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Über den Jungen, der überall den Teufel sah (2020) | Kurzgeschichte

 

 

Über den Jungen, der überall den Teufel sah

 

Es ist eine Geschichte oder zumindest kannte niemand, der sie mir erzählte, den Jungen tatsächlich selbst. Und doch erzählten sie sie, als hätte sie einst stattgefunden, wie eine Begebenheit, die schlichtweg etwas weiter zurückliegt. Nun muss ich dazu erklären, dass dies in der Stadt schlichtweg nicht vorkommt. Unter den Gästen des Worringer Platzes gibt es durchaus viele Geschichten, wahre Begebenheiten, die so oder so ähnlich stattgefunden haben. Die Verfremdung erfolgt nur durch den, der sie erzählt. Ein Polizeibeamter oder besser gesagt der Polizeibeamte, der als Erstes am Ort des Geschehens eintraf, wird die Wiedergabe der vorangegangenen Ereignisse anders schildern, als der, der so heroisch erklärt, dass er gerade dabei war, einzugreifen, als er sich eines Besseren besann, die Ordnungshüter dazu zu holen, bevor er nachher wieder auf der Anklagebank sitzt. An einem solchen Ort gibt es keine Geschichten, nur viele, die gerne erzählen. Wobei es natürlich am Journalisten selbst liegt, die Geschichte zu finden, die vermeintlich niemand hören will, und die daher nie erzählt wird. Doch so begab ich mich für die Arbeit an meinem Buch aufs Land. Wo sonst sollte man ein Buch schreiben? Auf dem Land klingelt eine Woche lang niemand, in der Stadt klingelt jeden Tag der DHL-Bote. An sich hatte ich mich viel zu weit von diesem Leben entfernt, um, auch wenn ich mich meiner Vorstellungskraft rühme, imstande zu sein, akkurat ein Bordell zu beschreiben, obwohl ich nie eins besuchte, tatsächliche ländliche Charaktere zu schreiben, die nicht bloß das Klischee erfüllten. Schließlich kam ich einst von dort, und als der Praktikant im Verlag mir mitteilte, dass ich doch so gut darin wäre, Großstadtkrimis zu schreiben, aber jetzt gerade beziehungsweise in einem Jahr, wenn es dann erscheinen soll, wegen der Situation, was ich als die Panikmache vor der Flucht vom Land interpretierte, etwas Ländliches gefragt sei, wollte ich, wie es eigentlich immer der Fall ist, auch nach dem Echten suchen und nicht bloß auf meine Erinnerung zurückgreifen, die inzwischen gefärbt von städtischen Vorurteilen gegenüber dem ländlichen Raum, doch nur gleiches produzieren würde. Nicht anders als ich über den Mord, Menschenhandel und Politik im Bordell schrieb, ohne auch nur einmal durch die Schleuse gegangen zu sein. Ich sah es doch einerseits vom Zug aus, die Fenster mit Tüchern mit per Lippenstift angefertigten Nachrichten drauf, wie »Call me« plus Nummer, die ich anrief und bei der Rezeption des Bahndamms landete. Ich kannte, dadurch, dass ich früher viel mit Videos zu tun hatte, genug Leute, die in Kreisen verkehrten, von denen Kreise auch dort verkehrten, und die gerne anonym erzählten. Dazu ein paar Artikel und Bilder aus dem Netz, andere Medien, wie besonders hierzulande unbekannte europäische Serien und eben meine Vorstellungskraft, jedoch besonders gefiltert auf Authentizität, nichts was glorifizierte. Ich suchte nach dem rohen Kern, um damit zu arbeiten.

Aber vom Land kannte ich niemanden mehr. Es sollte akkurat und lebensnah sein, wie eben die Schilderung in meinem letzten Buch von einem jetzigen Kampfsportrainer, der mir, als wir damals an seinem Logo bastelten, erzählte, dass er sich einst als Zuhälter versucht hatte, bis ihm eine Prostituierte erklärte, dass er viel zu nett für diese Arbeit sei, dass er schlichtweg nicht das Zeug dafür hätte. So etwas brauchte ich. Details, die man nicht erwarten würde.

Nicht den griesgrämigen Bauer, an den ich mich aus meiner Kindheit erinnerte, von dessen Hof man nicht wusste, was dort passierte, da er lautstark mit Axt in der Hand dazu aufforderte, zu verschwinden.

Mein Exposé über die Idee, diese beiden Welten innerhalb einer Story zu verbinden, sodass der geistig etwas zurückgebliebene Junge vom Land in der Kriminalität Halt findet und letztendlich in der Unterwelt der Großstadt einen Namen, wurde aufgrund der Länge abgelehnt. Es sollten mehrere Bücher werden, ähnlich des Staffelprinzips von Serien, und da ich es nicht einsah, so weit zu verdichten, wie die Anregung lautete, bis nichts mehr von dieser epischen Entwicklung übrig blieb, landete es erst einmal in der Schublade beziehungsweise dem Ordner auf meinem Laptop, den ich so benannt hatte.

Um so mehr war ich jedoch in Bedrängnis jetzt zu liefern, denn obwohl mein Rotlichtkrimi Preise aufs Regal gebracht hatte, sprach ich doch mit dem Praktikanten. Als wäre ich eben nur ein One-Hit-Wonder.

Und um so wichtiger war es eben, dies zu widerlegen und dafür musste ich aufs Land, nahm mir Urlaub, denn sonst wirst du konstant mit Schwachsinn konfrontiert. Aber ich muss das kurz erklären. Einen Roman zu schreiben benötigt Zeit, und wenn sie einmal wissen, dass du schreiben kannst und bereits einen Namen hast, das was sich angehende Autoren meistens wünschen, beginnt erst der richtige Stress. Quasi bekommt man fast tägliche Updates und Anfragen, darüber, was für Geschichten gerade benötigt werden würden. Man muss unheimlich schnell sein, sich etwas Passendes für das richtige Angebot einfallen zu lassen, denn der Nächste, den sie anschreiben, beziehungsweise der im gleichen Verteiler gelandet ist, könnte ja noch schneller sein. Und es gibt Dinge, mit denen niemand rechnet, wie den Ausbruch einer Seuche, Terroranschläge, die live im Netz übertragen werden, und dergleichen. Ich meine welchen Spielraum hast du als Autor noch, wenn das, was du dir als Hypothese für eine Geschichte in mehrwöchiger Arbeit ausdenkst, plötzlich am nächsten Tag passiert?

Und dann soll es natürlich auch noch nach der finalen Abnahme aktuell sein und einen Zeitgeist treffen.

Gesetz den einfachen Fall, ich will schockieren, ein Transporter, in dem chinesische Mädchenleichen gefunden werden, der Fahrer hat nur übernommen und weiß von nichts. Ich mache mich an die Recherche, finde heraus, wie Logistik heutzutage überhaupt funktioniert, Gesetzte, wie lange ein Fahrer überhaupt fahren darf und wie diese umgangen werden, und welche Partei und welche Politiker sich überhaupt damit beschäftigen. Welchen Sinn es haben könnte für die organisierte Kriminalität, dass genau dieser Transporter gefunden wird, Whistleblower und Konsequenzen für den Otto Normalbürger, der es immerhin, zumindest der gehobenere Teil, lesen soll. Drei Monate Recherche und plötzlich wird auf der A7 ein Transporter gestoppt, der tote Menschen asiatischer Abstammung enthält. Und all das, was ich drei Monate lang hypothetisierte, ist jedem Bürger mit nur einem Mausklick verfügbar. Es ist Mist.

Und natürlich findet sich die nächste Nachricht im Posteingang, ob man nicht jetzt einen Stoff diesbezüglich verlagsfertig hätte, dabei war man gerade erst bei der Recherche.

Die einzige Art & Weise, wie ich dem vorbeugen kann, ist Authentizität. Dadurch lässt sich eine Geschichte im Nachhinein abwandeln, dieselben authentischen Charaktere für ein anderes Szenario verwenden, und sobald du einmal die Struktur politischen Handels, die Art & Weise, wie auf eine Schlagzeile reagiert wird, verstanden hast, kannst du es sozusagen auf jegliche Schlagzeile anwenden, da der Mensch sich nicht ändert. Aber du musst die Menschen finden. Diese lassen sich, egal, wie gut du bist, nicht ausdenken. Also das Ausdenken wäre tatsächlich aufwendiger, als sie zu suchen.

 

Deswegen musste ich eben aufs Land und mietete mich in einem Gasthaus in einem Dorf in der Nähe von Monschau ein. Urlaub, ohne dass mich auch nur irgendetwas von der Außenwelt beeinflussen würde, und vor allem konnte ich so mein Arbeits-Handy ausschalten und getrost den Posteingang ignorieren.

Um Charaktere zu schreiben, die dort leben könnten, musst du selbst einer werden, wenn auch nur für einen begrenzten, da nicht anders möglichen, Zeitraum. Und selbst dann brauchte es etwas, um durch die Internet-Barriere hindurchzudringen, denn, der Stadtmensch mag es nicht glauben, aber diese abgeschiedene Einöde, über die ich wörtlich laut Praktikant schreiben sollte, ist ebenso vernetzt, wie wir alle.

Aber ich machte ihr Leben zu meinem, aß regelmäßig im Gutshaus, ging auf den Feldern hinter dem Dorf spazieren, setze mich auf Bänke, in Biergärten und wartete. Natürlich wusste niemand darüber Bescheid. Wenn sie fragten, erklärte ich schlichtweg, dass eine Messe ausgefallen war und die Kosten für die Firma höher ausfallen würden, wenn sie mich vorzeitig zurückholten, wegen kurzfristigen Buchungen und derlei, als wenn ich eben die Zeit hier verbringen würde, wofür sie mir ein paar Urlaubstage wegnehmen würden, was ja nicht weit weg von der Wahrheit lag.

Weiter erklären brauchte ich das nie, denn die Kostensenkung und steuerrechtliche Ausnutzung von Schlupflöchern eines Großkonzerns reichte aus, zumal das Kompliment, dass ich mich glücklich schätzen konnte, hier festzusitzen, mich schnell wieder zu meinen Wurzeln zurückkehren ließ.

Und unter der Oberfläche der Postkartenansicht unweit von dem eigentlichen Touristenmagnet brodelte es gewaltig und genau deswegen. Es gab Streit über Zuschüsse, Junggesellenabschiede, die hier einfach nichts verloren hatten und doch nicht so viel ausgeben wollten, um sich in der Stadt selbst einzuquartieren, Mittelalterfestivals, wo sie tagsüber Ritterspiele und ab einem bestimmten Pegel Rennen auf den Landstraßen veranstalteten, in ihren Kostümen, tranken, wildpinkelten, Fotos an noch jedem Kreuz machten, wofür sie sich daran hingen und es sonst wie verschandelten, und doch am Morgen ein ordentliches Frühstück forderten und sich wunderten, dass es hier keinen Redbull gab und der Tante-Emma-Laden, der es führte, samstags und sonntags geschlossen hatte. Und die Landflucht, etwas worüber alle klagten, dabei wäre es doch gerade in dieser Zeit der sicherste Ort auf der Welt, Arbeit gäbe es genug, nur zu wenige, die sie machen wollten und so weiter und so fort.

Es dauerte etwa eine Woche, bis ich Teil des Mobiliars wurde und sie mich fast wie einen Zugezogenen behandelten, der anfangs noch Neugier & Aufmerksamkeit weckt, aber nach einer gewissen Zeit eben nicht mehr, da er sozusagen genau so langweilig geworden ist, wie alle anderen auch, zumal sie ihre Sorgen & Probleme ja bereits losgeworden waren, als ob ich etwas daran ändern könnte.

Und damit fiel dann auch der Vorhang. Nicht, dass sie zuvor einen hochgehalten hätten, aber man hatte sich schlichtweg an meine Anwesenheit gewöhnt, und ich fand, was ich gesucht hatte.

Es ist kein Wunder, dass so schnell Klischees entstehen, wenn eben entweder der Autor nur aus seiner gefärbten Fantasie schreibt, nur ein paar Tage oder sogar nur Stunden auf dem Land verbringt, oder Recherche als das bloße Führen von wenigen Interviews versteht. Es ist, als würde er nur durch ein Fenster gucken, und wiedergeben, was er sieht, was eben nur zu Klischees und Stereotypen führen kann, da er das, was er sieht mit dem anreichert, was er glaubt zu wissen. Aber wenn du drinnen sitzt, sieht diese Welt ganz anders aus.

Dies bezieht sich nebenbei nicht nur auf das Land, sondern jegliches Milieu oder besser gesagt auf alles. Wenn jemand, der kein Fußballfan ist, über Fankultur schreiben soll, dann reicht es nun einmal nicht, ein Spiel im Fanblock zu verbringen. Selbst dann blickt er nur durch das Fenster, kann Gesänge rezitieren, aber das, was er da sieht, versteht er nicht. Und wie möchtest du über etwas schreiben, dass du nicht verstehst oder verstehen gelernt hast?

Damit möchte ich meine Kollegen, ob Autoren oder Journalisten, natürlich nicht kritisieren, aber all zu häufig liest es sich eben so. Oberflächlich. Verständnislos. Oder das genaue Gegenteil, geheucheltes Verständnis in Form der Glorifizierung, ebenso wohlgemerkt, ohne einen Blick hinter den Vorhang geworfen zu haben.

Und hinter diesem fand sich eben schnell die Herrin der Wirtschaft, die zunächst nur ihren Mann, der an Rheuma litt in der Gaststätte vertrat, aber deren roten Wangen man schnell anmerkte, dass sie etwas durch diese Gelegenheit gefunden hatte, was ihr große Freude bereitete. Die Zügel selbst in die Hand zu nehmen bei Dingen, über die ihr Mann geklagt, aber sie nie in den Griff bekommen hatte. Er war in erster Linie Freund und danach erst Geschäftsführer, sodass Dinge auf dem Deckel landeten, welcher mit dem Morgenputz verschwand oder eben gar nicht aufgeschrieben wurden. Er hatte immer noch einen Gebrannten zum Zapfenstreich und auch dieser hatte keine feste Uhrzeit. So trieb sie langsam die Schulden ein, ermahnte, wodurch ihr erst Haare auf den Zähnen nachgesagt wurden, bis dies sich in eine gewisse Form von Respekt gewandelt hatte, wenn sie ihre Kenntnisse des Geschäfts, die sie zuvor in einem Unternehmen für erneuerbare Energien in der nächstgelegenen Kleinstadt als Büroangestellte gesammelt hatte, anwandte und vorschlug, dass der Gas- & Wasserinstallateur gerne die Zeche prellen konnte, wenn er ihre Heizung im Winter kostenlos erneuern würde. So machte sie immer ein Gegenangebot, das für den Jeweiligen nach kurzer Überlegung, denn mehr ließ sie ihm nicht, kostspieliger war, als einfach für seinen Deckel zu zahlen.

Und gleichzeitig hatte sie eine Schlagfertigkeit, wie ein Marktschreier und ein eben solches Organ, was man ihr beim ersten Anblick eigentlich nicht zutraute, sodass sie es sich dann leisten konnte, den Gebrannten rauszuholen, zumal sie ordentlich etwas vertrug, auch wenn es eben ihren Wangen diesen rötlichen Schein gab. Kurzum machte sie diese Arbeit mit solcher Energie, dass ich sie mir im Büro gar nicht mehr vorstellen konnte.

 

Und an einem solchen Abend, während ich wie immer scheinbar las, ein Buch von einem kanadischen Professor, der irgendwie als großer Intellektueller unserer Zeit in die Schlagzeilen geraten war, und doch jedes Wort, das sie sagten, genau verfolgte, sprach er plötzlich.

Ein Mann, der lange unrasiert immer etwas abseits am Tresen genau 4 Bier und 2 Schnäpse trank, bevor er sich grundsätzlich eine halbe Stunde vor Mitternacht verabschiedete.

Ich hatte im Vorhinein versucht, so passiv wie möglich etwas über ihn herauszufinden. Schlichtweg, in dem ich genauer zuhörte, nachdem er aufgebrochen war oder mich beiläufig bei meiner Wirtin, die die örtliche Fußballjugend trainierte und scheinbar jeden Jungen auf der Straße kannte, so wie sie ihnen drohte am Wochenende auf der Bank zu sitzen, wenn sie noch einmal mit Bierfahne zum Training erschienen, während sie die Reben goss, erkundigte, was es mit seiner eigentümlichen Gewohnheit auf sich hätte. Aus schierer Verwunderung, so unprofessionell wie möglich eben und so auch bei so wenigen wie möglich nicht mehr als eine Frage, ohne auf diese zurückzukommen, falls das Gespräch unterbrochen wurde oder sie in diesem irgendwie unterging, was durchaus häufig der Fall war.

Es hieß, er sei quasi schon immer im Dorf. Der ein odere andere kannte ihn sogar noch aus der Schulzeit. Er hatte im Leben nicht viel Glück gehabt hieß es. »Eine bedauernswerte Gestalt«, erklärten andere. Seine Eltern seien damals bei einem Feuer ums Leben gekommen. Er hatte Probleme in der Schule, war nie auffällig, aber kam schlichtweg nicht zurecht, nachdem er erst bei seiner Oma und nach deren Tod wohl in der Kleinstadt bei Zieheltern untergekommen war, obwohl er sich trotzdem ständig im Dorf mit der Jugend, die eigentlich ein paar Altersklassen unter ihm war, rumtrieb. Für die Pflegeeltern war er dann wohl irgendwann zu alt geworden. Er sei eine gewisse Zeit lang von der Bildfläche verschwunden, bis er mit Frau und Kind wieder in das Dorf zog.

Angeblich wären diese bei einem Autounfall umgekommen, manche erklärten sie wären verbrannt, bei dem er am Steuer saß. Seit dem wusste keiner wirklich, was er tat, er half hier und da, wenn Hilfe benötigt wurde, aber lebte etwas abgeschieden in einem Haus in der Nähe des Waldes, was eigentlich viel zu groß für ihn alleine war, und was eigentlich Idylle für seine Familie werden sollte, da er es einst wohl erbte, in der Zwischenzeit verkommen ließ und dann weitläufig renoviert hatte, wobei niemand genau wusste, wie er damals das Geld dafür aufbringen konnte.

Es ist erstaunlich, wie viel man hört, wenn man leise durch die Blume fragt. Insbesondere auf dem Land, wo jeder scheinbar die Geschichte des anderen kennt, über Ecken und Winkel. Aber es konzentriert sich auf so einen kleinen Kreis im Vergleich zur Großstadt. Und auch auf dem Dorf bezieht es sich größtenteils auf einen festen Kern, aber von denen kannst du einen nach den Kindern eines anderen, der eigentlich nicht so sehr in der Gemeinschaft über Schützenverein, Schule, Kapelle, Kegeln oder dergleichen verankert ist, fragen, und er weiß, wann welcher der Zöglinge Abitur gemacht hat, was er oder sie studiert, zumindest bis zu einem bestimmten Alter. Man weiß Bescheid über die Familie, wo der Vater Trinker war und an Krebs starb, die, wo der Sohn eine Leidenschaft für schnelle Autos hat, oder das Fußballtalent, das nur ein Jahr länger hätte in der Jugend des Bundesligavereines auf der Bank sitzen müssen, bevor seine große Stunde geschlagen hätte, über den Lehrer, der etwas über seine Stränge hinaus schlug, bei Schülern, die nicht für seine Begeisterung für Musik empfänglich waren, was natürlich erst im Nachhinein aufflog, nachdem er durch die Scheidung weggezogen war. Man bekommt viel zu Ohren, wenn man den Anschein erweckt, dass es einen gar nicht wirklich interessieren würde.

 

Der Kern der Kneipe, zu dem ich nicht gehörte, wie er auch, hatte sich durchaus in Rage geredet, getrunken und Selbiges wiederholt, denn es sollten weitläufige Windkraftanlagen auf den Feldern entstehen. Dieses Vorhaben bestand schon lange, aber war noch nie so konkret, wie jetzt. Und als sie quasi kurz davor waren, die Initiative zu ergreifen, was die Wirtin durch kostenlosen Schnaps versuchte einzudämmen und gleichermaßen mehr befeuerte, und dem im Dorf ansässigen Stadtratsmitglied einen Besuch abzustatten, stand er um Punkt halb zwölf auf, nahm seinen Hut von der Theke und erklärte: »Malt nicht den Teufel an die Wand. N'Abend.«

Dann verließ er die Gaststätte, und ohne, dass sie genauer darüber sprachen, denn es wurde im Grunde ignoriert, wie immer, wenn er ging, beruhigte sich die Stimmung irgendwie durch diese kleine, kaum wahrgenommene Unterbrechung, Gebranntem, der erstmal getrunken werden sollte und die schlichte Einsicht in den kommenden Tagen erneut mit dem Bürgermeister zu sprechen, bis auch ich mich verabschiedete.

 

Ich hatte die Fragen falsch gestellt. Auch das ist etwas, das man eben erst mit der Zeit bemerkt. Natürlich wusste ich, dass man offene Fragen stellen sollte, um die Menschen zum Reden zu bringen, was ja auch gut gelungen war. Aber was ich jedoch vollkommen verlernt hatte, war die Pause. Nicht die nächste durch die Blume offene Frage, denn ich wollte auf keinen Fall den Gedanken erwecken, dass ich recherchieren könnte, was das gesamte Ergebnis augenblicklich verfälscht hätte, aber eben diesem Drang nach mehr nicht nachzugeben. Und je mehr ich so nicht mehr daran interessiert war, sozusagen die Information zu erzwingen, die ich, wie vorangefügt, für mein Buch glaubte zu benötigen, desto mehr ließ ich genau das zu.

Bis der Sohn des Bauern mich fragte, obwohl ich eigentlich Small Talk beim Spazierengehen mit seinem Vater führte: »Hats noch kiener erzählt?«

Dem Vater war gar nicht bewusst, dass ich eigentlich nach mehr über diesen Mann fischte, wobei ich wie gesagt, weniger fragte und mehr schwieg, was eben den Jungen zu seinem Einwand führte, aber er nahm den Hinweis glücklicherweise auf.

Mann wusste nicht, ob er es war. Tatsächlich schien es sich um eine Geschichte zu handeln, die eigentlich, unabhängig von ihm, weit in die Vergangenheit des Dorfes zurückreichte, in der Form, dass jeder sie irgendwie kannte, aber keiner genau wusste, woher sie kam. Noch wurde sie häufig erzählt, denn es gab schlichtweg selten Anlass dazu. Es machte den Anschein, als ob irgendwann ein Großvater sie erzählt hätte, von dem jetzt jedoch niemand mehr wusste, wessen Großvater er überhaupt gewesen wäre. Und auch dieser selbst schien nicht derjenige zu sein, dem sie einst widerfuhr. Eine Geschichte, die als wahr angenommen wurde, ohne dass es Verweise gäbe, die dies bestätigen würden, und die ebenso für die Geschichte vollkommen belanglos waren, weswegen sich nie jemand dafür interessiert hatte.

Doch irgendwie hatte »der einsame Mann«, wie ihn die Kinder nannten, wohl einmal oder mehrfach darauf verwiesen, sodass sie durch ihn wieder erneut zum Leben erweckt wurde, wodurch viele der Kinder der Annahme waren, dass es ihm passiert sei und gerne Auskunft erteilten, wenn ich mich im Schatten der großen Eiche auf der Rundbank auf dem Marktplatz niederließ, um, wie ich es mir einmal angewöhnt hatte und trotz des damit verbundenen Klischees nie ganz davon lösen könnte, Pfeife zu rauchen.

Der Geschmack und die Handlung als solche ist eine vollkommen andere, um Tabak zu konsumieren. Ich vergleiche es gerne damit, wie Leute früher Kau- oder Schnupftabak zu sich nahmen. Der Mann, der mit braunen Zähnen an etwas nagt und in einen Kelch spuckt, war damals unser Fußballtrainer. Davor Kettenraucher, der, um die Lunge zu schonen, auf Kautabak umgestiegen war. So spuckte er in der Halbzeit, schlug zweimal mit flacher Hand auf die Faust und erklärte schmatzend: »Jetzt gebt ihnen noch mal Dampf Jungs!«

Es war seltsam, denn er war kein Raucher. Ebenso ist der Pfeifenraucher kein Raucher, aber im Vergleich zu dem Spucker doch irgendwie gehobener. Und auch wenn ich mir jede Menge anhören durfte von »Das stinkt, wie die Pest« zu »Nimm doch eine E-Pfeife«, konnte ich mich wie gesagt nie wirklich davon lösen. Es pausierte, manchmal Jahre, dann kam die Pfeife wieder aus dem Schrank. »Die Zigarre des Intellektuellen«, kritisierte mich mal jemand. Aber es war eben der Unterschied. An der Haltestelle rauchst du weder Zigarre noch Pfeife, morgens als Erstes nach dem Aufwachen, was mir Raucher schilderten, rauchst du keine Pfeife oder Zigarre. Die Kinder fanden es lustig oder es war reine Neugier, aber so kam ich grundsätzlich, wenn ich am Marktplatz Mittagspause machte, mit ihnen ins Gespräch.

Selbige, die diese Geschichte eben dem »einsamen Mann« zuschrieben und nicht wirklich detailliert, sondern auf das Detail beschränkt, dass er einmal den Teufel gesehen hat und seitdem oder deswegen nicht mehr alle Tassen beisammenhätte. Die Erwachsenen hingegen verknüpften damit seine exakte Einhaltung der Zeit, dass er vor Mitternacht wieder in seinem Haus sein wollte und bereits schlafen, damit der Teufel im Wald ihm nicht begegnete. Selbiger Wald, wo, darin stimmten Erwachsene und Kinder überein, er wohl einst den Teufel sah. Aber es gab auch andere Stimmen, die die erklärten, dass er dem Teufel umgangssprachlich in der Kindheit begegnet sei, anhand des Feuertodes seiner Eltern, und er ihn bis zu dem Unfall begleitet hätte, was seinen Hang zu dieser Anekdote erklären würde, die ich ihn nie selbst erzählen hörte.

Der Bauer erzählte einen Teil, den der Junge ausschmückte. Einen Teil erfuhr ich von den Kindern und der Wirtin, die wiederum jemanden kannte, den ich mal fragen sollte, da er sie besser erzählen könnte. Und so ergänzte sich die Geschichte, bei der sich jedoch, wie bei vielem anderen, niemand widersprach. So ernst waren sie dabei, wenn sie Teil um Teil ergänzten, dass sie nie das, was andere hinzugefügt hatten, widerlegten. Wobei auch ich natürlich meine eigentliche Neugier an der Geschichte eben und auch das noch durch die Blume am »einsamen Mann« aufzog. Und jeder, mit dem ich darüber sprach, wählte Worte, die so klangen, als ob der Sprechende glaubte, dass dieser Junge einst existiert hatte.

 

 

Er lebte auf einem Hof, der etwas abseits vom Dorf mittig auf einem Hügel lag, umgeben von Wald bis nach ganz oben hinauf. Sie zeigten mir den Berg, an dessen Ende das renovierte Haus des »einsamen Mannes« lag, nicht weit von der »Zivilisation«, wenn man ein Auto hat, aber doch weit genug, dass ein Fußmarsch etwa eine halbe Stunde benötigte. Die mittlere Anhöhe, wo der Hof gelegen haben soll, auch wenn sie den Berg nur als Beispiel nahmen, war demnach zu Fuß, je nachdem, wen man fragte, eine dreiviertel bis zu einer Stunde Gehweg.

So war der Junge von vornherein ein gewisser Außenseiter, denn wenige machten den Weg hinauf, um zu spielen, auch wenn ihre Eltern sie natürlich fahren konnten, aber es war schlichtweg mehr Aufwand, als sich am Markt, dem Friedhof oder der Kirche zu treffen, die nicht direkt daneben lag, oder am Schulhof dem zentralen Punkt der Gemeinde. Außerdem musste er viel helfen. Er war der Älteste und es gab immer etwas zu tun. So oft wollte er lieber mit den anderen spielen, hinunter ins Dorf auf den Marktplatz, ein Teil sein von den Abenteuern, von denen sie erzählten, wo Gerhard sich so lange versteckt hatte, das niemand mehr nach ihm suchte und dabei eine geheime Tür gefunden hatte, oder wo sie beim Musiklehrer Himmels Klingelmännchen gespielt hatten. Aber es war eben nicht nur die Distanz, zu der sich ein Dosen-Telefon nun nicht legen ließ, sondern die Arbeit, die ihn, als Sohn seines Vaters, schon früh erfasste und für eben diesen fast wichtiger war, als die Schule. Es kam sogar dazu, dass er Briefe von den Lehrern mit nach Hause nehmen musste, die erklärten, dass es auch zur Erntezeit, oder was sein Vater immer Ernte nannte, wobei das Feld recht klein war und er so damit auch andere Tätigkeiten bezeichnete, eine Schulpflicht bestand. Sie hatten Kühe, Schweine und Hühner. Aber sie nutzen auch alles, um sie herum, den Harz, den der Tischler brauchen konnte und wofür er gut bezahlte, und auch Beeren, die sie zu Marmelade verarbeiteten, Pilze, Kräuter, alles ließ sich sammeln und nutzen. Selbst Brennnesseln, die einen bei Erkältung Wunder wirkenden Tee ergaben. Auch zu dieser Zeit war dies bereits in Vergessenheit geraten, es gab eine Apotheke, nicht direkt im Dorf, aber nur eins weiter, weswegen diese Arbeit eben nicht ganz als solche wertgeschätzt wurde. Die Kinder im Dorf hatten Spielsachen aus Plastik, Fußbälle und Kleidung, die nicht von der Mutter genäht wurde, wenn sie einmal riss. Dafür gab es eben immer etwas zu tun und der Wald, der sie umgab, bildete, neben den Tieren, deren Fleisch an den Metzger verkauft wurde, wenn sie es nicht selbst aßen, genau wie mit den Eiern der Hühner, ihre Lebensgrundlage.

Er hatte, wie Kinder nun einmal sind, etwas ausgefressen, war durch den Wald, den er zumindest in näherer Umgebung auswendig kannte, nach Hause gelaufen und hatte nicht auf seine zwei Jahre jüngere Schwester, die den kleinen Bub, seinen vier Jahre jüngeren Bruder, beaufsichtigen sollte, geachtet.

Es war genau aus diesem Grund. Weil er genervt davon war, immer auf sie achtgeben zu müssen, als er lief, obwohl sie rief. Das Austesten, zu sehen, wie sie ohne ihn zurechtkommt. Ein Spiel. Er hatte ja auch niemanden gehabt und dadurch aber auch Respekt, den er sich einfordern wollte auf eine kindliche Art.

Als sie zu plärren begann, wollte er sie suchen und, womit er als Kind selbst nicht gerechnet hatte, wurde es langsam dunkel. Nicht die Dunkelheit, die man als Stadtmensch empfindet, wenn die Lichter ausgehen. Selbst im Dunkeln fand er sich im Wald zurecht, auch wenn die Sichtweite durchaus eingeschränkt war. Aber an dem Ort, von dem er losgelaufen war, befanden sie sich nicht mehr. Er rief, aber sie antwortete nicht. Als er schließlich nach Hause kam, saß sie bereits auf Mutters Schoß und das Kleine spielte schon wieder mit dem Kreisel. Sie hatte sich eigentlich beruhigt, als er in die Stube trat und sie, sich an Mutters Hals klammernd, erneut von der Angst, die sie empfunden hatte, eingeholt wurde, und schluchzend nicht darauf antwortete, als er erklärte, es täte im Leid, was er ernst meinte und nicht zum Willen von Mutter und Vater sagte. Mutters Blick barg nur Enttäuschung, während sie das kleine Elend tröstete. Aber Vater war wütend.

»Nicht einmal das kriegste hin!«, schlug er auf die Anrichte, sodass das Schwarz-Weiß-Foto von ihm und seinem Bruder in Lederhosen fast drohte, hinunterzukippen. Der Junge wollte es stoppen, vergeblich, denn es kippte nicht.

»Herr Gott noch eins!«, er drehte sich weg und sprach leiser und doch energisch zu sich selbst: »Was soll aus dir mal werden? Hof? Kannste nicht. Willste nicht! Und selbst ...«, er drehte sich um, »... wenns nur darum geht, einmal, einmal auf deine Schwester aufzupassen ...! Du weißt doch, wie gefährlich es ist!«

Er kam einen Schritt auf ihn zu und er wich zurück.

»Jung! Als du dir den Knöchel gebrochen hast ... und dann lässt du deine Schwester und det klein Ding irgendwo mitten im Wald in der Nacht?«

Wieder wandte er sich ab und sprach leiser.

»Anna, was ist ...«, um wieder lautstark umzufahren, » ... mit dem Jung los?«

Wobei er jedoch nicht zu ihm sah, sondern zu seiner Frau.

»Was hab ich bloß falsch gemacht Anna?«

Der Junge trat noch einen weiteren Schritt zurück, gerade weil Vater kurz davor war, sich niederzulassen, ein Punkt, an dem er entweder wütender als zuvor wieder aufspringen würde oder an dem normalerweise die Strafe verlautet wurde. Und mehr noch als diese oder den erneuten Wutausbruch fürchtete er das Wort seiner Mutter. Das Wort, das den immer wiederkehrenden Blick eindeutig machen würde. Und alles war besser als das oder besser gesagt nichts war schlimmer.

Sodass er noch bevor sie die Lippen bewegen konnte, kehrt machte und aus der Stube durch die Tür ins Freie lief. Raus in die Nacht. Die letzte Schreierei »Wo willste hin?! Wo will er jetzt hin?« und die stampfenden Schritte zur Haustür hörte er nur noch entfernt und lief so lange, bis die Kraft seiner Beine nachgab. Er stützte die Hände auf die Knie und rang nach Luft. Der Moment, wo der Atem nach mehr fordert, in dem man die Nase hochzieht, um mehr zu erlangen und es doch nicht reicht. Rotz, der aus der Nase hinuntertrieft und den er mit dem Ärmel wegwischte, wie auch die Tränen. Und da sah er es.

Hinter einem Baum, dunkler als die Dunkelheit, nur wie der Panzer eines Käfers, der das fahle Mondlicht spiegelte, aber mannshoch oder besser etwas größer als er selbst. Haarige, gezackte Käferglieder, ein Rumpf so abgeschlossen, wie das Hinterteil einer Ameise, auf dem Kopf wie ein Hirschgeweih, aber eben in selbiger glänzend-strukturierten Färbung, und diese rot glühenden Augen, die vor Lachen zu leuchten schienen, obwohl der Mund fehlte. Kein fröhliches Lachen, sondern lauernd, grinsend, gierig.

Er rannte. Augenblicklich so schnell er konnte in Richtung des Hofes, doch kam nicht an. Äste, Nadeln, aber er konnte den Hof nicht mehr finden. Das Licht draußen auf der Stufe, als hätte sie es absichtlich gelöscht, damit er sie nie mehr findet. Er rannte so lang durch Gestrüpp, das ihn an den Waden peitschte, wie die Nadeln der Äste sein Gesicht. Bis er sich glaubte, weit genug von dem, was er gesehen hatte, entfernt zu haben und dabei doch seinem Ziel der mütterlichen Sicherheit nicht näher gekommen war, bis er schließlich hinter einer Baumwurzel die Erlösung der pickenden, vertrockneten Nadeln fand, aus der ihn die Sonne am Morgen befreite.

Im Angesicht des Tages fand er schnell die natürlichen Wegweiser, die ihn nach Hause geleiteten. Mutter war in großer Sorge gewesen und küsste ihn über den ganzen Kopf. Vater sagte er sei rechtzeitig, um den Stall zu misten, was er tat. Sogar gerne. In der Hoffnung, damit Buße zu tun.

Seinen Kameraden, die im Unterricht mit Spuckrohr auf Lotte zielten, weil sie sie verpetzt hatte, erzählte er nichts. Und als Karl ihm den präparierten Kuli reichte und zeigte, wie sich die besten Kugeln aus dem Taschentuch formen ließen, spuckte er mit, bis der Lehrer sie ermahnte, um dessen Hilfe Lotte gekräht hatte. Es vergingen Wochen, in denen er den Wald weitestmöglich umging. Mit Sorgsamkeit erledigte er jedwede Arbeit, die sein Vater ihm auftrug, half auch der Mutter, selbst wenn sie erklärte, dass dies nicht nötig sei, passte im Unterricht besonders auf, um anderen bei den Hausaufgaben zu helfen, in dem er sie abschreiben ließ. Aber es lief nicht gut für den Hof. Mutter machte Vater Vorwürfe, dass er das, was es gab, besser an den Mann bringen müsse. Er sollte Freundschaften mit den Leuten aus dem Dorf schließen, die er, ohne es je in die Öffentlichkeit zu tragen, schlichtweg nicht mochte, als oberflächliche Menschen abtat, die nichts für die Natur übrig hätten, und sich lieber früher als später nur noch künstlich ernähren würden.

Immer häufiger, da der Hof eben immer weniger einbrachte, gerieten sie in Streit darüber, der ihn eines Nachts weckte, sodass er die Treppe hinunter kroch, die ab halber Höhe einen Einblick in die Stube gab, und horchte. Und als Vater Mutter vorwarf, dass er gesehen hätte am Markt, wie sie den Männern schöne Augen machte, und sie erklärte, dass sie doch nur täte, was er nicht konnte, als sie schrien in der Stube, sah er es. Neben der Kommode, hinter dem Herd, wie es kauerte und mit jeder Silbe die Augen funkelten. Er rannte hinunter und wollte es ihnen zeigen, aber erntete nur Unverständnis und Schimpfe, warum er überhaupt noch wach sei.

Und auch, als sie Lotte wieder mit Spuckekügelchen anvisierten, die abermals gepetzt hatte, dass sie die Julia am Kleid gezogen hatten hinter der Kirche und sie sie alle geküsst hatte, außer ihn, sah er es. Halb hinter der Tafel hockend, gebeugt in einer Position, die jedem Menschen Schmerzen bereiten würde. Aber sie glänzten mit jeder Lüge des Abstreitens feuerroter. Und es wuchs, als Herr Kamin selbst in kurzen Augenblicken die Klagende musternd erklärte, dass Jungs nun einmal Spaß daran hätten, wenn Mädchen so wären, bis es fast größer als der Lehrer wurde.

Als sie auf der Straße die Schwarzhaarige traten, bespuckten, wobei immer mehr hinzukamen, sie als Nazi-Luder und Hexe beschrien, da saß es, hinter der Mauer, auf der die schwarzen, glänzenden Klauen zitterten vor Erregung, während nur die Spitzen des verzweigten Geweihs zu sehen waren.

Als er Vater helfen musste, die Milch der Kühe zu entladen, und dieser mit der Magd schäkerte, da lauerte es direkt hinter dem Anhänger, drückte sich auf der Plane ab, was fast feuchte Spuren hinterließ, während es weiter halb schritt halb krabbelte zu dem Zimmermann, der sich gerade im Wortgefecht um längst überfällige Zahlungen befand, und in diesem Moment zum Schlag ausholte. Weiter zu dem Jungen vor der Bank unter der Eiche, der zwei Klassen unter ihm war, und plötzlich Reiz daran fand, Kieselsteine auf in ihren Schoß zu werfen, bis ihn seine Mutter aufforderte, dies zu unterlassen und das Gebrüll des vom Schlag Getroffenen einsetzte, sie das Kind alleine zurückließ, um der Neugier nachzugeben, und der Schatten in einer Gasse verschwand, woraufhin der Junge friedlich mit sein vorherigen Wurfgeschossen Türmchen häufte.

Von da an sah er es überall, selbst wenn er kurz vergaß beim Spielen mit der Schwester, bei der Arbeit auf dem Feld, bei der der Schweiß von der Stirn tropfte und die Glieder schmerzten. Zunächst wollte er sein Zimmer nicht mehr verlassen, sah diesen glänzenden Schatten aus dem Fenster hinter einem Baumstumpf lauernd, nur auf den Moment wartend, an dem er das Haus verlassen würde.

So war ihm der Stubenarrest als Strafe für seine Missetat ganz recht, der nur aufgehoben wurde für die Schule oder wenn er Vater bei Erledigungen im Dorf oder der Arbeit helfen musste. Doch selbst, als sie diesen aufhoben, da ihnen aufgefallen war, dass er eben nicht dagegen widerstrebte, im Gegenteil sich fast selbst strenger zu bestrafen schien, als sie es beabsichtigt hatten, ihrer Auffassung nach Reue zeigte, da er sich in die Arbeit stürzte, Hilfe anbot, wo er konnte, keinen Streit mit seinen Geschwistern suchte, bei der Sonntagsmesse still den Worten des Paters lauschte, wozu er sonst mehrfach aufgefordert werden musste, kurzum so gut lebte, wie er nur konnte, bis eben Vater ihn sogar von der Arbeit freistellen wollte und vorschlug, dass er doch mit seinen Klassenkameraden im Dorf spielen gehen sollte, bat er doch drinnen zu bleiben oder helfen zu können. Denn wenn er so ausgelaugt die letzten Kartoffeln in Körbe füllte und die von der Sonne rot gebrannte Haut an den Schultern zog, wenn er sie auf den Wagen hievte, sah er es am seltensten. Den Wald mied er nach wie vor, und selbst wenn seine Schwester darin Verstecken spielen wollte, hielt er sie energisch zurück.

Doch egal, was er tat, verschwand es nicht. Selbst im Gotteshaus schlich es durch die Reihen im Augenwinkel, während er sich auf das Vater Unser konzentrierte. Nachts kratzte es am Fenster, der Tür oder stand regungslos in einer Ecke seines Zimmers. Jeden Tag, auch wenn keiner der Erwachsenen oder Kinder Böses im Schilde führte, lugte es hinter einem Schornstein, während sie im Sand Murmel schnippten, oder drückte die Ähren zur Seite nur wenige Meter entfernt vom Weg, den er nach Hause nahm. Dann rannte er so schnell er konnte zum Hof, nur um in der Stube bereits erwartet zu werden. Es lauerte. Überall. Und wo es war, lag es in der Luft, dass auch wenn nichts passierte, jeden Augenblick etwas passieren konnte, oder in seiner Abwesenheit passieren würde oder passiert war. Dass die, die so fromm in der Kirche saßen bereits beim Verlassen über ihren Nachbarn lästerten. Dass selbst der Pater, wenn niemand hinsah, die Magd aufsuchte, der er während der Messer Blicke zuwarf. Dass der Mathelehrer seinen Sohn drosch, wenn dieser schlechte Noten schrieb, ohne dass dieser je blaue Flecken hatte. Er sah es überall, selbst wenn er es nicht sah, es sich nicht zeigte, war es da, bloß als hätte er es eben noch nicht entdeckt. Bis er es selbst in seiner Schwester sah, die den Bub am Bein zog, bis es plärrte, als Vater und Mutter nicht im Zimmer waren. Und sogar bei Mutter, die Vater wieder und wieder aufforderte, ins Dorf zu gehen, zu lügen, um seine Waren zu verkaufen, und im Blick seines Vaters, wenn sie dies vorschlug.

Das, was er in diese Welt gebracht hatte. Und das, was nur er wieder aus ihr entfernen konnte.

So trat er eines Tages, als Mutter sich ums Kleine kümmerte und Vater seine Schwester mit ins Dorf genommen hatte, um durch ihre Anwesenheit im reizenden Kleidchen das zu sagen, was ihm nicht über die Lippen gehen konnte,

an den großen, tiefen Brunnen an der hintersten Ecke des kleinen Feldes. Mit Entschlossenheit schob er den schweren, moosüberwucherten Holzdeckel zur Seite und stieg auf den Rand. Einen letzten Blick gehn Himmel richtend wandte er ihn schließlich hinunter auf das, was da kommen würde.

Und da sah er sie. Im pechschwarzen Morast windeten sie sich, ächzten, stöhnten und drückten sich aneinander hoch. Wortfetzen aus Klagelauten, die alle denselben Satz ergaben.

»Hier willst du nicht hin. Hier ist nichts. Hier willst du nicht hin.«

 

 

Damit endete die Geschichte. Was mit dem Jungen passierte, konnte mir keiner sagen, doch hatte jeder auf eine gewisse Weise seine eigene Interpretation. Von einem religiösen Hintergrund, dass er den Glauben an Gott fand, der sich ihm in Form des Teufels zu erkennen gab, zu dem genauen Gegenteil und einer Kritik an der Scheinheiligkeit der Kirche. Manche erklärten, dass niemand sie je tatsächlich erlebt hätte und es diesen Jungen nicht geben würde, wohl aber den, der diese Geschichte zu einem bestimmten Zeitpunkt in seinem Leben hören musste, und einen einfallsreichen Großvater hatte. Wieder andere erklärten, dass er den Deckel wieder schloss und so lernte zu akzeptieren, dass es Schlechtes in der Welt gibt, an dem er nichts ändern kann, und danach ein normales Leben führte und es nie wieder sah. Und dann gab es eben auch die, die sich sicher waren, dass es sich bei dem Jungen, um den »einsamen Mann« handelte, den der Teufel nie verlassen hatte.

Eine These, der ich doch am letzten Tag meines Urlaubs, bevor es wieder in die Stadt ging, auf den Grund gehen musste. Zum einen, da es nun ohnehin keine Rolle mehr spielte, ob ich als Journalist oder Autor entlarvt werden würde, aber umso wichtiger, weil ich es einfach nicht auf sich beruhen lassen konnte.

 

So suchte ich ihn in seinem Haus am Wald auf. Natürlich hätte mir das Material und seine eigentümliche Art genug Stoff geboten, um ihn als antagonistischen Protagonist, also als den Charakter, der sich natürlich am besten dazu eignet, als etwaiger Mörder infrage zu kommen, der durch seine Lebensgeschichte, aber genug Sympathie beim Leser finden würde, um derlei Tat in vermeintlicher Weise zu rechtfertigen, der sich so auch gar nicht erst bemühen würde, seine Unschuld zu beweisen, und der Mord, wenn er es denn war, sich nicht als kaltblütig, sondern einer größeren Gerechtigkeit folgend, darstellen ließe, um auch damit den Leser auf eine falsche Fährte zu locken, ebenso wie die Kommissarin, was durch einen zweiten Mord erneut ins Wanken geraten würde, den er erst scheinbar nicht verüben hätte können, bis sich später sein Alibi durch den Jungen, der gehänselt wird und des Nachts in fremde Fenster blickt, als falsch herausstellt, aber er, den sie als Mörder deklarierten, letztendlich den dritten Mord verhindert.

Doch durch das Fenster siehst du immer nur die halbe Welt. Und so freute er sich tatsächlich über meinen Besuch, bedauerte, dass er keine Kekse da hätte, als er mir schwarzen Tee mit Kandis reichte, was er zugab von den Ostfriesen übernommen zu haben, obwohl er nie dort war. Dazu rauchte er, recht starke selbst gedrehte Zigaretten, die seine Fingerspitzen vollständig vergilbt hatten. Er erklärte, dass er sonst recht wenig Besuch bekommt, aber dass ihm das auch ganz recht ist. Er hätte seine Ruhe und was im Dorf passierte, hörte er ohnehin abends in der Wirtschaft.

Natürlich fragte ich nach der Geschichte, weniger, weil ich davon ausging, dass er vielleicht der Junge sein könnte, aber mehr weil ich dachte, dass diese für ihn in Anbetracht seines Lebenslaufes vielleicht einen gewissen Halt geboten hatte, was ich natürlich vorsichtig formulierte.

Aber er schmunzelte nur, gab zu, dass er nachvollziehen konnte, wie ich auf diesen Gedanken kommen würde, aber dass ihn diese Dorflegende, so nannte er sie, nie viel interessiert hätte. Auch verließ er die Wirtschaft nicht, um dem Teufel im Wald zu entgehen oder sonstige Dinge, die sie sich so erzählten. Im Gegenteil fand er es witzig und so war es ihm auch kein Anliegen, dieses Gerede zu widerlegen.

»Wissen Sie, hier gibt es nicht viel und so dichtet das Dorf sich seins dazu. Und dann gibt es jede Menge.«

Eigentlich lag der wahre Grund darin, dass er morgens immer mit den Vögeln aufstehen wollte, bereits auf der Terrasse zu sitzen, mit Tee und Selbstgedrehter, um ihnen zu lauschen, wie sie langsam aufwachten. Und »nach 4 Bier und 2 Schnäpsen, brauchst du deinen Schlaf, sonst geht das nich.«

Das Geld für die Renovierung, die bis heute seiner Ansicht nach nicht abgeschlossen war, besaß er, weil er ein Online-Geschäft verkauft hatte, ein Gewinn, von dem er nach dem Unfall, bei dem seine Frau und sein Junge ihr Leben verloren, noch bis an sein Lebensende, so leben konnte, wie er nun lebte, auch wenn er lieber, wie der Rest, jeden Tag schuften würde, um sie wieder bei sich zu haben. Der Unfall war nichts anderes, als eben das, auch wenn er, als er darüber sprach, etwas nüchterner wurde. Er war gefahren. Schneller als man laut Beschilderung fahren sollte, aber auch nicht schneller, als nicht jeder andere es nun einmal tut. Der Rest war eine Verkettung von Dingen, wie sie einmal in tausend Fällen aufeinandertreffen. Er sprach nicht leichtfertig, aber auch nicht mehr betroffen, sondern so, als hätte er lange damit gerungen, um diese Einsicht zu erlangen.

»Die Vögel halfen«, lachte er, auch wenn darin mehr lag, als ein Scherz.

Als ich mich verabschiedete, war ich gerade dabei zu versprechen ihn noch einmal zu besuchen, wenn ich wieder in der Gegend sei, um mich selbst bei dieser Lüge zu ertappen, abzubrechen, kurz ins Stottern zu geraten, als er grinste.

 

»Ich versteh schon, wenn man hier nichts verloren hat, kommt man selten hin.«