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Der Bericht (2020) | Kurzgeschichte

 

 

Der Bericht

 

Das Folgende ist so geschehen. Ich habe es erfahren am eigenen Leibe. Es würde doch jedwedem Sinn widersprechen und gar Närrigkeit gleichen, dies bloß zu vermuten, zu erfinden oder in sonstiger Art & Weise zu fabulieren. Welchen Zweck sollte denn dies haben? Warum würde ein Mensch seine Zeit dem opfern? Er hätte ja nichts davon. Im Gegenteil rühme ich mich ja nicht damit. Ich kann mich damit nicht rühmen. Eher noch gehe ich eine große Gefahr ein. Eine Gefahr, die jemand anderes vielleicht nicht eingehen würde, weil er oder sie etwas zu verlieren hat. Aber das habe ich auch. So ist es nicht. Ich kann nicht sagen, dass es eine leichte Entscheidung war. Zunächst dachte ich, dass es besser wäre, überhaupt keine zu treffen. »Warum ich?«, dachte ich, »Warum gerade ich?«

Ich wollte es vertagen. Tatsächlich nahm ich mir einen bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft, um diese Entscheidung zu treffen. Es sollte nicht überhastet geschehen. Ich wollte Abstand gewinnen, mich insbesondere von jedweder Emotionalität, die die Entscheidung beeinflussen könnte, befreien. Um mich gerade von der Frage zu lösen, was mir passieren könnte oder drohte. Was ich verlieren würde. Dabei war genau das der springende Punkt. Aber dazu komme ich später. Sie merken, dass ich zögere. Auch jetzt möchte ich es tunlichst vermeiden, voreilig zu agieren. Denn auch ich brauchte Zeit, um mich daran zu gewöhnen. Glauben Sie mir, ich habe lange überlegt, mir den Kopf zerbrochen, ob es nicht eine andere Möglichkeit gibt, wie es sein könnte. Etwas, dass ich übersehen würde oder habe. Und doch traf ich den Entschluss. Oder besser gesagt, ich traf ihn nicht. Aber ich eile schon wieder voraus, da es mir unter den Fingernägeln brennt. Es ist der Trugschluss, dass es etwas ändern würde beziehungsweise das war auch mein erster Gedanke. Der Mensch. Der Mensch ist so. Dass er denkt oder besser gesagt fest glaubt, dass die Dinge anders erscheinen, wenn er spricht. Dass ein Wort ein anderes wird, wird es gehört. Daran hält er sich fest. Klammert. Und tatsächlich half es. Es half die Entscheidung nach hinten zu vertagen, denn insgeheim wusste ich, dass der Moment kommen würde. Wie ein Süchtiger, der nur abstinent bleiben kann, wenn er den Gedanken hegt, dass er nur eine bestimmte Zeit überbrücken muss. Doch war dies, wie gesagt, nur mein erster Gedanke. Aber nach einer gewissen Zeit wurde mir klar, dass es keinen Unterschied macht an der Tatsache. Ein Wort kann vielleicht unter Umständen, im Ausnahmefall, anders gehört werden, als es gesprochen wird. Aber ein Wort kann niemals eine Tat ändern. Oder eine Tatsache. Vor Gericht, und das weiß ich aus meiner Erfahrung gut genug, geht es sich nie darum, eine Tat zu ändern. Niemand wird bezweifeln, dass ein Mord geschehen oder besser noch, dass ein Mensch zu Tode gekommen ist. Kein Advokat der Welt käme auf die Idee, die Existenz eines Opfers anzuzweifeln. Stattdessen geht es für ihn weitestmöglich darum, die Aufmerksamkeit von der Tat abzulenken. Tatsächlich schilderte mir ein amerikanischer Kollege einst, dass es einen Juror gab, von dem er wusste, dass er noch bevor die Verhandlung begonnen hatte, bereits seiner Entscheidung sicher war. Und diese einmal getroffen, wird er sie, egal was kommt, nicht ändern. So interessierte ihn das Ganze einfach nicht. Was meinem Kollegen jedoch auffiel, war, dass er sichtlich genervt von der ihn immer wieder blendenden Sonne war, die immer mal wieder von Wolken verdeckt, was ihm große Erleichterung verschaffte, durch die Fenster hineinschien. So trat er beiläufig, als diese erneut ihren Schein warf und kurz bevor sie den Juror traf, während er einen Zeugen befragte, zum Fenster. Und als wäre es nur Teil seiner Gestik, zog er den Vorhang ein kleines Stück zu. Gerade genug, damit er verschont blieb. Das Urteil war einstimmig »Nicht schuldig«.

 

So konnte die Überzeugung anhand der Fakten auch nicht mein Anliegen sein. Denn egal wie gut ich meine Wörter wählen würde, würden sie keinen Glauben finden, da die Entscheidung bereits getroffen wurde, noch bevor ich das erste Wort schrieb. Und warum sollte es auch anders sein? Es ging mir doch selbst genau so. Deswegen hätte ich doch am liebsten keine Entscheidung getroffen, und es einfach ignoriert. Einfach wieder vergessen, um nie daran erinnert zu werden. Stattdessen vergaß ich etwas anderes. Zum einen, dass es nur eine Frage der Zeit ist. Zum Anderen, dass ich genau so viel zu verlieren habe, wie jeder andere auch und daher genau so wenig. Die Gefahr, derer ich mich ausgesetzt sah, war eine relative. Sie existierte nur innerhalb der Voraussetzungen, sozusagen nur, wenn ich es ignorieren würde. In dieser absichtlichen Passivität würde ich doch aktiv handeln. Und mich damit auf eine gewisse Art & Weise schuldig machen, denn es wäre ja nicht die Wahrheit. Nun ist im Recht eine Lüge nur strafbar, wenn sie trügerisch erfolgt falsiloquium dolosum. So sprechen wir von Betrug. Und ist nach Paragraf 263 unseres Strafgesetzbuches in Artikel 1 der Strafbestand derlei definiert, dass die Unterdrückung wahrer Tatsachen und die dadurch folgende Erregung oder Aufrechterhaltung eines Irrtums, wenn dies dem Zweck der Verschaffung eines Vermögensvorteils dient, strafbar ist. Ich selbst argumentierte in meiner Schrift »Utopian ius«, dass auch die absichtliche Aufrechterhaltung eines Irrtums ohne Sicherung eines Vermögensvorteiles unter Strafe gestellt werden sollte, und begründete dies damit, dass ein Grundbaustein zwischenmenschlichem oder gesellschaftlichem Zusammenleben in der Glaubhaftigkeit der Dinge liegt. Wenn wir uns nicht mehr sicher sein können, was wahr ist und mehr noch uns an dieser Unwahrheit beteiligen, die Unwahrheit mit der Wahrheit gleichsetzen, wird nicht der Gedanke zum Wort und das Wort zur Tat, sondern die Tat führt zum Wort und das Wort wird Gedanke. Sodass die Aufrechterhaltung des Irrtums letzten Endes überlebensnotwendig wird.

 

So schrieb ich es damals. Wie naiv ich war. Aber der Erfolg gab mir recht, mehr noch es war mir ein leichtes jedweder Kritik zu begegnen und unter Applaus das Podium zu verlassen. Jeder Einwand wurde bloß zu einem Argument, dass meine These bekräftigte, sonst würde er ja gar nicht existieren. Darauf aufbauend wurde schnell die Forderung nach keiner Anpassung, sondern einer von Grund auf neuen Form der Rechtsprechung und -ordnung laut. Nicht durch mich wohlgemerkt. Doch diverse Gruppierungen bezogen sich auf meine Schrift, die ich glücklicherweise unter einem Pseudonym verfasst hatte, unter dem ich auch auftrat. Ich trug eine Brille, die ich nicht benötige, rasierte mich, obwohl ich sonst einen Bart trug, und schnitt mir die Haare kurz, wohl wissend, dass ich sie nur wachsen lassen müsse, um wieder zu meinem alten Spiegelbild zurückzukehren. Und fast das Wichtigste, ich kleidete mich, wie ein Politiker. Etwas, das ich lang aufgegeben hatte, seid ich aus der Kanzlei ausschied, zwei Jahre, bevor ich mein erstes Buch veröffentlichte und darüber sprach, wie unser Rechtssystem eigentlich funktioniert. Es war nicht geplant. Hätte ich gewusst, wie viel Erfolg dies mit sich bringen würde, hätte ich es wahrscheinlich unter meinem eigenen Namen veröffentlicht. Aber ich war zu feige. Und einmal mit dem Verdeckspiel begonnen, ließ sich nicht mehr so leicht aussteigen, zumal ich ehrlicherweise sagen muss, dass ich den Ruhm genoss.

Ein guter Anwalt war ich nie gewesen. Meist wusste ich, oder dachte, dass ich im Vorhinein wüsste, wie es ausgehen würde und so gab ich mich mit dem maximal zu erzielenden Resultat mit geringstem Einsatz zufrieden. Nun gibt es in bestimmten Verfahren beim Zivilprozess einen Anwaltszwang, was bedeutet, dass der Mandant sich vertreten lassen muss. So gab es immer etwas zu tun. Man könnte sich jedoch die Frage stellen, warum ich überhaupt Jura studiert habe. Nun, ich liebe klassische Musik, insbesondere die Werke von Robert Schumann. Er hatte Jura studiert, bevor er sich ganz der Musik widmete. Dazu kam, dass es etwas war, wogegen meine Eltern keine Einwände hatten, wie eigentlich gegen sonst alles. Immer. Vater schwärmte sogar davon, dass ich es mal zum Richter bringen würde. Bedauerlicherweise verstarben sie bei einem Autounfall, eine Woche, bevor ich das Staatsexamen in den Händen hielt.

Außerdem besaß ich eine schnelle Auffassungsgabe bei fast allem. Sie nannten es ein fotografisches Gedächtnis. Derlei existiert jedoch nicht. Ich konnte mir schlichtweg viel merken. Und wenn ich das Gemerkte rezitierte, erklärten sie, es wäre, als ob ich es in einem Bild sehen würde. Ein Bild sah ich jedoch nie. So war es jedoch vollkommen gleich, was ich studierte, denn eins viel mir so leicht wie das andere, ohne dass ich über Talent oder gar Interesse verfügt hätte. Musikalisch war ich jedoch nie und habe es auch nie versucht. Tatsächlich hatte ich große Angst, dass wenn ich mich daran machen würde und es mir so leicht fallen würde, wie eben alles andere auch, jedweder Zauber, den ich beim Genuss einer guten Komposition erfuhr, verfliegen würde. So bemühte ich mich, es nicht zu verstehen, was wiederum ungemeiner Anstrengung bedurfte. Und das war letztendlich vielleicht der ausschlaggebende Punkt, warum ich sie so gerne höre.

Mein Ruhm oder besser gesagt der Ruhm meines Pseudonyms »Fritz Walter« war jedoch nicht von langer Dauer oder besser gesagt, er verflog so schnell, wie er gekommen war. Ganz unschuldig war ich daran nicht. Tatsächlich trug ich wohl die alleinige Schuld. Nun war ich verständlicherweise sehr angetan, dass meine Ansichten auf so viel Interesse stießen, dass sie sogar dazu taugten, die Welt zu verändern, wie es einige behaupteten und erklärten man müsse beim Gesetz anfangen, sozusagen den umgekehrten Weg, wie Gesetze entstanden oder auch heute noch entstehen, reaktiv. So formten sie das Verhalten von Menschen, die schlichtweg weniger negative Verhaltensweisen an den Tag legten aufgrund ihrer Strafbarkeit. Soweit, dass selbst wenn es niemals möglich wäre, ihnen die Tat nachzuweisen, beispielsweise mitten in der Nacht auf einer einsamen Landstraße ohne jedweden anderen Verkehr oder Zeugen eine rote Ampel zu überfahren, sie dies trotzdem nicht taten. Nun ginge diesen Intellektuellen basierend auf meinen Worten davon aus, dass sich so noch ganz andere Verhaltensweisen abschaffen lassen, nicht in dieser oder der nächsten Generation, in denen die Strafe noch Bestand haben müsste, aber einer Studie nach in ca. 200 Jahren ein friedfertiges Zusammenleben vollkommen ohne Gesetz möglich wäre, wenn es jetzt drastischer Anwendung finden würde. Nicht anders, als in der klassischen Konditionierung, aber angewandt auf die Masse. Ähnlich, wie es ja in der Werbung bereits funktionierte. Aber wie bewirbt man Anständigkeit? Und die viel wichtigere Frage, wer zahlt dafür? Unsere Gesellschaft baut auf Fehlverhalten auf. Fehlverhalten schafft Arbeitsplätze. Ein Mensch, der zu schnell Auto fährt und dadurch einen Unfall verschuldet, fördert das Bruttoinlandsprodukt, da neben Polizei, Abschleppdienst, vielleicht Sanitäter, Autowerkstatt, Anwälte in Hülle und Fülle benötigt werden, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen, von dem sie Steuern zahlen. Um ehrlich zu sein, begann meine Arbeit an »Utopian ius« mit dem Unfall meiner Eltern, wobei ich sagen muss, dass es lange Zeit brachlag, sozusagen hegte ich nur den Gedanken.

 

Aber es gab auch eine Gegenbewegung, die das Vorhaben als totalitär bezeichneten, zumal zeitgleich ein ähnlicher Ansatz in China die Runde machte, und bis auf Technik und Ernährung nun einmal alles, was von da kommt, erst einmal mit großer Kritik bedacht wird, anstatt einen eventuellen Sinn & Zweck zu hinterfragen. Es benötigt tatsächlich nur das Stichwort »Überwachung«, um die Masse gegen sich aufzubringen, die jedoch unbekümmert jegliches Gebäude betritt, obwohl an der Tür ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht wird, dass sie in diesem überwacht werden. Da interessiert es sie nicht. Es beunruhigt sie nur in der Vorstellung. So muss, wie im Gericht, weitestmöglich davon abgelenkt werden. Der Nutzen für den Verbraucher oder Bürger muss überwiegen. So ist es nicht der Nutzen, dass durch die Überwachung Diebstähle verhindert werden, wodurch die Preise günstiger ausfallen können, denn soweit denkt der Mensch nicht. Im Gebäude oder sagen wir in einem Geschäft muss sie etwas locken, dass sie von dem Schild ablenkt. Problematisch wird es insbesondere, wenn der Nutzen nicht in ihre Lebzeit fällt. Und zum anderen, wenn es sich um etwas handelt, dessen Wahrscheinlichkeit anhand von Statistiken hoch ist, aber laut ihrer eigenen Einschätzung gering. Es handelt sich um etwas in unserer Natur oder Psychologie seit es Menschen gibt. Eine Funktion die gerechtfertige Angst unterdrückt. Tatsächlich musste ich damals selbst erst mit einem Fachmann darüber sprechen, denn in meiner Tätigkeit beschäftigte ich mich doch so häufig mit dem Gegenbeispiel, dass Menschen irrsinnige Dinge tun, als hätte sie keine Angst vor den Konsequenzen. Aber schon der Neandertaler konnte nicht einfach in seiner Höhle bleiben, in Sicherheit vor den Gefahren in der Außenwelt, sonst würde er verhungern. So musste er die Angst vor den Gefahren ausschalten, ein Denken erlangen, dass ihm schon nichts passieren würde. So fragte ich mich lange Zeit, wie Soldaten in den Krieg ziehen konnten (ich selbst wurde ausgemustert, wegen einer Sprunggelenksverletzung, die ich mir als Kind zuzog), insbesondere wie sie den Schützengraben verlassen konnten, wenn der, der es vor ihnen tat, von einer Kugel niedergestreckt wurde. Ein Schalter, der sich umlegt und dafür sorgt, dass dieser Soldat der festen Überzeugung war, dass es ihm nicht passieren würde. Eine extreme Form und im Krieg gab es Ausnahmen, die interessanterweise Symptome von Wahnsinn zeigten. Als ob, wenn diese Funktion fehlschlägt, davon auch andere betroffen sind. Doch so raucht der Raucher und zieht nicht in Erwägung, dass er davon Krebs bekommen könnte beispielsweise. So fahren wir müde Auto. So betreten wir die Straße, obwohl nicht weit entfernt kürzlich jemand überfallen wurde, wovon wir natürlich nur durch die Nachrichten in Kenntnis gelangen. Dazu muss ich anmerken, dass meine damalige Recherche, in der ich mich mit den Gefahren der Außenwelt auseinandersetzen musste, mich so sehr in Beunruhigung versetzte, dass ich mich tatsächlich eine Zeit lang nicht mehr traute, vor die Tür zu gehen. Sodass ich meine Arbeit für eine Zeit lang unterbrach, um wieder ein gesundes oder besser gesagt ungesundes Nicht-Risiko-Bewusstsein zu erlangen.

 

Wie also soll man den Menschen dazu bekommen, sein Verhalten anzupassen, um etwas auszuschließen, von dem er denkt, dass es ihm oder ihr ohnehin nicht passieren wird? Und vor allem ohne ihm oder ihr Angst zu machen? Denn und das stellte sich insbesondere heraus, kann der Mensch unter Angst sehr produktiv sein, sodass eine Gesellschaft basierend auf Angst durchaus funktioniert. So arbeitet die Werbung ja recht viel mit Ängsten, wenn auch in einem sehr gehobenen Stil muss man sagen. Sie macht keine Angst, sondern verwendet eine möglichst breit gefächerte Angst, wie zum Beispiel keinen Partner zu finden, um dann exorbitant, das heißt in einem Verhältnis von 90 zu 10, wobei 10% die Suggestion oder Benennung der Angst ist, ihr Produkt so in Szene zu setzten, als ob die Angst vollkommen unberechtigt sei, da man ja das Produkt kaufen kann. Sie lenkt ab. So sorgt Angst dafür, dass wir jeglichem Angebot, das verspricht, uns diese zu nehmen, Glauben schenken. Nun was bedeutet das für eine Gesellschaft, die auf Angst basiert? Ein sehr brüchiges Fundament, auf das sich eben nur begrenzt aufbauen lässt. Doch kann ich an dieser Stelle nicht den gesamten Inhalt meiner Schrift rezitieren oder ich könnte es, aber es wäre eben nicht zweckdienlich.

Anfangs bewunderte ich geschmeichelt diese Heerschar, die meinen Worten folgte, zumal sich den Intellektuellen schnell auch bestimmte Teile des sagen wir Pöbels anschlossen. Auch bei den Intellektuellen handelt es sich jedoch nicht um Intellektuelle der Renaissance, sondern mehr um Menschen mit Geld, wie auch immer sie an dieses gelangt waren, die sich kultiviert ausdrücken konnten, sich selbst gerne sprechen hörten und sozusagen Unterhalter für die Oberschicht mimten. Eine junge Oberschicht. Gleiches fand sich auf der anderen Seite, jedoch die, die gerne etwas über die Stränge schlagen, sich dabei als Verfechter von Freiheit aufspielten, die Aufgeschlossenheit predigten, wenn diese ihrem Sinn von Aufgeschlossenheit entsprach, jedoch im Grunde gegen jedwede Form der Veränderung waren, auch wenn sie, und das faszinierte mich jedes Mal aufs Neue, konstant ein modernes Denken forderten. Auch so gewannen sie Anhänger und duellierten sich verbal über meine Worte mit den jeweiligen Gegnern. Auch wenn ich anwesend war, was immer seltener vorkam, da sie andere Kanäle nutzen, als die eigentliche Diskussion am Tisch, über Zeitungen und vor allem im Internet, sprachen sie nie mich direkt an, sondern verfingen sich in Interpretationen von Textstellen und diskutierten ihre jeweilige Agenda. Nahezu, als wäre ich nicht verantwortlich für die Wörter, die ich geschrieben hatte, sondern als hätte ich nur ein Streitthema beschrieben, das längst schon vorher eins wahr und doch zitierten sie konstant meine Worte, was ein durchaus seltsames Gefühl war, konnte ich sie doch jederzeit erklären und in ihrer Anschauung widerlegen, so wie ich es davor getan hatte, aber das wollten sie gar nicht.

Durch diese Verbreitung meines Gedankenguts jedoch gelangte die Diskussion schnell in verschiedene Bereiche des Lebens, sodass ich plötzlich Menschen hörte, von denen ich niemals gedacht hätte, dass sie so etwas lesen würden, die ihre Meinung dazu äußerten, beim Friseur, den ich bärtig und ohne Brille aufsuchte, beiläufig an der Bushaltestelle wartend, oder sogar in dem Ausmaß, dass ein Student mit einem kleinen augenscheinlich selbst gemachten Stand auf der Straße versuchte mich von und mit meinen eigenen Worten von einer Pflicht zu handeln zu überzeugen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie abstrus diese Situation war und wie herrisch er auf mich einredete. Dabei waren es meine Worte, aber jeglicher Sinnzusammenhang war verloren gegangen, sodass ich mir tatsächlich nicht sicher war, ob er mein Buch überhaupt von Anfang bis Ende gelesen hatte, denn auch am Stand fand ich kein Indiz dafür. So war es ja eigentlich meine Absicht gewesen, überzeugend, hieb- & stichfest zu schreiben, aber doch der Ethik der Vernunft folgend nicht propagandistisch. Es sollte kein Zweifel übrig bleiben, natürlich war das meine Absicht, dafür machte ich doch Recherche und vergewissertet mich meiner Thesen. Aber wollte ich doch eigentlich, dass der Leser den gleichen Weg geht und nicht nur die letzte Seite liest. Es ging mir nicht darum, dass mein Pseudonym kaum noch Erwähnung fand, tatsächlich hatte irgendwann jemand damit angefangen, nur noch die Initialen zu nennen, bis irgendjemand anderes auch die Punkte wegließ, was wiederum Neudrucke, an denen ich keinen Cent verdiente, weil ich beim Vertrag nicht aufgepasst hatte, und weitere Fremd-Veröffentlichungen übernahmen.

F.W.

Sodass das Pseudonym zu einem herrenlosen Pseudonym geworden war, und da das Ausmaß mich zugegeben etwas überrollt hatte, auch wenn ich anfänglich eher positiv überwältigt war, hatte ich mich ohnehin zurückgezogen und erhielt gleichermaßen weniger oder ehrlicherweise gar keine Anfragen mehr, wodurch auch kein Gesicht mehr dazu existierte. Und keiner machte sich die Mühe, zumal wie gesagt, charismatischere Menschen meine Rolle eingenommen hatten.

Aber irgendwann ging es mir einfach zu weit. Tatsächlich kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen bei Demonstration, bis sogar ein Anschlag auf einen Richter versucht wurde. Der festgenommene, kürzlich arbeitslos gewordene, alleinstehende Krankenpfleger schrie meine Worte, bevor er mit einem Messer auf den Richter losging.

Ich schrieb einen mehrseitigen Artikel, den ich gleichzeitig an mehrere Zeitungen schickte, in dem ich einerseits auf den Ursprung der Worte verwies und damit klarstellen wollte, dass es sich um meine Worte handelte, aber umso wichtiger wahr mir den Menschen verständlich zu machen, dass es sich von Anfang an um eine Utopie handelte, ein Gedankenkonstrukt, eine Theorie, die nie für die praktische Form der Umsetzung gedacht gewesen war. Zumindest nicht im Jetzt von heute auf morgen. Das, was die Entwicklung nun einmal bestätigte, meiner Auffassung nach, gar nicht die Voraussetzungen für eine praktische Anwendung gegeben wären.

 

Und damit begann der Fall. Manche behaupteten es sei nicht echt, was andere anhand von Videos der frühen Auftritte widerlegten. Die Zeitungen recherchierten nach, ob die früheren Kontaktdaten mit der E-Mail-Adresse übereinstimmten, von der aus ich den Artikel geschickt hatte, verifizierten den Kontakt zum früheren Verlag, was sich als gar nicht so einfach herausstellte, den dieser war in der Zwischenzeit aufgekauft worden. Ich erhielt Anfragen nach Belegen und Interviews. Ich gab nur eins, in dem ich erneut das Missverständnis erläuterte. Aus Bewunderung wurde Hass meinem Pseudonym gegenüber. Geldmacherei, Rückgratlosigkeit, Feigheit, Verrat waren nur einige der noch zivileren Vorwürfe. Ich erhielt Mails, in denen mir geschilderte wurde, wie wichtig meine Arbeit für das Leben mancher Menschen geworden war, wie sie einen Glauben an etwas gefunden hatten, eine Perspektive für ihr Leben und die Zukunft, dass es sie sehr schmerzte, dass ich nicht mehr hinter meinen Worten stehe, aber sie dennoch nicht aufhören würden, sie zu glauben. Aber auch viele Beleidigungen und Androhungen von Gewalt, sodass ich bald darauf vollends Abschied von meinem Pseudonym nahm, die SIM-Karte das WC runterspülte und mich allem entledigte, was noch in irgendeiner Weise einen Bezug zu »Utopian Ius« herstellte. Ich wollte schlichtweg nichts mehr mit der Sache zu tun haben und verfolgte auch den Diskurs nicht weiter. Ich kehrte wieder zu meinem »normalen« Leben zurück, das ich zwischenzeitlich aufgenommen hatte, in der Rechtsabteilung einer Bücherei, die regelmäßig Veranstaltungen zum kulturellen Austausch anbietet. Nichts Aufregendes, aber irgendjemand muss ja sicherstellen, dass Urheberrechte & Lizenzen eingehalten werden und dergleichen.

 

Aber warum erzähle ich Ihnen das alles? Ich war so vernarrt darauf, nicht vorauszueilen, nicht vorschnell zu schildern, wie sich mein Leben ein zweites Mal aus den Fugen bewegte. Aber auch das trifft es nicht. Doch ich weiß, wie es ist, etwas zu erreichen. Das Wort Konsequenz ist mir nur all zu bekannt. Ich wollte ihnen versichern, was für ein Mensch ich bin, bevor ich fortfahre. Ich tue dies, dessen ich mich wie vorangefügt nicht rühmen kann, nicht für Ruhm, Geld oder Prominenz. Sie werden verstehen, dass ich all das hätte haben können, wenn ich gewollt hätte. Ja, wenn ich tatsächlich gewollt hätte, was hätte aus mir werden können? Ich hatte den Fuß in der Tür und zog ihn zurück, um sie zu schließen, denn das Rampenlicht lag mir nicht. Sie sollten verstehen, was mir zu Füßen lag. Ich hätte nicht nur für den Rest meines Lebens ausgesorgt, schließlich wäre es mir ein Leichtes gewesen, mein Pseudonym frühzeitig zu lüften und diese Rolle anzunehmen, ein Vorreiter und großer Denker zu werden, einer der herausragenden Intellektuellen unserer Zeit, den Kampf anzunehmen und darin aufzugehen. Aber ich tat es nicht. Warum? Wie viele Menschen erhalten diese Chance, für etwas zu stehen, öffentlich, eine Stimme zu haben in dieser manches Mal doch sehr abstrusen Welt? Und sie zu verändern? Die Gegenstimmen? Es wäre mir ein Leichtes gewesen sie zum Schweigen zu bringen, dafür muss man nur lange genug weiterreden, wie in jeglicher Form des Dialogs. Wenn man einen Punkt machen will, dann darf man sich nur nicht unterbrechen lassen, bis man am Ende des Satzes angekommen ist. Aber etwas in mir sträubte sich dagegen.
Zurückblickend schien ich bereits zu wissen, was ich heute weiß. Aber auch das ist ein Trugschluss! Der Mensch schafft sich Muster, wo keine sind. In den Wolken. Er fordert Logik. Diese Logik oder Kausalität kann so abwegig sein, wie ein Erschaffer, der über uns wacht, Geister, die unsere Leben lenken, oder eine kleine Gruppe von Menschen, die die Welt steuert. Verschwörungen, die jedoch allesamt einer Logik folgen, einen Sinn machen aus dem Chaos, indem sie ihm Namen, Gesetze & Regeln geben, nach denen es funktionieren soll. Selbst die Wissenschaften machen nicht davor halt, zugegeben auf eine unserem Verständnis nach fundierte Art & Weise. Sie testen lange, bis sie ein Fazit ziehen. Mehr noch, weil sie eine große Verantwortung in ihrer Arbeit sehen, insbesondere, da im Verlauf der menschlichen Geschichte und der dazu nun einmal gehörenden Wissenschaft gewichtige Fehler begangen wurden, die sich erst im Nachhinein als solche herausstellten. Je weiter sie kamen, desto vorsichtiger wurden sie. Und dazu muss gesagt werden, dass sie die Grenze zum Weltlichen längst überschritten haben. Die Daten, die sie dabei sammeln, wenn sie Radioteleskope auf der gesamten Erde zu einem Teleskop equivalent zu ihrer Größe zusammenschalten, an sich bereits ein Prozedere, das nicht mehr bloß auf reiner Physik basieren kann, die zwei Jahre lang von Hunderten Menschen ausgewertet werden müssen, um der Öffentlichkeit ein unscharfes Foto zu präsentieren, von etwas, dass sie nicht versteht oder verstehen kann, gleichen einer toten Sprache. Und jede Antwort bringt neue Fragen mit sich. Es hört nicht auf. Ein Gedanke, den ich Sie bitte im Kopf zu behalten, wenn ich Ihnen schildere, wozu ich mich entschlossen habe beziehungsweise nicht entschlossen habe. Aber dazu muss ich jetzt kommen. Doch, obwohl sie nun einen kleinen Einblick in mein Menschsein gewonnen habe, etwas, das sich bei meinen Überlegungen als wichtig herausstellte, denn einem Fremden glauben wir noch weniger, fand ich keine andere Lösung, da ich, wie erwähnt, nicht tatenlos bleiben konnte, als es ihnen mitzuteilen, so, wie ich davon erfahren habe.

Auch ich durchlief verschiedene Phasen, in denen ich nicht glauben wollte oder konnte, wie gesagt, wollte ich es ignorieren, selbst nachdem alle Puzzlestücke ineinander gefallen waren, als ob das Bild nicht existiere, wenn ich es nicht anblicke.

Die Geschichte. Doch nein, das ist der falsche Begriff. Dieser lässt sich leicht verwenden, für das, was ich ihnen soeben schilderte, meine Lebensgeschichte. Dann trifft es die Beschreibung recht deutlich, da wir aus unserer Erinnerung, die, was diverse Studien belegten, unglaubwürdig ist, was mir der Psychologe, mit dem ich damals sprach, erklärte. Alleine die Art & Weise der Stellung der Frage danach verändert unsere Erinnerung. Er erwähnte eine Studie, in der den Teilnehmern ein Video eines schlichten Auffahrunfalls gezeigt wurde. Nach einer gewissen Zeit wurden sie über diesen Unfall befragt. Ein paar erhielten die Frage »Mit welcher Geschwindigkeit fuhr Fahrzeug A in Fahrzeug B?«

Andere die Frage »Mit welcher Geschwindigkeit krachte Fahrzeug A in Fahrzeug B?«

Die Ersten gaben durchweg eine moderate Geschwindigkeit an, die nahe der realen Geschwindigkeit lag. Die Antworten der zweiten Gruppe fielen im Durschnitt höher aus, alleine, weil das Prädikat geändert wurde. So können wir von unserem Leben auf unserer Erinnerung basiert durchaus von einer Geschichte sprechen, denn diese ändert sich je nachdem, wie wir die Frage stellen. Aber was ich Ihnen eigentlich erzählen will. Doch auch das trifft es nicht. Erzählen können die Autoren. Die Geschichtenerzähler, die durch ihre Art & Weise des Erzählens in bessere oder schlechtere eingestuft werden können. Selbst eine gute, spannende, interessante Geschichte, kann durch einen schlechten Erzähler langweilig und fad wirken, etwas, das mit dem Begriff Empathie zu tun hat. Gemeinhin wird darunter die Fähigkeit verstanden, sich in die Lage eines Anderen zu versetzen. Es wird sogar davon gesprochen, dass Psychopathen diese Fähigkeit nicht besitzen, was jedoch erwiesenermaßen nur auf einem Missverständnis in der Definition basiert. So reagiert insbesondere der Psychopath auf sein Gegenüber. Eben nur in einer für ihn selbst zweckdienlichen Art & Weise. Ich muss zugestehen, dass auch ich um zu dieser Erkenntnis zu gelangen sehr viel lesen musste. So hatte der Psychologe mir diverse Bücher empfohlen, die ich las und doch nur bestätigt fand, was er mir als seine Sichtweise erläuterte, teilweise im genauen Wortlaut. Doch es schien zu meiner Erfahrung in der Kanzlei nicht ganz zu passen, also las ich weiter. Manches Mal auch sehr kontroverse Literatur oder besser gesagt Bücher, die von Menschen, die als kontrovers betitelt werden, geschrieben wurden. Darin fand ich dementsprechend auch sehr kontroverse Thesen, aber daneben auch interessante Kritik, auf die es die anderen Thesen zu prüfen galt. Je wahnwitziger die Kritik, desto einfacher die Prüfung, aber es musste doch geprüft werden, so wie ich eben auch wollte, dass meine Schrift geprüft wird. Und tatsächlich kann der Psychopath Menschen sehr gut lesen, zu einem großen Teil besser als der Durschnitt. Seine Intelligenz ist sogar grundsätzlich höher, was der These widerspricht, dass Firmenchefs oder Manager ein psychopathisches Profil aufweisen würden, denn eine Idee zu haben, hat an sich nicht viel mit Intelligenz zu tun. Ideen haben sehr viele Menschen. An der Umsetzung hapert es meistens. Was einem psychopathischen Profil entsprechen würde, wäre anderen Menschen seinen eigenen Willen aufzuzwingen. Aber die Menschen, die für sie arbeiten, tun dies freiwillig, insofern wie sich Arbeit zur Erzielung eines Lebenseinkommens, also um für sein Leben zu bezahlen, eine freie Handlung ist. Gerade heutzutage in der BRD gibt es für jeden eine Arbeit. Die Arbeitslosenzahlen ergeben sich daraus, welche Arbeit jemand machen möchte oder ob er überhaupt einer Arbeit nachgehen will. Interessanterweise, egal wie sehr sie sich beklagen, wollen die meisten Menschen Arbeit, denn es gibt ihrem Dasein einen Zweck, unabhängig vom Einkommen. Die Arbeit schafft grundsätzlich Sozialität in Form des Umganges mit anderen Menschen, was nur Wenige nicht bevorzugen. Sehr wenige. Die Arbeit befriedigt über die reine Erwirtschaftung des Lebenseinkommens hinaus sehr viele menschliche Bedürfnisse, nicht zuletzt eine Ordnung zu schaffen. Ohne die Arbeit wüssten viele heutzutage gar nicht mehr, wann sie aufstehen sollten. Früher als Bauer beispielsweise, eine aussterbende aber doch unheimlich wichtige und interessante Profession, gab die Natur vor, was wann getan werden muss. Eine Arbeit, die im Einklang mit ihr ist, ein Einklang, von dem wir uns unglaublich entfernten.

Aber um darauf zurückzukommen, ist es die Empathie, die uns gute von schlechten Geschichtenerzählern unterscheiden lässt. Wenn der Geschichtenerzähler, mag die Geschichte selbst noch sehr langweilig sein, diese mit Aufregung erzählt, empfinden wir diese Aufregung und die Geschichte als spannend. Empathie. Die daher nicht darin liegt, Mitleid für andere zu empfinden, sondern offen zu sein, sich von der Emotion des anderen anstecken zu lassen. So trifft es aber auch die Erzählung nicht, denn ich will Sie nicht unterhalten. Ehrlich gesagt möchte ich noch nicht einmal, dass sie mir zuhören oder diese Worte lesen. Trotzdem muss ich sie schreiben. Denn ich will Sie über etwas unterrichten. Wobei es nicht mein Anliegen ist, Sie zu überzeugen. Es geht sich nicht darum, Ihnen eine Wahrheit zu belegen. Und doch kam ich zu dem Schluss, dass es meine Pflicht ist, nicht mein Verlangen, jemanden darüber in Kenntnis zu setzen, weswegen es das Berichten am besten beschreibt. Ich kann nicht anders, als es zu berichten. Das muss ich und das ist meine Pflicht. Was danach folgt, obliegt nicht mehr meiner Verantwortung, so wenig, wie ich mich dafür verantwortlich zählen kann, dass ein junger Student mich auf der Straße eindringlich versucht von meinen eigenen Worten zu überzeugen. Ich trage eine größere Schuld, untätig zu bleiben, nichts zu tun, als wenn ich etwas tue, dass sich als falsch herausstellen könnte. Aber was ist falsch daran? Falsch mögen die Konsequenzen meiner Tat sein, aber nicht die Tat selbst. Und Konsequenzen gibt es nur in der Hand des Lesers. Ein Autor kann sich niemals schuldig machen, egal was er schreibt. Denn es benötigt erst einen Leser. Und das Lesen an sich gleicht nicht der passiven Aufnahme von Werbeslogans. Es gibt kein Buch, das nur einen Satz enthält. Das Lesen an sich ist grundsätzlich eine anstrengende Tätigkeit, sobald es über ein paar Absätze hinausgeht. Das heißt, der Leser muss erst eine Anstrengung verüben, um überhaupt einer Wirkung zu erliegen. Ich dachte gerade in Anbetracht meiner Erfahrung lange darüber nach, ob es überhaupt meiner Verantwortung unterliegt, welche Konsequenzen dem folgen. Und ich möchte Sie daran erinnern, dass ich nicht mutmaße, sondern ein exakt ähnliches Szenario schon einmal durchlief, wenn auch in einem wesentlich kleineren Rahmen. Es handelt sich nicht mehr um Theorien. Ich weiß, was es heißt zu haben oder haben zu können, und welche Kosequenzen eine Handlung mit sich führen kann. Ich schilderte Ihnen dies, genau aus diesem Grunde. Ich weiß, was ich tue und ich kam zu keinem anderen Schluss, als es zu tun. Als es zu berichten. Etwas, das so weitreichend ist, dass es alles ändert, solange bis alles wieder am gleichen Fleck erscheint, wodurch nur der Narr annehmen könnte, es hätte sich nichts geändert.

 

Ich hatte einmal einen Mandanten. Er wollte sich eigentlich selbst vertreten, aber ich wurde ihm als Pflichtverteidiger zugewiesen. Ein zu gewöhnlicher Mensch, um interessant zu sein. Er trug gerne Parka, diese Bundeswehr-Parka in bleichem Grün, beziehungsweise trug er immer denselben. Abgesehen davon war sein Modestil doch recht allgemein. Jeans mit irgendwelchen Turnschuhen dazu und ein T-Shirt mit Aufdruck einer Marke, oder vielleicht waren es Bands. Der Unterschied war jedoch kaum ersichtlich. Und wer weiß das schon heutzutage. Seine Haare, die er wie seit seiner Jugend gewohnt mit etwas Gel züchtete, die jedoch seit der Jugend etwas an Menge gelassen hatten, etwas nach hinten gelegt. Nicht, wie ein Mafiosi. Sondern so einen Windhaarschnitt halt. Und Stoppelbart. So, als hätte er wenig Zeit sich darum zu kümmern, und als wäre ihm dies auch nicht mehr so wichtig. Wie ein Familienvater, und das war er auch, der sich eben zweckmäßig kleidete. Zweckmäßig in dem Sinn, dass nicht so viel Geld da ist, um jede Woche neue Markensachen zu erwerben und die Eroberung des anderen Geschlechtes eben bereits mit zwei Kindern besiegelt war. Einem Sohn und einer drei Jahre jüngeren Tochter. Er hatte schlichtweg Mist gebaut und war einmal zu oft schwarzgefahren. Also einmal zu oft für die Bahn. Tatsächlich log er zuerst und sagte, dass sei nicht der Fall gewesen. Dass jemand wohl seinen Namen verwendet haben muss. Dabei stotterte er schon, als verstand er es einfach nicht zu lügen. Dies ist überhaupt sehr oft bei Mandanten der Fall. Zunächst bin ich ja Fremder. Und warum sollten sie einem Fremden die Wahrheit sagen? Niemand tut es. Das heißt nicht, dass wir Fremde willentlich anlügen, aber wir sagen nie die Wahrheit. Haben Sie schon einmal wahrheitsgemäß auf die Frage eines an sich Fremden, wie eines Kollegen einer anderen Abteilung, dem Besitzer eines Kiosks, zu dem sie selten gehen, oder dem Nachbarn im Aufzug, nach Ihrem Wohlbefinden in der schlichten Form »Wie geht's?« wahrheitsgemäß geantwortet? Spätestens ab dem zweiten Mal am selben Tag nicht mehr. Und so fällt es uns schwer, uns Fremden zu öffnen. Und noch mehr, dabei Fehler zuzugeben. So gehört es dazu, in meiner Tätigkeit, etwas nachzubohren.

Theoretisch tun wir nichts anderes. Wir bohren nach. Wir hinterfragen, bis wir alle Informationen zusammenhaben und dann legen wir sie in die Form des Gesetztes und schieben so lange herum, bis sie passen. In seinem Fall kannte ich glücklicherweise die Richterin sehr gut. Tatsächlich hegte ich gewisse Gefühle für sie, wobei ich für sie wohl nur ein netter Kollege war, mit dem sie sich sehr gut verstand. Nun, es obliegt der Bahn, wie sie Verstöße gegen ihre Hausordnung ahndet und er schien oft genug dagegen verstoßen zu haben, dass er jetzt hier saß. Es spielte keine Rolle, auch wenn er erklärte, dass es einen Grund gehabt hätte, und zwar, dass der Kindergarten nur zwei Stationen von ihrer Mietwohnung entfernt lag. Morgens nahm er sich gerne die Zeit und brachte die Jüngere, der Sohn war bereits in der Grundschule, gerne zu Fuß, zumal er ihr Zeigen wollte, wie der Verkehr funktionierte, worauf sie achten müsse und lieber ein zweites Mal nach Links zu sehen, bevor sie auf die Straße trat, auch wenn es grün war. Oder auch, dass sie sich vor einem Hupen nicht erschrecken brauchte. Sie lebten noch nicht so lange in der Großstadt und waren vor einigen Jahren vom Land weggezogen, schlichtweg, weil er einen Job in der Stadt gefunden hatte. Die Stadt, die auch näher an ihrem Arbeitsplatz lag. Zudem kam, dass es tatsächlich mit allem zusammengerechnet, wie Spritgeld für Einkäufe und derlei, günstiger war, beziehungsweise bezahlbarer. Gelernt hatte er nichts, aber er war handwerklich sehr geschickt und fand so am richtigen Ort immer etwas zu tun. Gerade war er in einem Betrieb, der aus Marmor unter anderem Grabsteine herstellte. Er erklärte: »Also wir machen auch andere Sachen, nur hauptsächlich Grabsteine.«

Als wäre es etwas Schlimmes oder Verwerfliches. Tatsächlich sprach er ehrlicher über sein Leben, als über das, weswegen er in der Kanzlei war. Er schien durchaus eingeschüttert in unserem einfachen Besprechungsraum mit Gläsern und Getränken auf dem sieben Meter langen Tisch, einer Flipchart, Projektionswand mit Laptop & Beamer, und der fantastischen Aussicht auf den Marktplatz. So erklärte ich ihm zunächst, wie schon so häufig, dass ein Anwalt nichts anderes ist, als ein Steuerberater, der ihm am meisten rausholen kann, wenn er alle Unterlagen, Belege und Informationen zur Verfügung hat. Erstaunlicherweise lügt selten jemand den Steuerberater an oder zumindest öffnen sie sich meistens unmittelbar nach diesem Vergleich. So auch er.

Und darüber hinaus oder abgesehen davon war er erstaunlich locker. Sobald sich diese Barriere einmal gelegt hatte, sprachen wir über alles Mögliche. Er spielte gerne Schach und verglich es mit der Rechtsordnung:

»Als Bauer kann man sich nur so und soweit bewegen und dann gibt es andere, die kennen sich besser damit aus und gehen weiter oder sogar Diagonal«, er lachte »Man könnte sagen die Pferde sind wie Kriminalität, wo das Gesetz übersprungen wird, aber auch, dass nur in einem gewissen Rahmen. Ist schon ein interessanter Beruf.«

Dann hielt er inne.

»Aber was wird es kosten?«, fügte er besorgt hinzu.

Zugegeben war die Forderung der Bahn utopisch, aber auch diese hatte ja Rechtsexperten, die wussten, wie es funktioniert, und höher ansetzten, da der »Täter« ja einen Anwalt hinzuziehen musste, oder eben die utopische Summe zahlen würde, als Schadensausgleich.

Ich erklärte, dass das, was auf dem Papier steht, nie im Leben gezahlt werden muss, doch, dass ich auch nichts versprechen oder garantieren könnte, außer dass es maximal 75% der Summe inklusive Anwaltskosten wären und wahrscheinlich weniger.

»Wie wahrscheinlich?«, fragte er und lächelte.

Ich zögerte und überlegte.

»Sehr wahrscheinlich. Sehen Sie, ich kenne die Richterin ganz gut und ich weiß, dass sie nächste Woche Urlaub macht. Das heißt, der Fall muss von jemandem anderen übernommen werden und das bedeutet Papierkram.«

»Aber die Wahrscheinlichkeit können sie nicht sagen?«

Ich verneinte, als er meine Verwunderung bemerkte.

»Ach so, ich frag nur. Ich beschäftige mich gerne mit Mathematik, also wenn sich etwas errechnen lässt, setze ich mich gerne dran und mein Sohn fragt immer, weil sie Wahrscheinlichkeit leider noch nicht in der Grundschule besprechen. Dann hätte ich ein schönes Beispiel, also ohne zu erwähnen, dass ich was verbockt habe. Muss meine Frau eigentlich davon erfahren?«

Ich lachte.

»Haben Sie ein gemeinsames Konto?«

Er schüttelte den Kopf.

»Wollte sie nicht. Aber sie hat Zugriff auf meins.«

Ich erklärte ihm, dass die Kanzlei natürlich auf dem Kontoauszug später zu sehen seien wird und dass wir daran auch nichts ändern könnten, aber, dass es auf unserer Seite sonst keinen Grund gab, dass seine Frau von seiner Missetat erfahren müsste. Doch interessierte mich sein Hang zur Mathematik, da ich dachte, dass er doch mit so einem Talent eigentlich einer anderen Tätigkeit nachgehen müsste, was ich ihm so natürlich nicht mitteilte. Er zuckte die Schultern.

»Ist nur ein Zeitvertreib. Ich löse solche Rätsel gerne oder versuche es zumindest. Wie auch so Schach-Rätsel. Und alles baut irgendwie darauf auf. Das versuche ich meinem Sohn mitzugeben.«

Ich hörte neugierig zu, hatte die Akte zur Seite gelegt und mich ihm zugewandt, denn, hatte ich auch nie ein großes Interesse in diesem Bereich gehabt, faszinierte es mich doch, wie klassische Musik, wie man von 1 + 1 = 2 zur Relativitätstheorie kam oder dazu Radioteleskope miteinander zu koordinieren, bis sie die Größe der Erde erreichten. Er meinte:

»Im Grunde ist es ganz einfach, wenn man einmal die Sprache versteht. Es steht noch zur Diskussion, ob der Mensch Mathematik erfunden hat oder ob es die Sprache des Universums ist.«

Aber sein Sohn sei trotzdem stetig gelangweilt, wenn er ihm diese Faszination vermitteln wollte. Wir quatschten, denn sprechen kann man es fast nicht nennen, noch eine halbe Stunde nach dem Termin, bis ich das Gespräch leider beenden musste, weil ich noch einen nächsten hatte.

Zufällig trafen wir uns ein paar Tage danach wieder, als ich in der Mittagspause im Supermarkt nach Sandwiches suchte und bemerken musste, dass er gerade das Letzte mit Thunfisch ergattert hatte und es sichtlich zu feiern schien, als er zur Kasse trat. Ich verzichtete auf das Sandwich, wartete in der Schlange, weil ich einen kalten Kaffee mitnahm, und begrüßte ihn erst draußen vor der Tür. Er freute sich, mich zu sehen und fragte, ob es schon Neuigkeiten gäbe. Ich hatte vergessen mit der Kollegin zu sprechen, aber erklärte, dass es jetzt nur noch die bürokratischen Erledigungen gäbe und er in ein paar Wochen Bescheid bekäme, was durchaus der Fall war, da ich sie eben nach der Mittagspause anrufen würde. Ich hatte es mir mit Absicht für den Nachmittag aufgehoben, denn wenn ich bereits vormittags mit ihr sprach, war der restliche Tag nur noch Warten bis zum Feierabend. Wenn ich es jedoch hinauszögerte, freute ich mich auf den Rest des Arbeitstages. Aber ich lud ihn ein auf einen Kaffee, da ich ja noch 55 Minuten zu überbrücken hatte. Zumal ein weiteres Gespräch sich als interessanter versprach, als Zeitung zu lesen oder den Kollegen in die Hände zu laufen, die entweder oder hauptsächlich über Handball, anderen Sport oder über andere Kollegen sprachen, wenn es sich nicht vollkommen um Small Talk handelte.

Er hatte immer lustige Anekdoten über seine Kinder, wie wenn die Jüngere gegen das Zubettgehen protestiert und sich so in Rage begeben hatte, dass sie danach achtlos gegen die Glastür gelaufen war. Aber er hatte auch ein Geheimnis. Etwas, auf das er hin und wieder zu sprechen kam, aus Versehen, wie als er schilderte, wie er zu spät war, den Großen vom Fußballtraining abzuholen, weil er noch arbeitete, aber mit arbeiten nicht seinen Beruf meinte, sondern etwas, dem er sich in seiner Freizeit hingab. Mathe.

Er verbrachte sehr viel Zeit damit, als wäre es ein Hobby, neben Konzerten, die er mit seiner Frau immer noch besuchte, schließlich hatten sie sich bei einem kennengelernt, und dass auch die Bands älter wurden. Also nicht parallel zu ihnen, sondern dass er jetzt feierte, was einst sein Vater gefeiert hatte. Ebenso trafen sie sich mit anderen Eltern. Seine Freunde hatten es ihm damals krummgenommen, dass er für eine Frau das Bundesland verließ. Kontakt hatte er nur noch zu einem, der der im gleichen Jahr Vater geworden war, wie er selbst.

Ich muss zugeben, dass das Geheimnis es spannend machte, als würde oder müsste er sich in gewisser Weise dafür schämen. Und so fragte ich nach.

Er hatte sich freizeitlich und ohne Ausbildung daran begeben, Relativitätstheorie und Quantenmechanik miteinander zu verbinden. Ich wusste erst nicht, was das bedeutet, tat jedoch so, um mehr zu erfahren. Erst zuhause las ich nach, dass es sich dabei um ein Paradox der Wissenschaft handelte. Ich guckte mir sogar eine Vorlesung als Video an, um genauer zu verstehen, warum dies überhaupt paradox wahr. Um es abzukürzen, er hatte sich schlichtweg einer Mammutaufgabe angenommen. Aus freien Stücken.

 

Danach liefen wir uns erstmal nicht über den Weg, aber er schien einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Denn er kam ohne Termin in die Kanzlei. Eigentlich, um sich zu bedanken, da er nur hatte die Verfahrenskosten zahlen müssen. Dazu muss ich leider anfügen, dass ich in der Zwischenzeit eine Beziehung mit der Richterin angefangen hatte. Und lassen sie mich dies gleich vorwegnehmen, Beziehungen, gute Beziehungen sind das Tagesgeschäft von Anwälten. Schlecht laufende Beziehungen führen aus eigener Erfahrung zum Ausschluss aus der Kanzlei. Nicht, dass innerhalb unserer Beziehung etwas schief gelaufen wäre, aber als unsere Auffassungen von der Art & Weise wie es laufen sollte, nicht ganz zueinanderpassten, wirkte sich dies auch auf unser berufliches Zusammenleben aus. Ich fürchte, dass ich es an dieser Stelle erklären muss, sonst währen Sie als Leser im weiteren Verlauf abgelenkt.

Sie wollte Halt und ich suchte den Raum, um mich fallen zu lassen. Mehr werde ich nicht dazu sagen. Aber Gefallen konnte ich mir von ihr nicht mehr erhoffen, wodurch aus meinem zuvor minimalen Einsatz rasch Misserfolge resultierten und mir nahe gelegt wurde, eigenständig weiter zu gehen. Und mit einer Kanzlei sollte man sich nie auf Rechtsfälle einlassen. So viel wusste ich doch.

Aber wir hielten Kontakt. Nicht ich und die Richterin, die mir ein halbes Jahr später einer Nachricht schrieb, dass sie das nicht gewollt hatte, sondern der Familienvater und ich. Er hatte angerufen, nachdem er erfahren hatte, dass ich nicht mehr in der Kanzlei tätig war.

Er erzählte mir in seiner Mittagspause, da ich quasi für ein paar Monate alle Zeit der Welt hatte und mich so über Zwischenmenschlichkeit sehr freute, dass er inzwischen einen neuen Job hätte, bei der Bahn, und dass er dadurch umsonst fahren könnte. Er zeigte mir, wie weit er an seinem Werk war, und ich zeigte ihm, was ich für »Utopian ius« bereits geschafft hatte, was ich jedoch nie als Buch beschrieb, sondern schlichtweg Gedankengänge schilderte, die mir dabei gekommen waren.

Er philosophierte darüber sehr gerne, wie ein Staat an sich funktionieren könnte, was Demokratie bedeutet oder wie es wäre eine Partei zu gründen.

 

Wir wurden keine Freunde, aber trafen uns immer mal wieder zum Zweck des Austauschs. Man könnte es einen gemeinsamen Respekt nennen. Für ein gewisses Themenfeld, in dem man sich gegenseitig ergänzt. Weder lud er mich zu den Fußballspielen seines Sohnes ein, noch ich ihn zu mir nach Hause. Letzteres, weil ich mich etwas schämte. Während er über eine ziehende, hölzerne Wohnungstür, dünne Wände und Schimmel an der Badezimmerdecke klagte, hatte ich eine Putzfrau, die Wohnungstür war so massiv, dass ich, selbst wenn ich lauschte, was ich natürlich niemals tat, kein einziges Geräusch vernehmen konnte. In meiner Wohnung war es still. Still, wie in einem Grab. Und so weiß, wie in einer Leichenhalle. Ich schämte mich schlichtweg ihm zu zeigen, wie kahl das Geld ist. Doch verstanden wir uns gut, und wenn ich jemals einen Freund hatte, war er es. Und ich hatte Freundschaften davor. Keine Frage. Aber nie auf diese Art & Weise. Er forderte mich heraus, nicht nur zu beschreiben, sondern den Gedanken zu hinterfragen für mein Buch, von dem ich ihm, wie gesagt nichts erzählte, und ich forderte ihn. Mit den Mitteln, die uns beiden, als Autodidakten zur Verfügung standen, ergänzten wir uns. Ich informierte ihn über neue Begebenheiten, wie auch den Tod von Stephan Hawking, den er mit großer Trauer hinnahm. Auch erzählte er von seinen Werken, die ich erstaunlicherweise sehr leicht lesen konnte. Leichter als mir die Betrachtung des ersten jemals gezeigten schwarzen Loches war.

So erfuhr ich von einer seiner Theorien, dass die Vorsicht der Wissenschaftler Begründung hatte, wie könnte es auch sonst sein, dass wenn sie in kilometerlangen Röhren Dinge, die wir nicht sehen können, gegeneinander schießen, Vorsicht geboten sei, denn in einem von einhundertausendmillionenmilliarden Fällen, könnte dabei etwas entstehen, dass das Ende alles Seins bedeutete. Ein so großes Vakuum, dass es alles andere in sich aufnehmen würde, bis es nicht anderes aussehen würde, als dieser unscharfe Feuerglutkreis in der Dunkelheit.

Er erklärte mir auch über die Ausdehnung des Universums seit dem Urknall. Wie es einst plötzlich entstand, wie das Platzen eines Luftballons. Und während sich auf der einen Seite Moleküle jagten, hatten sie sich auf der anderen Seite bereits verbunden, schafften Sterne, die aus der Ferne wie fotografierte Blitze wirkten. Heute nennt man sie Galaxien. Wie die Verästelungen von Bäumen, die doch nicht so unähnlich einer menschlichen Hand sind, die in den Himmel reicht.

Dies wurde mir nicht auf einmal bewusst. Tatsächlich verging viel Zeit, in der ich auch wieder Kontakt mit ihr hatte, und viele Treffen, bevor sich dieser Zusammenhang überhaupt erschloss. Nebenbei hatte ich dieses Mal die Reißleine gezogen, weil sie mehr wollte, als ich glaubte, ihr bieten zu können.

So beeinflusste mich gerade dann diese Erkenntnis nicht. Sie geschah beiläufig, während ich mich fragte, ob nicht unser Für und Wider im Grunde irgendetwas beweisen würde. Insbesondere neben den Wandlungen, die mein Leben als Pseudonym nahm. Wenn er ein Freund wahr, musste sie Liebe sein, aber eben nicht die Freundschaft, die in der Unterhaltungsindustrie gepredigt wird, und nicht die Liebe, die uns von Werbeplakaten anschreit. Sie war ein Mensch, dem es mir nicht egal war nachzugeben. Ehrlicherweise zweifle ich heute noch daran, ob es sich nicht vermeiden lassen hätte können, wenn ich sie nur geliebt hätte. Zumindest wäre dann nicht ich der Mensch gewesen und tatsächlich weiß ich nicht, ob dies hierhin gehört, aber ich kann Ihnen nicht bloß kafkaesk eine Handlung schildern. Nicht, wenn ich selber Teil dieser bin.

So muss, wenn ich den Glauben finden will, auch geschildert werden, was mich im Inneren beeinflusste oder beeinflusst haben könnte. In der inneren oder menschlichen Realität im Vergleich zu der Medienindustrie. Ich möchte schlichtweg jeden Zweifel ausschließen. Man kann behaupten, dass große Reden immer nur von Menschen gehalten wurden, die unzufrieden waren. Nicht nur durch ihre Unzufriedenheit, sondern weil ihr Leben unmittelbar davor sie in ihrer Unzufriedenheit bestätigte. So möchte ich ausschließen, dass meine emotionale Befangenheit mit dieser Person, auch nur irgendwelche Einflüsse, auf das Folgende hat. Und deswegen muss ich es nennen. Ebenso wie ein Anwalt nun einmal alle vorhandenen Informationen benötigt. So muss ich leider auch mit ordinären Konventionen des Erzählens brechen, über die ich mich im Verlauf der Arbeit an meinem Buch natürlich informiert habe. Tatsächlich ist es mein Anliegen, dass dieser Bericht so verständlich wie möglich ausfallen soll. Und so muss ich zwangsläufig über mich schreiben, auch wenn ich dies nicht mag.

Er hatte es nicht so gesagt. Ich möchte seine Identität schützen. Er hat nichts mit der Sache zu tun. Daher nenne ich ihn ab jetzt Tom.

Als ich mich mit den psychologischen Studien beschäftigte, gelangte ich zu einem Fall. Es ist seltsam, dass man sich, sobald man sich einer Materie widmet, an sich eigentlich nicht mehr aufhören könnte, wenn es nicht noch so viel anderes gäbe.

Was für ein Mensch, der hundert Jahre wird, und sein ganzes Leben lang nur ein und dieselbe Tätigkeit ausführte. Er muss so verdammt gut darin gewesen sein.

 

Es begann eines Tages. Nun ist die Frage, ob es mir aufgefallen wäre, wenn ich nicht zuvor mit Tom gesprochen hätte und nicht mit der Richterin, mit der ich danach die beste Beziehung meines Lebens habe, nicht dass wir zusammen wären, aber sie ist mir der nächste Mensch, Schluss gemacht hätte und nie in der Kanzlei angefangen hätte, tatsächlich einem anderen Studienfeld nachgegangen wäre und so weiter. Aber diese Fragen führen zurück, nicht nach vorne und Sie merken, wie sehr ich mich davor drücke, wie sehr ich Ihnen lieber meine intimsten Geheimnisse offenbare, als Worte zu finden. Es klingt so leicht. So leicht zu Verwechseln für etwas anderes, aber so hat es sich nun einmal zugetragen.

Es war ein Tag, an dem alle Menschen müde waren. Jeder Einzelne, den ich im Arbeitsalltag traf, auf der Straße oder im Zug war unheimlich müde. Und es war nicht nur am Morgen. Auf der Arbeit gähnte der Kollege die ganze Zeit, andere streckten sich in ihrem Alltag, und je mehr ich mich umsah, trugen alle den gleichen Gesichtsausdruck. Hier überhörte man einen Fetzen von Vollmond, da klagte jemand über die Matratze, die doch gerade neu wahr, oder darüber, dass Kollegen heute unglaublich unkonzentriert waren. Es schien tatsächlich so, als hätten die Menschen, zumindest die, die ich traf, allesamt nicht gut geschlafen. Ein Gefühl, was ich jedoch nicht teilte, denn ich war immer müde und schlief nie gut. Wenn ich noch als Kind egal wo und zu welcher Tageszeit Schlaf fand. So verlor ich diese Eigenschaft irgendwann in der späten Jugend.

Am selben Tag erklärte Tom mir am Telefon, dass er etwas Herausragendes gefunden hätte. So erklärte er es, im Grunde war es nur ein Zusammenhang. Und letztendlich nur die Lösung eines Schachrätsels, über die er jedoch sehr aufgeregt war. Auch er war müde.

Beiläufig erzählte er, als er an seinem Alt trank, es war noch früh am Tag, aber zu dieser Zeit lebten wir beide etwas in ihn hinein, dass sie jetzt das Gottesteilchen gefunden hätten.

Aber aufgrund der sich einstellenden Trunkenheit sprachen wir nicht weiter darüber, sondern gingen uns visuelle Kunst von der nächsten Generation anschauen. Da hatte jemand einen Luftballon platzen lassen. An sich nichts Außerordentliches, aber er oder sie hatte den Luftballon in etwas eingehüllt, wie die Menschen- und Tierscheiben in dieser kontroversen Ausstellung, die zumindest meiner Ansicht nach, nie Kontroversen bedingt hätte. Aber sie hatte den Moment des Platzens plastisch eingefangen, wie auch immer sie das geschafft hatte. Ein merkwürdiges Werk, das oberflächlich so simpel erscheint, aber doch irgendetwas ansprach, denn die Besucher blieben reihenweise davor stehen. Als wüssten sie etwas. Etwas, das jedoch nicht bestätigt wurde, als ich mir den Luftballon ansah. Viel mehr interessierte mich, wie viel Zeit sie wohl darein investiert hatte, ob es vielleicht mehrere Ballons wie diesen gab und wenn, was der Grund war, warum sie sich für diesen entschieden hatte.

 

Es jagte mich. Ich dachte in meinen Träumen und wachte den Gedankengang weiterführend auf, ohne zu einem Schluss zu kommen. Ich sah nicht den Luftballon, aber Personen forderten etwas von mir, das damit im Zusammenhang stand. Im Traum. Nun muss ich sagen, dass dies zeitgleich mit der Veröffentlichung meiner Schrift einherging. Aber etwas schien sich maßgeblich geändert zu haben. Wie der Geruch der Luft an den ersten Frühlingstagen. Aber etwas Größeres als die Jahreszeiten. Etwas passierte oder war in Gang geraten. Wie das langsame Brechen des Eises eines Gletschers. Ein Knacken. Tage später ein Tropfen an einer vollkommen anderen Stelle. Wochen später ein seichter Windstoß. Eine landende Schneeflocke. Überaus niedrige Temperaturen, sodass er fast in Dutzende Kristalle zu zersplittern droht, und ein weiterer Tropfen, ein Knacken aus dem Knacksen wird. Das Wasser weiß es schon davor und wirft eine Welle, als könnte es das Kommende verhindern oder abfangen. Und dann saust das wuchtige Bruchstück eines Tages hinunter, zieht weitere mit sich, als hätte es noch versucht, sich an ihnen zu halten. Und dann siehst du es. Dass eine Antwort Dutzende weitere Fragen aufwirft. Nicht nur in der Wissenschaft, sondern überall. Ein andauernder Hall, der jedoch nicht akustisch zu vernehmen ist, aber sensorisch, obwohl ich nicht genau sagen kann, welcher Sinn ihn wahrnimmt. Aber etwas war entschieden anders. Bis heute weiß ich nicht, ob es meine Wahrnehmung war und zweifele, aber egal, wie man es dreht und wendet, deutet es ein ums andere Mal in dieselbe Richtung.

 

Es wird zu viel. Vielleicht wird es zu viel. Ich bemerke beim Schreiben, wie schwachsinnig es klingen muss und zögere. Rauche wieder, was sie mir abgewöhnte, da sie darauf sehr empfindlich reagierte, sodass ich tatsächlich zustimmen musste, mindestens drei Stunden, bevor wir uns sahen, keine Zigarette mehr zu rauchen. Und als wir zusammenzogen natürlich eigentlich gar nicht mehr oder höchstens in der Mittagspause. Ich tat es dennoch. Testend, wann sie es überhaupt sagen könnte. Aber nicht um sie zu provozieren, oder schon, aber nicht aus bösem Willen. Sie war nie sauer. Aber trotzte für kurze Zeit, bis es keine Rolle mehr für sie spielte. Und ich mochte es sehr, wenn sie so wahr. Darin war sie so unglaublich schön, dass es mich jedes Mal zum Lächeln brachte.

Nicht nur mir gegenüber, sondern auch im Alltag. Nie hatte ich sie im Gericht so gesehen. Sie war ein durchaus zerstreuter Mensch, wenn sie nicht die Robe trug. Sie regte sie nie wirklich auf, aber schimpfte doch, wenn eine Tür klemmte. So wunderschön unbeholfen.

Bereits da war mir sicher, dass etwas stattgefunden hatte, aber wusste nicht, ob es schlicht und einfach mein Leben betraf. Denn es lief gut. Ein durchaus ungewohnter Zustand.

Nicht, dass es mir davor schlecht gegangen wäre, aber man merkt den Unterschied erst, wenn die Veränderung da ist. Eine gewisse Leichtigkeit der Welt gegenüber.

Doch Dinge begangen sich zu wiederholen. Zuerst waren es Schlagzeilen in den Medien, von denen ich hätte schwören können, dass sie exakt so nur vor wenigen Wochen abgedruckt wurden. Im Wortlaut. Doch als ich es einmal nachprüfte, da dieses Gefühl mich bis in meinen Traum verfolgte, war es schlichtweg nicht der Fall. Ich brach ab, als ich mich fragte, ob es eine andere Zeitung gewesen sein könnte, und kurz bevor ich mich daran machen wollte, dieser Frage nachzugehen, da es sich doch um einen einfachen Trugschluss handeln musste.

Tatsächlich vergaß ich es, als die Beziehung erneut in die Brüche ging. Wahrscheinlich lag es an mir, denn zu dieser Zeit baute ich an meinem Pseudonym und den letzten Zügen von »Utopian ius«, von dem sie natürlich nichts wusste, auch wenn es ihr einmal sehr leidtat, als sie auf der Suche nach etwas meinen Ausdruck der ersten hundert Seiten vom Tisch geworfen hatte. Versehentlich, was sie betonte. Interessanterweise kümmerte es mich nicht. Arbeit, die darein geflossen war, und ich hatte die Seiten am Vorabend neu sortiert und mit Notizen versehen, aber es war mir gleich. Nicht gleich, denn es brachte mich zum Lächeln, wie sie versucht hatte, die Seiten neu zu ordnen und dabei von meinen Notizen ganz durcheinander war, wenn auf Seite 63 stand »à 70 es muss aufbauen wie ein Essay«.

Klar fragte sie dann und war hellauf begeistert, als ich ihr erklärte ich schriebe ein Buch über unsere Arbeit, wodurch sie von einem endlich einmal gut und realistisch erzählten Krimi ausging. Wobei ich es beließ.

Und vielleicht lag es daran, dass ich es ohne Unterstützung fertig schreiben musste, dass der Eisberg bereits knackte, denn je mehr mein Wunsch wahr wurde, desto mehr entfernten wir uns wieder. Auf Nachfrage hatte Tom mir ein paar Bücher empfohlen, die ich las, obwohl ich vieles nicht verstand.

Es ist so, dass aufgrund der Geschwindigkeit des Lichts wir theoretisch gesehen, von einem weit entfernten Planeten in unsere Vergangenheit gucken könnten. Je nach Entfernung des Planeten wären dies die Dinosaurier oder Napoleons Schlacht bei Waterloo. Aber es wäre alles theoretisch noch da. Im Licht. Auch gab es viele Theorien zur Struktur des Universums, Schwämme von Multiversen oder Entstehung von schwarzen Löchern. Dinge, die ich in den Grundzügen verstand, so wie es mir nun einmal leicht fiel mich in etwas hineinzuarbeiten, wenn mir auch eben die Basis der Physik fehlte. Und vielleicht deswegen ergaben sich nur wenige Stunden später Lücken, wodurch ich die betreffende Stelle erneut lesen musste.

Eines Tages schilderte ich Tom meine Theorie, die interessanterweise zu dieser Zeit gar keine Theorie mehr war, aber ich konnte sie nicht beenden, einerseits, weil er bereits am Anfang testete, so wie er es beim Schachspiel tat »Wenn ..., dann ...«.

Und das »Dann« benötigte seine Zeit, zumal seine Kinder zu meiner Freude hin und wieder unterbrachen. Und noch während des Gespräches wurde mir klar, dass dies nicht der Platz war, um mit ihm darüber zu sprechen. Nicht der Platz im Sinne des Ortes. Sondern der Zeit. Und es würde keine andere geben.

An dieser Stelle rufen Sie sich bitte noch einmal die Fragen, die nur weitere aufwerfen, in der Wissenschaft in Erinnerung. Fragen, deren Antworten nur weitere Fragen aufwerfen. Eine nie enden wollende Aufgabe.

Folgt dies nicht der Logik eines Traumes? Ist es nicht im Traum, wo wir für gewöhnlich eine einfache Absicht haben, aber sie nie erreichen? Weil die Handlung durch Dutzende Nebenhandlungen gekreuzt wird? Und doch vergessen wir sie nicht. Und wollen nur den Ausweg finden, um sie zu erledigen, den Zug zu erreichen oder einen bestimmten Ort, einen Brief abzugeben, die vergessene Tasche zu holen oder jemandem etwas mitzuteilen, das von enormer Wichtigkeit scheint.

Ähnelt dies nicht alles der Logik eines Traumes? Wie die Welt sich windet? So zusammenhanglos. Die zuvor erwähnte Suche nach dem Muster.

Aber es war nicht, wie im Traum. Es war gegenwärtig. Es spielte sich vor meinen Augen ab. Ich konnte es fühlen. Sehen.

Was in all den Büchern nicht vermutet wurde, war passiert. Man kann die Begrifflichkeiten austauschen. Aber es änderte doch nichts an der Tatsache. Und Sie merken, wie sehr ich zögere, es zu formulieren. Was kann es sein, dass ein Mensch solche Unternehmungen macht, um etwas zu berichten, das ihm so schwer fällt, zu nennen. Wie oft ging ich es im Geiste durch, wo es doch mit jedem Mal immer einfacher schien. Und doch zweifle ich am entscheidenden Moment erneut. Sie merken es. Am Klang meiner Worte. Nicht das Zögern, aber dass ich diesem ein und demselben Gedanken schon mehrfach begegnet bin. Welchen Unterschied sollte es machen? Und es macht doch einen so Unglaublichen. Und doch zögere ich vor den Kosequenzen. Wenn schon ein vergleichsweise sachlicher Text über unsere Rechtsordnung derlei Auswirkungen hatte, was geschehe dann erst, wenn dieses Dokument Verbreitung fände?

Aber es ist nicht nur das. Ich schilderte Ihnen anfangs von der Gefahr, in die ich mich begebe. Da war sie noch weit weg. Jetzt steht sie vor mir und beobachtet mich. Solange ich mich nicht bewege, kann sie mir nichts tun. Aber gleichermaßen wird sie nicht verschwinden. Sie besteht in dem Unausweichlichen. Sehen Sie, was ich entdeckt habe, beziehungsweise ich habe es nicht entdeckt, sondern bin bloß in Kenntnis darüber geraten, was es vielleicht am besten ausdrückt, birgt das Potenzial die Welt, wie wir sie kennen, und auch da muss ich auf unsere trügerische Wahrnehmung verweisen, maßgeblich zu verändern. In welcher Form dies stattfinden könnte, kann an dieser Stelle Sichtweise bleiben, aber sie würde sich verändern. Nun darf ich mir selbst nicht über den Weg trauen, zu glauben, dass diese Veränderung ausschließlich positiver Natur wäre, doch liegt mir Gleiches so sehr auf der Zunge. Dabei handelt es sich doch um den Grund, warum ich mich so schwer tue, es in Worte zu fassen, denn wir verwenden Begriffe, um Dinge einzuengen. Dann erfüllen sie eine bestimmte Definition und nichts mehr darüber hinaus. Das bedeutet, ich muss mir bereits beim Wort über die kommende Definition im Klaren sein. Es geht sich gar nicht so viel darum, dass ich der Verantwortung unterliege, wahrheitsgemäß zu schildern, sondern welche Wahrheit ich wähle. Ich muss Ihnen aber an dieser Stelle abermals versichern, dass ich nicht lüge. Das alles, was ich Ihnen bisher erklärte die Wahrheit ist. Die einzige Auswahl, die ich traf, ist, auf welche Wahrheit ich mich reduzierte. Jedoch kann ich dabei nicht ausschließen, dass Tom beispielsweise Ihnen das Ganze anderes schildern würde, dass er einer anderen Wahrheit eine höhere Priorität einräumt, obwohl keiner von uns beiden lügt. Und das ist es, was mir Sorgen bereitet. Wenn ich in der Lage bin, das Unglaubliche in Worten darzulegen, denen Glauben geschenkt wird, denn Glauben ist ein Geschenk, kann ich die Welt ändern. Das bedeutet jedoch im Umkehrschluss, wenn sich die Welt nicht ändert, habe ich versagt. Was, wenn sie es wüssten, wenn selbst die Medien darüber berichteten, Forscher es faktisch belegen würden und die Welt sich dennoch nicht ändert? Wenn sie einfach so weiter machen, wie bisher? Und die Frage, die ich mir am meisten stelle, ist, warum es denn anders sein sollte. Als ob eine plötzliche Einsicht erfolgen würde. Woher? Woher soll diese kommen? Auch wenn wir wüssten, dass jede unserer Taten bereits verübt worden wäre, täten wir sie dennoch. Alleine der evolutionspsychologische Schutzmechanismus, der uns die Gefahr vergessen lässt, müsste uns auch dies vergessen oder gar nicht erst glauben lassen. Er müsste es theoretisch verhindern. Doch sagen wir hypothetisch dies wäre nicht der Fall, schließlich gibt es ja auch Menschen, die wegen der Risiken für ihre Gesundheit aufgehört haben zu rauchen, die umdachten, so lässt mich jedoch der Gedanke nicht los, dass sich letzten Endes schier unabhängig von der Größe der Tatsache, oder vielleicht genau deswegen, wieder zwei Parteien gegenüberstehen würden. Die, die zunächst das Potenzial glauben zu erkennen und diese Erkenntnis auch von anderen einfordern, und die, die dem mit Skepsis begegnen, zurecht, denn es fehlt zunehmend an Skepsis. Jedoch wird diese Skepsis zu einer Agenda, die nicht bloß darin besteht, zu hinterfragen oder zu ergründen, sondern eine absolute Form annimmt, die sich, wohlgemerkt auf beiden Seiten, am besten beschreiben lässt als »Kein Schritt zurück!«

Und der Rest lebt so weiter wie bisher, denn wenn sich schon diese vermeintlich als gebildeter eingeschätzten nicht einigen können, wie soll sich der »Normalbürger«, dem es an sich um die Erhaltung seiner kleinen Welt geht, die doch groß genug ist, um seinen Horizont zu füllen, noch zurechtfinden.

Es ist der Stamm, dessen Häuptling beschließt, dass der Blitz Gott sein muss, der sich den Menschen zeigt, und der andere Stamm, der dies als Lüge bezeichnet, da Donner Gott ist, der zu den Menschen spricht. Mehr als die Wahrheit darin zu ergründen, ging es immer schon darum die vermeintliche Unwahrheit zu bekämpfen, koste es, was es wolle. Nahezu als ob der Mensch es braucht, belegbar durch die Geschichte der Zivilisation hindurch. Wie viele Völker verschwanden im Nichts, die dem Krieg eine höhere Priorität gaben, als dem Überleben? Und für die beides doch synonym war?

So schleicht sich doch der Gedanke ein, dass es auch in diesem, wenn auch außergewöhnlichen Fall, auf dasselbe Verhalten hinauslaufen würde. Dass das, was doch so logisch das Denken ändern sollte, die gleichen Taten folgen lässt. In der Dystopie gibt es die Annahme, dass eine große Bedrohung die Menschheit einigen würde oder besser gesagt, dass sie vor der Wahl steht, gemeinsam zu überleben oder unterzugehen. Dass ein Umdenken nur in Anbetracht dessen stattfinden könnte. Doch es handelt sich nicht um eine Bedrohung.


Aber ich muss Sie um Verzeihung bitten, denn es scheint mir schlichtweg nicht möglich, fortzufahren, wenn ich nicht erneut einen Schritt zurücktrete, an den Zeitpunkt, an dem ich langsam verstand, was geschah beziehungsweise bereits geschehen ist.

Nach dem Tag, an dem alle Menschen müde waren, und einem zunehmenden medialen Déjà-vu, das ich wie geschildert nicht belegen konnte, und auch heute noch denke, dass es sich vielleicht bloß um ein Hirngespinst handelte, bemerkte ich, dass mein Bartwuchs abgenommen hatte. Er wuchs schlichtweg nicht mehr so schnell nach. Auch sonst rasierte ich mich nicht häufig, meist am Wochenende und nicht glatt, sondern auf drei Millimeter und etwas am Hals. Erst hatte ich es schlichtweg vergessen, weil es viel zu tun gab und ich mir eben nicht viel daraus mache. Normalerweise erinnert mich dann der Blick in den Spiegel oder wenn man sich kratzt, was jedoch dieses Mal nicht der Fall war. Im Gegenteil, als ich mich dann rasieren wollte, weil es schlichtweg zwei Wochen her waren, seit ich es zuletzt getan hatte, fragte ich mich beim Blick in den Spiegel, ob es überhaupt nötig wäre, oder ob ich nicht noch eine Woche warten könnte, was ich tat. Aber auch danach stellte sich kaum ein Unterschied ein. Ich rasierte mich dennoch, alleine, um den Tag im Kalender zu markieren, da ich mir einfach nicht mehr sicher war, ob ich mich nicht vielleicht doch zwischenzeitlich rasiert und es nur einfach wieder vergessen hätte. Seit dem rasierte ich mich nicht mehr und kann nur zu dem Schluss kommen, dass mein Bart das Wachstum voll und ganz eingestellt hat. Ob es jedoch etwas damit zu tun hat, kann ich Ihnen nicht sagen, denn ich möchte nicht ausschließen, dass mir etwas entgangen ist, dass es vielleicht mit meinem Alter oder Hormonveränderungen durch die Zunahme eines Lebensmittels oder Ähnlichem zu tun hat, wobei ich mir jedoch einer entsprechenden Veränderung in meiner Lebensweise nicht bewusst wäre. Mir scheint es auch, als hätte ich generell weniger Hunger, aber auch das ist nur ein Gefühl. Ich esse nach wie vor regelmäßig zwei bis dreimal am Tag und folge der jahrelangen Gewöhnung. Als ob es mir erst auffällt, wenn ich darauf achte, und wenn der Mensch seine Aufmerksamkeit einer Sache widmet, tritt sie automatisch in Erscheinung. Wie, wenn mein Horoskop mich davor warnt, heute voreilige Versprechen zu machen, da ich sie im Nachhinein bereuen könnte, werde ich Situationen, in denen sich diese vermeintliche Vorhersage bewahrheiten könnte, viel häufiger bewusst wahrnehmen, und es dadurch bestätigt sehen. Dies bezieht sich natürlich nicht nur auf Horoskope, sondern lässt sich auf alles anwenden. Die Farbe Rot. Die Zahl Sieben. Lachende Menschen oder das Kreuzsymbol. Plötzlich tauchen sie auf. Überall. Doch möchte ich Ihnen daran verdeutlichen, dass ich mir der Fehlbarkeit unserer Wahrnehmung vollends bewusst und so bemüht bin, derlei Fehlurteile weitestmöglich auszuschließen, also so weit, wie es eben dem Menschen möglich ist. Doch bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen auch diese Beobachtungen zu berichten, um nichts zu verschweigen, was für Ihr Verständnis der Begebenheiten, eben um es auf dieselbe Weise zu erfahren, wie ich in Kenntnis darüber geriet, von Relevanz ist.

 

Kurze Zeit später, es müssen ein paar Wochen gewesen sein, als ich aufräumte, beziehungsweise aufräumen musste, was mir jedoch in der Zeit davor nicht aufgefallen war, eben erst, als es ein Maß erreicht hatte, dass ich mich etwas schämte, als Tom anrief, weil er mich besuchen wollte, bemerkte ich dieses Chaos. Es war nicht bloße Unaufgeräumtheit, wie Dinge, die ihren vorgesehenen Platz haben, aber die man eben, nachdem man sie geholt nicht wieder weggeräumt hatte, sondern hatte diese Grenze bereits überschritten, sodass es schien, als hätten die Dinge keinen für sie vorgesehen Platz mehr. So gesehen schämte ich mich nicht für die Unordnung. Tatsächlich ist »schämen« vielleicht der falsche Ausdruck, zumal es mir nichts ausgemacht hätte, hätte er mich spontan besucht. Aber ich war schlichtweg überrascht über diesen Zustand. Verwundert darüber, dass es mir eben vorher nicht aufgefallen war.

Ich muss dazu sagen, dass ich zu der Zeit gerade neu in der Bücherei angefangen hatte und je mehr Ordnung und Routine sich im Arbeitsalltag einfand, desto mehr verlor ich sie im Privaten, als ob nur eins von beidem möglich wäre. Der Artikel oder mein Rückzug lag zu diesem Zeitpunkt bereits ein paar Monate zurück und so hatte ich mich auch längst mit dem Echo abgefunden und von dem Ganzen getrennt. Es war nicht so, dass ich mich auf dieses Unterfangen gestürzt und alles andere vernachlässigt hätte, auch wenn ich auf Nachrichten von meiner früheren Kollegin nicht reagierte, was andere Gründe hatte, die hier nichts hinzufügen würden, aber mein Apartment war stets ordentlich, genau wie mein Leben. Natürlich benötigte es Zeit und ich gab mir Mühe, die richtigen Worte zu finden, las selbst die einen oder anderen Seiten meines Buches erneut, um etwaigen Missverständnissen auch adäquat zu begegnen, aber es verlief alles in einem Rhythmus. Ich aß zu mehr oder weniger festen Zeiten, stand um 6.00 Uhr auf, beziehungsweise um 6.15 Uhr, da ich immer noch die Nachrichten im Bett hörte und dann bei was immer auch danach lief den Kampf mit der Schwerkraft aufnahm, um so schnell wie möglich, also ohne Zähneputzen oder dergleichen, das Haus zu verlassen und am Rhein zu joggen, wie so viele andere auch. Es wunderte mich, dass sie Musik dabei hörten und so freiwillig auf den Klang des Erwachens der Stadt verzichteten. Danach folgte dann erst die Körperpflege. Ich muss zugeben, dass ich mir die Zähne immer unter der Dusche putze, was durchaus verschwenderischer Umgang mit dem Wasser ist, doch handelt es sich dabei um ein Ritual, das ich mir einfach nicht abgewöhnen kann oder konnte. Dann wurde geschrieben mit einer Tasse schwarzem Kaffee, oder meistens mehr, und erst, wenn der Magen sich meldete, gab es Frühstück. Etwa um halb elf und meistens vom Bäcker um die Ecke, Brötchen mit Ei und Bäckerkaffee, der irgendwie anders schmeckt, als der von meiner, wenn auch durchaus teuren, Maschine. Auch war der Artikel natürlich nicht das Einzige, was ich tat. Häufig verlor ich mich dabei in Recherche, da ich insgeheim trotz allem daran interessiert war, vielleicht doch einmal den Krimi zu schreiben, den ich vielleicht besser hätte schreiben sollen als »Utopian ius«. Auch wenn ich durchaus kein Autor bin, aber durch die Arbeit am Buch, war ich doch etwas auf den Geschmack gekommen und bei so etwas sollte es doch weniger sagen wir Komplikationen geben.

Aber es herrschte Ordnung. Schlafen ging ich immer vor Mitternacht, also so, dass ich um Mitternacht schlief. Ich kann nicht mehr genau sagen, ob es tatsächlich parallel geschah, aber es scheint mir, als ob ab dem Tag, an dem alle Menschen müde waren, auch der Rhythmus langsam nachließ, ohne dass es mir währenddessen aufgefallen wäre. Wie das Chaos in meinem Apartment, bemerkte ich es plötzlich mit einem Mal, eben als wäre es davor noch nicht da gewesen, auch wenn ich natürlich wusste, dass dies nicht der Fall sein könnte.

Trotz der Arbeit hatte ich keine festen Zeiten mehr, schlief mal erst um eins oder zwei, obwohl ich nichts Besonderes in der Zeit davor tat. Nichts war anders.

Als ich das Chaos dann endlich beseitigte, fiel mir dabei auch mein langjähriger Begleiter die einzige Zimmerpflanze in meinen Räumlichkeiten ein. Die, die ich seit jeher schlicht und einfach an einem Platz stehen habe, an dem der Vorhang sie etwas verdeckt, aber an dem sie auch am meisten Tageslicht abbekommt. So goss ich sie jedoch auch nicht wirklich, sondern päppelte sie sozusagen regelmäßig wieder auf, um sie dann wieder zu vergessen. Aber sie hielt sich schon seit Jahren so. Den Namen jedoch kann ich mir einfach nicht merken. So etwas Strauchiges, das im Sommer kleine gelbe Blüten bekommt.

Tatsächlich konnte ich mich nicht daran erinnern, wann ich sie zuletzt aufgepäppelt hatte, und rechnete mit dem Schlimmsten. Doch als ich den Vorhang zur Seite schob, hing kein einziges Blatt. Mehr noch hatte ich sie noch nie so saftig grün gesehen, außer vielleicht, als ich sie damals kaufte, doch war die Erde ausgetrocknet. Aber auch diese war nicht staubig oder zeigte diese weißen Flecken, die ich immer mal wieder gesehen hatte, wenn ich eben darauf vergaß, sie zu gießen, sondern hatte ihren dunkelbraunen, kräftigen und frischen Farbton behalten. Ich ließ sie in diesem Zustand, denn vollkommen war ich mir nicht sicher, ob ich sie nicht tatsächlich zwischendurch einmal beiläufig gegossen hatte, und mich eben nur nicht mehr daran erinnern konnte, wie wenn man überlegt, ob man die Tür abgeschlossen hat, sich an den Moment, an die Handlung als solche, aber nicht erinnern kann, doch wenn man die Treppen wieder hochgeht, um es zu kontrollieren, tatsächlich feststellt, dass sie abgeschlossen ist. So dachte ich auch nicht weiter darüber nach, eben so wenig wie darüber, dass alle Menschen an diesem einen Tag so müde waren. Es waren Kleinigkeiten, die als solche nicht weiter auffällig erscheinen, bis eben genug davon zusammenkommen. Zugegeben selbst dann fiel es mir nicht besonders auf, bis sie mir eben diese Frage stellte. »Sie« war eine Frau, die Tom bei seinem Besuch mitbrachte. Blondes Haar, das hier und da ins Graue überlief, wie Stroh, das stellenweise im Schein der Sonne weiß erscheint, und das sie in einem losen Zopf nach hinten gelegt hatte. Sie wirkte älter und doch nicht. Ein paar Fältchen, die ihre frische Haut, obwohl sie scheinbar kein Make-up trug, zierten. Hell-blaue Augen. Sie trug eine Art Gewand. Ein weites Kleid in Schwarz mit vielen Verwerfungen, sodass man eben nicht genau sagen konnte, wo die Ärmel endeten, und eine ebenso weite Hose, sodass man nicht genau sagen konnte, ob es sich nicht dabei um einen Rock handelte.

 

»Das ist Frau Barashkova«, stellte er sie vor, als würde mir das reichen, zumal ich nicht damit gerechnet hatte, dass er noch jemanden mitbringt. Ich bot ihnen Kaffee an, doch sie lächelte und sagte: »Nur Wasser bitte, aus der Leitung, hier ist es so ...«, sie überlegte, »... bekömmlich. Sagt man das?«

»Selten, aber es ist richtig«, erklärte Tom, »Mir kannst du aber gerne einen machen, oder ich bediene mich selber ...«

Doch sein selbstkritischer Gesichtsausdruck, als er die Maschine entdeckte, und natürlich meine Gastfreundschaft, ließen mich das Gerät anwerfen, bevor ich mich zu ihnen setzte, während er gerade darüber sprach, dass wir das gleiche Wasser für den Garten, zum Putzen und Sonstigem verwenden, was eigentlich geprüft trinkbar ist, aber dass wir uns einfach zu sehr daran gewöhnt haben, ohne es zu hinterfragen. Am liebsten, und das hatte er mir auch schon einmal geschildert, würde er mit seiner Familie autonom leben, auf einem Hof, aber das seit heute kaum noch möglich mit Schule für die Kinder und dergleichen.

»Frau Barashkova hat lange in Indien gelebt«, erklärte er mir, »Wo noch?«

»In Bombay ja und Tibet.«

»Sie ist Theosophin. Wir sind uns im Teeladen über den Weg gelaufen, wo ich für Maggi (seine Frau) ihre Tees geholt hab, als sie krank war.«

Ich holte ihm seinen frisch gebrühten Kaffee und schenkte mir nach. Ganz wusste ich nicht, warum er sie mitgebracht hatte. Treu war er, soviel ich weiß, wie ein Hund. Also konnte es sich nicht darum handeln. Gleichermaßen doch irgendwie verwerflich, dass mir dieser Gedanke als Erstes in den Kopf kam. Oder gar nicht so verwerflich, denn er schien eine gewisse Bewunderung für sie zu hegen. Verwerflich oder vielleicht treffender ignorant ist es wohl, dass wir denken, dass es nur einen Grund geben kann, dass ein Mann einer Frau Bewunderung entgegen bringt.

Sie trug ein Amulett um den Hals. Es sah aus wie ein flacher Ring beziehungsweise zwei Ringe, wie eine waagerechte Acht. Sie begutachtete ein Filmposter, das seit Ewigkeiten in meinem Besitz war von »La Chinoise«, einem Film, den ich nie gesehen hatte. Es war von einer Freundin übrig geblieben und hatte dennoch Umzüge überlebt, da ich zum einen die Erinnerung an diese Zeit mochte, für die es wie ein Auslöser fungierte. Es war so rebellisch damals. Nahezu jeder, den man traf, kannte die gleichen Bücher und hatte darüber hinaus seine eigenen Theorien dazu. Ich war durchaus Außenseiter in dem Ganzen. Mit dem Jurastudium zählte ich eher zu den Verfechtern des Establishments und musste mich nicht selten für meinen Entschluss rechtfertigen. Aber ich hörte gerne zu, wenn sie sprachen über Marx, Mao Tse Tung, Ché und Vietnam, und theoretisierten über Gesellschaft, Geheimschaft, Staat und ihre Erfahrungen mit und auf Drogen. Selbst hatte ich nie welche genommen. Vielleicht mal an einem Joint gezogen, der die Runde machte, aber eben Außenseiter.

 

Ich gebe das Gespräch wieder, so genau, wie ich mich daran erinnere. Doch möchte darauf hinweisen, dass ich natürlich während des Gespräches keine Aufzeichnungen führte.

»Ich dachte, ihr solltet euch mal unterhalten«, erklärte Tom, »Bestimmt dachtest du, dass ich dir nicht richtig zugehört habe beim letzten Mal, als die Fraggels (so nannte er seine Kinder) uns so oft unterbrachen. So sind Kinder. Die warten nicht. Aber ich habe gemerkt, wie aufgeregt du warst und zumindest mit einem Ohr zugehört.«

Tatsächlich hatte er recht und ich war davon ausgegangen, dass er nicht begriffen hatte, worum es mir ging, bis ich den Entschluss fasste, dass es vielleicht besser wäre, ihn da raus zu halten.

»Du hattest aber recht, dass, wenn man Anfang und Ende betrachtet, es nahe liegt, aber es gibt die Formel noch nicht, die das bestätigen würde.«

Ich wusste nicht mehr, wie viel ich ihm gesagt hatte, daher wartete ich, um so viel wie möglich darüber zu erfahren.

»Und dann habe ich durch so einen Zufall Frau Barashkova kennengelernt. Und versteh mich nicht falsch. Du weißt ich bin kein religiöser Mensch. Auch Maggis ganzes esoterisches Gehabe von der Energie ist nicht ganz meins. Also sie konnte mich nie wirklich davon überzeugen. Aber es gibt durchaus Ähnlichkeiten. Higgs-Boson, davon hatte ich dir erzählt nicht?«

Ich bestätigte und er fuhr fort: »Wir nennen es ja das Gottesteilchen zum Beispiel ... aber, das ist witzig, weil diese Idee eigentlich von einem Verlag kam. Lederman wollte sein Buch »The goddam particle« nennen, typisch 80er, aber das ging nicht durch. So wurde es »The god particle«, das Gottesteilchen und irgendwie ja auch treffend ...«

»Es ist ein und dieselbe Weg«, sprach sie plötzlich.

Sie sprach sehr gut Deutsch. Ihre Aussprache war fast perfekt, nur hin und wieder klang es, als würde sie es aus einer anderen Sprache übersetzen, und hin und wieder stolperte sie über die deutsche Grammatik, dir mir selbst schwerfallen würde, jemandem zu erklären. Für uns ist es halt so. Aber besonders, wenn man mal ältere Bücher liest, war es mal anders und wir sind es nur so sehr gewohnt, was man dem Bildungssystem durchaus als Plus anrechnen kann, dass uns die Absurdität der Sprache gar nicht mehr auffällt. Insbesondere seit der Rechtschreibreform aus dem Jahr 1996 weiß kaum mehr ein Deutscher wie manche Wörter tatsächlich geschrieben werden. Die Älteren schreiben »Mayonaise«. Die Jüngeren, die es neu in der Schule lernten, schreiben »richtigerweise« »Majonäse«. So schreibt ein großer Teil der Bevölkerung ein anderes Deutsch, als ein anderer großer Teil der Bevölkerung. Und die Mitte dazwischen schreibt mal so mal so. Sodass es im Endeffekt keine richtige Schreibweise mehr gibt, sondern nur eine »empfohlene«. Eine merkwürdige Sprache, um sie heutzutage zu lernen, da jedwedes Buch, dass davor geschrieben wurde, wobei auch danach noch Reformen im Sinne einer Korrektur der Reform stattgefunden haben, so gesehen falsch ist. Dies zeigt sich natürlich nur im Lesen und im Schreiben, also sobald man sich über den eigentlichen Nutzen der Sprache hinaus damit auseinandersetzt. Erst, wenn man hinterfragt. Und für das Hinterfragen gibt es einen Grund. So muss dahinter doch mehr gewesen sein, als müde Menschen, ausbleibende Alterungserscheinungen, wie der Bartwuchs oder die Topfpflanze, und dieses konstante, merkwürdige Gefühl der Wiederholung.

Mehr, wie wenn man einen Gedanken nicht direkt ausspricht, und sich nur wenige Momente später fragt, was er war. Ein Wort oder ein grober Sinnzusammenhang verbleibt noch im Kurzzeitgedächtnis, aber der genaue Wortlaut, die Formulierung, die ihn eben relevant für das Gespräch machte, ist verloren. Doch liegt sie noch auf der Zunge, eine Antwort, zu der man die Frage nicht mehr weiß, bis dieser innere Klang mit dem nächsten gesprochenen Wort mehr und mehr versiegt. Und doch ist man sich sicher, dass da etwas war. Etwas Wichtiges. Und muss es verdrängen, um überhaupt wieder Anschluss zu finden zum Jetzt. So erhoffte ich mir von ihm oder ihr ein Stück, um es dem Mosaik hinzuzufügen.

Für das bessere Verständnis schildere ich ihre Worte, so wie ich sie erinnere und eben nicht mit allen Fehlern, auch wenn ich es für wichtig erachte, zumindest darauf aufmerksam zu machen, denn so sprach sie anders, als ich es vielleicht schreiben werde. Doch bemühe ich mich einen Mittelweg zu finden, so akkurat wie möglich an meiner Erinnerung zu bleiben, ohne dass das Verständnis all zu sehr darunter leidet.

»Sehen Sie, Tom (natürlich verwendete sie seinen richtigen Namen) sprach mich an, weil ich einmal mehr über mein Ziel hinaus geschossen bin und dem Kassierer erklärte, weil er sich im Preis vertan hatte, dass auch das so gesehen nicht der richtige Preis ist, sondern aufgerundet (sie sagte »rundgemacht«), denn sie kaufen ja nicht einhundert Gramm ein, sondern mehr und packen es dann ab, was zwangsläufig zu mehr Stellen hinter dem Komma führen würde, aber sie runden auf. Am Ende zahlt man nur den Betrag, der auf der Kasse steht, aber wahr ist es nicht. Ich meine nicht, dass die Firma eine Marge daraufschlägt, was sich von selbst versteht, sonst wäre sie pleite, aber dass sich dies auf alles überträgt. Alles wird sozusagen rundgemacht, damit es passt. So wie wir von keinem Kreis tatsächlich das Verhältnis von seinem Umfang zu seinem Durchmesser kennen. Und doch bauen wir Häuser, Autos oder Flugzeuge. Aber da ist etwas, was wir nicht wissen. Verstehen Sie?«

»Und deswegen hatte ich sie angesprochen, weil ich einfach nicht weiterkomme. Du kennst ja meine Vorliebe für die Schachrätsel und es braucht vielleicht seine Zeit, aber ich finde doch immer irgendwie etwas heraus, auch wenn es nicht die Lösung für dieses Rätsel ist, aber vielleicht für ein anderes, was mir tatsächlich mehrfach passierte. Aber in unserem Denken von Raum & Zeit, also das mathematische, gibt es diesen Punkt, wo die Sprache des Universums (so nannte er Mathematik immer) ihren Sinn verliert. Ein Stück, einen Zug, den ich überspringen müsste, dann könnte ich auflösen, aber dieser Zug, den ich beim Schach manchmal erst nach Monaten finde, finde ich, seit ich mich damit beschäftige einfach nicht. Es ist verrückt.«

Sie wartete erst ab, wippte zurück und sah sich meine Wohnung an. Fast abschätzend, als könnte sie mich dadurch lesen, bis ihr Blick auf mich fiel und sie einen Schluck vom Leitungswasser nahm.

»Es ist witzig«, sagte sie, »Ich kenne sie beide nicht, Sie noch weniger als Tom, also ich weiß im Grunde nichts über Sie. Ich kann schauen, was ich finde, anhand wie sie leben und wie sie uns betrachten, also wann sie Blickkontakt aufnehmen und wann sie zum Fenster schauen, aber so, wie sie zum Beispiel (sie sagte immer nur Beispiel ohne »zum«) ein Mensch kennt, der sie lange begleitet zum Beispiel Familie, kenne ich sie nicht. Oder auch Kinder, die sind nicht so lange bei dir? (ich glaubte sie meinte das Alter, aber sie schien es absichtlich anders auszudrücken).«

Er lachte.

»Ja nun 6 und 10 Jahre.«

»Aber sie kennen dich wahrer, als zum Beispiel jemand, denn du 30 Jahre kennst oder?«

Er überlegte.

»Ich denke doch, weil ich ihr Vater bin.«

»Das auch, aber sie haben ein Bild von dir, das nicht darauf beruht. Sie sehen dich nicht nur als Vater.«

Da wurde er neugierig.

»Sondern? Also als was noch?«

»Man benutzt das Wort Mensch, aber ... », erklärte sie weiter, hielt kurz inne und blickte dann lächelnd zu mir, »Darf man hier rauchen?«

Ich nickte, stand auf und holte einen Aschenbecher, ebenfalls ein Überbleibsel, da ich das Rauchen, wie erwähnt, zwischenzeitlich aufgegeben hatte aufgegeben hatte, und doch gerade, als ich wieder zurück an den Tisch trat, mich fragte, warum, da der Grund doch eigentlich nicht mehr bestand, und ob, wenn sie mir eine anbieten würde, ich ablehnen sollte oder vielleicht nicht. Und gleichermaßen, ob dies einen Unterschied machen würde. Sie und besonders Tom, von dem ich weiß, dass er eigentlich, als rein logischer Mensch, der selbst das Verhalten seiner Kinder logisch ergründet und so immer wieder Frieden zwischen Maggi und ihnen stiftet, da sie weniger Geduld hat und dadurch auch eine gute Mutter ist, weil sie emotional agiert, sowohl im Ausschimpfen, aber auch in ihrer Zärtlichkeit, was ich beim letzten Mal wundervoll beobachten konnte, und dieser Besuch an sich hatte durchaus etwas Außerweltliches. Alleine wie schnell wir bei einer Ebene des Gespräches angelangt wahren, die sonst so unheimlich selten war.

Und das besonders Tom, dieser eigentliche Gegensatz, ein schon mir vertrauter Mensch in seiner Art & Weise zu denken, dieser Frau nicht diese Skepsis entgegenbrachte, so wie ich es eben bei unserem letzten Treffen Maggi, immerhin seiner Frau, gegenüber beobachten konnte, machte sie zu einem ungewöhnlich interessanten Menschen. Nicht nur Toms Neugier, diese bestärkte es nur noch.
Irgendetwas ruhte in ihr.

 

Es war übrigens genau dieser Moment, an dem ich eigentlich vorhatte, ihm meine These darzulegen, an dem mir diese Beobachtungen zu Teil wurden, als eben die Kinder dieses Unterfangen immer wieder unterbrochen hatten, mit Fragen, die eigentlich, wenn man nicht aus ihrer Sicht denkt, vollkommen belanglos waren, jedoch, wenn man es tut, wichtiger sind, als alles andere.

Zunächst war der ältere Sohn auf die Terrasse gekommen. Er erklärte, dass ihm langweilig sei und das Tina (seine jüngere Schwester Christina) ihn ständig nerve. Tom fragte, womit sie ihn nerven würde, woraufhin der Junge erwiderte, dass sie mit ihm spielen wollte. So erklärte Tom, dass er doch, wenn ihm langweilig sei mit ihr spielen könnte, und das er jedoch gerade Besuch hatte, aber das er sich gerne dazu setzen könnte, wenn er ihnen zuhören wollte. Daraufhin verschwand der Junge nach drinnen. Nur wenige Sätze später erschien er wieder in der Tür.

»Jetzt will ich malen und weiß nicht was und dann will sie plötzlich auch malen.«

»Aber das ist doch gut, dann könnt ihr zusammen malen. Mal doch deine Schwester beim Malen ...?«, schlug Tom vor und hatte bereits ein Porträt im Kopf.

»Ich will aber nicht mit ihr malen! Sie soll aus meinem Zimmer!«

»Aber es ist nicht dein Zimmer, sondern euer gemeinsames zum Spielen.«

Mir erklärte er, als der Junge sich gegen den Bogen der Terrassentür drückte, und dabei Handballenabdrücke auf dem Fenster hinterließ, die er kurz studierte, dass es sich eigentlich um den Waschraum handelte, den sie mit Spielteppich ausgelegt hatten.

»Und wenn deine Schwester nicht im Zimmer sein soll, wie willst du sie denn dann malen?«, forderte er den Jungen zur schieren Logik heraus.

»Ich will sie ja gar nicht malen!«, erklärte dieser, während er einen Abdruck seiner Fingerspitzen auf der Glastür in die Länge zog.

»Aber was denn dann? Versuch es doch erstmal.«

Der Junge kam nicht weiter und lief nach drinnen, aber nur einen Moment später erschien seine Schwester und betrachtete die Abdrücke auf der Tür.

»In welcher Farbe soll ich Schwefan malen?«

»Wen?«

»Schtefan.«

»Wie wäre es mit Blau?«

»Nee.«

»Dann mit Orange du kennst doch den Farbkreis?«

Sie runzelte die Stirn.

»Hab ich euch aufgehangen im Spielzimmer. Nimm eine Farbe und dann die andere gegenüber.«

Verwundert drehte sie sich um und schrie: »Schwefan!!! Papa sagt in Orange!«

»Nee!«, schallte es zurück.

»Papa!«, bettelte die Kleine und Tom überlegte angestrengt. Tatsächlich, so wie es sich im Nachhinein herausstellte, überlegte er an meinen Gedanken, aber war dabei voll auf das Kind fokussiert, dessen Fragerei ihn dabei nicht zu stören schien. Mit einer Seelenruhe überlegte er an unserem vorherigen Thema, wie sich wohl das ihm von seinen Kindern gestellte Rätsel lösen ließe, und gleichzeitig am nächsten Zug. Wir spielten Schach. Eigentlich immer, wenn wir uns trafen. Er war so viel besser als ich, obwohl er sich weniger zu konzentrieren schien. Tatsächlich erweckte es den Anschein, als ob er in der Lösung für das Problem seiner Kinder eine Lösung für das Spiel suchte. Als ob es ein und diesselbe Lösung wäre, und so machte es ihm nichts, sich mit ihrem Problem zu beschäftigen. Auch mich störte es nicht, muss ich sagen. Ich mag Kinder, habe aber, zumindest noch, keine Eigenen. Ein Spätzünder, wie bei allem. Eins hatte ich ehrlicherweise, das nie das Licht der Welt erblickte. In der Jugend. Sie trieb mit meinem Einverständnis ab.

Doch plötzlich, als ich noch ausgelöst durch diese Darbietung einen Augenblick Vergangenes betrachtete, so flüchtig, wie es einen manchmal einholt, das, was man vergessen glaubte, fuhr die Gottesgewalt einer Mutter dazwischen.

»Tina!«

Augenblicklich ließ die Kleine von dem Größenvergleich ihres Handabdruckes zu dem ihres Bruders ab.

»Ich habe euch gesagt, dass ihr nicht immer stören sollt, wenn Papa Besuch hat! Entweder du spielst jetzt mit Stefan im Spielzimmer oder ihr geht beide auf euer eigenes bis zum Abendbrot!«

»Aber Mama, ich wollte nur fragen in welcher Farbe ...«, drückte sich das kleine Mädchen von der Glastür ab und wankte, als würde sie eine schwere Last schleppen, in Richtung ihrer Mutter.

»Und wie die Glastür schon wieder aussieht. Ich habe euch schon tausendmal gesagt, dass die Abdrücke nicht von alleine weggehen! Du nimmst die Farbe, die dir gefällt und wenn Stefan nicht mit dir spielen will, dann geh halt in dein Zimmer spielen.«

»Aber alles ist im Spiel...«

»Ja, weil ihr das so wolltet! Und wenn ihr nicht zusammenspielen könnt, dann geht's halt in euer Zimmer ohne Spielsachen! Hast du denn die Hausaufgaben überhaupt schon gemacht?«

»Ja ich wollte erst ...«

»Nee, dann erstmal die Hausaufgaben.«

Sie zeigte zum Flur und blieb exakt in der Position stehen, bis die Kleine langsam lostrollte.

Und da sah ich es. Diesen hinterfragenden Ausdruck bei Tom, den die Kinder gar nicht gestört hatten. Der es schlichtweg nicht mochte, wie autoritär sie sich in dieser Situation gab. Es hätte doch eigentlich gar nicht erst soweit kommen müssen, zumal die Kleine nun im Trotteln zu schluchzen begann. Eben das Schluchzen, das nur die Mutter auslösen und das auch nur sie besänftigen kann. Ihm war das zu viel. Und er sah skeptisch zu seiner Frau, die jedoch allesamt Aufmerksamkeit dem Kind widmete, und als er schon wieder das Schachfeld betrachtete, dem schluchzenden Troll einen Schritt hinterherging, auf es einsprach und über den Kopf streichelte, um gemeinsam im Flur zu verschwinden. Mein Anliegen, ihm meine Gedanken preiszugeben, war längst verflogen, denn in alle dem gab es etwas anderes, mir Fremdes, was in diesem Moment schlichtweg wichtiger erschien und auch als der Moment verflogen war. So setzte er mich Schachmatt, erklärte dabei, dass es diesen Zwiespalt in der Wissenschaft gab, zeigte mir Notizen, die er gemacht hatte, in denen es laut seiner Erklärung, denn zu diesem Zeitpunkt verstand ich nicht viel davon, nicht darum ging, anhand bekannter Faktoren eine Unbekannte aufzulösen, sondern anhand der Unbekannten, die Bekannten zu verändern. »Was wäre wenn ...?«

Bis ich mich verabschiedete. Ganz wusste ich nicht, worauf unsere Freundschaft, wenn man es so nennen kann, basierte, denn ich hatte nicht den Horizont, um ihm zu helfen, nur die Neugier eines Laien, der allmählich verstand, was ihn daran so faszinierte. Ein Verständnis, das ihn häufig zum Lächeln brachte, da er es nicht erwartete, da es ihm eben so ungewöhnlich war, wie mir unser Gespräch mit Frau Barashkova, bei der er, wenn sie sprach, genau dieses Lächeln zeigte.

 

Sie hatte ein kleines Etui gezückt, das weiße Zigaretten enthielt und sich mit Streichhölzern eine angesteckt, als sie plötzlich das Etui erneut öffnete.

»Tut mir Leid, mögen sie auch?«

Und so nahm ich eine. Warum? Weil mich das Ganze an andere Zeiten erinnerte, Zeiten, in denen nicht so viel Ernst in den Dingen lag.

»Du rauchst?«, fragte Tom erstaunt.

Ich log: »Hin und wieder.«

Sie war stark, oder vielleicht schmeckte sie auch nur so, da ich so lange keine geraucht hatte.

»Also als Mensch so nutzt man dieses Wort kennen sie dich besser als vielleicht sagen wir deine Schwester, du hast eine nicht?«

»Ja.«

»Obwohl sie dich eigentlich länger kennt.«

»Das ist richtig.«

Deswegen ist Mensch vielleicht falsch, ich weiß nicht. Als Mensch kennt sie dich besser, weiß, wo du geboren bist, wo du zur Schule gegangen bist, wer deine Eltern waren, wann du was gemacht hast und so weiter. Aber Aatma, dein Sein, wie ist es im Deutschen? Englisch ist soul oder besser spirit.«

»Seele«, ergänzte ich.

»Ja Seele, aber als Seele, das deutsche Seele versteht man es nicht oder? Was ist Seele?«

Ich überlegte. Tom versuchte es als Erster.

»Also etwas von dir, was du bist, aber weniger, was du bist, sondern ... hmmm ...«

Er suchte nach Worten, so versuchte ich abzukürzen.

»Kennen sie Faust? Von Goethe?«

»Da, ja.«

»Er gab seine Seele dem Teufel Mephisto glaub ich.«

»Dann ist es eine Zugehörigkeit, wie ein Schreiben von einem Haus eine ...«, sie gab sich Mühe, »... Besitz-Urkunde ist richtig?«

»Kann man so sagen«, erklärte Tom.

»Aber Doktor Faustus unterschrieb keinen Brief nicht? Der Besitz ging nicht anhand von Papier über richtig?«

»Ist lange her, dass ich es gelesen habe, aber ich glaube nicht.«

»So war es nicht Seele, sondern Vertrauen, Hoffnung, Wunsch. Ihr habt das schöne Wort »Sehnsucht« im Deutschen. Etwas, dass nur ein Charakter haben kann, ein bestimmter Charakter. Im Englischen gibt es »longing«, aber es beschreibt nicht, was ich suche. Hmmm spirit ... Können Sie gucken?«

Sie zeigte auf ein weiteres Überbleibsel längst vergangener Zeit. Ein englisches Wörterbuch, das nunmehr den Zweck erfüllte, das Fenster zu stoppen, damit es nicht zu weit aufschlug, wenn der Wind wehte.

Ich lachte, nahm es von der Fensterbank und sah nach.

»Geist?«

»Geist? Does it mean ... meint es ghost? Ist es das Gleiche?«

»Auch«, erklärte Tom, »Es ist ein Geist, wie ein Gespenst oder wie im Horrorfilm ein Geist. Aber es meint auch Geist als Vernunft oder wir sagen »Er war ein großer Geist« für jemanden, der ein großer Denker war.«

»Das ist gut, gefällt mir, sagen wir Geist als Geist von dem, was noch da ist, wenn dein Körper stirbt ja?«

Er grinste.

»Ok.«

»Da, sagen wir dieser Geist der übrig bleiben würde, wenn du stirbst, die Art & Weise, wie Menschen erinnern ja? Aber nicht nur das, nicht wie sie sprechen, sondern was du durch dein Sein verändert hast ja?«

Sie sah erst zu Tom und dann zu mir, wobei sie etwas rätselte, als sie mir in die Augen sah, bis ich den Blickkontakt abbrach. Sie kratzte sich an der Stirn und zündete sich eine weitere Zigarette an, um mir das Etui hinüberzuschieben, woraufhin ich nachgab.

»Das, bitte um etwas Geduld, Geist ist aber schon da, bevor das Herz aufhört zu schlagen. Sie verändern ja bereits jetzt die Welt. Aber das sehen wir nicht mehr, weil wir uns so gewöhnt daran haben, die Welt zu verändern. Kinder, die die Welt noch nicht kennen, sehen es. So kennen deine Kinder deinen Geist besser als deine Schwester zum Beispiel.«

»Natürlich verändere ich die Welt für sie, wie sie leben ...?«, hakte Tom nach, woraufhin sie lächelte.

»Nein, nicht wie ich pack Stein von hier nach da.«

Er bemühte sich.

»Sondern?«

»Sein. Du kannst einen Tag in Küche sitzen und veränderst die Welt.«

Er lachte.

»Klar, weil ich nicht an ihr teilhabe, weil ich nichts tue.«

»So auch«, erklärte sie sich seiner Logik ergebend, »Was, wenn du nur durch dein Denken die Welt änderst?«

»Nicht, wenn ich es nicht aufschreibe.«

»Interessant. Denken Sie Fibanacci hatte nur Veränderung zur Folge, weil er es aufschreibte?«

»Aufschrieb«, korrigierte ich mehr unbewusst.

Sie fuhr sich durch die Haare.

»Niet, Deutsch ist so schwer. Aufschrieb dann ...«

Sie löste ihren Zopf, nahm die Zigarette aus dem Aschenbecher auf, zog und versuchte erneut: »Denken Sie Fibanacci hat die Welt nur verändert, weil er es aufschrieb.«

Sie atmete aus, als ob diesen Satz zu sprechen, so einwandfrei, wie sie es tat, bereits große Anstrengung gefordert hatte. Und wartend auf eine Antwort machte sie den Zopf neu. Irgendwas Merkwürdiges hatte sie. Einerseits so unheimlich nett, wie sie war, doch irgendwo dahinter suchte ich nach dem Menschen.

»Wie denn sonst?«

Sie lachte.

»Als Schrift ja sein Liber abbaci, aber woher wusste er es? Das Telefon haben zwei Menschen gleichzeitig erfunden, nur die eine Schrift ging früher ein als die andere. Aber macht das die Idee des anderen weniger konsequent?«

»Wie meinen Sie das?«

Es faszinierte mich durchaus, wie er sie siezte und doch glaube ich, dass er das erst von ihr, die nicht ganz der Sprache mächtig und den Unterschied verstehend, übernommen hatte. Und doch brachte es etwas anderes in das Gespräch. Etwas Respektvolles, etwas als würden wir nicht in dem Wohnzimmer meines Apartments sitzen, sondern in einer öffentlichen Diskussion, was es so interessant machte. Eben nicht, wie ein alltägliches Gespräch. Und doch blickte sie etwas verunsichert zu ihm, als ob dies etwas sich selbst Erklärendes wäre.

»Also (sie sprach es mit scharfem S), die Idee gab es unabhängig vom Ort bei zwei Menschen, nur einer sagte Bescheid, sagt man so?«, sie schob sich etwas verschämt nach hinten und setzte sich auf ihre Hände.

»Aber«, erklärte Tom, »Sagen wir einer hat eine Idee, aber verbringt sein Leben in einer Höhle. Wie ändert es die Welt?«

Plötzlich lachte sie, schmiss sich in das Sofa zurück und zog dabei kurz an seinem Norweger.

»So oft die Frage, nicht so, aber so.«

Sie wurde rot im Gesicht und rieb sich mit den Handballen darüber, als ob sie die Röte damit rausdrücken könnten.

Dann setzte sie sich auf und klappte das Etui auf um es mir anzubieten und ich langte zu, als hätte ich nur darauf gewartet, um gleich darauf das Fenster zu öffnen, da wir drohten im Rauch unterzugehen.

»Du bist witziger Mensch, weil du sagst, was du denkst. Aber ...«, sie machte eine Pause und fasste sich.

»... es gibt keinen Menschen in der Höhle mehr. Sie liefen alle raus, wie Plato meinte, oder die Bibel im Alten Testament. Heute kannst du Menschen erzählen, wie eine Höhle aussieht, und sie gucken dich an mit so erstaunten Augen. Verstehen Sie?«

»Ja, aber noch nicht ganz Frau Barashkova.«

Es schien fast, als hätte sie diesen Dialog schon einmal gehabt, denn auch Tom konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Sie sind, was sie denken, nicht wie andere reden von Kopf zur Hand, sondern in dem Moment. Eine im Gedanken gemachte Faust ist eine Faust.«

Jetzt hörte er zu, denn er schien zu verstehen, worauf sie hinaus wollte.

»Die Physis folgt der Psyche nicht umgekehrt.«

»Corgito ergo sum?«

Sie nickte.

»Quasi ja.«

»Was heißt das noch mal?«, hakte Tom nach.

»Ich denke, also bin ich, von Descartes«, erklärte ich und brachte mich zum ersten Mal in das Gespräch ein, auch wenn es mir nicht darum ging, ich genoss es sehr ihnen zuzuhören, und hatte bereits verstanden, warum er sie mitgebracht hatte. Ein verwandter Geist, welche Definition auch immer man diesem Wort zuschreiben mag, aber sie dachte anderes oder man könnte sagen mehr, als andere. Es war so selten, dass man jemanden traf, der einem über etwas erzählte, was man nicht bereits wusste. Sie erzählten nicht exakt dasselbe versteht sich, sondern schlichtweg dasselbe in einer anderen Form, in anderen Worten, aber im Grunde ein und dasselbe egal worüber. Als ob niemand mehr wirklich eigene Gedanken hegte, sondern schlichtweg wiedergab, was er oder sie irgendwo gehört hatte. Keinerlei Reflexion, aber sie reflektierte alles, machte grundsätzlich eine kurze Pause, bevor sie antwortete, und dann fügte sie etwas hinzu. Keine Information, die du nur nicht vernommen hast, weil du für einen Moment nicht der Neugier nachgabst, sondern etwas Menschliches. Eine Meinung. Wie selten sie geworden war, obwohl jeder seine öffentlich kundtat, doch im Grunde tat er nicht seine Meinung kund, sondern schlichtweg seine Färbung der Meinung, die er irgendwo vernommen hatte. Ein Unterschied, der mir erst in diesem Gespräch bewusst wurde, sodass ich mich in meinem Artikel eigentlich nicht gegenüber von hundert Meinungen hätte rechtfertigen müssen, sondern eigentlich nur einer. Ein Satz hätte ausgereicht. Und das, obwohl ich mit ihr nicht über meinen Artikel gesprochen, nicht ihre Meinung dazu gehört hatte, und doch schien sie darüber zu sprechen. Aber wie könnte man es in Worte fassen?

»Aber war es nicht sein Zweifel, den er letztendlich als einzigen Beleg seiner Existenz definierte?«

Tom war erstaunt. So viel hätte er dem Laien nicht zugetraut, und ehrlicherweise wüsste ich davon auch nichts, wenn es nicht im Philosophie-Leistungskurs in der Oberstufe entscheidend für meine Note gewesen wäre.

»Richtig ja, aber denken Sie, wo Zweifel, so ein urmenschliches Phänomen bereits als Beweis dient, dass da nicht noch mehr ist? Wie einfach ist es dem Mensch doch zu zweifeln, immerhin etwas das kein Lebewesen außer ihm tut ...«, und da wurde sie zum ersten Mal aufgeregt oder enthusiastisch, »Aber, wenn denn Zweifel bereits als Definition der Existenz dient, zu zweifeln, diese leichte Tätigkeit, wie viel liegt denn da noch?«

Ich war unschlüssig. Sie schien einen Punkt zu haben, denn sie jedoch nicht verständlich ausdrücken konnte.

»Ich weiß nicht genau, worauf Sie hinaus wollen, aber vielleicht ist es genau das. Ich hörte beispielsweise einmal von Anhängern irgendeiner weltlichen Meditationsform, ich glaube es war Zen, die in Chicago ein Jahr lang meditierten. Im selben Jahr fiel die Kriminalitätsrate um 5%. Selbige Meditierende erklärten, dass dies ein Resultat ihrer Meditation gewesen wäre. Etwas, dass sich im Nachhinein nicht widerlegen lässt, dennoch trotz all ihrer Überzeugung, machten sie diese Prognose nicht im Vorhinein, so war es doch ein einfacher Zufall und nichts anderes.«

Sie lächelte und blickte zu Tom.

»Sie hatten recht. Er denkt viel.«

 Dann sah sie mich an. Direkt. In die Augen.

»Sie denken über das Denken hinaus, das ist ...«, sie zog die Schulter hoch, »...  nicht sehr oft. Aber ich möchte nicht lieb sein, sagt man das?«, doch sie wartete keine Antwort ab, »Ich will nicht, dass Sie sich gut fühlen, aufgrund dessen, was ich sage, ich sage es nicht zu diesem Zweck ja?«

Ich nickte und hatte das Verlangen nach einer weiteren Zigarette, die sie mir nicht anbot und ich nicht nehmen würde.

»Sie sagen ...«, dann griff sie nach dem Etui, doch ich lehnte ab, denn in diesem Moment wurde sie ein Feind, ein Feind, von dem man partout kein Essen annehmen würde, egal wie sehr der Magen knurrte, denn in der Sache einen anderen Schluss zu finden, als den, den ich soeben geschildert hatte, wäre Idiotie. Mehr noch hatte ich sie in den wenigen Stunden so schätzen gelernt, dass ich nun die wachsende Befürchtung hatte, mich geirrt zu haben.

» ... das es gibt noch mehr Faktoren, die auf Kriminalität, wie sagt man, Statistik Einfluss haben ja?«

Ich nickte ernst. Dennoch lächelte sie.

»Zufall ist ich kenne sogar den Guru, der das gemacht hat, netter Mensch, jetzt verkauft er Wohnungen.«

»Eben«, bestätigte ich erleichtert, aber das plötzlich erwachte Misstrauen ließ nicht nach. Ich traute mir schlichtweg selber nicht. Wahrscheinlich war es auch schon vorher da gewesen, aber ich hatte mich blenden lassen von ihrer Art. Eigentlich wollte ich nur eine Stange zwischen die Speichen schieben und zusehen, wie jemand fällt, wie ich gefallen war. Mich darin bestätigt sehen, dass sie auch nicht in der Lage war, mir auch nur im Ansatz weiterzuhelfen. Dass sie eben nicht anders war, als die Menschen in den Diskussionen auf den Bühnen.

Aber das gab sie mir nicht. Stattdessen gab sie nicht das Gegenteil, sondern etwas anderes.

»Da«, erklärte sie und schwieg für einen Moment, nicht als wäre sie eingeschnappt, noch wandte sie sich zu Tom oder sah zum Fenster, in dem die Welt so teilnahmslos an uns vorbei spazierte. Aber sie schwieg bloß, um zu schweigen, als ob es Bestandteil einer guten Konversation wäre, und das ist es, aber es fiel mir erst danach auf. Zunächst machte es mich unruhig, dass sie nicht direkt antwortete oder etwas entgegnete. Das hielt lange an, denn sie nahm sich Zeit. Dann wurde es Neugier und schlussendlich dachte ich, ich müsste das Wort ergreife, als ich Tom sah, wie er so gemütlich, als könnte er sich gerade an keinem schöneren Ort befinden, an seinem inzwischen mit Sicherheit kalten Kaffee nippte und doch genüsslich absetzte, als würde er kosten. Dann bemerkte er meine Verwunderung, die er mit Sicherheit schon vorher gesehen haben muss.

»Hast du noch einen?«

Dankend sprang ich auf und machte mich an die Maschine. Etwas zu tun. Und jede noch so kleine Tätigkeit kostete ich bis zum letzten Ende aus. Die Tasse, die ich extra erneut wusch, während sie schwiegen. Auf Knöpfe drückte, um der Stille etwas entgegen zu setzten. Wie nervös ich wurde. Stand vor der Maschine. Wartend auf die Maschine.

Ich hatte das Gefühl, dass Tom in meinem Rücken etwas sagen wollte, um mir die Spannung zu nehmen, aber sie ihn aufhielt, wovon jedoch kein Anschein mehr zu sehen war, als ich die Tasse zum Tisch brachte und mich meinem Schicksal des ewigen Schweigens ergebend hinsetzte. Und so saßen wir eine gefühlte Ewigkeit, in der Tom an seiner Tasse nippte, ich hin und her im Bürostuhl drehte und sie das, was zuerst augenscheinlich zu ihrem Kleid gehörte, ablegte, wodurch nur eine weitere Schale übrig blieb.

»Es ist nicht A und nicht Z«, ergriff sie das Wort. So spät, dass ich schon mit dem Gedanken gespielt hatte, sie beide einfach, wenn auch höflich, rauszuwerfen, was natürlich meiner Ungeduld geschuldet war.

»Was ist nicht A und nicht Z?«, forderte ich heraus. Ich weiß nicht, warum ich plötzlich so gereizt war, doch mit eben diesem geschilderten Moment schienen sie meine Zeit zu vergeuden. Nichts, was sie gesagt hatte, warf einen anderen Blick darauf. Und als ich diesen einfordern wollte, hatte sie geschwiegen. Eigentlich hatte ich nicht diesen einfordern wollen, sondern eben den, der es widerlegte und mich so darin bestätigte, dass sie nicht wüsste, wovon ich eigentlich sprach. Doch keiner von beiden schien es zu bemerken.

»Ich versuche, es zu erklären. Sie könnten Toms Tochter zum Beispiel fragen, dass sie ihren Papa beschreiben soll als Aufsatz. Was würde sie schreiben?«

»Wahrscheinlich nichts, denn das kann sie noch nicht«, scherzte Tom und ich bemerkte, wie ich mich ungewollt wieder etwas entspannte. Zumindest kehrte sie zu etwas zurück, dass irgendwie mit dem, was sie sagen wollte, was auch immer das war, im Zusammenhang stand. Und ich wurde das Gefühl einfach nicht los, dass, wenn denn irgendein Sinn in ihren Ausführungen lag, wenn es nicht bloß intellektueller Small Talk war, es etwas mit dem zu tun hatte, weswegen ich Tom eigentlich damals aufgesucht hatte. Dass selbst das Herausfordern meiner Geduld damit zu tun gehabt hatte. Dass sie es wüsste.

Aber wie viel wusste Tom? Was hatte er tatsächlich mitbekommen? Denn meiner Auffassung nach konnte er es nicht wissen und damit ihr auch nichts davon erzählt haben. Zu wenig hatte ich preisgegeben, bevor ich das Vorhaben abgebrochen hatte.

»Dann sagen wir erzählen. Was würde sie erzählen? Am meisten Äußerliches oder? Papa ist groß, hat braune Haare und eine grüne Jacke. Papa fährt ein blaues Auto. Was noch? Papa ist gerne ...?«

»Hmm wahrscheinlich Nutella, das hat sie von mir.«

»Und Papa spielt gerne, weil sie dich wohl häufig beim Schachspielen sieht oder?«

»Sie hat sogar einmal gefragt. Ich hab ihr versucht zu erklären, dass es ein Rätsel ist, aber ganz verstanden hat sie es nicht, obwohl sie neugierig war, als ich ihr von der Königin und dem König erzählt habe.«

»Aber wissen tut sie viel mehr. Wenn man ihr nur die richtige Frage stellt. Wenn man sie zum Beispiel fragen würde »Wonach sehnt sich dein Papa oder was träumt er?« Sie hätte eine Antwort.

Aber so stellen auch wir selten die richtigen Fragen. Wenn Sie fragen »Hat die Meditation die Kriminal-Statistik gesenkt?«, lautet die Antwort »Nein«. Aber wenn sie fragen »Sank die Kriminalstatistik während sie meditierten?«, lautet die Antwort »Ja«. Letzteres ist eine Tatsache. Ersteres ist Logik. Logik basiert auf Tatsachen, aber ist keine in sich selbst. Alle Möglichkeiten sind ihre Tatsachen. So ist es unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich verstehen Sie?«

Ich zögerte.

»Um unmöglich zu sein, dürfte die Tatsache nicht bestehen. Besteht die Tatsache, ist es möglich.«

»Aber unwahrscheinlich«, ergänzte ich.

»Das mag sein. Aber um dies zu bestätigen, müssten der Naturwissenschaft nach erst sehr viele Faktoren ausgeschlossen werden. Zum Beispiel wie groß war die Gruppe? Wenn die Gruppe aus der gleichen Größe bestand, die 5% der Gesamtheit ergibt, ließe sich eine Senkung von 5% erklären. Dann würde die Antwort auf die Frage »Hat die Mediation die Kriminalstatistik gesenkt?« bejaht werden können.

»Aber Moment, dass würde bedeuten, dass alle Anwesenden Kriminelle wären oder?«, fragte ich sie, doch blickte zu Tom.

»Durchaus, aber sagen wir nicht Kriminelle, sondern Täter. Und um eine Tat zu begehen, benötigt es meistens auch ein Opfer. Das würde bedeuten, dass nicht alle Täter wären, sondern sagen wir die Hälfte Opfer. Und wo das Opfer fehlt, kann keine Tat verübt werden richtig?«

»Aber würde der Täter nicht einfach ein anderes Opfer finden?«, fragte Tom.

»Würde er? Auch da gibt es ja wieder recht viele Faktoren, um diese Frage zu beantworten. Wenn ein Mann im Streit seine Frau umbringt, kann er das nicht, wenn sie nicht da ist.«

»Sie meinen aber auch, dass dann das eigentliche Meditieren nicht der Grund war?«, brachte ich eine weitere Kritik an.

Sie überlegte.

»Hmmm das ist nicht leicht zu sagen. Es muss sich ja um eine Tätigkeit handeln, die Menschen so lange beschäftigt ... machen wir anders herum. Man kann anzweifeln, dass der Zustand der Mediation selbst, dazu geführt hat ja? Dass die Schwingung sich irgendwie auf die Welt übertrug ja? Kann man anzweifeln. Und doch ändert es ja nichts an der Tatsache richtig?

Unser Logik-Denken nimmt meist den kürzesten Weg. Das ist das Prinzip der Parsimonie oder Ockhams Rasierklinge, dass von mehreren hinreichenden möglichen Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt, die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen ist. Das bedeutet auch die Reduktion auf eine Erklärung. Das heißt, je komplexer ein Sachverhalt, desto komplexer die Erklärungen, von denen wir jedoch nur die einfachen verwenden, wenn sie hinreichend sind, um den Sachverhalt zu erklären.«

»Natürlich, warum sollte man weiter suchen, wenn man eine Antwort hat?«

»Richtig da.«

»Wir haben ja auch nicht die Zeit.«

»Richtig. Wir sterben.«

Und erneut machte sie eine Pause, zündete sich eine Zigarette an und schien das Licht zu betrachten, der Sonnenuntergang, der von der gegenüberliegenden Fensterfront ins Zimmer hineingeworfen wurde. Sie schien zu überlegen. Aber nicht angestrengt, nicht suchend, sondern den Schein musternd, in dem der Rauch ein Eigenleben entwickelte. Als wartete sie nur auf etwas. Es waren diese Pausen, die für mich sehr ungewohnt waren. Normalerweise in einer Diskussion, oder auch die, die ich bei einem Symposium und dergleichen erlebt hatte, gab es sie nicht. Tatsächlich unterbrachen sich alle Beteiligten konstant, drängten danach, das Erste, was ihnen einfiel auszusprechen, selbst, wenn es sich nicht darum ging, den anderen zu widerlegen, sondern zu bestätigen, aber auch dies auf eine möglichst ebenbürtige oder sogar bessere Art & Weise. Ein konstantes Gieren nach Beherrschung des Gespräches, selbst als Zuhörer. Man nennt es aktives Zuhören, aber im Grunde liegt darin nur ein passives Sprechen. Du gibst etwas. Aufmerksamkeit. Und der Mensch gibt nie etwas ohne Zweck.

Dieses Mal spielte ich mit. Ich spielte wahrhaftig, denn ich musste mich dazu zwingen. Immer wieder drang ein Gedanke in meinen Kopf, der nach Aussprache forderte, aber anstatt dieser Forderung nach Reaktion von außen nachzugeben, sezierte ich ihn, bis nichts mehr davon übrig blieb. So lange, bis sie mir eine Zigarette anbot und sich die nächste ansteckte. Ich nahm an, reichte nach den Streichhölzern, zog eins langsam hervor und setzte es am Rand der Schachtel auf, um es mit so wenig Anstrengung wie möglich zischen zu lassen. Ein kurzer Funken. Dann fraß sich Glut durch die Schwefelschicht des Kopfes, kreisum, als ich dachte, es würde erlöschen, bis plötzlich auf Nasenhöhe zwei Flammen hochschlugen, sich gegenseitig die Luft nahmen, um als eine dem Drang zu Überleben nachzugeben. Ein leichter Windzug, der durch das gesamte Zimmer ging, ließ sie der weißen Spitze entgegenzittern, auf die sie sich gierig stürzten, um nur wenige Minuten länger zu existieren. War es eine Flamme oder zwei, die wie eine brannten?

»Das war's!«, unterbrach Tom plötzlich und sehr euphorisch meinen Gedanken.

»Ich hatte die ganze Zeit überlegt, worüber wir kurz gesprochen hatten, bevor Stefan Tina malen wollte, aber nicht wusste in welcher Farbe. Die Zeit. Du wolltest wissen, wie die Mathematik sie erklärt. Deswegen hatten wir von Anfang und Ende gesprochen.«

So erinnerte er sich. Eigentlich war es nur mein Aufhänger gewesen, wobei ich nicht ganz wusste für was. Aber ich musste langsam anfangen.

»Wir gucken durch, wie durch einen Vorhang auf alles«, ergänzte sie, als hätte sie nur auf genau diese Feststellung Toms gewartet.

 

»Immer A und Z. Das Gehirn macht es auch. Der Zauberer sorgt für einen Knall. Wir zwinkern und sehen nur das Ende. Der Trick ist die einfachste Antwort um den Sachverhalt zu erklären. Er hat das Glas verschwinden lassen. Aber wir wissen, dass es nicht so ist. Nicht lang zurück und Menschen dachten, er könnte das. Er besitze Magie.«

»Kinder haben das übrigens auch. Ich las viel über die Entwicklung. Zumindest bei Stefan und ab drei Jahren etwa treten Kinder in die magische Phase ein. Das ist eine ziemlich wilde Zeit. Sie verstehen die Welt noch nicht, aber deuten sie anhand einer magischen Logik, in der sie allmächtig sind. Er erklärte, dass die Bäume sich bewegen, um Wind zu machen, damit sein Drache fliegt, wenn er es will.«

»Gar nicht so weit weg von Regentänzen«, ergänzte sie.

»Aber er meinte auch, dass das Baby, zu der Zeit war es noch im Bauch, ihm gesagt hat, dass im Keller ein Zwerg lebt.«

Ich musste lachen.

»Das war durchaus unheimlich, als wir schließlich gucken gingen, nachts, weil er tagsüber schläft, mit Taschenlampe, weil er sich sonst vielleicht erschreckt und verkriecht. Es hört auf, wenn sie Sprache richtig lernen und durch die Begriffe den Dingen eine Ordnung geben. Nach der Geburt hat er dann seine Ängste auf sie projiziert, um sie dann davor zu beschützen »Musst keine Angst haben, das ist nur der Wind« und so was.«

»Es ist erst das Wort, dass die Angst nimmt. Die Ant-Wort, so schön im Deutschen.«

»Und mit der Sprache geht dann auch die Zeit einher. Also ihre Einteilung. Dass Dinge einen Anfang und ein Ende haben in unserer Wahrnehmung zumindest.«

»Wieso?«, fragte ich.

»Hatte ich es dir nicht erklärt? Laut Einsteins Relativitätstheorie ist die Zeit nur eine weitere Dimension. Die Linie dehnt sich nur in eine Richtung aus. Die Fläche in zwei und der Körper in drei. Das ergibt den dreidimensionalen Raum. Die Ausdehnung der Linien wäre die Raumzeit. Allerdings bedeutet das auch, dass die ganze Zeit schon da ist. Ich werde langsam etwas hibbelig, aber einen Kaffee nehme ich noch.«

Ich lachte, nahm seine Tasse und machte mich an die Maschine. Erst jetzt fiel mir auf, dass wir eigentlich schon im Halbdunkel saßen, was jedoch keiner von uns bemerkt hatte, so schaltete ich die Deckenleuchten an, die an zwei Wänden den Raum durch Milchglas gedämpft erhellten und das direkte Licht zur Decke warfen, wodurch es nicht zu hell wurde und auch nicht mehr all zu dunkel war. Man bemerkte es fast nicht, so wenig, wie die letzten warmen, abendlichen Brisen im Juli. Warm genug, um nicht zu frösteln, und doch so kühl, um Entspannung von der Hitze zu bieten.

»Aber ist das nicht auch wieder nur unsere Wahrnehmung?«, hörte ich sie neugierig fragen.

»Letzten Endes schon«, murmelte er nachdenklich, »Wessen sonst? Oder sagen wir besser, es ist das Wesen des Universums in für uns verständliche Worte ausgedrückt. Ein Chinese nutzt andere Worte, aber beschreibt ja im Endeffekt das Gleiche. So würde auch eine außerirdische Lebensform vielleicht eine andere Form der Kommunikation verwenden, aber das Gleiche beschreiben, wenn er über die Geschwindigkeit des Lichts spricht.«

»Und wenn das Licht, da wo er ist, langsamer wäre?«, fragte ich beiläufig, als ich ihm seinen Kaffee brachte und einen Blick in meine Tasse warf, deren Inhalt gar nicht mehr so schmackhaft aussah.

»Oder willst du ein Bier?«

»Ich bleib bei Kaffee, muss noch fahren. Frau Barashkova?«

»Haben Sie Wein?«

Ich nickte. Holte zwei Gläser und die Flasche, die mir ein Klient einmal geschenkt hatte, und die seit dem im hintersten Küchenregal zum Staubfänger geworden war.

»Wodurch sollte das Licht langsamer werden?«, kam Tom auf meine Frage zurück, »Es ist eine interessante Idee, aber ich weiß nicht wie ...«

»Das war es auch nur«, musste ich zugeben, »Eine Idee ...«

»Hmm es ist nie langsamer, aber je größer die Distanz, desto später erreicht es uns natürlich. So wie wir das Licht von Sternen am Himmel sehen, aber nicht mit Gewissheit sagen können, von wann es ist, also ob es den Stern noch gibt. So sehen wir im Nachthimmel die ganze Zeit. Und wenn wir Infrarot-Strahlung wahrnehmen würden, sähen wir sogar ein Schimmern, was die Reststrahlung des Urknalls ist. Wir sehen also in die Vergangenheit.«

»Und die Zukunft?«, fragte sie und nippte am Wein, der wohl bekömmlich schien.

»Die auch. Denn wenn die Zeit eine Dimension ist. Dann ist sie im Ganzen bereits vorhanden. Die Linie besteht ja nicht aus zwei Punkten, sonst wäre es keine Linie. Nur wir können sie nicht wahrnehmen. So meinte Einstein auch, dass die Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Illusion ist.«

»So buddhistisch«, schmunzelte sie, »Im Asiatischen ist die Zeit flüchtig, augenblicklich, viele kleine Augenblicke und so jeder Einzelne kostbar. Im Gegensatz zum indischen Denken, wo die Vergänglichkeit der Zeit als etwas Festes und Unveränderliches betrachtet wird. Im Ganzen. Sozusagen ein Unterschied in der Form, wie nah man an ein Bild herantritt. Von Weitem ist es nur ein Punkt, statisch. Ganz nah davor verändert es sich mit jeder kleinsten Bewegung.«

»Wie am Himmel. Aus der Ferne ist selbst unser Sonnensystem nur ein Punkt, aber während wir hier sitzen, passiert so viel in einem kurzen Augenblick.«

»Dann ist es nur eine Frage der Perspektive ...?«, hakte ich nach.

»Gewissermaßen«, erklärte er, »Man könnte sagen die Wissenschaft sucht nach der Perspektive, die am schlüssigsten ist, um alles zu erklären anhand von dem, was wir wissen und testen können.«

»Aber mit dem Leben selbst, also wie wir es führen, hat sie recht wenig zu tun oder?«, äußerte ich einen Gedanken, der sich nicht unterdrücken lassen hatte.

»Wie meinst du das? Sie ist ja überall um uns herum.«

»Also ob ich die Zeit jetzt als eine Dimension definiere oder nicht, werde ich doch älter.«

»So schon, aber auch das erklärt die Wissenschaft. Es ist so, dass wir noch an die Natur gebunden sind und damit an die Fortpflanzung, sonst würden wir aussterben. Einfach ausgedrückt, verwendet unser Organismus so sehr viel Energie, damit wir in der Lage sind uns schnellstmöglich zu vermehren. Diese Ressourcen fehlen später, wodurch der Alterungsprozess, im Gegensatz zu dem kindlichen Heranreifen, eintritt. Heutzutage mit künstlicher Befruchtung, Verhütung und dergleichen, wo das Erwachsenwerden ohnehin nach hinten gerückt ist, wären wir auf diesen natürlichen Prozess eigentlich nicht mehr angewiesen. Das heißt, wenn wir eine Möglichkeit finden würden, die verstärkte Nutzung der Ressourcen im Jugendalter zu unterbinden, könnten wir länger leben. Eben so lange, bis äußere Gefahren uns das Leben nehmen. Aber genau kann ich dir nicht sagen, welche Veränderungen dies im Leben zur Folge hätte. Wir würden quasi künstlich einen Teil unserer Entwicklung überspringen oder hinauszögern, was theoretisch ja auch Folgen für unsere Psyche haben sollte.«

»Das andere, was du meinst, wie wir unser Leben führen«, nahm sie meine Frage auf, »Ist dann Religion und Philosophie. In der Philosophie wurde der Erschaffer quasi, ganz richtig ist dies nicht, da auch viele Philosophen an Gott glaubten, durch die Vernunft ersetzt. Das Erschließen der richtigen Lebensweise. Das 5. Gebote lautet »Du sollst nicht töten«. Die Philosophie fragt »Warum?«In der Theosophie suchen wir nach den Gemeinsamkeiten. Früher war es sehr spirituell, Mystizismus und so etwas und auch die Theosophie ging durch eine Entwicklung parallel zur Philosophie, Religion und auch Wissenschaft. Aber am Ende suchen wir das Gleiche, wir haben nur andere Verfahren, Begriffe und nähern uns auf unterschiedlichem Weg. Was die Mediation bewirkt, ein Zustand, der während ihr eintritt, jedoch nicht aufrechterhalten werden kann, ist gar nicht so weit weg von der Suche nach dem Gottteilchen. Ist das das richtige Wort?«

»Das Higgs-Boson. Gottesteilchen oder eben richtigerweise gottverdammtes Teilchen. Auch da besteht es zu kurz, um es genauer zu analysieren, nachdem die Existenz zumindest bestätigt werden konnte, wie das, was Sie über die Meditation gesagt haben. Ich sehe durchaus die Parallelen Frau Barashkova, aber ganz lassen sie für mich noch keinen Schluss zu.«

»Wie meinen Sie das?«

»Hmmm, als ob die Pfade noch zu weit auseinanderlegen, um logisch gesehen zu einem gleichen Ziel zu führen.«

»Ich verstehe.«

»Dafür ist es mir zu komplex. Was hat Quantenmechanik mit der Art & Weise zu tun, wie wir Emotionen fühlen beispielsweise. Das eine ist Physik. Das andere Psychologie oder Neurologie. Da sehe ich doch auch mehr die Trennung.«

»Das meinte ich. Natürlich ist die Wissenschaft auch so um uns herum, wie Technik, Aspirin oder Psychopharmaka. Wir können Träume auf die eine oder andere Art unterdrücken, aber wir können sie nach wie vor nicht erklären. Oder wir kreieren künstliche Intelligenz, aber es gibt keine Formel für freien Willen oder?«, fragte ich nach Toms Bestätigung, denn ich wusste es nicht.

»Noch nicht zumindest. Soviel ich weiß, bringen wir ihr gerade das Lernen bei. Dann kann sie den Rest alleine machen«, lachte er, »Aber jetzt, wo du es sagst, natürlich gibt es da Parallelen. Unser Gehirn funktioniert ja auch anhand von elektrischen Impulsen. Da wären wir dann wieder bei der Physik. Insofern ist die Trennung nicht eindeutig. Wobei ich sagen muss, dass das Ziel auch nicht wirklich darin liegt, uns gleiche Maschinen zu schaffen. Es reicht, wenn sie über so viele vorprogrammierte Entscheidungen verfügen, dass uns der Unterschied kaum noch auffällt. Eine Illusion. Den Rest machen wir selber. So wie wir menschliches Verhalten in Tiere hineininterpretieren. Also die Illusion schaffen wir uns selbst.«

Sie hatte es sich inzwischen gemütlich gemacht, die Schuhe aus und mit baren Füßen seitwärts die Knie angezogen, um sich den Ellenbogen auf der Lehne mit einer Hand den Kopf zu stützen. Sie schob sich kurz nach vorne, reichte nach der Flasche und schenkte sich nach, um das Glas zu sich zu holen.

»Ist guter Wein«, lächelte sie,«Man kann aber doch sagen, dass alle Antworten suchen ja? Ähm große Antworten. Wie sagt man besser?«

»Vielleicht endgültige Antworten oder entscheidende Antworten ...«, versuchte Tom es.

»Auch die Religion?«, fragte ich kritisch, »Sie sagt doch einfach Gott ist die Antwort. So oder so ähnlich.«

»Ja ... aber Glaube ist nichts Endgültiges«, erklärte sie, »Er entsteht jeden Tag auf ein Neues, wir jeden Tag getestet. Es ist mehr »Gott hat die Antwort«, aber du musst lernen, sie zu hören. So vielleicht. Was ich aber sagen will ist, sie suchen Teile der gleichen Antwort, nicht die gleiche ja? Vielleicht nicht Weg zu einem gemeinsamen Ziel, aber zum gleichen Haus mit unterschiedlichen Räumen.«

»Vielleicht bauen sie es eher«, fügte Tom hinzu, »Ein Museum des Menschen.«

»Nur wer soll es besuchen?«, fragte ich nach und Tom lachte.

»Guter Punkt.«

Plötzlich setzte ein heftiger Windstoß das Fenster in Bewegung, und noch ehe ich den Vorhang flattern sah, toste Donner los und es schüttete, als hätte jemand den Regen angeschaltet, sodass ich es schnell auf kipp stellte. Sie schien an etwas zu rätseln, dieser Ausdruck, den man so selten im Alltag sah. Sich die Zeit nehmend, den Gedanken zu suchen. Ich reichte nach ihren Zigaretten, was sie beiläufig registrierte und lächelnd nickte, als ich noch zögerte, bevor sie den Blick wieder in die Leere gleiten ließ. Als sehe sie es dort, aber könnte es nicht beschreiben, wie einen Geist. Einer von vielen, die sie seit Langem begleiteten. Ich hatte schon einmal was über die Theosophische Gemeinschaft gelesen, als ich mich im Zusammenhang mit »Utopian Ius« etwas näher mit Sekten beschäftigt hatte. Ein Kapitel, das scheinbar von jedem Leser nicht registriert worden war, denn es hatte nie Erwähnung gefunden. Tatsächlich war es bei der Überarbeitung eines der Kapitel gewesen, bei dem ich gezweifelt hatte, ob es einerseits relevant ist und andererseits nicht auf große Kontroverse stoßen würde, sodass es von dem eigentlichen Inhalt ablenken würde, der Schrift eine Färbung geben, die alles andere zunichtemachen könnte, da mir der Vorwurf gemacht werden würde, ich wolle eine Sekte gründen oder dergleichen. Doch ich hatte es als relevant genug erachtet, abgewogen, dass dieser Verweis und seine Aussage wichtiger wären, als das Risiko missverstanden zu werden. Und niemand hatte je wieder darüber gesprochen. Es ging sich kurzgefasst um die Regeln innerhalb einer Sekte, und obwohl sie einer diktatorischen Struktur folgt, doch der größte Vorwurf in der Ausbeutung ihrer Mitglieder liegt, aber innerhalb dieser Gemeinschaft feste Gesetzmäßigkeiten verfolgt werden, die das Zusammenleben, in den meisten Fällen frei von Gewalt gestalten. Diese entsteht bei fundierteren Sekten, wie zum Beispiel Scientology oder Krishna im Vergleich zur sogenannten Manson Family, erst wenn ein Mitglied aussteigen will und der damit einhergehenden Befürchtung, dass es der Öffentlichkeit von Praktiken und Ritualen erzählt. Erst der freiwillige Ausstieg aus der Gemeinschaft führt zu Gewalt. Das Leben innerhalb ist jedoch für gewöhnlich frei davon, wenn die Regeln eben eingehalten werden. Der Vergleich bezog sich auf die Größe einer Gesellschaft und der damit einhergehenden Rechtsordnung. Aber bei den Recherchen stieß ich auch auf die Theosophische Gemeinschaft und wusste, dass in ihrem Namen auch Séancen veranstaltet wurden und die Toten ein Teil des Lebens waren. Eigentlich hatte ich gedacht, dass Tom sich hatte anstecken lassen, als er sie vorstellte, und dass sie darauf bedacht wäre, auch mich sozusagen zu bekehren, aber wie aus meiner Erinnerung geschildert, hatte sie noch nicht einmal den Versuch gewagt. Im Gegenteil sprachen wir unheimlich frei und sie hörte im Gegensatz zu den anwesenden Intellektuellen bei den Diskussionen zu und war offen für Ansichten, wobei auch keiner von uns, also mir oder Tom, eine Agenda in diesem Gespräch hatte. Zugegeben, ich schon, denn ich wollte eigentlich Widerstand, aber konnte noch nicht einmal den Gedanken äußern, zu dem sie mir hätten Widerstand bieten können. Ich wollte, dass sie mich widerlegten, wie auf dem Podium, aber stattdessen war ich aufgrund des Eigenlebens, was unser Gespräch angenommen hatte, zu neugierig, um alles auf eine Karte zu setzen und sie mit dem zu konfrontieren, was ich wusste. Denn erst benötigte ich den Beleg dafür, von ihnen, um selbigen zu verwenden meinen Punkt zu bekräftigen. So tut man es als Advokat. Der Verkäufer lässt sich das Verkaufsargument vom Kunden geben. Der Kunde erklärt, dass ihm dies oder jenes zu teuer sei, und man verkauft mit der Günstigkeit des anderen. Nicht anders macht man es als Anwalt. Man lässt den Zeugen zuerst sprechen. Zwingt ihn, freiwillig Aussagen zu tätigen, die er vielleicht sonst nicht machen würde, und dann hat man ihn aufgrund dieses Kommunikationsdranges des Menschen in der Tasche, und kann ihn bloßstellen mit seinen eigenen Worten. Lass sie reden! Der Mensch, den du reden lässt, verliert sich zwangsläufig im Widerspruch. Betonst du diesen Widerspruch, scheint alles, was er gesagt hat, selbst das Wahrhafte, falsch oder gelogen. »Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, selbst wenn er dann die Wahrheit spricht«. Diesen Kindervers hatte unser Professor uns eingebläut. Egal wer und egal wie die Tatsachen, hat er sich immer bewahrheitet. Die Handlung an sich wird belanglos, wenn jeglicher Zeuge als Lügner entlarvt oder getarnt wird. So wartete ich auf den Moment, der nicht kam. Denn plötzlich lächelte sie ins Leere.

»Aber was, wenn Sie die Antworten auf all diese Fragen finden, was tun sie dann?«

Tom begann zu lachen.

»Auch ein guter Punkt. Ich glaub ein Bier nehme ich, wenn du eins da hast.«

Ich nickte und ging in die Küche zum Kühlschrank. Mein Glas war ohnehin geleert, so brach ich das Sixpack an und nahm zwei heraus.

»Glas?«, fragte ich.

»Mir reicht die Flasche«, erklang es zurück und ich hörte wie er ihr erklärte »Frau Barashkova, auch das hat Goethe erwähnt. Wir mussten es damals in der Schule Lesen »Die Leiden des jungen Werthers« kennen Sie das Buch?«

Ich kam zurück und reichte ihm sein Bier, als sie den Kopf schüttelte.

»Wie war die Stelle? Kennst du's?«, wandte er sich an mich, aber ich musste meine Unwissenheit zugeben.

»Moment, ich hatte es als Hauptaussage für meine Hausaufgaben genommen, die alle von mit abgeschrieben hatten. Und genau die kamen nach mir dran und rezitierten immer das Gleiche, was unseren Deutschlehrer Herr Kaiser sehr verwunderte. Es ging »Es ist ein einförmig Ding ums Menschengeschlecht ... Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben ... und das bisschen, das ihnen an Freiheit bleibt ... ängstigt sie sie so, dass sie alle Mittel suchen, um es loszuwerden. O Bestimmung der Menschen.«

Es fiel ihm schwer sich an die Zeilen zu erinnern und doch hatte er sie seit seiner Schulzeit nicht ganz vergessen.

»Irgendwann 18. Jahrhundert schrieb er das, natürlich als Brief des Charakters. Aber es machte auf mich so einen großen Eindruck, oder so schrieb ich es in meinem Aufsatz, der weitestgehend viermal wiedergegeben wurde, dass auch die großen Denker nicht davon befreit sind und ihr Leben verarbeiten, denn selbst entgeltlose Aktivität, die nicht dem Ziel folgt, bloß Bedürfnisse zu befriedigen, ist Arbeit und auch für die Forscher im CERN beispielsweise ist es ja ihr Lebensunterhalt. Es war so witzig, weil unser Lehrer damals daraufhin AGs und Veranstaltungen einrichtete, weil er der Auffassung war, dass diese Frage scheinbar unheimlich wichtig für unsere Generation sei, wenn alle in der Klasse sich auf das Gleiche bezogen, was die anderen natürlich, die wussten, dass diejenigen nur bei mir abgeschrieben hatten, selbstverständlich bestätigten, zum einen, um uns nicht zu verpetzen und zum anderen, um schlichtweg nicht im Stoff weiterzumachen. Noch als ich die Schule nach dem Abi verließ, ging das so und er hatte einen ganzen Kreis die mitmachten und die sich nie neuen 68er nannten, also unter diesem Namen Partys veranstalteten und Demos und so was. Tatsächlich schien er traurig, als ich ihm erklärte, dass ich nicht studieren gehe, sondern in der Ausbildung Geld verdienen will, um mit Maggi zusammenzuziehen und eine Familie zu gründen.«

Ich musste schmunzeln.

»So eine kleine unabsichtliche Handlung, die für einen anderen Menschen so viel auslöst. Wenn man es wüsste oder darüber nachdenkt ...«

Zum ersten Mal lies sie mich nicht zu Ende sprechen. Aber nicht um mich zu widerlegen, sondern den Gedanken weiter zu führen.

»Dann könnte man eigentlich nicht mehr handeln, meinen Sie das?«

Ich nickte.

»Aber ist das ein Widerspruch?«

Ich wusste nicht, was sie meint.

»Geht nicht beides?«

Ich wollte auf meinen eigentlichen Gedanken zurück, nämlich zumindest mein schmales Wissen zu zeigen. Jetzt war ich der, der sich selber sprechen hören wollte. Zumindest in diesem Moment.

»Vielleicht, was ich aber sagen wollte, gab es das ja schon viel früher mit Platos Höhlengleichnis, den Sitzenden vor der Wand, auf die das Feuer Schatten wirft, die diese als das wahre Leben sehen.«

»Und du weißt auch, wie es endet?«, fragte Tom.

»Genau, darauf brachten Sie mich wieder Frau Barahkova. Er befreit die anderen und zeigt ihnen die Welt außerhalb der Höhle, doch sie schlagen ihn tot. Dann ist es schon ein Widerspruch.«

»Darauf wollte ich hinaus«, stellte Tom fest, »Denn das Höhlengleichnis ist, glaube ich zumindest, eine der am meisten missverstandenen Theorien und gleichermaßen die am meisten bekannte der Antike. Es ging sich gar nicht um diesen Vergleich, also direkt im Wesentlichen, sondern Platos Vergötterung von Aristoteles, den er als diesen Menschen sah, der sich befreit, aber kein Gehör findet. Er baute diesen Vergleich anhand dessen, fast als würde er nur diese Person beschreiben wollen. Das heißt, er fing mit dem Ende an und konstruierte rückwärts, bis er ein zugegeben fantastisches Szenario fand. Im Nachhinein lesen es dann andere und konzentrieren sich auf den Vergleich oder die Metapher, weil diese eben so gut gewählt war, aber das war nie seine Absicht, oder, ich habe das nicht studiert, was wenn das gar nicht seine eigentliche Geschichte war, sondern es sich nur um das Ende drehte. Dieses relativ simple Ende, dass der, der die Wahrheit sagt, dafür sozusagen gekreuzigt wird, aber dass klingt so religiös nicht? Ich meine es, wie es Goethe formulierte, dass ihnen jedes Mittel recht ist, um die Angst, die die Freiheit mit sich bringt, loszuwerden. So wird der, der sagt »Du bist frei« schon zur Bedrohung. Das war sein Punkt. Meiner Ansicht nach zumindest.«

»Ohh«, schoss es euphorisch aus ihr hervor, als bemerke sie erst jetzt die Abkühlung der Luft durch das Gewitter, während sie erneut zur Flasche griff. »Sehr schön gesagt, das gefällt mir sehr. Es ist schwierig. Ich kenne das. Sagen wir, du hast etwas gefunden, eine Entdeckung, oder ...«, sie wurde ganz eifrig, »Sagen wir ein Mann im CERN, als er alleine Überstunden macht, sieht plötzlich etwas, ein Teil (sie meinte Teilchen), das sich halten lässt, und dass das Higgs erklärt, was tut er? Welche Verantwortung trägt er in diesem Moment? Er könnte seinen Namen für alle Ewigkeiten mit diesem Teil verknüpft sehen, Ruhm und wahrscheinlich Geld. Er hat die Antwort, aber er war allein, als er sie fand. Aber er könnte sie zeigen. Was tut er? Oder weiß er es ist (sie versuchte zu zitieren, was ihr gut gelang) »Oh die Bestimmung des Menschen« und was würde er ihnen nehmen, wenn er es auch nur einem anderen berichtete. Was sollte er tun?«, fragte sie lächelnd, weil auch sie keine Lösung für dieses Rätsel hatte, doch wartete nicht, sondern gab dem nächsten Gedanken nach.

»Oder ein Guru, der es geschafft hat Aatma zu erhalten aufrecht«, schnell erklärte sie genauer, da es ihr sehr wichtig schien, dass wir diesen Punkt nachvollziehen können, »Also das es bleibt, dauerwährend wie sagt man richtig?«, sah sie zu Tom, der kurz mit den Schultern zuckte, da es ja eigentlich schon verständlich war, und es dann versuchte: »Für immer. Oder besser sagen wir gegenwärtig, also konstante Gegenwart.«

»Da ja, was soll er tun? Zum einen sollte es so erleuchtet ja keinen Grund, kein Bedürfnis geben, es anderen zu sagen oder zeigen, also nicht aus Ego heraus, für sich, und auch ...« sie sprudelte quasi vor neuen Gedanken, die sie scheinbar noch nie zuvor gehabt hatte, oder als hätte sie sie noch nie zuvor geäußert, »... der Gedanke anderen zu helfen resultiert ja letztendlich nur daraus, Affen tun das auch, es macht mehr Sinn für das Überleben der Gruppe und damit auch dem Einzelnen, also sich selbst. Also was tut er?«

Sie war so neugierig mit einem leisen Hauch von Sehnsucht nach einer Antwort, während sie sich nervös den Ellenbogen streichelte, als ob sie frösteln würde, doch trotz des Gewitters, waren es draußen bestimmt noch 28 Grad. Was mir erst zu diesem Zeitpunkt auffiel. Man vergaß es. Nach weniger Zeit der Hitze vergisst der Mensch die Hitze, wenn sie ihn nicht verbrennt. Der Mensch kann sich an alles gewöhnen. Darwin. Das Überleben des Bestangepassten, nicht des Stärksten. Wenn es nach Stärke ginge, hätte so manch Tier heute die Weltherrschaft. Aber sie konnten sich nicht an alles gewöhnen. Das tut nur der Mensch. Der Wahnsinn des Krieges würde jedes Tier ebenso in den Wahnsinn und damit baldigen Tod treiben. Der Mensch gewöhnt sich daran. Wie anders hätte er überlebt? Es war nicht seine Intelligenz, Waffen zu bauen, sondern seine Gewöhnung an den Zustand der ständigen Gefahr. Ein Tier, eben solcher ausgesetzt über einen langen ununterbrochenen Zeitraum, überlebt nicht lange. Nicht in Gefangenschaft und auch nicht in freier Wildbahn. Dafür ist es nicht gemacht. Das kann es nicht. Der Mensch hält es aus. Darin liegt der Einzige oder einer der vielen Unterschiede, je nach Perspektive. Aber Sie merken, wie ich die erstbeste Gelegenheit abzuschweifen verwende. Nicht als ob die folgende Schilderung dieser Nacht irgendetwas Bedrohliches hätte, auf dass ich auf diese Weise vorbereiten wollen würde, sondern um es nicht in Worte zu fassen. Denn es würde Sie selbst diese Zeilen anders lesen lassen. Das treibt mich zum Schreiben und lässt mich zögern. Wenn ich es Ihnen einfach schreiben könnte, aber jedweder Satz fühlt sich unvollendet, bereits im Gedanken. Wie anders Sie es lesen würden, wenn Sie es überhaupt täten. Aber deswegen kann ich nicht anders, als mit unserem Gespräch fortzufahren.

»Nichts«, erklärte Tom überlegend an seinem Bier nippend, »... oder?«, fragte er uns, denn sicher, war er sich nicht.

»Nichts,« erklärte sie, »Wissen Sie?«, und lehnte sich gerade auf, »Wenn wir uns das noch nicht einmal vorstellen können, wie soll es je sein? Was ist unsere Erwartung? Zum Beispiel einfacher, man macht einen Test, man lernt dafür mit Bild im Kopf, wie man sich fühlt, wenn man besteht. Man weiß wofür, für dieses Gefühl ja? Aber, wenn wir überlegen, kommen wir zu nichts. Was soll er tun?«, stellte sie erneut die Frage fast als hätte sie Mitleid und trank ihr Glas leer, um es noch einmal zu betonen: »Wenn wir zu nichts kommen ...«

»Wenn es keine Fragen mehr gibt ... und daher auch keine Antworten ... theoretisch bleibt die Zeit stehen, also tatsächlich theoretisch. Es ist so, dass das Universum auf Unterschieden aufbaut, der Drang nach einem absoluten thermodynamischen Gleichgewicht, der überhaupt zu Strukturbildung führte, also Veränderung, die nur durch Unterschiede entstehen kann. Wenn das Gleichgewicht erreicht ist, wie bei einer Waage, dann passiert nichts mehr.«

Und als ich einen Zug an der Zigarette tätigen wollte, streifte ich unüberlegt mit dem Daumen über meinen Bart und hielt inne, als er fortfuhr:

»Vielleicht ist es auch nicht nichts, sondern nur immer wieder dasselbe, dass sich kaum davon unterscheiden lässt.«

»Dann bleibt die Zeit nicht stehen, sondern wiederholt sich?«, fragte sie neugierig weiter.

»Im Grunde ja. Es findet jedoch keine Veränderung mehr statt, wodurch sie unserer Auffassung der Zeit nach von Anfang und Ende, also das sie abläuft, stehen bleibt.«

»Aber was passiert als Letztes?«, gab ich meinen Gedanken nach, dem, den ich wieder und wieder seziert hatte.

»Wissenschaftlich meinst du?«

»Ja, was passiert dann?«

»Also es gibt diverse Theorien, wie es enden könnte. Die schlüssigste und gleichzeitig einfachste ist der Wärmetod. Das Universum dehnt sich aus weiter und weiter, sodass die Abstände zwischen Materie immer größer werden. Wie bereits jetzt schon festgestellt wurde, kühlt es sich ab, eben dadurch, dass weniger Energie auf einem Haufen ist, es entstehen keine neuen Sterne mehr und die existierenden verlöschen, bis die Materie in ihre Grundbestandteile zerfällt, bis hinunter oder zurück, denn so fing es ja einmal an, in die Quantenmechanik und Fluktuationen. Und ab da wird es ziemlich wild. Denn da haben Dinge keinen festen Platz mehr oder Existenz. Ein und dasselbe Teilchen existiert für den Bruchteil eines Augenblickes gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten und werden genau so schnell wieder absorbiert. Die Teilchen und Antiteilchen treffen aufeinander und annihilieren sich, wobei Photonen, Lichtteilchen, entstehen können, wie irrsinnig kleine Blitze. Und je weiter die Ausdehnung sich fortsetzt, desto seltener geschieht auch das, bis nur noch eine kalte Leere übrig bleibt.« Er machte eine Pause und nahm einen Schluck.

»Aber wie gesagt ist das nur eine Theorie. Und da bin ich im Grunde auch nur Laie.«

»Aber warum?«, fragte sie plötzlich, »Ist es nicht wieder nur unsere Wahrnehmung von Zeit, die von einem Ende ausgeht?«

»So gesehen schon ... es gibt aber auch die Theorie von einem oszillierenden Universum, dann beginnt es sozusagen von vorne, ewig, dafür muss es aber erst wieder zu diesem Punkt zurück und auch in dem Fall gibt es kein davor oder danach. Es ist wie die Jugend beim Menschen, und auch das ist sehr weit hergeholt und nur meine eigene Sicht. Auch das Universum folgte diesem Muster und so wie viele Ressourcen zu einem bestimmten Zeitpunkt verbraucht wurden ... altert es. Was ist der Mensch vor seiner Geburt, was nach dem Tod. Auch da gibt es kein davor oder danach, bis der Kreislauf von vorne beginnt, aus der gleichen Energie, aber jegliche Informationen gehen dabei verloren. Wenn man von einer anderen Theorie ausgeht, muss es irgendwann aufgrund seiner eigenen Schwerkraft kollabieren«, blickte er zu uns und grinste, bevor er kurz nach draußen blickte,«Aber ich glaub ich muss los leider. Der Babysitter ist sehr streng, was Überstunden angeht und Maggi ist in ihrer Tanzgruppe.«

»Da, Familie ist wichtig. Sagen Sie kann ich bleiben?«

Ich musste schmunzeln, weil sie nicht fragte, als ob sie sonst keinen anderen Platz zum Schlafen hätte, nicht bettelnd, ebenso nicht, als ob es auch nur irgendeine Bedeutung für sie hätte, bei jemand anderem zu schlafen, sondern mehr wie ein Kind, dass die Mutter eines Freundes oder einer Freundin beiläufig beim Abendessen fragt, ob es länger bleiben darf. Natürlich bestätigte ich und brachte Tom zur Tür.

»Tut mir Leid, sie ist gut, aber verlangt auch das doppelte, wenn wir nicht pünktlich sind. Euch noch einen schönen Abend.«

»Komm gut nach Hause.«

Als hätte ich es schon einmal gesagt. Plötzlich. Als hätte dieser Abend sich schon einmal so oder so ähnlich abgespielt, oder als hätte ich es geträumt. Doch als ich ins Wohnzimmer zurückkehrte, schlief nicht ich, sondern sie. Den Kopf einfach auf den Arm gelegt, die Knie verschränkt. So frei. So wie sie ihren Geist zuließ, ließ sie auch ihren Körper zu, und wenn er Ruhe wollte, gab sie nach. Ich wollte sie nicht wecken, doch setzte mich erst und war noch ganz in diesem Gedanken, der von einem anderen, wichtigeren bei Tom rasch eingeholt worden war, und der sie dennoch einfach schlafen ließ.

Erst als ich nach ihren Zigaretten reichen wollte, entschied ich mich zuvor das Licht auszumachen und da der Regen nachgelassen hatte, das Fenster zu öffnen, um dort zu rauchen. Tatsächlich tröpfelte es nur noch. Überall. Von der Rinne auf die Fensterbank und hinunter, von Blättern und Neon-Reklamen, bis weit in die Ferne der Stadt. Dieses Geräusch. Ich blickte hinaus. Dunst lag über der Straße, dicht und darunter spiegelte sie, wie nur die Dunkelheit sie spiegeln lassen kann, noch das kleinste Licht. Ich wollte hinaus und doch sie auch nicht alleine lassen. So zog ich leise den Stuhl zum Fenster, setzte mich, rauchte, trank vom Bier, das inzwischen schal geworden war, beobachtete ihren Schatten, doch blickte gleichsam nach draußen, wenn eine Stimme zu hören war, die das gemächliche Plätschern unterbrach beziehungsweise begleitete. Hätte ich es ihnen sagen können? Wie? Wie erklärst du es? Hätte es nicht augenblicklich das Gespräch vollkommen verändert? Wenn es keine Antworten mehr gibt ... und hätten sie nicht dennoch versucht, welche zu finden?

Ich schlief den Kopf auf die verschränkten Arme auf der Fensterbank gelegt ein.

 

»Guten Morgen misstrauischer Mensch«, lachte sie hervor, als ein Bus hupte und die warme Sonne mich augenblicklich blendete.

»Spaß. Hab ich dich wach gemacht? Tut mir leid, aber das sah sehr ungemütlich aus. Hast du kein Schlafzimmer?«

Doch, das hatte ich. Zumindest sollte es das Schlafzimmer werden. Auch ein Bett stand darin. Aber ich hatte es so gesehen nie bezogen. Sowohl das Bett als auch das Schlafzimmer. Das Problem war, es hatte keine Fenster. Als ich einzog, dachte ich, das wäre kein Problem, aber es stellte sich als solches heraus. So schlief ich normalerweise auf der Couch, auf der sie eingenickt war, und auf dem Bett standen Kartons, neben Decke und Kissen, die sich tagsüber eben an dem eigentlich dafür vorgesehenen Platz fanden.

»Doch ...«, murmelte ich schlaftrunken, »... aber ...«

»Kann ich duschen?«

Natürlich bestätigte ich und sie verschwand im Bad am Ende des Flures. Es schien alles so gewöhnlich für sie. Irgendwo darin lag der Gedanken der Kommunen, in welchen sie vermutlich viel Zeit ihres Lebens verbracht hatte, aber eben als wärst du Gast in der Kommune und lebtest nicht da, wobei ich nicht sicher bin, ob es sich in einer solchen überhaupt so definieren lässt. Aber eben als wäre es völlig normal. Als wären wir lang miteinander bekannt, Freunde oder wie selbst entfernte Verwandte. Als ich mich, von der Wärme der Sonne bereits wieder verschwitzt, erneut umguckte, zweifelte ich schon fast, ob der Raum nicht leer gewesen war und auch, wenn ich jetzt ins Bad gehen würde, die Tür weder verschlossen wäre, noch jemand darin duschen würde. Ich rieb mir diese Traumwelt mit beiden Händen aus dem Gesicht und, wie an solchen Tagen üblich, zog ich mir ohne zu duschen frische Klamotten an, fuhr mir mit eiskaltem Wasser aus der Leitung in der Küche zweimal durch das Gesicht und ging raus. Nicht um zu joggen, aber zum Bäcker, um vorsichtshalber zwei Kaffee zu holen und zwei Butterbrezeln.

Es war wie immer. Allein. Die Sonne, der ich mich durch meine Sonnebrille zu schützen suchte, und die doch auf jede Pore drückte, bis Schweiß raus drang. Wie machten es die Anderen, die alle so aussahen, wie immer, denen keine Schweißperle auf der Stirn stand, für die das Wetter angenehm zu sein schien, in Anzug oder Mantel, dünn, aber dennoch mehr Stoff, als sich bei diesem Wetter wohlfühlen konnte. Zumindest unterhielten sich andere Kunden beim Bäcker über die Hitze, sodass ich mich nicht mehr alleine fühlte. Als ich zurückkam, hörte ich nichts und versuchte auch nicht die Tür. Ich kann kaum zehn Minuten weg gewesen sein. Ich legte das Frühstück ab und blickte hinaus. Erst als ich den Drang nach einer Zigarette verspürte, sah ich mich um, doch auch ihr Etui war verschwunden. Selbst ihr Glas. Auch Toms Flasche, Tasse und der Aschenbecher.

Nichts zeugte mehr vom gestrigen Abend. Ich ging zügig zum Bad, klopfte und trat ein. Es war leer. Diese surreale Beklommenheit, die mich in den vergangenen Wochen immer mal wieder eingeholt hatte, wie eine leise spielende Melancholie, und die ebenso stetig von ihrem Konterpart des rationalen Alltags absorbiert wurde, fand ihn nicht mehr. Die Transpiration auf der Haut, die die Kleidung kleben und sich so anfühlen ließ, als träge man sie seit Tagen. Die Farben getönt, wie auch die restlichen Sinne durch diesen Nebel von Hitze, der den Atem schwer macht. Auch der Schritt ans Fenster brachte keine Erleichterung, außer indirekt ein Teil dessen zu sein, das sich da auf der Straße abspielte, und die Verwunderung darüber, wie leicht sie sich dem Leben ergaben. Ich trat in die Küche, um ein Glas Leitungswasser zu trinken, in der Hoffnung, dass es dem Kreislauf diese Benommenheit nehmen würde, als ich plötzlich die Flaschen entdeckte, den Aschenbecher und die Tasse gespült über Kopf daneben. Und unter eine Flasche geklemmt den Zettel.

»Ich bin los. Musste zu wem, viel zu lang geschlafen.«

Und ein grinsendes Strichgesicht.

Sie war weg, aber ihr man könnte sagen Geist begleitete mich noch mehrere Tage und Toms Worte, von dem ich danach nichts mehr hörte. Es war durchaus aufschlussreich gewesen und doch vielleicht das exakte Gegenteil, denn die Welt war so normal. Viel zu normal. Wir hatten sie aus so vielen Sichtweisen betrachtet, und doch hatte sie sich kein Stück verändert. Wie auch? Es waren doch nur Gedanken gewesen, die den Schall in Schwingung brachten. Und das vertraute Gefühl, im Gegensatz zu dieser fremden Welt dieses merkwürdigen Alltags, ließ mich nicht los. Ich dachte es geht vorbei. Mit der Zeit. Auch sie blieben schließlich nicht stehen, wie auch niemand anderes. Doch es ließ nicht nach. Beiläufige, kurzweilige Gespräche an einer Haltestelle, im Supermarkt oder am Kiosk, als ich mir wieder Zigaretten kaufte. Es schien alles schon einmal gehört. Fast, als könnte ich das nächste Wort voraussagen, was ich mich jedoch nicht traute, und doch erklang es, wie vermutet. Zumal der Versuch, insbesondere, wenn er erfolgreich gewesen wäre, doch schlichtweg seltsam für die Menschen gewesen wäre. Wie ein Riss.

Ein kurzer Zweifel, an dem, was real ist und was nicht, und dann die Rückkehr, die Schutzfunktion, aus Verwunderung lachend, als wäre dies ein bloßer, kurioser Zufall gewesen.

»Die Welt ist alles, was der Fall ist« erklärte Wittgenstein. Ein Buch, auf das ich im Laufe meiner Recherche gestoßen war, und das, nachdem ich mehrfach nicht weiter als Seite eins gelesen hatte, sein Schicksal bis dahin im Regal fand. Doch in Nummer 2.0121 seiner Sätze erklärt er ebenfalls »Es erschiene gleichsam als Zufall, wenn dem Ding, das allein für sich bestehen könnte, nachträglich eine Sachlage passen würde.«

 

Ich las viel in dieser Zeit oder besser gesagt vieles erneut. Denn sie hatten etwas übersehen. Sie alle. Die einen konnten es nicht ahnen, dafür waren sie zu früh geboren. Die anderen sprachen drum herum und auch die beiden, deren Geister mich immer wieder heimsuchten, wussten nicht, konnten und sollten nicht wissen. So finde ich mich am Anfang dieser Geschichte, die nicht erfunden keine ist, und denen, die daran zweifeln, als Bericht verstanden werden soll, und zögere doch erneut. Wenn es denn eine Geschichte wäre, würde ich die Wiederholung doch tunlichst vermeiden in Anbetracht dessen, dass sie bei Ihnen als Leser auf Missmut treffen könnte oder gar dazu führen, dass sie nicht weiterlesen. Und vielleicht will ich genau das, unbewusst, da die gegenteilige Handlung, selbst das Unterbewusstsein mit Angst erfüllt. Die Schutzfunktion, die mich selbst daran hindert, den Gedanken in Worte zu fassen, wodurch er existent wird.

Ich hoffe daher Sie verstehen, wie wichtig die Schilderung dieses Abends war, denn er gab mir keine Antwort oder nicht die, die ich mir erhofft hatte, aber ohne ihn, wäre ich auch nicht dazu gekommen. Das, was ich suchte, die Widerlegung oder sogar Erweiterung fand ich nicht, aber irgendetwas, das zwischen den Zeilen gelegen hatte, unabsichtlich, passte doch in das Mosaik.

Im Grunde wusste ich es schon vorher, wie eine leise Erinnerung aus der Kindheit, die so weit weg ist, dass man sich nicht sicher ist, ob sie so tatsächlich stattgefunden hat. Und obwohl in einem zwischenmenschlichen Austausch, in dem nicht darüber gesprochen wird und so auch keine Information vorliegen kann, die diese bestätigen würde, weiß man doch danach, dass sie echt ist. Wie dies vonstattengeht, konnte ich in all der Zeit und in keinem der Bücher erklärt finden, sodass ich es Ihnen an dieser Stelle wiedergeben könnte.

 

Doch welchen Zweck würde ein Bericht erfüllen, wenn er nichts berichten würde? Im Grunde geschah nicht viel. Ich war halbwegs wieder in einer gewissen Routine angelangt. Ein Teil der Normalität geworden, bewarb mich und führte ordinäre Gespräche mit dem Nachbar, der gerade von seiner Reise zurück wahr. In Andalusien sei er gewesen.

»Glauben sie, dass ich da einmal ins Schwitzen gekommen wäre? Aber dieser deutsche Sommer. Macht man nichts dran, schönen Tag.«

Dann stieg er aus dem Aufzug. Wie könnte ich es ihm nehmen, sich so hemmungslos dem Leben hinzugeben. Aber Sie haben doch eine gewisse Form von Abschluss verdient. Sie suchen es sich ja selber aus. Was für eine merkwürdige Eigenschaft des Menschen. Alles andere, ob Film, Theater oder Musik, ist eine Berieselung, eine passive Tätigkeit, wenn sie nicht freiwillig aktiv verfolgt wird. Aber wir unternehmen die Anstrengung zu lesen, was andere schrieben. Warum?

Sie erinnern sich noch an die Traumlogik, wie jegliche Antwort hundert weitere Fragen aufwirft und man sich dem Ziel den kompletten Traum lang, egal wie sehr man es verfolgt, kein Stück nähert?

Es ist der einzig mögliche Zustand, wenn das, was geschah, bereits passierte. Es dehnte sich aus, aber an dem Tag, als alle Menschen müde waren, zog es sich wieder zurück. Und sie merkten es. Keiner schlief in dieser Nacht gut, weil sich etwas Maßgebliches geändert hatte. Wie kehrst du die Welt um? Eine Rückführung der Zivilisation durch ihre Entwicklung, wie das Zusammenziehen der Wellen auf einen Punkt, bis der Stein, es mit sich reißend, aus dem Wasser gleitet, wäre es nicht. Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Mitunter handelt es sich um reinen Irrsinn, dass sie zwar als Dimension, jedoch nicht als fundamentale Konstante definiert wird. Aber sie bröckelt hier und da. Und wenn Sie darauf achten, werden sie es merken. Doch ich möchte Sie nicht dazu ermutigen. Eigentlich sollten Sie dieses Dokument nicht bis ans Ende lesen und doch kann ich nicht anderes, als es zu einem Ende zu bringen. Denn es ist eben nur eine Frage der Zeit.

Die Wiederholung oder das Gefühl von Wiederholung nahm langsam ab. Aber es war kein Zeichen dafür, dass es nur ein Hirngespinst war, wie ich doch anfänglich so sehr hoffte, sondern wie der Hall, Widerhall, der langsam abnimmt und wenn er schweigt, keinen Hinweis darauf hinterlässt, dass es einst ein Geräusch gab. Ich weiß nicht, wann es eintreten wird, doch denke, dass es zumindest für uns, in unserer Wahrnehmung plötzlich geschehen wird, so plötzlich wie der Tod, selbst wenn der Mensch sich bereits damit abgefunden hatte. Aber ich weiß nicht, ob es jetzt schon so weit ist, dass wir, es fällt mir schwer das passende Wort zu finden, denn keines der Bücher enthielt es, nun mehr der Hall sind.

Nur noch das Licht, das einen weit entfernten Planeten, der näher dem Ursprung ist, erreicht. Liebe, Leid, Krieg, Folter, Freundschaft, Lachen, Tanzen nur noch ein Echo, nicht mehr als die Reflexion der Wasseroberfläche, während sie durch den Stein gebrochen wird und in Unruhe gerät. Nicht das Wasser selbst, sondern die Reflexion, verstehen Sie? Wenn man das Auge nicht auf die Oberfläche schärft, sondern auf das, was sie widerspiegelt. Und je nachdem, von wo man guckt, sieht alles so aus, wie immer. Dabei ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Welle auch diesen Punkt erreicht.

Ich kann Ihnen nicht sagen, wie es geschieht. Ich habe keine Formel, sondern nur das, was ich sah, las und in einen Zusammenhang setzten konnte. Aber wenn Tom recht hatte, wenn die Wissenschaft recht hatte, sind wir nur noch im Licht, das nach und nach abnimmt, bis im letzten Quantenblitz, noch der letzte Funke menschlichen Daseins, der stolze Blick eines Vaters, das Lächeln der Verliebtheit, die Hoffnung auf ein besseres Leben, die Erkenntnis im hohen Alter, dass du bald sterben wirst, oder das, in unserer Wahrnehmung, Wunder der Geburt, ein letztes Mal erhallt, bevor alles zum Anfang zurückkehrt.

 

Nichts.

 

 

Was tust du?