EPIK

VIER JAHRESZEITEN

Im Herbst

 

Jede Beziehung durchläuft vier Phasen. Frühling. Das Verlieben. Sommer. Die Liebe. Herbst. Der Zweifel. Und wenn zwei Menschen den Winter gemeinsam überstehen, erblüht die Welt für sie erneut.

Der ewige Sommer ist eine Illusion und doch keine.

Wie sieht ein Baum aus? Das Kind malt seine Krone rund. Ein grüner Kreis und ein brauner Strich. In immerwährender Blüte. Erst der Erwachsene weist es darauf hin, dass es doch eigentlich anders ist und zeigt aus dem Fenster, woraufhin das Kind das Grün mit Rot, Gelb und Orange übermalt.

Doch wann ist der Baum wahr? Knospend im Frühling? Blühend im Sommer? Alternd im Herbst oder kahl im Winter?

Was ist Liebe?

 

Es war Herbst. Kalendarisch zumindest, doch der Wind müde und die Sonne strahlend. Die Blätter fielen bereits in einem trockenen Spätsommer, der keiner Erinnerung glich, und die Grünflächen der Parks in blassgelbe Steppen verwandelt hatte, die jetzt den Anblick boten, als würden sie versuchen den Anschein zu waren, es sei Herbst und doch niemanden überzeugen konnten. Keiner, der mit Schal und Mütze bepackt sich auf den Bänken niedergelassen hatte. Kein Kind dem Wind mit einem Drachen Gestalt verleihend oder Kastanien sammelnd. So leer und surreal, wie ihr Termin.

 

Sie war zu früh. Sie wusste sie war zu früh und beeilte sich dennoch. Als ob es dadurch schneller vorbei wäre. Und doch fürchtete sie diesen Moment. Die letzten Nächte lag sie wach, während er neben ihr so friedvoll schnarchte. So unausweichlich schien es. Wie ein Kind, das sich vor der Einschulung fürchtet, es kann es in Worte fassen, sich mitteilen, aber es wird immer die gleiche Antwort hören. »Es wird schon nicht so schlimm werden.«

Bis es sich dem, was da kommen mag, nur ergeben kann, oder weinend und schreiend auf die Kommunikationsformen zurückgreifen, die es als Erstes lernte. Und dennoch führt kein Weg drum herum.

Wie sehr Sandra es als 8-Jährige nicht mochte, zu Onkel Ludwig zu fahren, da das Haus merkwürdig roch, im Keller alles voller Spinnenweben war und immer schabende und gluckernde Laute zu vernehmen waren, wenn sie die brüchige Treppe emporstieg. Und dennoch immer wieder geschickt wurde, wenn es für die Erwachsenen nicht mehr sicher gewesen wäre, die steile Treppe hinabzusteigen, aber sie trotzdem mehr brauchten. Dann gab es kein Betteln und Beten und um auf einst Gelerntes zurückzugreifen, war sie bereits zu alt.

So wie heute. Niemand hatte ihr gesagt, dass sie muss. Niemand hatte sie gezwungen, wie damals auch nicht. Wenn sie eine 8-Jährige sein und auch so behandelt werden wollte, ging sie hinunter, und wenn sie jetzt eine 24-Jährige war, ging sie hin. Wenn auch alles in ihr wiederstrebte, ohne dass sie rational sagen könnte, warum. Es war doch nur vernünftig. Sie hatte Schmerzen und sie sollte ihr etwas geben, damit sie weggehen.

 

Als sie die Allee entlang hastete und der gerade in diesem Moment wiedererweckte Wind ihr gegen das kastanienbraune Haar drückte, das sie zu einem Zopf nach hinten gebunden hatte, als wollte er sie aufhalten, und ihr triezend eine Strähne ins Gesicht trieb, ging sie dem ungeachtet weiter. Tatsächlich hoffte sie auf den letzten Metern einen Anruf zu bekommen, dass irgendetwas noch dazwischen kommen würde, dass jemand verstorben sei, oder sie in einen Unfall verwickelt würde, zumindest als Zeugin, plötzlich einsetzende Evakuierungssirenen, wie in der Serie, die sie gestern gemeinsam geguckt hatten, wenn auch sie im Gedanken ganz woanders war, ohne dass er es gemerkt hätte.

Aber die dickbusige, alte Frau beobachtete sie vom Fenstersims und hechtete nicht zum Radio, um die Durchsage über den Untergang der Welt zu vernehmen. Diese erhob sich nur aus Knacksen und Rauschen pochend in ihrem Kopf.

Der Himmel blühte blau und als ihre zarten Fingerkuppen auf den Doktortitel drückten, erklang augenblicklich das Brummen, welches sie zum Drücken der Tür aufforderte. Sie gab nach. Christian hatte den Termin für sie gemacht, nachdem er sie gefragt hatte, was los ist, während er sich zur Arbeit fertigmachte und gleichzeitig mit ihr frühstückte. Auch sie hätte es sonst eilig gehabt, aber wollte warten, allein sein. Aber ihrem »Mir geht es nicht gut« entgegnete er nur sein fürsorgliches und so sanftherziges »Hast du dich erkältet?«

Und augenblicklich war alles andere Nebensache. Er legte sein Sakko auf die Anrichte, fühlte mit der Rückseite seiner Hand ihre Stirn, streichelte.
»Möchtest du einen Tee?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Was ist es Schatz? Soll ich heute zuhause bleiben?«

Abermals.

»Keine Erkältung«, gab sie zu und sah hinüber zu der kleinen, niedlichen Obstschale, in der zwei Kakis vor sich hinreiften, unter dem kleinen streunig-samtigen Weihnachtsmann, der eigentlich seinen Platz an der Tür hatte.


»Das ist der Lukács«, hatte er mit Kloß im Hals erklärt, als sein Vater letztes Jahr gestorben war und seine Mutter ins Altersheim kam.

»Papa hatte ihn so genannt. Den haben wir schon ewig. Er sagte immer, wenn Lukács nicht am Baum hängt, gibt es kein Weihnachten.«

Sie hatte geschwiegen, da sie nicht wusste, was sie sagen sollte, zumal es ihr ohnehin schwerfiel, mit der Situation umzugehen, während ihre Eltern sich bester Gesundheit erfreuten, nicht weil sie nicht mit ihm fühlte, sondern deswegen. So unfair war es. So tapfer war er. Dass sie ihn am liebsten die ganze Zeit in den Arm genommen hätte und gleichzeitig wusste, dass das es für ihn noch schlimmer gemacht hätte. So hatte sie nur gelächelt.

»Einmal hat Mama ihn nicht gefunden. Als Papa noch Kind war, hing er schon am Baum. Und so war er schon drauf und dran, die Geschenke aus dem Fenster zu schmeißen, als sie ihn doch in einer Schachtel unter einem umgedrehten Deckel fand.«

Die Absurdität, dass ein alter Mann, der nur zu gerne in später Stunde an seinem Geburtstag allein mit ihr auf der Terrasse beim Rauchen, obwohl er es sein lassen sollte und sie ihm doch eine gab, vom Krieg erzählte, an dem er nicht beteiligt, sondern in dem er aufgewachsen war und den er stets »Schworadalom« nannte, einer Puppe einen Namen gab, machte es irgendwie bedeutsam. Und so hatte sie einen Platz in ihrer Weihnachtsdeko gefunden, auch wenn der Rest noch in den Tüten im Keller weilte, und auch nicht am Baum, der eben noch nicht stand, sondern eigentlich an der Tür.

 

»Den hatte ich gewaschen und vergessen«, hatte er erklärt nach dem kleinen Männchen gelangt und es an die Garderobe gebracht. Dabei war es ihr eigentlich ganz egal.

»Aber was ist denn Schnörkel?«, hatte er daraufhin gefragt.

So ein lieber Kosename. Entstanden war er daraus, dass, noch bevor sie zusammenkamen, in einer Runde bei gemeinsamen Freunden die erstaunlicherweise immer wiederkehrende Frage nach den Serien, die man als Kind im Fernsehen geguckt hat, auftauchte.

Nach dem eher mittelmäßigen »Lilalaunebär« und dem weitaus anspruchsvollerem »Hallo Spencer«, hatte ein 3-Tage-Vollbärtiger für sie Fremder eine Serie beschrieben, die er geguckt hatte, aber an dessen Namen er sich einfach nicht erinnern konnte. Sie spielte im Wasser und mit wurmartigen Wesen, die einen großen Kopf hatten, auf dem das Ende eines Strohhalms zu sehen war.

Sie war gerade zwei Wochen bei der neuen Stelle, Bürorock, Bluse, alles so fein und schick, und obwohl sie sich selbst in dem Outfit sexy fühlte, kam kein Spruch, noch nicht einmal ein schweifender Blick, so professionell und alles auf Englisch, woran sie sich erst gewöhnen musste, und zu diesem Zeitpunkt so sehr gewöhnt hatte, dass sie manchmal sogar auf Englisch träumte, sodass sie, selbstverständlich etwas angetrunken durch den Wein, das Erste in die Runde gerufen hatte, was ihr in den Kopf kam.

»The Snörkels!«

Was zu großem sehr lang andauerndem Gelächter der Runde führte. Der 3-Tage-Vollbärtige hatte sie jedoch danach, als sie ihn in einem Café getroffen hatte, nicht mehr beachtet. An Abenden, wo der Pegel stimmte, war es in der Runde immer mal wieder aufgekommen, doch zu ihrer allmählichen Erleichterung immer weiter abgeebnet.

Bis er es ihr gesagt hatte. Sie wusste nicht einmal mehr, dass er an dem Abend da gewesen wäre.

»Da bist du mir zum ersten Mal aufgefallen. Nicht deswegen, sondern weil du so unschuldig gelächelt hast, als ob du mit voller Überzeugung nicht wüsstest, warum alle anderen lachen.«

Und so wurde es der liebe Kosename.

Sie hatte sich an den unteren Bauch gefasst, in ihrem kurzen Pyjama und Morgenmantel. Es schien als wüsste er es, für einen Augenblick, bis es verschwand und er fürsorglich erklärte: »Ich mach dir einen Termin.«

Sie war so perplex, dass sie nichts entgegensetzen konnte.

 

»Wie lang fährt dieser Aufzug?«, ging es ihr durch den Kopf, als sie gerade einen Blick zur Anzeige werfen wollte und sich im selben Moment die Türen öffneten.

Weiße Tapete. Ein mint-grüner Streifen und darunter lakenweiße Holzvertäfelung. Rechts waren die Büroräume einer Firma, eine schwarze Tür, dahinter Filzgrau aber mit bunten Logos. Sie ging links, schob die Tür auf und schlich sich nahezu hinein, bis sie in ihrer Tasche nach dem Portemonnaie wühlte. Die weiße Karte mit lila Schriftzug.

»Ich hab einen Termin.«

»Waren Sie schon mal bei uns?«

»Im März, wegen der ...«, wollte sie erklären, als die Arzthelferin sie unterbrach.

»Hab Sie schon. Um 13.15 Uhr. Sie sind früh. Bitte noch einen Moment im Wartezimmer Platz nehmen. Ich rufe Sie dann gleich auf, sobald die Doktorin fertig ist.«

Sie gab ihr die Karte und zeigte zu ihrer linken einen blütenweißen Gang hinunter. Sie zögerte. Jetzt war sie da. Es ging so schnell. Warum war sie eingetreten und hatte nicht noch einmal tief durchgeatmet?

»Ist gleich da vorne. Bei dem Bild mit der Brücke links.«

Sie nickte und trat den blütenweißen Gang auf das Bild zu. Eine Fotografie von einer Brücke am Rhein. Sie kannte den Ort. Tatsächlich war sie auf ihrem Hinweg noch daran vorbeispaziert. Doch nichts glich mehr der Szenerie. Der Himmel war dunkel und die Blätter der Bäume weiß wie Schnee. Noch zeigte es eine Winterlandschaft, denn Schnee lag keiner. Die Gräser waren schlichtweg weiß. Wie angemalt. Aber es war auch kein schwarz-weißes Bild, sondern irgendwie anders. Im Wartezimmer saßen bereits zwei Frauen, von denen die jüngere in Jeans und Polohemd kurz zu ihr aufblickte, bevor sie weiter in einer Zeitschrift blätterte. Die andere schien eben erst gekommen und entledigte sich gerade ihres weißen Ledermantels, um erneut aufzustehen und ihn an die Garderobe zu hängen. Etwas älter, aber ihre wasserstoffblonde Dauerwelle, starkes Make-up und generelles Outfit, als wäre sie hier zu einem Geschäftstermin oder käme gerade von einem, ließ sie jünger wirken, als sie vermutlich war. Und in der Nähe des Kindertisches saß ein junges Pärchen. Sandra setzte sich an die hintere Wand, die komplett leer war.

»Ich hab mit Vater schon gesprochen«, führte der junge Mann ein Gespräch mit seiner Freundin fort, das wohl durch Sandras Ankunft kurz unterbrochen worden war.

»Meine Eltern ziehen dann ins Obergeschoss und wir haben unten alles für uns. Nur die Küche müssen wir neu kaufen. Die will Mutter unbedingt mitnehmen. Als ob es nicht einfacher wäre, aber da meinte Vater auch, er kann da nichts machen. Du kennst sie ja.«

Sandra nahm das Gespräch nur beiläufig war und blickte aus dem Fenster. Sie wusste noch immer nicht genau, was sie sagen sollte. Vielleicht wäre es doch besser, wieder zu gehen.

»Ich fass es nicht«, murmelte die blonde Frau, die sich in eine Zeitschrift vertieft hatte, so sehr, dass sie laut dachte und das Pärchen kurz zu ihr rüberblickte.
Aber auch dafür müsste sie ja irgendwas sagen und auch da fehlten ihr die Worte.

Vielleicht hatte sie es alles missverstanden. Vielleicht bedeutete es ja nichts. Aber so fremd war er ihr noch nie gewesen. So weit entfernt. Selbst als sie sich so verkracht hatten, weil ihre Eltern ihnen Geld leihen wollten. Er kannte es nicht. Auch wenn er sich mit ihren Eltern hervorragend verstand. Von dem Erbe seines Vaters, das im Grunde keins war, blieb nach den Beerdigungskosten nichts übrig.
Er selbst hatte schon früh alles aus eigener Tasche gezahlt, und wenn das Geld eben nicht da war, dann musste halt gespart werden, so wie seine und ihre Eltern es früher auch getan hatten. Sie verdiente gut. Mehr als er. Und aufgerechnet mit der monatlichen Miete, die sie jetzt zahlten, würde es sich lohnen. Und die Eigentumswohnung war so schön und gut gelegen. Ein Kredit. Aber ihr Vater hatte ein zinsloses Darlehen angeboten. Und da lag das Dilemma. Einen Monat hatten sie über nichts anderes gesprochen, auch wenn sie es versuchten. Jedwedes Thema führte, wenn sie sich nicht beide zwangen, es nicht zu erwähnen, was durchaus kuriose Gespräche zur Folge hatte, immer wieder auf das Gleiche hinaus. Und sie sprachen so gerne Abende lang über alles Mögliche. Manchmal hatten sie eigentlich vorgehabt etwas zu gucken oder auszugehen und hatten sich dann aber davor so in ein Gespräch vertieft, dass sie ganz darauf vergaßen. Nur nicht in dieser Zeit. Sie dachte, dass er es als Vorwand nahm, weil er sich nicht sicher wäre, nicht so fest binden wollte. Und er dachte, es handele sich um eine grundsätzlich unterschiedliche Auffassung, wie sie ihr Leben gemeinsam gestalten wollten, was sich, als sie schlussendlich nicht über dieses Thema sprachen, sondern darüber, wie sehr es ihre Beziehung vereinnahmt hatte, herausstellte. An diesem Abend hatten sie gemeinsam beschlossen, dass das Vorhaben, wenn auch wahrscheinlich die Wohnung, ihnen nicht weglaufen würde, und dass es dann auch nicht weiter schlimm wäre, da sie alle Zeit der Welt hatten eine noch schönere zu finden, zumal das Bad, wie sich herausstellte, saniert werden müsste. So lautete die für alle Parteien akzeptable Entscheidung, schlichtweg ein Jahr zu warten.

 

Zu warten. So wie sie es jetzt tat. In dem hellen Zimmer, in dem der mint-grüne Streifen seine Bahn wieder aufgenommen hatte und zwei Malereien hingen, in denen man mit viel Fantasie alles Mögliche entdecken konnte und doch nichts wirklich, gemalt von jemandem, der dachte, dass abstrakte Gemälde keine Skizze benötigten, sondern nur Neonfarben, die grell wie Warnhinweise trotzdem keine Betrachter fanden. Warten. Vielleicht wäre zu warten auch jetzt die beste Lösung gewesen. Wenn es nur nicht so wehtun würde. Und wenn das auch nur Einbildung war? Sie wollte sich ablenken von dem, das da kommen würde, und spielte doch, gerade als sie sich erhob, um nach einer Zeitschrift auf dem Tisch zu reichen, mit dem Gedanken, sich nicht wieder zu setzen. Raus. Noch konnte sie.

Was würde sie ihm sagen? Sie hatten doch sonst alles irgendwie immer gemeistert. Inzwischen kannte er sie besser, als sie sich selbst. Er war ihr so nah, wie kein anderer Mensch auf der Welt. »Die Welt«, »Auto, Motor, Sport«, »Der Spiegel«. Sie hatte ihn gemieden. Vor drei Tagen. Hatte sich dem Alltag ergeben. Versucht es zu ignorieren und es ging, bis die Schmerzen sie erinnerten und sie hineinblicken ließen. In so kurzer Zeit schien sie abgenommen zu haben. Und erst als ihre beste Freundin Kerstin sie nach der Arbeit fragte, ob sie heute einen wichtigen Termin gehabt hätte, so sehr geschminkt, wie sie war, und sie, nachdem es wieder geschmerzt hatte, beim Händewaschen in dem kleinen WC des Poccino unachtsam aufblickte, war es ihr selber aufgefallen. Sie erkannte sich im ersten Augenblick nicht.


Plötzlich knackte es im Lautsprecher und sie erstarrte. Ihr Herz schlug so laut, dass sie dachte, die anderen Wartenden müssten es hören.

»Frau Gries bitte.«

Erleichterung. Die blonde Frau, die so ergriffen von einem Artikel war, erhob sich, legte die Zeitschrift, die selbigen enthielt, auf den Tisch, wobei sie sie kurz musterte, und dann das Wartezimmer verließ. Sie nahm die Zeitschrift und setzte sich wieder. Doch schlug die Beine übereinander und sah hinaus. Kerstin. Eigentlich hatte sie mit ihr darüber reden wollen. Doch es war immer etwas dazwischengekommen. Zunächst war Kerstin so aufgeladen und euphorisch gewesen, da sie sich seit zwei Wochen nicht mehr gesehen hatten, sodass sie gar nicht wusste, wo sie anfangen sollte. Kerstin war damals Klassenbeste und ihr immer als Freundin ein Vorbild gewesen. Bildhübsch. Die Nummer eins. Nicht nur in der Schule, sondern auch in der Beliebtheit und im Trend und dadurch auch bei Jungen, die über die Jahre zu Männern wurden. Sie selbst, auch wenn sie es versucht hatte, war immer die Nummer Zwei geblieben. In der Schule, im Freundeskreis und auch in den Studentenbars, bis sie aufgehört hatte, es zu versuchen.

Jetzt betreute Kerstin kriminell Gewordene, ließ sich regelmäßig anschreien und beleidigen, während sie 700,00€ weniger verdiente und das Spiel um Nummer eins und Zwei längst in Vergessenheit geraten war. Für die Anderen. Denn jetzt, wo sie selbst seit zwei Jahren in einer liebevollen, wunderbaren Beziehung war, während Kerstin sich von Mann zu Mann angelte und doch immer wieder enttäuscht wurde, bewunderte sie sie genau dafür. In der Art und Weise, wie man den Hauptcharakter in einem Film bewundert, der auch nach dem Abspann bleibt, wer er ist, für Werte, die wichtig sind, eintritt und sich dem Ganzen einfach nicht ergeben will. Wie ein Abenteuer, so viel Auf und Ab, so ein aufregendes Leben und die unaufhörliche Suche nach dem Richtigen.

Als ewig Zweitbeste nahm sie den Zweitbesten, nicht den 3-Tage-vollbärtigen Fremden, für den sie eben gleiche Bewunderung empfunden hatte, sondern den, der ihr zunächst gar nicht aufgefallen war, bis er buchstäblich ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Natürlich hatte sie sich in ihn verliebt. Oder war es erst danach? War es erst, nachdem er um sie gerungen hatte, woraufhin sie ausgingen, spazierten, warm eingepackt unter fallenden, goldgelben Blättern? Und er ihr von seinem Vater erzählte, dieser heroischen Figur, die ihn früher so stark beeinflusst hatte. Der für die Familie alles tat, auch wenn er, oder vielleicht gerade deswegen, nie ein offenes Ohr für ihn hatte. Sich nie die Zeit nahm, weil es Wichtigeres gab, und ihm so beibrachte, Lösungen zu finden, anstatt zu verzweifeln.

Der Vater, der so einen anderen Eindruck auf sie machte, als sie ihn zum ersten Mal traf, sodass sie fast enttäuscht war. Viel herzhafter und wärmer, als er ihn beschrieben hatte. Dafür weniger heroisch.

 

So erzählte Kerstin erst einmal ausgiebig von einem Mann, den sie kennengelernt hatte, und der jedoch gleichzeitig zu ihren Klienten gehörte, von Plänen, dass man etwas unternehmen muss, damit Menschen wie er nicht denselben Weg einschlugen. Er, der von Anfang an schlichtweg keine guten Karten hatte. Dessen Vater unbekannt war und dessen Mutter ihn für die Vergehen seines Vaters verachtet hatte und zudem an Borderline litt, wodurch er Empathie nie wirklich gelernt hatte.

Und als sie fertig war und Sandra überlegte, wie sie es ihr überhaupt sagen sollte oder wollte, kam der Kellner. Und so beiläufig, als würde es zu ein und dem gleichen Thema gehören, bestellte Kerstin einen Espresso corretto und sprach gleich weiter, noch während sie selbst sich für einen einfachen Kaffee entschied und der Kellner die leeren Tassen abräumte, als wäre er taub, darüber wie dieser zu mehrfachem Raub, das heißt Diebstahl nach begangener Körperverletzung, Verurteilte, jetzt begonnen hatte, Musik zu machen.

Und als der Kellner sie wieder verließ, erzählte sie von einem Konzert, dass sie daraufhin besucht hatte, wo so selbst sie an der Tür nach Waffen kontrolliert wurde, obwohl sie am gesamten Abend keinen einzigen Streit mitbekam, und einer deutschen Doku, die ihr von einem DJ empfohlen wurde mit dem Titel »Where the Sidewalk ends« und ob sie nicht Lust hätte die am Wochenende gucken zu gehen, da eins der Filmkunstkinos sie gerade zeigte.

Und als sie sie nach ihrem Make-up fragte, etwas dessen sie sich selbst, bis zu dem Blick in den Spiegel, nicht bewusst war, nicht bewusst, dass sie selbst es sichtbar gemacht hatte, war der Moment fort. Der Moment, von dem sie sich, während sie nicht einschlafen konnte und er sich so kindlich in das Kissen gekuschelt und die Decke bis zu seinem Kinn hochgezogen hatte, wie er es immer tat, Erleichterung erwartet hatte. Ihre beste Freundin, Psychologin und so langjährige Weggefährtin würde ihr schon sagen, was sie tun sollte.

Doch es ergab sich nicht. Sonst säße sie jetzt vielleicht nicht hier. Ablenkung. Wenn auch sie nach wie vor nicht verstand, warum sie sich ablenken sollte, dass es nicht sinnvoll wäre, sich abzulenken, sondern vorzubereiten. Der Gedanke, dass, wenn sie fragen würde, sie eine passende Antwort parat haben müsste. Die Antwort, die sie eben nicht hatte, und nachahmend, nach der Ablenkung suchte. Welchen Artikel hatte die blonde Frau wohl gelesen? Sie blätterte und fragte sich gleichzeitig, warum sie den abgelegten Express aufgenommen hatte, denn sonst interessierten sie derlei Themen recht wenig. Natürlich hatte sie auch schon einmal zu Helene Fischer gefeiert, aber ihr Privatleben, war ihr doch bedeutungslos. Deswegen guckten sie jedoch auch kein Fernsehen mehr. Da war auch so viel davon.

So guckte er zwar Fußball, wenn sie ein Spiel zeigten und er nicht ins Internet ausweichen musste, wofür er eigentlich extra einen kleinen Kasten bestellt hatte, worüber sie auch Filme und Serien gucken konnten. Und sie mochte manchmal das Frühstücksfernsehen, da es sie an ihre Kindheit erinnerte, als sie wartete, bis es endlich vorbei war, damit die Zeichentrickfilme gezeigt wurden. Am Wochenende zumindest.

Aber sonst guckten sie nur online, wo sie es sich aussuchen konnten. Sie hatte nie so viel geguckt, wie mit ihm. Den großen Fernseher hatte er mitgebracht. In der WG vorher hatte sie selbst gar keinen. Guckte hin und wieder mal einen Film mit den Anderen, aber hörte am liebsten mit Kopfhörer ein Hörspiel, das sie am besten bereits kannte.

Keine Einteiler, sondern Serien. Nicht die Bestseller-Krimis, sondern eine Auswahl dessen, was sie in der Kindheit gehört hatte. Drei Fragezeichen oder Fünf Freunde. Sie mochte diese kleine Welt, die, wenn sie ihre Augen schloss, haargenau so aussah wie früher. Wenn sie in Santa Monica einem Fall nachgingen oder die Freunde George, die eigentlich Georgina hieß, mit dem Hund Timmi besuchten.

In diesem Fachwerkhaus, bayrisch, mit mehreren Balkonen, von denen Blumen rankten. Obwohl es wahrscheinlich gar nicht so war, aber so sah es eben in ihrer Fantasie aus. Besonders die Folge, wo sie auf der Nebelheide waren, die hatte sie schon damals ständig gehört. Darin versank sie gerne. Wie Erinnerungen an einen Urlaub aus der Kindheit. Irgendwann hatte es sich verlaufen und erst, als sie neu in der WG war, hatte sie dieses Hobby wiederentdeckt, da sie sich am Anfang doch recht alleine fühlte.

Aber jetzt. Seit sie zusammengezogen sind, hatte sie irgendwie wieder ganz darauf vergessen. Er wollte sowieso immer irgendwas zum Einschlafen gucken. Natürlich fragte er sie, worauf sie Lust hätte, aber eigentlich war es ihr meistens egal.

 

Sie blätterte weiter, bis sie auf einen Artikel über einen Schauspieler, den sie kannte, hängen blieb. Abermals knackte es.

»Frau Fuchs bitte.«

Und die junge Frau erhob sich. Streifte ihre Handtasche über die Schulter und die erneut einsetzende Erleichterung wurde nur dadurch geschmälert, dass sie jetzt mit dem jungen Pärchen allein im Wartezimmer saß, was bedeuten musste, dass sie nicht mehr viel Zeit hatte, sich davon abzulenken. Sie sollte nur gucken. Stumme Ärztin sein, etwas anderes sagen, und sie wieder gehen lassen. Ohne dass sie, und darüber wollte sie gar nicht erst nachdenken, antworten müsste. Auf Fragen, die dieses nervöse Gefühl weckten, dass keine Nervosität war, wie vor einem Bewerbungsgespräch oder wichtigen Termin. Unruhe.
»Ich sag dir, wenn das eine Junge wird, wird er Fußballer, jemand der sich hocharbeitet und dann Weltklasse spielt.«

»Und wenn es ein Mädchen wird?«, fragte sie.

»Dann wird sie Herzen brechen müssen, wie du ...«

Darauf gab er ihr einen langen Kuss, der nur endete, weil sie zu Sandra hinüberblickte, die sich rasch wieder dem Magazin widmete.

Sie hatten nie wirklich darüber gesprochen. Er wollte es auf jeden Fall, aber auch nicht jetzt. Und wenn es so wäre, hatte er gesagt, dann wäre es halt so, wie bei ihren Eltern, die es trotz allem geschafft hatten. Er hatte es so überzeugt gesagt, dass es ihr jedwede Angst nahm. Als sie beiläufig bei einem ihrer langen Gespräche über das Thema gestolpert waren.

Aber so. Jetzt. Könnte sie es vergessen? Würde es sie nicht immer wieder daran erinnern?

 

Er war so niedergeschlagen gewesen, als er nach Hause kam. Sie probierte gerade ein Rezept aus für den Kuchen von Andreas' Geburtstag, eigentlich eine seiner Bekannten, die sie jedoch für ihre Art betrunken zu sein, lieb gewonnen hatte. Sie war nicht nur beschwipst und dann unglaublich und witzig, sondern suchte Nähe und am liebsten zu ihr, was selbst Christian aufgefallen war.

»Und das Kinderzimmer?«, übertönte das Mädchen ihren Gedanken.

»Da wo jetzt das Arbeitszimmer meines Vaters ist, das ist schön groß und er meinte, wenn er es denn mal wieder benötigte ...«

Es knackte. Sie fuhr zusammen.

»Frau Kadir Des ... D-schilani Zimmer 3 bitte.«

»Das sind wir!«, erklärte er aufgeregt und reichte nach ihrer Hand.

»Und die Sachen?«

»Lassen wir hier. Die wird schon niemand klauen«, beruhigte er sie, während er Sandra kurz musterte.

Sie nickte. Sie sahen gar nicht so aus. Weder er noch sie hatten auch nur einen Hauch Südländisches. Sie war gebräunt. Sonnenbankgebräunt. Aber sie hätte genau so gut Schiffer heißen können.

Dann war es ihr peinlich überhaupt genickt zu haben, als hätte er ihre Bestätigung benötigt, während sie alleine im Wartezimmer zurückblieb.

Noch könnte sie.

Sie legte die Zeitschrift auf den Sitz neben sich und stand auf. Nicht weil sie sich wirklich dazu entschlossen hatte, zu gehen, sondern weil sie hoffte, diese Ruhelosigkeit würde sich dadurch ergeben. Sie trat ans Fenster. Es war viel los auf der Straße. Wahrscheinlich nutzen die Meisten den Herbst, der keiner war, um ihre Mittagspause im Freien zu verbringen. Sogar einer in kurzen Ärmeln. Es sah viel wärmer aus, als es ihr vorgekommen war. Und besonders jetzt merkte sie auch die Wärme drinnen, die sie unter ihrem Anorak zum Schwitzen brachte. Sie zog ihn aus, hing ihn an den kleinen Ständer und trat erneut zum Fenster. Die Sonne, die durch das Glas ihr Gesicht erwärmte, als wäre es Frühling, tat ihr gut.

Als im gegenüberliegenden Gebäude hinter einem Fenster jemand den weißen halb-durchsichtigen Vorhang zur Seite schob und hinaus blickte.

Nicht zu ihr, sondern hinunter zur Kreuzung, an der der Markt begann. Eine alte Frau. Sehr alt, die die weißen mittelangen Haare glatt hinter die Ohren gekämmt hatte. Sie schien auf etwas zu warten.


Sie hatte sich nichts dabei gedacht, als sie ihn letzte Woche, als sie früher Feierabend hatte, rauchend auf dem Balkon ertappte. Er hatte eigentlich aufgehört. Als sein Vater gestorben war, hatte er kurzzeitig wieder angefangen und es danach eigentlich ganz gelassen. Dazu gesagt hatte er nichts. Außer, dass er ihre Letzte genommen hatte. Und sie hatte auch nichts gesagt, war es doch für gewöhnlich sie, die den Balkon aufsuchte.

Hatte es etwas damit zu tun?

 

Es war alles so gewöhnlich gewesen. Sie hatte den Kuchen fertiggemacht, ohne dass sie sich an die einzelnen Schritte noch erinnern könnte, und er war duschen gegangen. Sie hatten gegessen, aufgewärmten Süßkartoffelauflauf, von dem Abend davor. Er hatte nicht über die Arbeit gesprochen, wie sonst.

Auch hatte er sie nicht nach ihrer Arbeit gefragt, wie sonst. Stattdessen hatte er sich nach ihren Eltern erkundigt, was er sonst selten tat, wenn es nicht einen Anlass dazugab. Sie hatte die Spülmaschine gefüllt, während er am Laptop etwas im Internet nachguckte, den er rasch schloss, als sie dazu kam. Es war ihr nicht vorgekommen, als hätte er etwas zu verbergen, sondern mehr, als wäre es etwas für die Arbeit, womit er sie nicht belästigen wolle. Und sie hatte nicht gefragt.

»Sollen wir noch etwas gucken?«

Und genickt. Beiläufig. Im Grunde war sie weder dafür noch dagegen.
»Film oder Serie? Oder diese Doku über den Mord mit dem Autor?«

»Was Kurzes ja ... ich geh noch eben raus.«

Alles war so gewöhnlich.

»Dann mach ich uns noch Popcorn. Ich hab schon wieder Hunger.«

Er war in die Küche gegangen und sie hatte aus ihrer Tasche die Schachtel, die sie auf der Arbeit angebrochen hatte und das herzförmige Feuerzeug, das er viel zu kitschig fand, um es ihr nicht vom Flughafen in Amsterdam mitzubringen, hervorgekramt.
Erst als sie den Balkon betreten und wie aus Reflex versehentlich die Tür mit dem Griff hinter sich verriegelt hatte, war es ihr aufgefallen. Dass sie eine innere Anspannung verlor. Dass sie erleichtert war, hier in der Kälte allein zu sein. So hatte sie die erste Zigarette so hastig aufgeraucht, dass sie gleich noch eine zweite ansteckte, während das Ploppen aus der Mikrowelle zu vernehmen war. Und als er schon wieder auf der Couch saß und sie die Tür öffnete, um schlagartig von dem süßen Karamellaroma erdrückt zu werden, schien doch eigentlich alles wie immer.

 

Erneut blickte sie zu der alten Frau hinüber, als ein Mann im gleichen Alter mit Glatze und grauem Schnäuzer von hinten grinsend an sie herantrat und sie kurz in die Seite zwickte, worauf sie sich erschrocken umdrehte, um dann lachend die faltigen Hände um seine Wangen zu legen und hinunter zu deuten. Sie hatte wohl auf ihn gewartet. Dann schloss sich die Gardine. Gemeinsam alt werden. Diese unbändige Kraft so viel Zeit miteinander zu verbringen, die Höhen und Tiefen zu teilen und doch diese Freude nicht zu verlieren, sich zu sehen. Als gäbe es nichts anderes auf der Welt, wenn man nur zusammenhält.

 

Natürlich konnte sie es sich vorstellen. Immer noch. Sie sah auf die Uhr. Kurz nach eins. Und als sie sich wieder setzen wollte, streifte ihr Blick das Cover eines anderen Magazins. »Trennungsgründe« war die Überschrift in Rosa und darunter »Die Top 10, wie Sie es ihrem Partner beibringen und wie das Leben von 3 Frauen sich schlagartig änderte«.

Auch darüber hatte sie schon nachgedacht. Nicht konkret. Ein Gedanke, den sie nicht denken wollte, der sich aber als eine mögliche Konsequenz ihres Termins immer wieder nach vorne geschoben hatte. Er würde schließlich auch fragen. Und dann? Auch dann müsste sie es ja erklären. Ihren Eltern. Allen. Aber wie und was, das wusste sie nicht. Da hatte der Gedankengang einfach wieder von vorne begonnen. Mit allen Konsequenzen. Aus- oder Umzug? Und er? Und die Sachen? Und dann?

Die ganze gemeinsame Zeit einfach wegschmeißen? Ein Mittelweg. Das war es eigentlich, was sie suchte. Aber gab es einen?

Würde es sich nicht mit der Zeit ergeben, wenn ... wenn sie nur nicht hingegangen wäre. Wenn sie später alleine in der Wohnung einfach angerufen und abgesagt hätte. Und wenn dann wirklich etwas nicht stimmte? Vielleicht würden sie von alleine weggehen. Aber so war es ja nicht. Sie hatte nicht abgesagt. Und jetzt war sie hier. Sieht man es denn?

 

Er war so anders gewesen, als er nach Hause kam. Hatte die Tür zu geknallt und sich gleich darauf entschuldigt, als wäre es der Wind gewesen. So eilig den Koffer abgelegt und die Jacke ausgezogen, dass sie es durch den Flur hören konnte. Mit kräftigen Schritten den Flur entlang direkt zu ihr in die Küche. So aufgebracht.

»Ich muss noch die Glasur machen«, hatte sie gesagt, als er von hinten an sie herantrat und ihren Nacken küsste. Sie hatte sich umgedreht und ihre Arme um seinen Hals gelegt, sodass sein Sakko kein Mehl abbekam.

»Ist alles ok?«

»Das hat noch Zeit«, hatte er aufgeregt erwidert, aber da war noch etwas anderes, als er sich an sie drückte und mit den Händen unter ihre Bluse fasste. So war er sonst nicht. So bestimmend. Erst hatte sie seine Arme wieder runtergedrückt und ihm noch einen flüchtigen Kuss gegeben.

»Schatz, ich muss auch noch den Salat machen. Später.«

Doch er hatte sich wieder an sie gedrückt, ihren Hals geküsst, nicht aus Leidenschaft, sondern Dringlichkeit. So zwanghaft. Den Rock unter der Schürze hochgezogen.

»Christian ... nicht jetzt ...«

Ihr in den Schritt gefasst. Die Gürtelschnalle. Zwei weiße Handabdrücke auf seinem Sakko. Ihre Kraft, die seiner nichts entgegenzusetzen hatte, als er sie drehte.
»Schatz ...«, war das letzte Wort, mehr unvollendete Frage, das ihr über die Lippen glitt.

Den Slip runterzog und ihre Hüfte fest umklammerte. Ihre feuchten Augen sah er nicht. Noch die zitternden, zusammengepressten Lippen, als würde der Schmerz nicht da sein, wenn sie ihn nicht zuließe. Nicht zuließe, dass er ihn hörte. Den Schluchzer, der in ihrer Kehle aufstieg. Es dauerte nicht lange, bis der Griff nachließ. Dann küsste er sie auf den Hinterkopf. Streichelte. Küsste erneut. Atmete. Erschöpft. Küsste ein letztes Mal auf ihre Schulter. Zog die Hose hoch. Den Reisverschluss. Streichelte ihren Arm und ihre Hand, während sie es nicht wagte, sich umzudrehen. Ein rascher Kuss auf ihre Wange.


»Ich geh duschen Schnörkel ...«

Dann verließ er die Küche. Und sie? Zog den Slip hoch, richtete den Rock, halbierte die Zitrone und drücke den Saft in das Schälchen mit dem Puderzucker, fuhr sich mit dem Ärmel ihrer Bluse über Stirn und Augen, als würde sie schwitzen, nahm den Schneebesen und rührte.

 

Es knackte.

»Frau Bachmann, bitte in die 3.«

 

Rezept. Raus. Die Treppe runter. Frische Luft, die Regen verkündete. Wind, der sie drückte, als hätte er nur auf sie gewartet. Drückte in die entgegengesetzte Richtung, aus der sie kam. Sie gab nach.

»Alles in Ordnung. Keine Sorge. Nur eine Blasenentzündung«, hatte sie erklärt.
»Es geht auch ohne Antibiotika, aber dann schmerzt es noch ein paar Tage. Am besten mit der Wärmeflasche oder ich schreib Ihnen ein Rezept.«

So schnell war es vorbei, dass sie sich erst gefragt hatte, ob die Ärztin richtig geguckt hatte. Sie wollte das Rezept. Eine Tablette, die es wegmachen würde. Dieses Gefühl, das sie seit vorgestern begleitete. Vielleicht hätte sie doch etwas sagen sollen. Und dann? So war das, was sie am Ende im Wartezimmer Platz nehmen ließ, zumindest bald weg. Sie wollte zu ihrer Apotheke in der Fußgängerzone, wofür sie jedoch eine Bahn nehmen müsste. Wenn, dann hätte sie es wahrscheinlich gesehen. Sie hatte die Antwort bekommen, die sie sich die ganze Zeit ersehnt hatte, dass da nichts war. Nichts Wirkliches. Aber die anderen Fragen, hatte sie nicht beantworten. Mit denen war sie jetzt alleine und erschreckte fast, als der erste Gedanke, den sie hatte, jemanden um Rat zu fragen, ausgerechnet seinen Namen hervorsprudelte. Ihre Bezugsperson, wenn es denn sonst um irgendetwas ging. Der, der ihr so fürsorglich überhaupt den Termin gemacht hatte.

So wollte sie nicht weitermachen. Sie hatte noch viereinhalb Stunden Zeit, bevor er nach Hause kommen würde. So viel Zeit blieb ihr, um Antworten zu suchen. Aber wenn sie nichts gefunden hatte, dann war doch alles in Ordnung. Für alle. Wie sollte sie denn das erklären? Nicht, dass ihre Eltern ihr nicht glauben würden, aber dieses Wort, dass sie die letzten Tage verdrängt hatte, wollte oder konnte sie nicht einmal im Gedanken aussprechen.

»Du denkst zu viel«, hatte er ihr einmal gesagt, als sie sich nicht sicher war, wie das Lob ihres Vorgesetzten gemeint war.

»Du zerbrichst dir den Kopf so lange, bis du etwas Schlechtes daran findest, aber er hat dich nur für deine gute Arbeit gelobt. Nichts weiter. Du kannst ruhig an dich selbst glauben. Sonst wärst du nicht da.«

So verständnisvoll und gleichermaßen sagte er ihr, was richtig ist oder auch wenn etwas nicht richtig war. Selbst als sie sich so wegen der Wohnung gezofft hatten, war er es gewesen, der sich zuerst geöffnet hatte und einen Schritt auf sie zugegangen war. Oder war er? Am Ende hatte er doch bekommen, was er wollte, dass sie das Darlehen ihres Vaters nicht annehmen und die Entscheidung verschieben. Was ihr ja auch recht gewesen war. Besser, als immer nur zu streiten. Und danach war ja alles auch wieder gut. Wenn sie nur irgendwie wüsste, dass es nicht wieder passieren würde. Aber normalerweise war er ja auch ganz anders. Wie oft sie von Frauen gehört hatte, nicht im Freundes- oder Bekanntenkreis, fern, von denen Kerstin erzählt hatte, oder im Fernsehen, die es alles akzeptierten und wie sehr sie sich gewundert und darüber aufgeregt hatte, wie das den möglich sei, so sehr stellte sie fest, wie sie es selber tat.

Sich der schlichten Hoffnung ergab, es würde nie wieder vorkommen. Andererseits konnte sie Christian auch nicht mit diesen Geschichten vergleichen. Im Gegenteil, er war vollkommen anders. Er machte den Anschein, als wüsste er es gar nicht. Als existiere es nur in ihrem Kopf. Denn sie hat ja auch nichts gefunden oder gesagt, was sie bestimmt getan hätte, wenn denn da was wäre. Oder man sah es einfach nicht. Es war ja nicht mit Gewalt. Und da war dieses Wort.

 

Als sie auf dem Weg zur Haltestelle eine Apotheke entdeckte, entschied sie sich um. Sie wollte nach Hause und auch wiederum nicht. So wie sie nicht zu dem Termin wollte und doch ging. Zumindest ins Warme. Einen Cappuccino trinken mit warmem Milchschaum von der Maschine, die er für sie im Internet gekauft hatte. Doch der Gedanke, nach Hause zu gehen, machte es dringlicher eine Entscheidung zu treffen.

»Ich habe ein Rezept«, erklärte sie an der Theke und versuchte den Namen zu lesen: »Nitro-fu-rantoin.«

Während die ältere Dame schon nach dem Zettel reichte und lächelte.

Dann trat sie zum Regal und sprach ihr mit dem Rücken zugewandt:

»Ist jetzt häufig ...«

Aber sie hatte nicht hingehört.

»Bitte?«

»Im Herbst«, fuhr die Dame fort und drehte sich mit einer kleinen Packung in der Hand lächelnd um.

»Ihr erstes Mal?«

Sie nickte. Zumindest konnte sie sich nicht erinnern.

Wieder lächelte die Dame sanft, während sie die Packung scannte.
»Sie Glückliche. Ich andauernd, gerade in der kalten Jahreszeit. Aber muss natürlich wie alle anderen erst zum Arzt und ein Rezept holen, obwohl ich ja quasi an der Quelle sitze. Hat er gesagt, wie es einzunehmen ist?«
Sie schüttelte den Kopf.

»Die Tabletten 3-mal täglich, morgens, abends und mittags, alle 8 Stunden über 5 Tage. Wenn es dann nicht besser ist, noch 2 weitere. Für gewöhnlich lassen die Schmerzen nach einem Tag nach«, sie blickte auf den Bildschirm, »5 Euro sind es dann noch.«

Sandra kramte in ihrem Portemonnaie und war erleichtert, noch genug Kleingeld zu finden.

»Dann gute Besserung!«, wünschte die Dame lächelnd und Sandra verließ die Apotheke.

Es hatte leicht zu regnen begonnen, was ihr die Entscheidung, die Wohnung aufzusuchen, erleichterte, und zügig, bevor es stärker anfing, da sie keinen Regenschirm mitgenommen hatte. So spazierte sie weiter zur Haltestelle und nahm die Bahn, gegen die sie sich auf dem Hinweg entschieden hatte, da sie ohnehin zu früh war und sich dennoch beeilte.

 

Zuhause schloss sie die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen, als ob sie die Gedanken damit aussperren könnte, denn nur ein Blick den Flur hinunter reichte, um sie erneut kreisen zu lassen. Noch bevor sie die Jacke auszog, ging sie in die Küche und nahm eine der Tabletten mit einem Glas Sprudel. Dann hing sie sie an der Garderobe auf, zog die Schuhe aus, ihre dicken Haussocken an und drehte die Heizung auf, bereitete sich einen Cappuccino zu und setzte sich mit Decke auf die Couch, um nervös beim Anblick der Uhr des kleinen Kastens neben dem Fernseher eine Zigarette zu rauchen.

Eigentlich nicht drinnen, aber der Balkon war ihr jetzt zu kalt und sie könnte ja lüften. Vorher hatte sie das jedoch noch nie gemacht und es fühlte sich seltsam an. Selbst zur Einweihungsparty hatten sie alle auf den kleinen Balkon geschickt, was dazu führte, dass, um die Tür wieder zu öffnen, alle im Kreis herum ein Stück rotieren mussten.

Sie war unglaublich nervös. Nicht, dass ihre Hand zitterte, sondern diese tiefe Nervosität von innen, die sie schon im Wartezimmer eingeholt hatte. Der Drang sich zu bewegen und dabei genau zu wissen, dass es nichts daran ändern würde. Noch bevor der Milchschaum ein wenig sinken konnte, hatte sie die Zigarette aufgeraucht. Im kleinen Aschenbecher drückte sie sie aus und trug ihn sofort wieder in Scham auf den Balkon und ließ die Tür sperrangelweit geöffnet, als ob sie den Verstoß gegen das übergangene und zumindest zum Teil selbst auferlegte Verbot damit rückgängig machen könnte. Und so stand sie die Decke fest um sich geschlungen in der offenen Balkontür und blickte hinaus. Für Minuten. Ihre Wimpern fröstelnd im kalten Novemberwind, der ihr Tränenflüssigkeit in die Augen trieb, doch nicht genug, um eine zu formen, und ihre Haut spannte. So normal sah alles aus. Die Linde, die ihre goldenen Blätter tapfer rasseln ließ, als könnte sie den Wind damit vertreiben. Die Wohnung gegenüber, in der sie nie jemanden gesehen hatte und doch immer neugierig war, wer da unter einem Kronleuchter an dem langen nussbaumfarbenen und undekorierten Tisch seine Mahlzeit zu sich nahm, um danach im Fenster daneben, das etwas schräg versetzt den gleichen Raum zeigte, unter einer goldenen Tischleuchte mit grünem Schirm in dem großen, schwarzen Ledersessel eins der zahllosen Bücher aus dem Regal dahinter zu lesen. Es sah aus wie aus einem Film.

Plötzlich sah sie erschrocken zur Küche. Ob sie jemand gesehen hatte? Ob es einen Zeugen gab? Doch in dem Winkel, von dem man von außen über das Wohnzimmerfenster und die Balkontür die Küche einsehen konnte, gab es keine Fenster. Da lag nur die Gaststätte »Zur Blende« und daneben der Kio. Sie hastete in die Küche und blickte hinaus. Zwar war das Fenster seitlich von der Theke versetzt, doch unmittelbar gegenüberlag eine andere Wohnung mit geschlossenen blauen Vorhängen. Sie überlegte, ob denn die Küchenvorhänge zu oder offen gewesen waren. Doch in der Erinnerung sah sie nur die Arbeitsplatte und die Spüle daneben. Es war schon dunkel gewesen, was bedeutete, dass das Licht in der Küche brannte. Sie hatte am nächsten Morgen gelüftet, weil der Karamellgeruch sich immer noch nicht verzogen hatte, und dieses eindringlich süße Aroma sie an diesem Morgen ekelte. Dafür hatte sie die Vorhänge zur Seite geschoben, daran erinnerte sie sich noch ganz genau. Was bedeuten musste, dass sie an diesem Abend geschlossen waren. Erleichtert, obwohl es dazu eigentlich keinen Grund gab, stützte sie sich auf der Anrichte ab und ließ dabei die Zipfel los, sodass die Decke von ihrem Rücken auf den Küchenboden sank, wo sie sie achtlos liegen ließ, und an der Durchreiche vorbei ging, die Balkontür schloss, um erneut auf der Couch Platz zu nehmen und an ihrem Cappuccino zu nippen, der bereits so abgekühlt war, dass diese Vorsicht gar nicht mehr nötig gewesen wäre. Sie sah sich im Wohnzimmer um. Die Couch hatten sie gemeinsam ausgesucht. Oder was heißt ausgesucht. Ein Freund von Chris hatte sie damals erst vor einem Monat neu gekauft und dringend einen Abnehmer gesucht, da er umziehen wollte. Schön fand sie sie nicht. Auch passte sie selbst nicht zu Christians Second Hand-Mobiliar, auch wenn er meinte, dass doch gerade das sie bestens passen lassen würde. Aber Platz bot sie, da sie noch um eine Ecke ging, wo man die Füße ausstrecken konnte, was sie jedoch danach nie getan hatte. Und sie war kostenlos und wurde gebracht, was am Ende sein ausschlaggebendes Argument war. Nicht ihres, denn das Geld für eine neue Couch hätten sie allemal gehabt.

Der zumindest antik wirkende Fernsehschrank aus Eichenholz, zu dem der große Flachbildfernseher so gar nicht passen wollte, war auch von ihm. Für sie hätte auch ein kleiner Fernseher gereicht oder gar keiner, zumal sie viel lieber mit dem Laptop auf dem Schoß etwas guckte, was jedoch auch selten vorkam und was ja auch mit zwei Leuten möglich war, so wie sie es im Schlafzimmer taten.

Aber so sehr er auch die zusammengewürfelten Möbel bevorzugte und überall sonst auf den Taler schaute, so wenig ließ er bei der Technik einen Kompromiss zu. Zumindest hatte sie ihm die Leinwand ausreden können. Wenn man denn alles groß zu Hause auf der Couch gucken könnte, wann ginge man denn dann noch ins Kino?

Sie sah hinüber. Die Küche hatten sie glücklicherweise von ihren Eltern zum Einzug geschenkt bekommen und so sah sie im Kontrast zu allem anderen aus, wie ein Foto im Katalog.

»Wenn etwas nicht passt, dann ist es deine Küche«, hatte er kopfschüttelnd gescherzt, als sie den Fernsehschrank infrage gestellt hatte.

Sie stand auf, nahm die Tasse mit und schlich auf ihren Haussocken durch den Flur. Den Läufer hatte er eines Tages einfach mitgebracht, ohne zu erklären, woher er ihn hatte, denn modern sah er nicht aus, weil er meinte, dass sie doch immer über kalte Füße klagte, weswegen sie sich ja eigentlich die Haussocken besorgt hatte.

Sie schob die Tür des WCs auf und knipste das Licht an.

»Viel zu klein«, hatte sie bei der Besichtigung gesagt und das war es auch heute noch. Einmal drin musste man sich über das Klo lehnen, um die Tür hinter sich zu schließen und das Waschbecken freizugeben.

»Dann lassen wir die Tür halt offen oder nehmen sie raus«, hatte er euphorisch geantwortet, ohne sie damit zu überzeugen. Auch das Wort »Toilette« hatte er ihr im Spaß ausgetrieben, da es seiner Ansicht nach nur Adeligen vorbehalten war, sodass, wenn Gäste fragten, wo sie die Toilette fanden, er grundsätzlich antwortete: »Wenn du das Klo meinst, das ist hier vorne.«

Und die Wand links von eben diesem hatte er von oben bis unten mit Zeitungsausschnitten, Flyern & Konzerttickets, Album-Covern von CDs, Sprüchen der Stammtischkategorie und asiatischer Weisheiten versehen. Sodass neben »Der Schlüssel zum Erfolg ist Geduld« zu finden war »Wer später kommt, hat früher Pause«.

Und Fotos. Jede Menge Fotos. Nun, wenn sie es schon nicht mochte, auf dem Klo Urlaubs- & Partybilder zu begutachten, dann müsste dies für Gäste doch noch merkwürdiger sein. Aber sie hatte ihn machen lassen, zumal tatsächlich der eine oder andere Gast zurückkehrte und nach ihrem Urlaub fragte.

Sie knipste das Licht aus und schloss die Tür. Den Vorratsraum, der zur Rumpelkammer wurde, weil für ihn Aufräumen darin bestand, alles, was keinen Platz hatte, dort hineinzudrücken, was sich als durchaus effektiv herausstellte, denn die Wohnung war danach immer ausgesprochen ordentlich, öffnete sie erst gar nicht, und sah ins Badezimmer, das gegenüber vom Schlafzimmer lag.

Weiße Kacheln mit etwas Plüsch auf dem Boden, blitzsauberer Dusche und dem Waschbecken, wo ihre Zahnbürste neben seiner im gemeinsamen Becher weilte. Ihrem Becher eigentlich, aber er hatte sich geweigert einen zweiten zu kaufen und der, denn sie einmal mitgebracht hatte, damit sie nicht immer warten mussten, bis der andere mit dem Spülen fertig war, weilte seit dem in Originalverpackung im Spiegelschrank. Ein Bad, wie sie es sich vorstellte, im Gegensatz zum Klo, auch wenn die holzverkleidete Schräge ihr nach wie vor etwas missfiel. Wenn man an das milchverglaste Fenster trat, um es zu öffnen, musste man sich immer etwas ducken. Man gewöhnt sich jedoch daran, nachdem man dem ungeachtet in morgendlicher Schlaftrunkenheit sich ein paar Mal den Kopf gestoßen hat.

Sie stellte es auf kipp, da das Bad ihr zu sauber roch, zu sehr nach diesem Limonenduft, der anfänglich Frische versprach, sich aber danach irgendwann in die Nase brannte.

Dann schlich sie durch den Flur, wobei sie vom Treppenhaus eine Tür knallen und Stimmen hören konnte. Zunächst hatte ihr Atem gestockt, bei dem Gedanken, dass es Christian sein könnte, und so hatte sie kurz in Starre gelauscht, als ob niemand wissen sollte, dass sie Zuhause war, und sich erst wieder bewegt, als die Stimmen im Aufzug verschwanden, um einen Blick in das Schlafzimmer zu werfen.

Es war zu schön, um ihr Eigenes beziehungsweise Gemeinsames zu sein. Er hatte sogar das Bett gemacht. Das hatte sie ihm eingetrieben, da sie es ihm nicht austreiben konnte, die Tür immer offen stehen zu lassen, sodass, selbst wenn nur ein Bote ein Paket brachte, dieser einen ausgiebigen Blick hinein werfen konnte, und es war doch durchaus ein persönlicher Bereich. Eigentlich hatte sie sich erhofft ihn durch diese Verpflichtung dazu zu bringen, dass er sich eben angewöhnte, die Tür zu schließen. Stattdessen jedoch räumte er es jetzt jeden Morgen auf, brachte Kleidung oder liegen gebliebene Handtücher in den Wäschekorb im Bad, machte das Bett und lüftete durch.

Ihr Bett, da er vorher nur eine durchgelegene Schlafcouch gehabt hatte, von der es ihm jedoch schwerfiel, sich zu trennen, sodass er erst Dutzende Möglichkeiten aufgeführt hatte, wie sie sie in der Wohnung platzieren könnten. Im Wohnzimmer, da sie ja eine Couch benötigten, wobei, egal wie sehr sie seine Individualität in der Einrichtung mochte, dieses Grellorange mit lilafarbenen Sprenklern eher das Gegenteil von ansehnlich war, der Bezug bereits Risse hatte, unter denen Türkisgrün zum Vorschein kam, und sie so durchgesessen war, dass sich an seinem Stammplatz eine Kuhle gebildet hatte, und so durchgelegen, dass jeder, der darauf Platz nahm, sich kurz erschreckte, weil er tiefer sank, als erwartet.

Dann hatte er den Flur vorgeschlagen, mit dem Argument, dass es dann wie im Pütz, einem Studentenlokal, wo er, auch wenn er lange kein Student mehr war, sich regelmäßig mit seinen Freunden traf, wäre. Zum einen war jedoch dort der Flur viel breiter. In ihrem Flur musste man sich an der Couch vorbeidrücken, wenn man weiterkommen wollte. Zum anderen war das genau der Grund, warum sie nur ein paar Mal mitgekommen war. Nicht das Sofa mitten im Gang, sondern dass alles da so abgenutzt war. Daher die günstigen Preise und deswegen zu voll, zu stickig, da niemand sich an das Rauchverbot hielt, und auch das wiederum niemanden kümmerte, sodass selbst ihr als Raucherin schnell die Augen brannten. Abgesehen von dem Geruch von verschüttetem Bier, dass die Hand an jedweder Gelegenheit sich abzustützen oder anzulehnen kleben ließ. Und dass der Balkon zu klein für eine Couch sei, zumal nicht überdacht, diese nach ein paar Regenschauern schimmeln würde, hatte er dann letztendlich selbst eingesehen.
Die Nachttische waren von ihm. Zwei Kleine mit schwarz lackiertem Fuß und Marmorplatte, auf denen er vorher seine Boxen platziert und die sie mit zwei gleichen Leselampen versehen hatte, obwohl er selten im Bett las.

Generell las er eigentlich viel weniger, als sie es am Anfang erwartet hatte. Klang er doch immer so gebildet, in der Form, dass er viele Zitate oder Namen von Autoren oder Philosophen kannte. Aber von William Blake, mit dessen Zeilen er sie damals sehr beeindruckt hatte, hatte er gar kein Buch, sondern nur einen Film, in dem diese verwendet wurden, auf Blu-ray. Von einem Regisseur, dessen Namen sie sich immer nur als »Janosch« merken konnte und er sie regelmäßig gerne korrigierte, obwohl sie den Film nun bestimmt schon fünfmal gesehen hatte. Halb einschlafend auf der Couch, während er ihren Kopf in seinem Schoß streichelte.
Die langen, grauen Vorhänge, hinter denen noch einmal dünne weiße waren, durch die der Sonnenschein frühmorgens in einen angenehmen hellen Schleier getaucht wurde, der so sanft langsam aus dem Schlaf zog, hatte sie einfach gekauft und sogar selbst montiert, als er nicht da war, was ihn in Erstaunen versetzt hatte. Mehr darüber, dass sie so etwas konnte, als dass sie ihm gefielen, da er selbst handwerklich absolut unbegabt war, was sich herausstellte, als er einmal ihrem Vater helfen sollte. Im Grunde nichts Schlimmes. Er gab es ja zu. Doch verstand sie nicht, wie er sich einfach nicht damit beschäftigen konnte. Im Gegenteil, wenn etwas kaputt war, auch wenn es noch so leicht zu beheben gewesen wäre, ließ er es einfach so, bis sie ihn darauf aufmerksam machte, woraufhin er der Hausverwaltung Bescheid sagen oder einen Fachmann bestellen wollte, doch an sich kein Verlangen hatte, es überhaupt zu beheben. Er war nicht dagegen, aber es kam ihm einfach nicht in den Sinn. Es fiel ihm schlichtweg nicht auf, solange es noch irgendwie einen Weg drum herum gab, wie dass eben zwei Lampen im Bad noch immer genug Licht gaben, auch wenn die dritte nicht ging.

Aber mit der Technik kannte er sich aus, also das verkabeln und vernetzen, im Grunde alles, was mit Computern zu tun hatte, und Fehlern, die, wie er sagte, meistens davor saßen, und sonst wurde eben neu gekauft.

 

Doch, wenn sie so darüber nachdachte, sich erst auf das Bett legen wollte, aber es war so schön gemacht, und dann vor den Spiegel seines Schranks trat, den man von der Tür aus nicht sehen konnte und der absolut gar nicht in dieses traumhafte Schlafzimmer passte, so einfach, wie er war, mit diesem hellen Holz, das sich nirgendwo sonst in der Wohnung wieder fand, war es eigentlich doch nicht alles so perfekt.

Im Grunde, wenn sie so ihre gemeinsame Wohnung betrachtete, waren sie sehr verschiedene Menschen, um nicht zu sagen gegensätzlich. Er aß nur gesund, weil sie gesund kochte, doch verschlang im Grunde alles, was man ihm vorwarf, liebte den Gedanken, am frühen Morgen, nach einer durchzechten Nacht in einen saftigen Fast Food-Burger zu beißen, während sie eigentlich lieber nach Hause und schlafen gehen wollte.

So behauptete er gerne Filmkenner zu sein und hatte doch von diesem Schwarz-Weiß-Film, den ihr ein Arbeitskollege als Klassiker empfohlen hatte, noch nie etwas gehört und sich auch nicht weiter dafür interessiert. Sprach davon, dass er Musik liebte, aber hörte im Grunde immer die gleiche. Und als sie Karten bekommen hatte von der Firma für ein klassisches Konzert, wollte er nicht mitkommen, weil das nichts für ihn sei, sodass sie mit Kerstin ging, aber von ihrer Begeisterung danach nichts mit ihm teilen konnte.

Und während sie sich verändern wollte, die Möglichkeiten hatte und nutzte, in ihrer Arbeit aufzusteigen, wünschte er sich nichts sehnlicher und hatte es ihr an dem Abend nach Kerstins Hochzeitsfeier, als sie in der Küche am Tisch Rotwein tranken, während seine Lieblingsplatte spielte, sogar so gesagt, dass ihm nichts lieber wäre, als wenn alles so bleibt, wie es jetzt gerade ist.

Damals hatte es ihre roten Bäckchen strahlen lassen, auf sich bezogen, mit ihr zu sein, zufrieden, all das Glück der Welt schon gefunden zu haben. Doch mit der Zeit fiel ihr auf, dass er nicht nur das gemeint hatte, sondern alles. Dass es ihm reichte, was doch eigentlich etwas Gutes war und gleichermaßen jedoch bedeutete, dass er kein Gefühl dafür hatte, über die nächsten Jahre nachzudenken.

Genau das, das im Moment zu leben, was sie, so unbekannt wie es ihr war, am Anfang so märchenhaft gefunden hatte und doch gleichzeitig hatte er dieses Bodenständige, weswegen sie es gar nicht abwarten konnte, ihn ihren Eltern vorzustellen.

Doch war genau das eben nicht mehr da. Nicht erst seit vorgestern, sondern im Grunde schon länger. Als wäre er ihr langsam fremd geworden, so fremd, wie der Fremde, der zu ihr in die Küche getreten war. Nur vorher hatte sie es nicht bemerkt. Und ganz überzeugt war sie jetzt auch nicht. Soweit zweifelte sie an sich selbst, dass sie sich mit Absicht Dinge in den Kopf rief, die so wunderschön waren, wie als er sie trotz orkanartigem Sturm vom Bahnhof abholte, auch wenn sie ein Taxi hätte nehmen können. Wie er, ohne zu überlegen darauf bestanden hatte. Oder wie er sie getröstet hatte, als daheim ihre Hündin Kira, die sie seit der Kindheit hatte und die sie nur nicht mitnehmen konnte, weil der Vermieter Haustiere nicht gestattete, starb. Er hatte es verstanden, auch wenn er selbst nie ein Haustier gehabt hatte. Und sie so lieb getröstet, versprochen, dass sie, wenn sie irgendwann ein Haus mit Garten hätten, eine Hündin aus dem Tierheim holen und ihr den gleichen Namen geben würden.

 

Sie sank auf das Bett. Aber wie weit waren sie davon entfernt? Als sie die Eigentumswohnung kaufen wollten, hatte sie es beiläufig noch einmal erwähnt, aber sonst hatten sie trotz ihrer langen Gespräche nie wieder darüber gesprochen. Diese handelten meist von anderen Dingen. Mehr die Art & Weise, wie sie die Welt sahen, als ihre gemeinsame Zukunft.

Sie ließ sich rücklings in das Laken fallen. Unabsichtlich suchend nach seinem Geruch, als sie ihn plötzlich fand. Dieser Geruch, männlich, bitter und doch so süß, wie eine Blume, an der sie nie gerochen hatte. Aber da war noch etwas anderes. Neben Körper & Schlaf. Etwas Ungewohntes. Schweiß. Aufgebrachter Schweiß. Wie das Gefühl an einem eiskalten Tag in die überfüllte und übergeheizte U-Bahn zu steigen, in dem dicken Mantel, Rollkragenwollpullover mit Mütze und Schal, wie alle anderen auch, deren Hauch sich bereits auf den Fenstern abgesetzt hatte, und die oberflächliche Nässe am eigenen Körper zu spüren, die die Anderen nach wenigen Sekunden riechen konnten, wie man selbst ihre, und man bloß dem Moment entgegensieht, an dem es vorbei ist.

 

Sie befreite sich aus dem Laken. Ein Gedanke wie ein Blitz, dass das alles falsch war. Das Bett, der Schrank, das Spiegelbild, die Vorhänge und Marmortischchen, gestellt, wie das Filmset gegenüber. Es war unecht. Es zählte nichts, nur eben dahingestellt, für eine Szene, in der sie so tun, als ob, aber im Grunde ein völlig anderes Leben leben.

Sie schob die Spiegeltür auf und griff unten rechts nach ihrer Sporttasche. Als Erstes weg. Zu ihren Eltern ein paar Tage und dann weitersehen. Aber ihm klar machen, dass das nicht richtig war, und fast noch wichtiger, nicht zu Hause zu sein, wenn er nach Hause kam. Sie sah zur Uhr des Weckers. Zwei Stunden hatte sie noch, bevor es so weit war. Das Nötigste mitnehmen, einen Zettel schreiben, dass sie ihre Eltern besucht, weil es ihrem Vater nicht gut ginge oder noch nicht einmal das. Sie hatte sich nicht zu rechtfertigen.

Selbst ihren Eltern müsste sie so nichts sagen, sondern schlichtweg, dass sie ein paar Tage bei ihnen bleiben wollte, weil er ohnehin wegen Arbeit oder sonst etwas kurzfristig weg musste. Dann hätte sie Zeit. Und nichts wollte sie mehr als mehr Zeit. Unterwäsche, Socken, ein paar T-Shirts und Blusen, Jeans, die Jogginghose und ein paar Pullover. Was bräuchte sie noch? Ins Bad und die Kosmetik-Tasche, die er ihr zu Weihnachten geschenkt hatte mit diesem teuren Parfüm, welches sie jedoch nicht wirklich mochte und es doch benutzte, so wie der Darsteller im Film einen Charakter spielt und nicht sich selbst, befüllt mit Make-up, Zahnbürste, dem Shampoo, was nur sie verwendete, den Rest Tampons, dem Becher und der Salz-Lösung, mit der sie immer spülte und ihr Gesicht wusch. Reisverschluss zu und zu den Klamotten in die Tasche.

Dann leise durch den Flur ins Wohnzimmer. Das Buch. In die Tasche. Das auch. Die CDs waren allesamt seine, wie die Platten auch. Was noch?

Sie drehte sich um und suchte etwas. Die Decke. Ihre Decke. Die Weinrote, die so weich war. Doch sie konnte sie nicht finden. Sah in die Tasche, ob sie sie nicht bereits eingepackt hatte und auf dem Boden zum Balkon, als ihr Blick auf den Fotokasten fiel.

Wie glücklich sie waren. Lachten & lächelten auf jedem Foto, schmusten während der Hochzeitsfotograf die Gruppe krampfhaft versuchte zum Lachen zu bringen, sodass er letztendlich abdrückte, weil sie nicht hörten. Wie hatten die Freunde beim Betrachten der Bilder darüber gescherzt, dass sie dem Brautpaar die ganze Show stahlen. Alles falsch?

Sie legte die Tasche ab und öffnete erneut die Tür, da es noch immer nach Rauch roch, und ließ sich auf der Kante der Couch nieder, fuhr sich mit den Händen durch ihre Haare, löste den Zopf, um sie gleich darauf auf den Knien zu verschränken und hinauszublicken. In die sich nähernde Dunkelheit.

War es falsch einfach zu gehen? Und doch spürte sie diese Nervosität, die ihr erst jetzt als Angst begrifflich wurde. Es war Angst. Sie hatte Angst davor, dass er nach Hause kommen würde. Angst vor ihm.

Und um diese Angst loszuwerden, brauchte sie Zeit. Die konnte er ihr nicht nehmen. Nicht die. Zeit, die sie nicht mit ihm verbringen konnte. Gedanken, über die sie nicht nachdenken konnte, während er neben ihr auf der Couch lag, sie in seinem Arm. Nicht wenn er schlief und sie ihn roch, nicht am Küchentisch, wenn er von etwas Beiläufigem in den Nachrichten sprach. Sie brauchte Einsamkeit. Die Einsamkeit, die ihre Eltern ihr seit jeher gaben. Wie innig das Verhältnis von ihm zu seinen gewesen war, wie verbunden, auch wenn er früh auszog und sie doch über alles bei regelmäßigen Besuchen unterrichten wollte, bei denen er sie gerne dabei hatte, aber ohne Einwände auch alleine hinfuhr.

Es war alles so anders. So anders geträumt. Wie könnte sie denn noch? Wie könnte sie so etwas einfach vergessen? Selbst wenn sie es nie einer Menschenseele erzählen würde, wüsste sie es doch, würde es wieder fühlen, wenn sie den Gedanken nicht begrub. Würde in seine Augen blicken und einen Menschen sehen, den sie liebte, doch in deren Glitzern noch etwas anderes lag.

 

Sie streifte ihre Haare nach hinten und zog sie durch das Band, nahm die Tasche auf, wobei etwas darin klirrte, und ging Richtung Flur, als sie in der Küche ihre Decke entdeckte, diese ebenfalls in die Tasche stopfte und noch ihre Vitamin-Pillen aus der Schublade und denn Himbeertee aus dem Regal dazu warf, sich die Tasche über die Schulter schnallte, nach ihrer Handtasche auf dem Tresen reichte und den Flur entlang an die Garderobe trat. Tasche runter. Ihre Joggingschuhe rein. Reißverschluss zu. Jacke, Mütze, Schal um. Haussocken aus. In die Seitentasche und die Stiefel an. Als der Lukács sie plötzlich anblickte.

Sitzend auf den Walnüssen, die sie gemeinsam im Wald gesammelt hatten.
»Mindestens fünfzig«, hatte er gesagt, »Zuhause hatten wir einen ganzen Berg, auf dem er thronte bis Heiligabend.«

Der Stadtwald, groß genug, dass sie sich auf dem Heimweg verliefen und bei dem Regen in einem Hochsitz Unterschlupf suchten, wo sie wieder Kinder waren und nichts anderes eine Rolle spielte, als den Weg nach Hause zu finden. Sie lächelte. Und sich doch, wie Kinder ablenken ließen, im Wald herumgealbert hatten und dabei einen abgelegenen See fanden, der ihr geheimer Ort werden sollte, von dem sie niemandem erzählen würden, und den sie jetzt regelmäßig aufsuchen wollten, um gemeinsam allem zu entkommen.

Der Lukács, diese einfache Puppe, die rein äußerlich kein Kind lieb gewinnen könnte. Ein ernstes Gesicht geschnitzt in Holz, immerzu griesgrämig, doch darin trotzend, wie ein kleiner Junge, der für sich allein in der Scheune das Trotzen übt, weil er sich nicht traut. Die kleinen Hände nach vorne gestreckt, als ob er nach etwas fragt, nicht bettelnd, sondern als wäre es seiner Auffassung nach das Vernünftigste, es ihm zu geben, als betone er damit nur, dass er doch nur fragen würde, aber es auch keinerlei Grund geben könnte, ihm sein Anliegen zu verweigern. Eingekleidet in Stofffetzen von seinen Bandshirts und ihren alten Röcken, weil sie darauf bestanden hatte, dass, obwohl der kleine offene Weihnachtsmantel und die Zipfelmütze ihn eigentlich bedeckten, er doch nicht mehr in den Lumpen von davor rumlaufen könnte, die nach Keller rochen und schlichtweg aus zerschnittenem Jutesack bestanden. Wie er ihr fasziniert dabei zugesehen hatte, wie sie mit Nadel und Faden ans Werk ging und gestrahlt, als es fertig war und sie es ihm überstülpten und Mantel und Zipfelmütze wieder anzogen.

Sie konnte sich nicht vorstellen, Selbiges oder auch nur Ähnliches jemals wieder zu erleben. Ließ die Stiefel sinken und betrachtete diese merkwürdige Puppe. Der Mann, der als Kind dabei zusah, wie sie auf dem Weihnachtsbaum platziert wurde in freudiger Erwartung der Bescherung, wie nur ein Kind sie fühlen kann, war nicht mehr. Wo sollte er hin? Wie sehe sein Leben aus, ohne sie? So traurig, nicht wissend, was er falsch gemacht hätte und sie nicht in der Lage, es ihm zu sagen.

Zumindest verdiente er, sie noch einmal zu sehen, und sie schuldete es sich selbst, ihm noch einmal in die Augen zu blicken. Und dann zu entscheiden, was sie sagen würde. Sie zog die Stiefel aus, nahm ihre Haussocken aus der Seitentasche und streifte sie über. Die Tasche verfrachtete sie ins Schlafzimmer, entledigte sich der Jacke, des Schals und der Mütze und ging in die Küche. Ihr knurrte der Magen und sie füllte den großen Topf mit Wasser und stellte ihn auf das Ceranfeld. Dann sah sie in den Kühlschrank und zog Gemüse in einer Schale hervor. Die Vorhänge geöffnet und das Fenster auf kipp gestellt, streifte sie die Ärmel ihres Pullovers hoch und begann die Suppe vorzubereiten, als es plötzlich im Schloss knirschte und rasselte.

»Schnörkel, ich hatte früher aus. Was hat der Arzt gesagt? Geht es dir besser?«

Er hing die Jacke auf und zog die Schuhe im Gehen aus, so wie er es immer tat, sodass sie einen wilden Platz im Flur fanden. Dann drehte er um, suchte nach etwas in seiner Jacke und hielt kurz inne.

»Möchtest du weg? Zu deinen Eltern? Darf ich mitkommen? Mir ist das gerade eh alles etwas zu viel hier.«

Dann trat er in den Türrahmen. Das Haar von der Mütze zerzaust, sich mit der linken Hand am Holz anlehnend, halb um die Ecke guckend, als würde er sie nicht stören wollen.

»Dann kann ich auch noch mal mit deinem Vater wegen dem Darlehen sprechen.«
Dann schnüffelte er.

»Mhmm riecht lecker.«