EPIK




Der Tag, an dem ich die Zeit totschlug

 

Etwas klingelte. Tickte. Formierte die blutroten Ziffern neu.

Da lag sie. Regungslos. Porzellanfarbene Haut. So sauber. Nackt.

 

Niemand sollte es mir nachweisen können. Wenn ... dann bräuchte ich einen Plan. Einweghandschuhe. Sie lag auf dem weißen Teppich. Verziert nur mit ein paar kleinen roten Sprenklern. Jede einzelne Faser passte zu ihrem Antlitz. Ich könnte es malen und sie würden mich lieben. Als Meister einer Klasse bezeichnen, doch sie hätten Beweise.

Ich zog die Handschuhe an. Mit dem gleichen widerspenstigen »Flupp«, mit dem sie aus der Kartonage geboren wurden, saßen sie auf meiner rechten und linken Hand. Wie angegossen. Wie eine zweite Haut.

Gott war sie schön. Ihre einzelnen Porzellanzehen, so zerbrechlich. Ihre Beine so geschwungen, als wäre es ihr natürlicher Zustand, so dazuliegen. Ihr welliges Haar in einem bräunlichen Rot, wie es nur der schönste Herbst hervorzaubern könnte. Ich rauchte, während ich sie von der Couch aus betrachtete. Die ledernen Falten glitten durch meine linke Hand, so im Kontrast zu ihrer jungen, gespannten Haut. Ich zog abermals tief und überließ den orange-weißen Stängel seinem Schicksal im Aschenbecher.

 

Überfüllte Schubladen. Wann hatte ich sie das letzte Mal sortiert? Magazine und alte Zeitungen, Rechnungen und Kontoauszüge, die besagten, dass ein Konto am 8.3.1998 563 Deutsche Mark und 89 Pfennig Saldo aufwies. Die Nächste. Mehr. Mehr Müll. Liebesbriefe als Kopie. Hatte ich sie je verschickt? Und Fotos. Wer ist der Mann neben ihr? So volles Haar. So lebendig.

Keine Zeit jetzt alles zu sortieren. Wo ist das Werkzeug? Ein kleiner Schrank. Darin enthalten ein Aktenkoffer. Ich öffnete ihn. Schrauben über Schrauben. So viele Bilder, Regale und Schränke wird es nie geben. Eine Zange. Die Zähne, der verstoßene Bruder des Fingerabdruckes.

Ich setzte mich auf sie. Drehte den Kopf. Der Kiefer klappte sich von alleine auf. Wie weiß sie waren, wie der erste Schnee früh am Morgen, bevor er zu Matsch getreten wird. Ich setzte gerade an, doch etwas war nicht richtig. Der Teppich. Mehr Sprenkler vertrug er nicht, wie der Zeitpunkt an dem Jackson Pollock sich dachte »Das reicht, andere Farbe.«

Ich rollte sie auf ein Bettlaken. Weiß war es lange nicht mehr und so hatten Körperausdünstungen, Hautschuppen, Staub und Ejakulat ein fast camouflages Muster gebildet. Was soll's? Es hatte mich vorher nie am Einschlafen gehindert. DNA.

 

Während ich das Laken in den gierigen Schlund der Waschmaschine stopfte und darauf bedacht war, dass sie nicht nach meiner Hand schnappt, kam mir alles so steril vor. Wo war der terrokattafarbene Fisch, den Bernadette mir vor 3 Jahren zum Namenstag geschenkt hatte? Er muss doch hier irgendwo sein. Oder war er noch am gleichen Abend zerbrochen? Sie sagte etwas: »Tut mir Leid Hermann, ich kauf' dir morgen einen Neuen«, während ich das grell-rosane Geschenkpapier zerriss und darin nur die antiken Scherben fand.

Das zirkulierende Wummern der Waschmaschine erinnerte mich daran, dass ich noch etwas zu tun hatte. Etwas anderes, als im Sekundentakt durch die Kanäle zu zappen. Wobei durch die Nachrichten, den Wetterkanal, einer neuen und scheinbar unterschätzen Soap und einer Casting Show, ein fast shakespearischer Monolog entstand.

»Es«, »wird«, »regnerische«, »Gefühle«, »geben«, »und«, »du bist dabei«.

 

Ich rollte sie auf das jetzt weiße und duftende Laken. Mhm Rosen, nicht der Duft von echten Rosen, diese hatte ich nie gerochen, sondern der künstliche Duft, der einem sich ein Feld von Rosen vorstellen ließ. Kein echtes Feld, das auf der Verpackung halt. Ebenso wie in der unterschätzten Soap die künstliche Darstellung von Liebe, einen an einen Moment denken ließ, der dank der menschlichen Erinnerungsschwäche und einer gehörigen Portion selbstverschriebener Interpretation liebevoll war. Trotz der Leblosigkeit schien ihr Körper noch immer die Gewandtheit einer Balletttänzerin zu haben, so graziös schwangen ihre nackten Beine sich übereinander, als würde sie gerade zu einer Pirouette ansetzen.

Der erste Zahn. So wie er sich schmerzvoll vor langer Zeit durch das Zahnfleisch gebohrt hatte, wurde er jetzt entfernt.

 

Erst verrichtete ich mein Werk zögerlich, unbekannt mit der Prozedur. Zwischendurch griff ich daneben, hing zwischen Ober- und Unterkiefer fest oder verlor mein Gleichgewicht und fiel nach hinten, als die Wurzel plötzlich nachgab, was einen unbekümmerten Zuschauer an Goofy und seinen Versuch einen Klappstuhl aufzustellen erinnern musste. Doch ich erreichte mein Ziel. Rot auf Weiß, hatte die Zange ihren Dienst getan und gleichermaßen verschwand im Rauch der nächsten Zigarette die Erinnerung daran. Ich musste mich beeilen. Jedes noch so ausgekochte Schlitzohr wurde entlarvt, wenn es sein Werk nicht schnell genug beendete. Wenn der Zauberer 3 Stunden braucht, um die Münze hinter dem Ohr seines Opfers hervorzuzaubern, achtet das Publikum darauf, was er mit der linken Hand tut.

Als Nächstes musste der Kopf daran glauben und es fiel mir schwer. Selten hatte ich so eine Perfektion in Gesicht und Körper gesehen. Manchmal spricht dich ein Gesicht an. Ein Lächeln, das Faszination hervorruft, auch wenn der Körper nicht den Idealvorstellungen entspricht. In diesem Fall jedoch war es eins.

"Ritsch, Ratsch, Ritsch", sengte sich die rostige Säge mit jedem einzelnen Zahn durch die Wirbelsäule. Es war viel leichter, als ich es mir vorgestellt hatte, vom physischen Widerstand her. Auf dem Hof von meinem Onkel musste ich früher häufig nasses Holz schneiden, um es zu stapeln für den Winter. Auch da war der erste Schnitt das Schwierigste. Natürlich blieb die Säge hier und da mal hängen, aber wie mein Onkel zu sagen pflegte, musste man halt erneut ansetzen, bis das Scheit durch ist, um dann ein neues nachzulegen.

Für einen Moment hatte ich das Gefühl, dass ihre Hand meine Linke, mit der ich sie zu Boden drückte, ergreifen würde und wir gemeinsam beteten.

Nur Illusion und auch die zähen Stränge der zweiten Hand trennten sich reibungslos. Ich trat zurück und betrachtete mein Werk. Trotz fehlender Extremitäten war ihr Körper noch immer schön. Die porzellane Haut. Besprenkelt mit zerpflückten Rosenblüten. Sie schien zu frieren, also rollte ich sie zu.

 

Nach einer weiteren Zigarette und dem Lieblingslied meines Opas "Liebe kleine Nachtigall" auf seinem Grammofon, stand ich mit einem grauen und einem gelben Sack, wie ein Landstreicher über die Schulter geworfen, im Aufzug, dessen rote Ziffern wie Hieroglyphen auf mich wirkten. Wodurch ich ungewiss darüber war, wann er die Tiefgarage erreichen würde. Ich spürte, wie mir bei dem Gedanken, dass jemand anderes mich sehen könnte, der Schweiß erst über meinen Rücken und dann zwischen den Beinen hindurch herunterfloss. Doch das Bild im Spiegel zeigte ein fremdes Gesicht.

 

Ich öffnete den Kofferraum eines alten, roten Opel Kadett und ließ das Gut hineingleiten. Wie durch Zufall legte ich das gelbe Bündel ans Kopfende und vernahm einen Wortlaut, bevor ich die Haube in das Schloss fallen ließ. »Angst«.

 

Es verfolgte mich noch aus der Tiefgarage, bevor ich mich entschloss, das Radio einzuschalten. WDR4. Es lief ein Lied, das mich ans Glücklichsein erinnerte und das durch eine sich wiederholende, gepfiffene Melodie, ein anderes Licht auf mein Dasein warf. Der Aschenbecher übergab sich, als ich ihm eine weitere Kippe zu fressen gab. Und während ich ausstieg, um ihn in einem Wohnviertel, in dem scheinbar ein Straßenfest vonstattenging, zu leeren, hörte ich ihn husten.

 

Ein Tümpel, vormals Biotop getauft, fernab von Zivilisation, die eigentlich die Verantwortung hatte, das Biotop zu bewahren, sprach mich, nachdem ich schon gefühlte Jahre durch einen Wald fuhr, an. Hier, nun und jetzt würde ich mich der Last auf meinen Schultern entledigen und es schien ihr zu gefallen. Wie von selbst schluckte sie das Brackwasser in sich auf, wenn auch ohne Kopf. Diesen mitsamt Extremitäten übergab ich einem Kaninchenbau, in der Hoffnung, dass es keine Alice mehr gibt, die ihn, zumal unfreiwillig, doch aus ihrer Neugier heraus, bis ins Wunderland erkunden würde.

 

Wie immer war der Heimweg schneller getan, als der Hinweg. Ich weiß nicht, woran es liegt, da dieses Phänomen selbst bei schon bekannten Streckenabschnitten auftritt. Zumindest schien es die Synapsen meines Nervenzentrums den gesamten Weg lang zu beschäftigen, bis ich im nächsten Moment vor meiner Wohnung stand. Eine Klingel mit Namensetikett, zu dem ich keine Definition hatte. Ich ging duschen. Es war ein anstrengender Tag und ich mochte meinen eigenen Geruch nicht mehr. Danach räumte ich noch etwas auf. Die Säge in den Koffer. Den Koffer in den Schrank. Bis alles auf mich ordentlich wirkte.

Dann setze ich mich nieder. Meine Glieder gierten nach Entspannung, obwohl ich mich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr daran erinnern konnte, was ich den ganzen Tag lang gemacht hatte.

 

Eine letzte Zigarette, bevor ich schlafen gehe.

 

Morgen ist ein neuer Tag.