Epik




Das falsche Haus

 

»Neeero!«

Dawid stand auf einem Waldweg. Es war Anfang Frühling. Die ersten warmen Sonnenstrahlen schienen durch das dichte hellgrüne Blätterdach.

»Nero!!!«

Er klatschte zweimal in die Hände, doch es regte sich nichts.

»Ach wo steckt denn das verdammte Vieh schon wieder?«

Er zog ein Feuerzeug aus seiner hellblauen, ausgewaschenen Röhrenjeans, die ihm mal passte, doch das lag viele Jahre zurück, als er noch kräftiger war. Gleichzeitig reichte er mit seiner rechten Hand zur Brusttasche seines rottönigen Flanell-Hemdes. Doch griff ins Leere. Er ließ das Feuerzeug wieder sinken. Ein letzter Blick über das Dickicht. Dann machte er kopfschüttelnd kehrt und ging den Weg hinauf.

 

Auf einer Lichtung stand sein Landrover. Dawid saß mit offener Tür auf dem Fahrersitz und war gerade dabei mit dem Feuerzeug eine Flasche Gilden Kölsch zu öffnen. Ein Cigarillo hing aus seinem Mundwinkel.

Der Kronkorken ploppte runter. Er setzte an und trank direkt mehrere Schlücke.

Es tat sich etwas im Wald. Ein kleines Kettchen klimperte und bald darauf wetzte der metergroße goldbraun-schwarze Schäferhund hervor. Augenblicklich grinste Dawid, stellte die Flasche auf der Motorhaube ab und ging in die Knie. Der Hund sprang an ihm hoch.

»Ich sag dir Nero, wenn du noch mal nicht hörst, war's das letzte Mal, dass wir im Wald waren. Dann kannse im Garten rumlaufen, alleine. So komm jetzt!«

Er nahm das Bier und setzte sich hinter das Lenkrad. Dann lehnte er sich zur Beifahrertür rüber und öffnete sie für Nero, der sofort hineinsprang und auf dem Beifahrersitz Sitz machte. Dawid wendete den Wagen und fuhr gemächlichen Tempos davon. Wobei ein kleiner Schwenker nicht ausblieb.

 

Er stand noch einen Moment vor der Tür des großen Einfamilienhauses. Sein Stolz. Selbst renoviert. 4 Kinder hatte er hier großgezogen. Doch das war lange her. Bevor er aufschloss, fuhr er mit der Hand über das, durch den Winter in Mitleidenschaft gezogene, Holz des Türrahmens. Zeit für einen neuen Anstrich.

Im Flur legte er Neros Leine auf den Treppenabsatz. Nero wartete brav bis Dawid seine Schuhe ausgezogen hatte, bevor sie gemeinsam den langen Flur entlang traten. Seine Frau Susanne telefonierte in der Küche.

» ... Aber dann müsst ihr halt erst noch warten. Einen Platz bekommt er auch bestimmt nächstes Jahr ... ach so ... dann wäre er halt der Älteste in der Klasse ... umziehen würde ich jetzt nicht mehr, er hat doch seine Freunde im Kindergarten ... dann teilen sie sich halt ein Zimmer. Ich hab mit meinen Schwestern immer die Zimmer geteilt ... «

Dawid ging hinein.

»Papa ist gerade reingekommen. Möchtest du ihn noch sprechen? ... Dann ist gut ... ja, richt ich aus.«

Sie legte auf.

»Was haben sie denn jetzt schon wieder?«, brummte Dawid hervor und trat zum Herd, auf dem ein Topf stand. Er begutachtete den Inhalt. Gulasch.

»Schimmel habense. Das Ganze Zimmer von Markus ist voll. Und im Schlafzimmer.«

»Hätte ich gleich sagen können, dasse nicht Hals über Kopf kaufen soll'n.«

»Hast du aber nicht.«

»Und jetzt?«

»Wird teuer. Gulasch?«

Er nickte.

»Warum fragense mich denn nicht?«

Sie nahm einen tiefen Teller aus dem Schrank und schippte mit einer Suppenkelle mehrere Löffel hinein.

»Du tust immer, als hättest du die Taschen voller Geld. Mehr?«

»Danke.«

»Markus ist über das Wochenende erstmal bei uns.«

Mit einem Nicken segnete er diese Entscheidung ab. Ihn hatte wieder einmal niemand gefragt. Darauf setzte er sich an den Küchentisch. Susanne stellte den Teller mit einer Scheibe Brot vor ihn und setzte sich mit einem Glas Wein dazu. Ihr Gesicht war aufgedunsen. Fern von der jugendlichen Frische, die sie ausstrahlte, als sie damals geheiratet hatten. Ein bisschen mehr auf den Hüften hatte sie bei der Hochzeit auch schon.

»Sie können ja trotzdem fragen. Vielleicht kenn' ich einen, der es billiger macht.«

Sie antwortet nicht.

»Der Hund muss mal lernen, zu hören! Ist heute wieder einfach weg.«

Sie grinste. Da war die jugendliche Frische wieder.

»Was ist?«, fragt Dawid und sah vom Teller auf.

»Auf mich hört er immer.«

»Du fährst ja auch nie mit ihm in den Wald.«

»Whisky?«

Er nickte und schlürfte den letzten Rest Gulasch von seinem Löffel, wobei etwas von der braunen Soße in seinem Schnurrbart hängen bleibt.

Sie stellte einen Schwenker und die Flasche Old Keeper vor ihn. Dann griff sie nach einer Serviette und tupfte zu seinem Unmut den Schurrbart ab.

»Lass! Einschenken kann ich auch noch selber!«


In einem Altbau, der gerade renoviert wurde, saß Dawid an einem Camping-Tisch. Er rauchte und trank. Gilden Kölsch. Sich das Ende des Schurrbartes zwirbelnd beobachtet er, wie ein junger Mann versuchte mit einem Hammer einen schweren Fensterrahmen aus Holz, aus dem er vorher das Glas geschlagen hatte, zu zerkleinern. Doch egal, wie er es versucht, das Holz wollte nicht brechen. Dawid legte den Cigarillo in einen überquillenden Plastikaschenbecher, stellte das Bier ab und stand auf.

»Mach es dir doch nicht so schwer. Du musst ihn nur fallen lassen.«

Der junge Mann schaute wortlos zu ihm auf.

»Kein Deutsch?«, fragte Dawis, obwohl er die Antwort bereits wusste.

Der junge Mann schüttelte den Kopf. Dawid hob den Rahmen mit einer Ecke nach unten einen halben Meter über den Boden und ließ ihn fallen. Augenblicklich zerbarst das Holz.

»Siehst du?«

Der junge Mann nickte.

»Und ... «
Mit einer kurzen Handbewegung deutete Dawid ihm an die Atemmaske aufzuziehen, die um seinen Hals hing. Er folgte der Anweisung. Dawid nahm wieder seinen Platz ein.


»Nero!!! Dieser verdammte Hund.«

Dawid machte sich einen Cigarillo an. Er stand auf einem Waldweg.

Genüsslich zog er ein- zweimal. Dann erklang das ihm so vertraute Kettchen und bald darauf tauchte Nero zwischen ein paar Sträuchern auf.

»Geht doch. Lernst ja doch, egal was Frauchen sagt. Was hast du denn da?«

An den Krallen von Neros rechter Vorderpfote hatte sich ein kleines Stück Papier verfangen.

Dawid ging ihn die Knie, hob es auf und entknüddelte es. 100 Euro. Er traut seinen Augen nicht. 100 dreckige Euro.

»Wo hast du das her?«

Doch der Schäferhund wendete nur unverständlich den Kopf zur Seite.

»Zeig Papa, wo du das herhast!«

Dabei zeigte Dawid in den Wald. Nero schaute seinem Finger nach und lief los.

Dawid hatte Mühe mit ihm mitzuhalten. Der unebene Untergrund machte ihm zu schaffen und er musste sich hier und da an einem Ast festhalten.

»Nero!«

Ein lautes Bellen. Dawid strauchelte in die Richtung, aus der es kam. Plötzlich sah er Nero am Rande eines Aschenplatzes. Der Hund stand inmitten von vereinzelt herumliegenden Geldscheinen und bellte eine schwarze Sporttasche an. Dawid ging zu ihm.

»Was ist das denn?«

Er sah sich um, doch weit und breit war keine Menschen Seele. Daraufhin warf er einen Blick in die Tasche. Sie war vollgestopft mit Geld. 50er, 100er, 500er.

»Und jetzt Nero?«

Seine Frage erntete nur ein kurzes Jaulen.

»Nee, liegen lassen können wir das nicht.«

Dawid sammelte die drum herumliegenden Scheine ein, stopfte sie in die Tasche und hob sie auf.

 

Zuhause angekommen öffnete er so leise wie möglich die Tür und ging, ohne sich die Schuhe auszuziehen, in den Keller. Kurz schaute er sich um. Ein Kühlschrank. Getränkekästen, eine Werkbank und der große Boiler. Er versteckte die Tasche dahinter und verließ den Keller. Als er gerade in den Flur trat, kam Susanne ihm entgegen.

»Da bist du ja. Ich hatte mich schon gefragt, ob Nero dich im Wald gelassen und alleine nach Hause gefahren ist«, scherzte sie.
»Was machst du denn im Keller?«

»Lack. Lack suchen. Die Tür braucht einen neuen Anstrich. Hast du das nicht gesehen?«

»Ist mir nicht aufgefallen.«

»Eben. Wenn ich hier nichts mach.«

»Hast du denn schon im Schuppen geguckt. Sonst bring ich morgen nach der Arbeit welchen mit.«

»Jaja, ich guck mal im Schuppen.«

Er spazierte an ihr vorbei in die Küche und nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Er öffnete es und trank einen tiefen Schluck.

 

Am selben Abend wartete er im Bett, bis Susanne eingeschlafen war. Sie schnarchte laut. Vorsichtig stand er auf, holte seinen Schwenker und den Whisky aus der Küche und ging in den Keller. Mit einem »Pling« sprang die Neonröhre an und surrte dann vor sich hin.

Er zog die Tasche hervor, setzte sich auf einen der Kästen und begann damit den Inhalt zu zählen. Sorgsam sortierte er die Scheine zu Bündeln, die er mit Gummibändern aus der alten Werkbank fixierte. Auf einem Zettel notierte er sich die Anzahl der Bündel.

Einige Gläser später war die Tasche leer. Mit glasigem Blick schaute er etwas schwankend auf seine gekritzelten Notizen. »40000«. Er pfiff.

Abermals zählte er die Bündel durch, doch kam zum gleichen Ergebnis. Das letzte Glas leerend, packte er alles wieder in die Tasche und versteckte sie wieder hinter dem Boiler. Dann legte er sich wieder neben Susanne in das Bett.

 

Auf der Baustelle nahm er an seinem Campingtisch Platz, nachdem er die jüngeren Hilfsarbeiter in die Arbeit des heutigen Tages eingewiesen hatte. Neben ihm lag ein Bündel Tageszeitungen. Stadtanzeiger, Express, Rundschau. Mit einem Cigarillo im Mundwinkel studierte er die Artikel. Bilder halb nackter Prominenz am Strand von Marbella. Zunehmende Autodiebstähle. Neue Suchtdrogen aus Amerika. Nach einiger Zeit stutzte er.

»Mann an Hohenzollernbrücke erstochen. Es wird vermutet, dass es sich um Streitigkeiten rivalisierender Rockerbanden handelt.«

Er lass den Artikel. Ein Wort erweckte immer wieder seine Aufmerksamkeit. »Geld«.

 

Auf dem Nachhauseweg setzte sich ein Polizeiwagen hinter ihn. Natürlich hatte er mehrere Flaschen Kölsch auf der Arbeit getrunken, von denen eine halbe noch im Getränkehalter weilte, aber das tat er immer. Bis jetzt hatten sie ihn noch nie angehalten oder er einen Unfall gehabt. Doch heute war er nervöser und sah immer wieder in den Rückspiegel. Hatte ihn jemand im Wald gesehen? Diese neugierigen Menschen, die immer sofort die Polizei riefen. Hilfssheriffs. Nichts weiter. Als ob die Polizei nichts anders zu tun hätte. Dann ertönte die Sirene und das Blaulicht flammte auf. Das war's. Sein Herz raste. Doch der Streifenwagen überholte und zog an ihm vorbei. Noch beim Fahren nahm er einen großen Schluck aus der Flasche.

 

Als er nach Hause kam, hörte er Susanne aus dem Wohnzimmer telefonieren und trat die Treppe in den ersten Stock hinauf. Vorbei an den Kinderzimmern, die sie inzwischen zu einem Puzzle-Raum und einer Ramsch-Kammer umfunktioniert hatten, bis in das ehemalige Kinderzimmer seines Jüngsten, das jetzt Gästezimmer war.

Er zog die Leiter zum Speicher herunter und ging hinauf. Spinnweben und Staub. Er hustete, doch verkniff es sich direkt wieder. Der Speicher stand voll mit Kartons. Er öffnete einen und durchsuchte ihn. Doch neben einer kleinen Uhr, Fotoalben, Büchern und dergleichen fand er das Objekt seiner Begierde nicht. Der Nächste. Doch der Erfolg blieb aus. Er trat hin und her. Sah sich um, überlegte und bemerkte, dass seine Hand leicht zitterte. Er öffnete noch eine Kiste und kramte in ihr. Da war er doch. Ganz hatte sein Erinnerungsvermögen ihn noch nicht verlassen. Ein alter Revolver und darunter eine kleine Kiste. Dawid klappte sie auf. Kugeln.

Beides versteckte er unter seinem Hemd und stieg wieder nach unten. So leise, wie er nur konnte schloss er die Luke zum Dachboden und ging in das Erdgeschoss. Nero beobachtete ihn, als er herunterkam und Dawid legte den Zeigefinger auf die Lippen. Susanne telefonierte noch immer. Dann ging er in den Keller, holte die Tasche hervor und gab den Revolver und die Kugeln dazu. Wenn ihn jemand gesehen hatte und aufsuchen würde, wüsste er sich zu verteidigen. Von den Rockern machte ihm keiner Angst. Hätten sie halt besser aufpassen sollen. Und wie sollten sie ihn schon finden. Reifenspuren. Aber das war alles. Dazu kam, dass er niemandem schadete. Die Rocker würden das Geld doch nur für irgendetwas Illegales ausgeben, dessen war Dawid sich sicher. Er müsste nur etwas warten und konnte es nach und nach Agathe für die Wohnung geben. Dann sollten sie mal sehen, dass er noch immer der Vater und sie seine Kindern sind und sie immer zu ihm kommen können, wenn es Probleme gibt. Nur nicht so enden wie sein Vater. Einsam.

Er trat aus dem Keller und ging in die Küche an Susanne vorbei, nahm den Whisky aus dem Schrank und schenkte sich den letzten Rest der Flasche ein.

»Ja verstehe ich, aber ihr braucht ja erstmal das Geld. Und solange geht es halt nicht anders ... so ist das halt im Leben. Willst du Papa noch sprechen? ... Ach ihr müsst los. Ja gut. Drück die Kinder von uns.«

Sie legte auf und kam zu ihm.

»Schon wieder leer? Wann hast du die denn getrunken?«

Er zuckte mit den Schultern.

»Ich hab noch im Flur bei den Einkäufen.«

»War das Agathe?«

Sie nickte, schenkte sich ein Glas Wein ein und setzte sich dazu.

»Und?«

»Erstmal wird sich da wohl nichts machen lassen. Markus schläft bei Daniel im Zimmer. In der Schule gab es wohl schon Sprüche, ob sie Zigeuner wären.«

»Kinder halt.«

»Aber besser so, als wenn er im Schimmel schläft.«

»Wie viel brauchen sie denn?«

»Die Firma hat ihnen gesagt, dass die Wände komplett neu aufgezogen werden müssen. 20000 oder so. Und wegen der Wohnung können sie jetzt erstmal keinen neuen Kredit aufnehmen.«

Dawid überlegte und zwirbelte an seinem Schnurrbart.

»Vielleicht hab ich eine Idee.«

»Du? Was hast du denn vor? Wir zahlen doch selber noch ab.«

»Lass das mal meine Sorge sein.«

»Von mir aus. Aber sag den Kindern nichts davon. Sonst ist es wieder viel Gerede und nachher kommt nichts.«

»Was soll denn das heißen?«

»Du weißt schon. So wie du Markus versprochen hast, du baust ihm ein Klettergerüst im Garten.«

»Ich muss halt noch nach den besten Preisen suchen! Dann bau ich ihm auch eins!«

»Ist ja gut.«

Ihr fiel auf, dass sein Glas leer war.

»Ich hohl dir die Flasche.«

Während sie die Küche verließ, entzündete er einen Cigarillo. Zog tief. Hustet. Zog noch einmal und tippte im Gedanken mit seinem Zeigefinger auf der Schachtel.

 

Das tiefe Brummen eines schweren Motorrads, das am Haus vorbei fuhr, riss ihn aus dem Schlaf. Er war schweißgebadet. Rasch stand er auf und schlich eilig aus dem Zimmer. Er ging in die Küche und trank erstmal ein Glas der braunroten Flüssigkeit. Dann verschwand er im Keller, holte im schummrigen Licht der Neonröhre die Sporttasche hervor und reichte nach dem Revolver, den er daraufhin mit den Kugeln lud.

»Dawid?«

Er erschrak und ließ die letzte Kugel fallen.

»Was machst du denn da unten?«

»Ich komm' gleich. Mir ist nur eingefallen ... wir brauchen noch Spachtel für die Baustelle. Ich hab noch alte in der Werkbank. Ich komm gleich wieder ins Bett.«

Draußen begann Nero zu bellen. Dawid wurde hellhörig.

»Nero! Klappe halten!«, brüllte Susanne durch das Haus und augenblicklich verstummte das Gebell.

Dawid schob die letzte Kugel in den Revolver, wickelte einen Lumpen darum und nahm ihn mit nach oben, wo er das Bündel in eine Schublade im Wohnzimmer verschwinden ließ. Susanne schnarchte bereits schon wieder im Tiefschlaf, als er das Schlafzimmer betrat und sich neben sie legte.

 

Am nächsten Tag auf der Baustelle widmete er sich wieder den Zeitungen. Beruhigt stellte er fest, dass die Rockerbanden keine Erwähnung mehr fanden. Ebenso fand er nichts über die Sporttasche oder deren Inhalt. Zufrieden schlug er die letzte Zeitung zu, drückte seinen Cigarillo im Aschenbecher aus, trank noch einen Schluck und ging in das Treppenhaus, um den Fortschritt der Arbeit zu begutachten.

 

Nach der Arbeit fuhr er noch einmal in den Wald. Er hatte sich einen kleinen Scheinwerfer mitgenommen und suchte im Licht der Abendsonne den Fundort auf. Er sah sich etwas länger um, doch fand keine Anzeichen dafür, dass jemand da gewesen wäre. Noch fand er Geldscheine, die er beim ersten Mal vielleicht übersehen hatte.

Als er nach Hause kam, war es bereits dunkel geworden. Susanne telefonierte. Wie immer. Probleme löste man nicht, indem man darüber sprach. Er war ihnen doch schon wieder einen Schritt voraus. Was sie für Augen machen würden. Er müsse sich nur noch eine plausible Erklärung einfallen lassen. Gerade trat er durch den Flur. Nero hatte ihn bereits begrüßt und wich kein Stück von seiner Seite. Als er Susannes Wortlaut vernehmen konnte, blieb er stehen.

» ... irgendwie komisch. Er trinkt ja sonst schon viel ... und gestern Nacht trieb er sich im Keller rum ... du hast recht, vielleicht ist es sein Geburtstag ... eigentlich sollte er auch schön längst zu Hause sein ... jaja hat nach ihm gefragt ... «

Dawid trat absichtlich laut in die Küche. Susanne sah erschrocken zu ihm auf.

»Ach, da ist er.«

»Schönen Gruß von Agathe«, sprach sie zu ihm rüber.

Obwohl Dawid nicht reagierte, fügte sie hinzu: »Schönen Gruß zurück. Ja, machen wir ... dann bis Sonntag!«

Dawid ging wortlos zum Schrank und nahm die Flasche und den Schwenker mit in das Wohnzimmer. Er schaltet den Fernseher ein.

 

Gepolter. Nero bellte wie verrückt. Mehr Gepoltert. Noch halb betrunken riss Dawid die Augen auf. Was? Jemand war im Haus. Schritte auf der Treppe im Flur. Und Nero hörte nicht auf zu bellen. Es war soweit. Der Fernseher lief noch und tauchte den Raum in blaues Licht. Dawid wankte zu der Schublade. Sie waren hier. Wollten das Geld. Er öffnete sie, rollte das Bündel auf und zog den Revolver hervor, so schnell es ihm in seinem Zustand möglich war. Am Türrahmen musste er sich abstützen, um nicht in den Flur zu kippen. Die Schritte kamen näher. Jemand war im Flur. Dawid sah um die Ecke. Ein Schatten. Na warte! Er setzte an und drückte ab. Ein lauter Knall. Der Schatten fiel zu Boden. Stille. Dawid lies sich wieder auf die Couch fallen. Schenkte sich schwankend ein Glas ein und machte sich einen Cigarillo an.

 

Das Licht im Flur erstrahlte. Ein Schrei. Schluchzen.

Susanne erschien im Türrahmen. Sie hielt einen Jungen in ihren Armen. Er blutete.

»Was hast du getan???«, schrie sie ihn an.

Dawid schenkte ihr keine Beachtung und trank selbstgefällig an seinem Glas.

»Die haben sich das falsche Haus ausgesucht.«