»Was?«, flüsterte Luisa.

Und Schu wunderte sich, warum sie flüsterten, denn nach wie vor, war weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Dann hüpfte er auf einen Kanister und kostete noch den letzten Moment der Spannung aus, bevor er die Stimme erhob: »Heute ist die Wahl des Prinzikus in Anderswo.«

»Wo?«, wollte Luisa wissen.

»Anderswo.«

»Ist das bei Laufenbach? Mein Onkel wohnt da.«

Schu schüttelte die Lasche.

»Nein, Anderswo ist woanders.«

Luisa wusste jetzt gar nichts mehr.
»Verstehe ich nicht.«

»Wir zeigen's dir. Als Gebububurtstagsgeschenk ja?«, erklärte Raffi.

Freudig willigte Luisa ein und die Drei machten sich auf den Weg. Raffi ging vor und stöbert immer wieder in den Müllbergen. Schu begleitete Luisa.

Schließlich kamen sie an eine etwa 1 Meter Hohe und 2 Meter lange terrakottafarbene Kunststoffröhre, die fast vollkommen mit Moos überwuchert war, wodurch Luisa sie fast nicht gesehen hätte. Schu hüpfte an das vordere Ende der Röhre und sah zu Luisa.
»Auf der anderen Seite ist Anderswo.«

Luisa guckte in die Röhre, doch sah nur den restlichen Hinterhof auf der anderen Seite. »Aber auf der anderen Seite ist nur dort drüben ...?«, äußerte sie ihre Verwunderung und Schu erklärte weiter: »Dort drüben siehste aber nur von hier. Diese Röhre führt nach Anderswo.«

Luisa sah abermals in die Röhre.
»Das kann nicht sein. Ihr nehmt mich auf den Arm.«

»Kann ich nicht«, entgegnete Schu und zog dabei den Schaft hoch, als würde er seine Schultern hochziehen.

»Und meine sind viel zu klein, um dich zu tragen. Du musst schon alleine durch die Röhre«, fügte Raffi hinzu.

Erneut sah Luisa in die Röhre, in deren Mitte sich eine Pfütze gebildet hatte.

»Aber da ist es nass.«

Schu blickte zu Raffi.
»Vielleicht war es doch keine so gute Idee.«

Luisa kniete nieder.
»Okay, aber, wenn das ein Scherz ist, sage ich es meiner Mutter.«

Langsam tappte sie in die Röhre, darauf bedachtet, sich nicht allzu sehr schmutzig zu machen. Sie fühlte sich reingelegt. Ein mieser Streich, um ihn jemandem am Geburtstag zu spielen. Auf der anderen Seite war doch nur Müll. Vielleicht war es auch nur ein Spiel. Zögerlich krabbelte sie weiter.

Raffi rief ihr hinterher: »So verpassen wir aber die Wahl des Prinzikus.«

Sie blickte sich um und sah Schu und Raffi, die bereits halb in die Röhre geklettert war. Luisa schüttelte den Kopf und wandte sich gerade wieder nach vorne, um weiter zu krabbeln, als sie ihren Augen nicht traute. Da war doch plötzlich auf der anderen Seite der Röhre eine grüne Wiese zu sehen. Sie kniff die Augen zusammen, so fest sie konnte, und öffnete sie wieder. Gras, so grün, wie sie es selbst in den schönsten Gärten noch nicht gesehen hatte. Hohe dunkelgrüne Halme, die im Licht der Sonne strahlten und in den sanften Wogen des Windes hin und herwehten.
»Schneller Luisa schabib, sonst kommen wir doch nie an schibada ...«, hörte Sie Schu hinter sich bluesen und krabbelte weiter bis zum anderen Ende der Röhre.

 

Auf der anderen Seite angekommen, betrachtete sie die Umgebung. Sonnenblumenfelder, Wald und zwischendrin die Wiese, auf der sie stand.

Sie schaute in die Röhre, in der Schu und Raffi ihr entgegen kamen. Hinter ihnen sah sie nun nur hellgrüne Gräser auf der anderen Seite der Röhre, wo vorhin noch der Hinterhof zu sehen war. Raffi kletterte als erstes aus der Röhre.

»Lululuisa, geht es dir gut?«, erkundigte sie sich, weil Luisa wie angewurzelt auf der Wiese stand. Sie machte zwei Runden um ihre Beine und blieb mit einer angewinkelten Vorderpfote stehen. Schu hüpfte aus der Röhre hervor.

»Willkommen in Anderswo!«

 

Abermals blickte Luisa sich um. Sonnenblumen kannte sie, aber so viele. Die Felder schienen kilometerweit den Horizont zu füllen.

»Warum habt ihr so viele Sonnenblumen?«, forschte sie nach.

Raffi blickte an ihr hoch und zog eine Augenbraue runter oder die andere hoch, was bei Ratten tatsächlich recht schwer zu unterscheiden ist.

»Wo soll den sonst die Sonne herkommen?«, fragte sie daraufhin etwas argwöhnisch.

Dann blickte sie zu Schu und lief weiter. Dieser folgte. Doch Luisa blieb noch stehen.

»Kommst du? Wir kommen noch zu spät. Der Prinzikus wartet nicht.«

Luisa sah zu ihm rüber und lief durch die Grashalme los. Doch plötzlich stieß sie gegen etwas Grünes und fiel zu Boden. Sie blickte hoch. Eine Sonnenblume stand vor ihr. Doch sie war nicht im Boden verwurzelt, anstatt dessen hatte sich ihr Stängel in zwei Beine geteilt.

Ihre ebenfalls grünen Arme endeten mit Blättern, von denen sie eins Luisa reichte und sich entschuldigte: »Oh tut mir Leid. Ich hab dich nicht gesehen.«

Verwundert ergriff Luisa das Blatt und die Sonnenblume half ihr hoch. Luisa klopfte ihr Kleid ab, während die Sonnenblume hinzufügte: »Komm schnell, die Wahl fängt gleich an!«

Luisa sah etwas durcheinander zu Schuh, der nur den Schaft hochzog. Dann traute sie sich zu fragen: »Aber muss du nicht bei den anderen Sonnenblumen stehen, sonst gibt es doch keine Sonne ...?«

Die Sonnenblume neigte ihre Blüte etwas zur Seite und sah verdutzt zu den Feldern hinüber.
»Darum können die anderen sich heute kümmern. Ich muss zur Wahl. Immerhin bin ich für die Auslesung verantwortlich.«

»Dann möchte ich sie nicht aufhalten«, versicherte ihr Luisa.

Die Sonnenblume riss die Augen auf und wandte den Kopf erstaunt zurück, bevor sie plötzlich Richtung Wald loslief. Luisa schaute ihr hinterher.

»Diese Wahl scheint ziemlich wichtig zu sein«, stellte sie fest.

»Das ist sie. Immerhin wird der Prinzikus gewählt«, erklärte Schu. Dann hüpfte er der Sonnenblume nach. Raffi war bereits weiter auf dem Weg, der, am Ende der Wiese, zwischen haushohen Bäumen hindurchführte.

»Lululuisa?«, krächzte die Stimme der Ratte hervor und Luisa folgte.

 

Sie betraten den Wald. Er war recht dunkel, weil nur wenig Licht durch die Baumwipfel drang. Und es war sehr ruhig, fand Luisa. Gab es denn hier keine Vögel?

Je weiter sie den Wald durchquerten, desto dunkler wurde es. Bis Luisa letztendlich die Hand vor Augen nicht mehr sehen konnte. Ein bisschen mulmig wurde ihr schon.

»Schu?«

Plötzlich spürte sie etwas um ihre Beine fleuchen.

»Pssst!!! Die Bäume schlafen«, flüsterte Raffi zu ihr hoch.

Luisa flüsterte zurück: »Aber ich kann nichts sehen. Warum ist es hier so dunkel?«

»Keine Sonnenblumen. Warte ...«, erhielt sie prompt eine Antwort von Raffi.

Das Fleuchen entfernte sich, um kurz darauf an ihr hochzukrabbeln, bis zu ihrer Hand.

»Hier! Nimm Schus Senkel. Ich hab' das andere Ende und geh vor«, flüsterte ihre Stimme in der pechschwarzen Dunkelheit. Dann sprang Raffi wieder herunter und Luisa folgte ihrem Ziehen.

Schuh flüsterte: »Denn muss aber nachher wieder jemand einfädeln. Ich hab' es mal alleine versucht, ein Disaster.«

»Mach ich«, versicherte Luisa ihm und fügte hinzu: »Wie lange geht denn der Wald noch?«, da sie nicht das kleinste Licht entdecken konnte, egal, wohin sie schaute.

Auf einmal setzte der Ruf einer Eule ein: »Uh Uh«

Und Luisa konnte ein kurzes Flattern direkt in ihrer Nähe hören, bis es plötzlich verstummte.
»Ihr seid rekt laut. Vorsikt sonst waken die Bäum' nok auf.«
Die Stimme klang merkwürdig. Sie sprach so komisch.
Luisa flüsterte: »Wer spricht da?«

Wieder setzte das Flattern ein und etwas landete auf Luisas Kopf.

»Hey!«, machte sie ihrem Unmut Luft.

»Pssssst! Holtens still.«

Plötzlich erkannte Luisa etwas in der Dunkelheit. Die Eule hatte sich mit dem Kopf zu ihr vorneüber herruntergebeugt, sodass ihre großen Augen unten waren und ihr Schnabel oben.

»Uuuuahhhh«, drang plötzlich ein tiefes Brummen durch den Wald nicht weit von Ihnen. Gefolgt von einem ganz langsamen Knarzen und dem Rascheln von Blättern.

»Psssst! Nikt bewegen!«

Augenblicklich ließ der Zug von Raffi über Schus Senkel nach und keiner von ihnen tat einen weiteren Schritt.

»Uuuuahhhh«, gähnte es wieder aus dem Wald hervor. Dann wurde es erneut still.

»Jetzt weiter.«

Die Eule hat ihren Kopf wieder erhoben.

»Ik halte Ausskau. Langsam gehen bitte.«

Nach einigen Meter sah Luisa wieder Licht. Nur ein kleines Funkeln im Dunkeln, dass allmählich größer wurde und sie schlichen voran.


Erst, als sie den Wald verlassen hatten, bemerkte sie, dass es im Wald nach nichts gerochen hatte. Erst, als sie jetzt die grünen Grashalme und den warmen Duft von Sonne auf ihrer Haut roch, viel ihr der Unterschied auf. Im Wald hatte es nach nichts gerochen. So, wie es in einer Höhle riecht, obwohl sie noch nie in einer richtigen gewesen war, aber so stellte sie es sich zumindest vor.

Schu hatte sich bereits daran gemacht, seinen Schnürsenkel wieder einzufädeln, doch schüttelte niedergeschlagen den Schaft.

»Warte, ich helfe dir. Habe es versprochen«, munterte Luisa ihn auf, kniete sich nieder und hatte den Senkel zu Schus Erleichterung schnell wieder eingefädelt. Raffi hatte ihr dabei mit erstauntem Blick zugesehen, während die Eule noch auf ihrem Kopf thronte und die Position sichtlich genoss, ihre Brustfedern aufplusterte und den Kopf nach links und rechts verschob, als würde sie auf einen Takt tanzen, den nur sie hören konnte.

Luisa stand auf.
»Kannst du jetzt wieder runter?«, fragte sie vorsichtig. Es war schlichtweg zu warm für einen Hut in der Sonne.

»Du hast rekt ich muss wieder zurück«, antwortete die Eule und flog von Luisa Kopf auf die Wiese.

»Wohin?«, fragte Luisa.

»Ik bin der Waldwäkter. Sonst wekt nok jemand die Bäum' auf«, erklärte sie.

»Warum schlafen sie denn?«, erkundigte sich Luisa weiter.

»Ist sie von hier?«, wandte sich die Eule an Raffi und Schu.

Raffi antwortete als erstes: »Nee, Luisa ist von der anderen Seite. Sie hat Geburtstag.«

»Geburtstag? Dann verrate ik dir warum die Bäum' schlafen. Ist ein Geheimnis«, erörterte die Eule und stolzierte auf und ab.

»Ein Geheimnis?«

Luisa wurde augenblicklich von der Neugierde gepackt. Die Eule flatterte neben sie und sprang auf ihr Knie.

»Weißt du, früher, lange bevor der erste Prinzikus gewählt wurde, war der schlafende Wald einmal wak und blühte aus jeder Pore. Damals gehörte all Anderswo dem Könikus Leonarditz. Er machte täglik seine Runde durch ganz Anderswo«

»Ist Anderswo denn so klein?«, wunderte sich Luisa.

»Klein?«, fügte Schu ein.
»Als ich noch ein kleiner Schuh war, war Anderswo riesig. Ich kannte mal einen Schuh, der versucht hat, ganz Anderswo abzutreten.«

»Und?«, forschte Luisa nach.

»Danach hab ich ihn nie wieder gesehen«, erläuterte Schu.

»Aber wie konnte es der Könikus schaffen, ganz Anderswo an einem Tag zu sehen?«, hakte Luisa weiter nach.

»Na, einen Schritt nach dem anderen«, fiepste Raffi unbescholten dazwischen. Sie, die Eule und Schu schauten sich verblüfft an, als schiene das ihnen kein allzu großes Rätsel, bis die Eule fortfuhr: »Wie auk immer. Der Könikus hatte eine Tokter. Josefine. Das Wiktigste in seinem ganzen Leben. Er sukte ständig nach einem passenden Thronfolger für sie.
Und so fragte er jeden Tag: »Wer gefällt dir denn?«
Dok Josefine hatte immer die gleike Antwort.
»Christoferitz.«
Christoferitz war der Sohn eines Bauern, der den ganzen Tag damit verbrakte mit einem Strohhalm im Mund die Wolken im Himmel zu betrakten und, was er sah, später zu malen.
Zum Malen kam er meistens nikt. Ein guter Junge, aber kein Thronfolger.
»Ein Könikus muss sein Auge auf seine Ebentanen haben, nikt in den Wolken«, sagte der Könikus.
Das makte Josefine traurig und das behagte auk dem Könikus nikt. Er beratsklagte mit den Klügsten und Weisesten seines Hofes. Er lag nakts wak und sah in die Zukunft, indem er philosophierte: »Was wäre wenn ...?«
Eines Nakts. Der Vollmond skien über das Land. Da ertappte der Könikus sik selbst dabei, wie er in den vorüberziehenden Wolken eine Antwort sukte.
Und plötzlik war ihm klar, dass Christoferitz gar nikt so viel anders war, als er selber. Am näksten Tag konnte er es kaum erwarten, Josefine von seiner Erkenntnis zu berikten. Dok sie schlief gerne lang und er wollte ihren Skönheitssklaf auk nikt unterbreken. Also wartete er, bis er das leise Raskeln ihrer Pantoffeln auf der prunkvollen Palasttreppe hörte. Er sprang auf und erzählte ihr alles.
Plötzlich wandelte sik ihr fahl gewordenes, trauriges Gesikt in den blassrosanen Ton einer Grasnelke und sie umarmte ihn aus voller Glücklikkeit. Dann rannte sie nok in Naktgewand und in Pantoffeln los ins Dorf, um Christoferitz von ihrem Glück zu berikten. Alle Ebentanen, die ihren Weg kreuzten, streifte sie mit ihrer Glücklikkeit, sodass ein Läkeln über ihre Gesikter glitt.

Dok Christoferitz war nikt zu Hause. Josefine fragte herum und es stellte sik heraus, das Christoferitz am gleiken Morgen auf einen Heuwagen gestiegen war, um, gebettet auf das Stroh, seinen Blick den Wolken zu widmen. Dok auk der Heuwagen war unauffindbar. Er hatte dok direkt am Markt gestanden. Weiter stellte es sik heraus, dass der Besitzer des Wagens nur einen kurzen Aufenthalt im Köniktum gehabt haben muss und danak mitsamt Christoferitz weiter gefahren ist. Wohin? Das wusste niemand und wahrskeinlik lag Christoferitz nok immer im Heu und betrachtete die Wolken. Es war zu spät. Aus Verzweiflung lief Josefine in den Wald, der Ort, an dem sie sik sonst immer heimlik getroffen haben, und wurde danach nie mehr gesehen. Der Könikus skickte Sukgruppen los, die den ganzen Wald durkkämmten, dok von Josefine keine Spur. Aus Wut und Trauer ließ der Könikus alle Sonnenblumen im Wald vernikten und, wenn man Bäum' das Likt nimmt, schlafen sie. Daher wake ik, dass niemand sie aufweckt, denn wenn sie erwaken sollten und plötzlik erkennen an welkem Leid sie beteiligt waren, würden sie aus Trauer eingehen. Und das, liebe Luisa, ist das Geheimnis des Waldes.«

»Das ist aber keine schöne Geschichte«, fügte Luisa etwas traurig hinzu.

»Das stimmt. Skön ist sie nikt, aber wahr und wer weiß, vielleicht findet Josefine eines Tages ihren Weg zurück und der Wald erblüht von Neuem.«

Das munterte Luisa wieder etwas auf.

»Das wäre schön! Wenn ich das nächste Mal durch den Wald gehe, soll er blühen!«

»Sie sagen Glaube kann Wolken versetzen Luisa. Aber ik hab' euk, glaube ik, skon viel zu lange aufgehalten. Ihr wollt bestimmt zur Wahl.«

Raffi spitzte aufgeregt die Ohren: »Das hatte ich ganz vergessen. Jetzt aber schnell!«

»Kommst du nicht mit?«, fragte Luisa die Eule.

»Ney. Wir Eulen maken uns nikt viel aus Politik und jemand muss ja Wake halten.«

»Dann auf Wiedersehen Herr Eule!«

»Frau. Frau Eule«, warf die Eule ein.

»Okay. Auf Wiedersehen Frau Eule und danke, dass sie mir das Geheimnis des Waldes erzählt haben.«

Daraufhin hob Luisa Schu hoch.

»Komm Schu! Wir müssen los.«

Und sie rannten davon. Die Eule schaute ihnen noch hinterher.
»Wenn der Glaube nur die Wolken versetzen könnte ...«
Dann flatterte sie wieder zurück in den dunklen Wald.

 

Als sie zu einem Dorf kamen, wunderte sich Luisa. Denn es war menschenleer. Auch das Nächste und das Nächste darauf. Nur leere Häuser und niemand auf den Straßen.

Dann kamen sie an eine Lichtung, von der aus sie hinunter in ein Tal blicken konnten. Dort war ein riesengroßes Dorf, das sich erstreckte, soweit sie gucken konnte, und alle Straßen waren voll mit Menschen, Tieren und anderen Ebentanen Anderswos, die aus der Entfernung für Luisa wie Ameisen aussahen oder besser gesagt, wie ein Ameisenhaufen.

»Wann ist denn die Wahl?«, fragte sie in Anbetracht der Strecke, die sie noch vor sich hatte. Raffi lief ihr über den Fuß.
»Heute! Wir müssen uns beeilen!«

»Aber um wie viel Uhr?«, wollte Luisa wissen.

Schu und Raffi warfen sich einen erstaunten Blick zu.
»Heute ist die Wahl«, brummte Schu von Luisas Hand hervor.

Etwas verunsichert blickte Luisa auf ihre kleine rote Armbanduhr.
Doch die Zeiger, an deren Enden jeweils eine kleine Figur angebracht war, wobei es sich bei dem kleinen Zeiger um einen alten Mann und bei dem großen Zeiger um einen Buben handelte, liefen nicht mehr.

Anstatt dessen hatte sich der alte Mann niedergelassen und erzählte dem Buben von früheren Zeiten. Der Junge hörte wissbegierig zu.

»... und dann hatten wird den Apfelbaum gefunden. Endlich konnten wir mit den Birnenjungen aus der Nachbarschaft mithalten. Aber man kann Birnen nicht mit Äpfeln vergleichen. Der Krieg der Rosen ging nur in eine nächste Phase ...«, erzählte der Alte.

Schu war inzwischen aus Luisas Hand gesprungen und etwas Richtung Tal gehüpft.

»Kommst du Luisa, ansonsten sind wir nie da Schabibubabibabibu«

Luisa sah auf und rannte ihm und Raffi hinterher.

 

Die Straßen waren überfüllt und alle schienen durcheinander zu drängen, ohne dass erkennbar war, in welche Richtung sie eigentlich wollten. Es wieselte und wuselte, kreuchte und fleuchte.

»Schu?«
Luisa blickte durch aberduzende Beine hindurch. Dann entdeckte sie ihn.

»Hier bin ich«, rief Schu ihr zu. Sie nahm Schu in die Hand, weniger aus der Angst, dass er zertreten werden könnte, als aus der Angst, alleine im Gedränge zu stehen.

»Raffi?«, fragte sie weiter und sah sich auf dem Boden um sie herum um, bis die kleine Ratte plötzlich aus dem Nirgendwo auf ihre Schulter krabbelte und mit krächzender Stimme verkündete: »An Bord.«

Auf einmal rempelte eine hagere Gestalt sie an.

»Tschuldigung«, hörte Luisa nur eine erwachsene und doch zwergenhafte Stimme aus der Höhe. Sie blickte an dünnen Beinen, die in klobigen, schwarzen Schuhen endeten und in einer lilanen Cordhose steckten, hoch in ein freundliches, bärtiges Gesicht, das durch eine große Sonnenbrille verdeckt war und von zotteligen, roten Haaren eingekreist wurde. Schon hastete der Mann mit staksigen Schritten weiter durch den unentschlossenen Strom von Ebentanen. Alle schienen etwas Wichtiges erledigen zu müssen. Selbst die Krähen auf den Dächern sprangen ständig auf, nur um erneut eine andere Formation einzunehmen, sodass die Krähe, die vorher ganz links gesessen hatte, jetzt rechts saß und die, die ganz rechts gesessen hatte, in der Mitte Platz nahm, als ob sie sich uneinig darüber wären, welcher der beste Platz war, um dem Spektakel beizuwohnen.

Wieder und wieder rempelten Menschen, Tiere, Pflanzen und andere merkwürdige Wesen Luisa an, bis sie an den Rand der Straße lief und das Geschehen aus einer Häuserecke betrachtete.

»Wo finde ich den Marktplatz?«, sprach sie ein hektischer Mantel an.
Ein Mantel ohne Besitzer, der auf seinen Zipfeln die Straße entlang stolzierte und sie mit seinen Ärmeln um eine Antwort erbat. Raffi stellte eine Vorderpfote auf und zeigte eine Straße herunter.

»Zum Mamamarktplatz gehste da runter. Müssen wir auch hin.«

Doch die Straße, in die sie zeigte, war zu, sodass die Ebentanen schon teilweise übereinander kletterten, um weiter zu kommen, wodurch sich hier und da immer wieder kleine Türmchen bildeten, die sich im nächsten Moment wieder auflösten. Kurz gesagt, es gab kein Durchkommen.

»Luisa meinst du, du schaffst es bis auf die andere Straßenseite? Ich glaub' ich kenne eine Abkürzung«, fragte Schu. Luisa sah hinüber. Hier und da ergaben sich kleine Lücken in der Masse, durch die sie aufgrund ihrer Größe hindurchschlüpfen könnte.

»Ich denke, das schaffe ich«, vergewisserte sie Schu.

Dann ging sie ein paar Schritte auf die Straße zu, doch blieb noch stehen und sah sich um. Der Mantel stand, sich etwas verloren und unschlüssig umguckend, noch immer an der Häuserecke.

»Kommen Sie?«, rief Luisa ihm zu.

Der Mantel zeigte mit den Spitzen seiner Ärmel auf sich, als ob er nicht sicher wäre, wer gemeint war. Luisa nickte und in wenigen raschen Schritten stand er bei ihnen.

»Auf 3 ja?«
Der Mantel nickte.

»1... 2 ... 3!«

Dann lief sie los und ihre rosa Ballerinas trippelten in zügigen Schritten über das Kopfsteinpflaster. Hier und da duckte sie sich und wartete für einen kurzen Moment, bis sie eine Lücke fand, und rannte weiter. Immer mal wieder schaute sie zu dem Mantel zurück, der ihr dicht auf den Fersen war, und wartete kurz, bis er aufgeholt hatte.
Nun endlich wurden die Beine weniger und Luisa konnte die andere Straßenseite sehen. Nur noch ein kleines Stück und sie stand mit einem Satz außer Atem in einer Gasse. Alle waren da. Schu, der sich erst jetzt wieder traute die Augen aufzumachen und Raffi, deren Haare auf dem Kopf durch den Wind im Laufen zu einem kleinen Streifen aufgestellt waren, als wäre sie gerade geföhnt worden. Aber wo war der Mantel? Erschrocken blickte Luisa sich um.

»Er war doch direkt hinter uns oder?«, erkundigte sie sich bei den anderen.

Doch die kleine Lücke, durch die sie gelangt waren, hatte sich bereits wieder geschlossen und schien jetzt undurchdringbar. Plötzlich tauchte ein grauer Zipfel um die Häuserwand auf und dem folgte ein Ärmel, der den Rest langsam zwischen Hauswand und dem Strom von Köpfen, Beinen, Blättern, Armen, Tellern, Federn, Tischen, Hüften, Fellen, Haaren, Flügeln, Birnen, Blüten, Flossen, Schürzen, Schwänzen und Fühlern, eben dem dichten Schwall von Ebentanen Anderswos hervorzog.

»Puhhhh«, atmete der Mantel auf.

»Wo waren Sie denn?«, erkundigte sich Luisa.

»Direkt hinter euch. Da wollte mich doch plötzlich so eine grobe Frau anziehen, bis ich sie überzeugen konnte, dass ich ihr gar nicht passte und sie nur beim Gehen behindern würde. Glücklicherweise hat sie mir geglaubt, obwohl ich ihr eigentlich ganz gut gestanden hätte.«
Zerdrückt und doch erleichtert setzte der Mantel erstmal seine Zipfel auf seine Hüfte auf und ruhte sich aus. Luisa war heilfroh, dass er es geschafft hatte, und musste über die Notlüge schmunzeln. Sie setzte Schu auf den Boden und fragte: »Wo müssen wir den jetzt hin?«

»Direkt hier vorne«, antwortete Schu und hüpfte zu einer verschlossenen Tür, vor der er stehen blieb.
»Luisa würdest du? Türen sind meine Schwäche.«

Luisa drehte den Knauf der blauen Holztür um und mit einem Quietschen öffnet sie sich.
Sie blickten hinein.
»Wusste ich es doch! Ich war mir nicht mehr ganz sicher«, triumphierte Schu.

Ein Flur mit grün-weißen Kacheln und einem rot gemusterten Läufer auf dem Boden.

Schuh hüpfte hinein und die anderen folgten.

Nach wenigen Metern gelangten sie an eine weitere blaue Tür, die zu einem kleinen sonnendurchtränkten Innenhof führte.
Überall hingen und standen Blumen in blauen Töpfen und in der Mitte befand sich ein Springbrunnen. Hier hörte man nichts vom Lärm der Massen und die Luft war erfüllt von einem süßlichen Duft, der Luisa an Orangen denken ließ. Alles war so grün und bunt. Luisa atmete tief ein und schloss die Augen. Links und rechts ragten die grünen, roten, orangen und gelben Häuser in die Höhe mit unzähligen kleinen Balkonen, die wiederum überaus lieblich, wie Luisa fand, mit zahlreichen Blumen bestückt waren.

»Ist das schön hier!«, schwärmte sie und lief los, roch an Blumen, drehte sich im Kreis und plätscherte mit ihren Fingern in der Fontäne des Springbrunnens.

»Wo sind wir hier Schu? Wem gehört das?«

»Das wirst du gleich erfahren. Wartet kurz«, antwortete ihr Schu hüpfte ein Stück weiter in ein offenes Tor, das wiederum zu einem Schuppen mit großen Glasfenstern führte, der Luisa an das Gewächshaus ihres Onkels erinnerte.

»Schu! Dich hab ich ja lange nicht gesehen ...«, drang eine freudige Stimme aus dem Schuppen hervor. Kurz darauf hüpfte Schu wieder heraus und hinter ihm ein Mann in einem Strickpullover und weiten ausgeblichenen Jeans, einem kurzen blauen Anorak mit einer Wollmütze auf dem Kopf, aus der nur ein Büschel orangefarbener Locken direkt über der Stirn hervorlugte.

»Und du hast Freunde mitgebracht!«, freute er sich.

»Luisa, Raffi und ...«

»Mathieu, ich hab mich ja noch gar nicht vorgestellt«, antwortet der Mantel. Gut gelaunt schüttelte der Mann ihre Hände, Zipfel und Pfoten.

 »Das ist Oskar«, fuhr Schuh fort. »Von ihm hab ich den Blues gelernt.«