EPIK


VIER JAHRESZEITEN

Im Winter

 

Der Kamin brannte, doch an den kleinen Fenstern hatten sich eisige Blumen abgesetzt, die von der Bitterkälte der Nacht zeugten, als es klopfte. Leicht, sodass der kleine, Lesebrille tragende Gliederfüßler sich verwundert nach der Herkunft suchend in seiner warmen Hütte umsah. Da schabte es erneut, denn für ein Klopfen war es nunmehr nicht kräftig genug, sodass das Getier die Flanelldecke, in der es seine Beine und dem Rumpf eingehüllt hatte, zur Seite schob und sich erhob, um besser horchen zu können. Da erklang es erneut. Wer störte seine Ruhe um diese Uhrzeit in so einer Nacht. Als es die Tür schließlich öffnete, krümelte etwas Schnee auf die Holzdielen, wie Puderzucker auf Kuchenkruste.
Eine Fiedel und einst grüne, doch inzwischen lila-blau eingefärbte lange, dünne, geknickte Beine. Und bibbern tat es. Doch die Ameise kannte sie.

 

Die Geschichte von der Grille und der Ameise kennen wir wohl alle. Die Grille, die freudig mit ihrer Fiedel den ganzen Sommer lang Musik macht, sich auch im Herbst nicht versteckt und gleichzeitig lieber heute Musik macht, als sich um Morgen zu kümmern. Und die Ameise, die bereits im Sommer hart arbeitet und für den Winter vorsorgt, um im wohlig Warmen am Kamin Dickens zu lesen und Kürbissuppe zu schlürfen.

Eine Fabel, die Fleiß & Arbeit über Spaß & Sorglosigkeit stellt. Am Ende. Aber wer von beiden lebte richtig? Hören wir nicht von überall her, dass der glückliche Mensch im Moment leben sollte? Und dann wedeln die Versicherungen, Bausparverträge & Riesterenten und untermauern die Prämisse des Pessimisten, dass die Zukunft nicht rosig wird, wenn du nicht jetzt vorsorgst. Ein Freund sagte mir einmal »Es gibt keine Alternative zum Optimismus« und ich schüttelte den Kopf im Gedanken an den Winter. Wie würdest du lieber leben? Wie die Ameise oder die Grille? Beide Antworten scheinen uns falsch. Das Leben ist voll von Kompromissen, wenn du das eine willst, schließt es das andere für gewöhnlich aus. Du kannst nicht alles und so viel essen, was und wie du willst und gleichzeitig schlank & fit bleiben oder gar abnehmen. Du kannst nicht in den Urlaub fahren und gleichzeitig Arbeiten am Haus erledigen. Oder, wer noch immer nicht überzeugt ist, du kannst nicht gleichzeitig links und rechts an der Laterne vorbei gehen. Das Leben ist ein Kompromiss, der Strich auf dem Grabstein.

Was ist Liebe?

 

Gerard saß am Küchentisch. Den Mantel hatte er nicht ausgezogen, noch die Schuhe, unter denen der festgetretene Schnee langsam eine Pfütze bildete. Er wusste nicht, wann sie kommen würde, dennoch hatte er sich extra beeilt. Den zu spät wollte er nicht sein.

Wie er sich heute Morgen gefreut hatte, als der schwarze Rabe mit einem weißen Punkt auf der Schnabelspitze auf dem schneebedeckten Lieferwagen so aufgebracht krähte, als verstünde er nicht, dass sie scheinbar noch nicht gemerkt hätten, dass es letzte Nacht ordentlich geschneit hatte, und die Welt, wenn auch nur oberflächlich, in ein weißes Kleid gehüllt erstrahlte. Ein Ereignis, das in diesem Land für ihn offenbar inzwischen genauso ungewohnt war, wie für uns. Und umso mehr regte er sich auf, dass keiner der weißen Pracht Beachtung schenkte.

»Ist ja gut! Wir haben's auch gesehen!«, hatte Gerard ihm zur Verwunderung der Passanten zugerufen, nachdem er sich im Kiosk Kaugummis besorgt hatte. Seit er für sie das Rauchen aufgegeben hatte, kam er nicht mehr ohne sie aus. Nicht die mit künstlichen Aromen von Früchten, die er noch nie gegessen hatte, oder die, die mit Neon-Buchstaben auf mattschwarzer Verpackung um Marktanteile gierten, sondern diese alten Pfefferminz-Streifen, die in der Kindheit als Scherzartikel so manchen Verwandten zu gespielten Schmerzensschreien inspirierten, wenn das Kind sie nicht am Ohrläppchen ausprobierte, wo es wirklich wehtat.

Den großen, schwarzen Vogel kümmerte sein Einspruch jedoch nicht. Im Gegenteil, er schien darüber zu schimpfen, wie gleichgültig es ihnen allen war, um dann erneut zu vermuten, dass sie es tatsächlich noch nicht verstanden hätten, und den Schnabel ins Weiße zu graben, um ein paar Flocken in die Luft zu befördern und abermals energisch zu krähen, was Gerard grinsend den Kopf schütteln ließ, bevor er sich weiter auf den Weg ins Büro machte.


Da war alles noch anders. Nervös tippte er mit dem Finger auf der Glasplatte des Tisches und sah zur Uhr. Eigentlich müsste sie gleich kommen. Wirklich wusste er nicht, wann sie Feierabend hatte. Nicht heute und auch nicht an irgendeinem anderen Tag. Wenn er kam, war sie normalerweise schon zu Hause. Rekelte sich auf der Couch mit einem Glas Wein, dem Primetime-Angebot folgend, von dem sie ihm dann ausgiebig erzählte, und was er daraufhin mitgucken musste, obwohl sie es eigentlich nur geguckt hatte, während sie auf ihn wartete, aber jetzt unbedingt wissen wollte, wer weiterkommt.

Ihr war so langweilig. Es war ihm erst kürzlich aufgefallen und es hatte keinen Grund. Es gab keinen Auslöser dafür. Nichts hatte sich geändert. Aber noch letztes Jahr war sie nicht so. So passiv und ihrem Leben überdrüssig, aber wenn er mal was vorschlug, war sie zu müde. Irgendwie anders.

Auch er kam langsam in die Jahre, auch wenn er nicht wusste, welche Jahre das sein sollten, denn im Spiegel, der im Flur, direkt neben der Tür an der Wand hing und ihm gerade zumindest halb entgegenblickte, sah er noch immer aus wie früher. Die schwarzen, vollen Haare exakt mit Pomade zum Seitenscheitel gelegt, die Haut leicht glänzend, doch nicht, als wäre er gerannt, nicht vor Anstrengung, sondern Gelassenheit, glatt rasiert. Jeden Morgen, seit sein Vater es ihm beibrachte. Nassrasur. Der schwarze Nadelstreifenanzug, mit filigraner, goldener Naht, die nur aus einem bestimmten Winkel funkelte und dann spurlos verschwand. Sein Liebster. Und die perfekte Länge, sodass, wenn er saß, genau so viel Knöchel beziehungsweise Socke gezeigt wurde, wie gesehen werden sollte.

Es war doch eigentlich nicht all zu lang her, als er noch Anzüge vom Verleih auslieh, nachdem er festgestellt hatte, dass dies genau so viel kostet, wie der Kauf von schlechter Ware, denn für mehr reichte es nicht, in den Geschäften.

Wie er innerlich gestaunt hatte, als ein Kunde ihm erzählte, dass seiner maßgefertigt ist und er sich jede Woche einen neuen schneidern lässt, um in der nächsten Woche nicht rumzulaufen, wie in der letzten. Derselbe Kunde, der ihm den Tipp mit dem Verleih gab, nachdem er ihm erst ein Kompliment für seinen Anzug, dessen Schultern viel zu breit waren und der beim Hinsetzen den weißen Unterschenkel preisgab, gemacht hatte. Es lagen immerhin zwanzig Jahre dazwischen, aber er konnte sich noch genau daran erinnern. Weit war er gekommen.

 

Nur das. Das ließ ihm keine Ruhe. Das ließ ihn den Blick vom Spiegel abwenden und einen Schluck des kühlen Pils aus dem Glas nehmen. Es war bitter. Bitterer als sonst. Dabei war es doch das Gleiche wie immer. Er sah auf der Flasche nach, ob es nicht abgelaufen sei, doch fand nicht, wonach er suchte, woraufhin er einen weiteren Schluck nahm, der schon besser war. Sodass er den Rücken durchstreckte, um sich wieder gerade hinzusetzen. Wie gerne er jetzt eine geraucht hätte. Es war ihm sehr leicht gefallen aufzuhören. Von einem Tag auf den anderen. Um ihr zu zeigen, wie leicht es war, als sie einmal mehr ein schlechtes Gewissen wegen ihrer Vorliebe für Schokolade hatte. Eine Naschkatze war sie. Schon immer. Er mochte es, auch wenn er selbst nie den Drang danach verspürte. Süßigkeiten waren etwas für Kinder. Und so hatte sie sich dadurch, obwohl sie schon lange keins mehr war, etwas Kindliches bewahrt. Besonders dieser Zwist mit sich selbst, um dann doch wieder der Verlockung nachzugeben, brachte ihn immer wieder zum Lächeln. Nur wenn sie sich all zu sehr dem schlechten Gewissen hingab und über ihre Disziplinlosigkeit jammerte, insbesondere weil sie damals abnehmen wollte, obwohl sie es seiner Meinung nach nicht nötig gehabt hätte, verschwand sein Lächeln. Das mochte er nicht. Jammern. Eine schreckliche Angewohnheit.

»Wenn du keine Schokolade mehr essen willst, dann iss einfach keine mehr.«

»Du hast gut reden, wenn es doch so leicht ist, dann hör doch mit dem Rauchen auf. Du weißt genau, dass ich das nicht mag, wenn du nach einem Geschäftsessen wie ein Aschenbecher riechst und die Klamotten auch. Also?«

Sie sagte es, er tat es. Und danach war erstmal Schluss mit dem Gejammer. Lang hielt es jedoch nicht an. Erst kam die Schokolade zurück und dann das schlechte Gewissen, was ihn beides von Anfang an nicht gestört hatte, solange Letzteres eben nicht überhandnahm, was natürlich hin und wieder immer noch der Fall war, auch wenn sie dann mehr Sport machte, aber er hielt es auch nicht für nötig, sie erneut daran zu erinnern, wie leicht es ihm gefallen war, das Rauchen zu lassen. Denn das wäre kleinkariert, was für ihn ebenso eine schlechte Angewohnheit war, wie zu jammern. Aber Sport machte sie inzwischen kaum noch, mal abgesehen von dieser Yoga-Geschichte, von der er jedoch den Eindruck hatte, dass es mehr ein Frauenabend war, als Sport, zumindest wusste sie danach über die neusten Gerüchte ganz genau Bescheid. Und die ganzen Jahre hatte er nie den Drang verspürt, zu seiner schlechten Angewohnheit zurückzukehren. Bis jetzt. Denn er war wütend.

Noch heute Morgen war doch alles in bester Ordnung.

Warum musste sie wieder ...?

Er besann sich eines Besseren und nahm einen weiteren kräftigen Schluck, der das Bierglas leerte und ihn nachschenken ließ.

Er kam sich albern vor. So dazusitzen. Jetzt. In voller Montur. Aber er wollte auch vermeiden, dass sie gerade zur Tür hereinkommt, während er sich seiner Schuhe entledigt oder im selben Moment den Mantel aufhängt. So blieb er sitzen und wartete.

Was war denn bloß passiert?

Darüber schüttelte er wieder und wieder den Kopf. Es konnte keinen Grund geben. Wenn er nur selber dran gewesen wäre, aber er hatte ein wichtiges Meeting, das sich im Nachhinein nicht als so wichtig, wie erhofft, herausgestellt hatte, aber was dennoch wichtig war, da es doch zu dem wichtigen Meeting führen könnte.

Und sie hatten diese Vereinbarung. Sie rief nicht auf der Arbeit an. So einfach war es. Darum hatte er sie gebeten, damals, einmalig, und sie hatte diese Regel nie gebrochen. Es gehörte sich einfach nicht. Wie oft hatte er es bei Kollegen mitbekommen, die am Hörer von »Spatz« und »Wusel« jegliches Klischee bedienten, oder sich sogar einem handfesten Streit hingaben. Erstens lenkte es sie ab und zweitens, wenn derselbe »Spatz« dann beim Essen in der Mittagspause einer Kellnerin auf den Hintern klopfte, wusste er, wie gering der Wert seiner Wörter war. Die Handlung an sich war ihm vollkommen gleich, dafür war er schon zu lange dabei, dafür war er selbst schon zu sehr einmal jung gewesen. Gierig. In jeglicher Hinsicht. Das muss so, sonst hältst du dich nicht lang. Aber es verriet etwas über ihn. Etwas, dass sich in diesem Beruf nur all zu leicht ausnutzen ließ, was er nie in Erwägung gezogen hatte, dafür war er sich seiner Stärken zu bewusst, aber es gab immer jemanden, der im richtigen Moment zuhörte und, was er hörte, ins Spiel brachte. In einfachster Form schlichtweg, um zu schmeicheln. Vertrauen aufzubauen. Um dann nur die richtige Konstellation von Gegebenheiten abzuwarten und du hattest einen Klienten weniger. Und dann blieb dir nichts anderes übrig, als dich selbiger Mittel zu bedienen und das luxuriös ausgestattete Büro wurde zum verminten Schlachtfeld. Was dabei grundsätzlich auf der Strecke blieb, und so viel konnte er aufgrund seiner Erfahrung mit hundertprozentiger Gewissheit sagen, war das Geschäft. Daher die Regel. Und es gab keinen Grund sie zu brechen. Selbst wenn jemand verstorben war, machte es keinen Unterschied, ob er davon am Vormittag erfuhr oder erst am Abend. Es änderte nichts. Die einzige Folge, die dies haben könnte, wäre, dass er sich nicht mehr vollkommen auf das Geschäft konzentrieren könnte. Dafür kannte er sich selbst zu gut, um zu wissen, dass er so etwas nicht einfach ausblenden könnte. Und sie hatte die Regel nie gebrochen.

Das war doch der Grund, warum aus dem Flirt in dem Bistro, wo sie damals arbeitete, mehr geworden ist. Sie wollte etwas, was er ihr geben konnte. Sicherheit. Und er wollte nichts anderes. Sicherheit. Vertrauen, dass sie Geschäftliches und Privates nicht durcheinanderbringen würde. Dass sie verstand, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat. Dass er ihr vertrauen konnte. Und sie wusste es genau, wusste, dass ihr damaliges sozialpädagogisches Studium, kein passendes Gesprächsthema bei der Firmengala war, auch wenn es ihn privat sehr interessierte. Und wie gut sie darin war, diese Rolle zu spielen, sodass er regelmäßig Komplimente bekam und sie exakt wusste, wie sie auf die, die sie erhielt, zu reagieren hatte, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht, obwohl sie eigentlich aus einfacheren Verhältnissen kam, die erste war, die in ihrer Familie überhaupt studiert hatte. Es machte ihr regelrecht Spaß, in diese Rolle zu schlüpfen und das machte sie so bezaubernd, ohne dass es ihr zu Kopf gestiegen wäre, denn sie wusste ganz genau zu trennen, so wie er es tat, was ihn unglaublich faszinierte.

Wie hübsch sie damals war?

Er reichte nach seiner Geldbörse. Geld fand sich darin nicht. Beziehungsweise nur dazwischen in einer Klammer. Wie viel es war, wusste er nicht, da er es nicht erst nachfüllte, wenn es leer war, sondern wenn sich die Gelegenheit bot. Wenn er beispielsweise eine Wette gewonnen hatte, Wetten, die er sich zum Reflex gemacht hatte, scheinbar spontan und unüberlegt anzunehmen, es aber nur tat, wenn er etwas wusste, das sein Gegenüber nicht wusste, wie dass er in seiner Jugend täglich Billard gespielt hatte, was eben die jungen Kollegen bei der Geburtstagsfeier auf dem Anwesen des Chefs, den man in Arbeitsalltag nie zu Gesicht bekam, eben nicht wussten und den Alten herausfordern wollten. Und er ließ es sich nie anmerken, ging nie mehr als eine Wette ein, und als sie eine weitere vorschlugen, erklärte er:

»Als ob ich noch mal so viel Glück habe.«

Von dem Gewinn steckte er einen Lilanen in die Klammer und den anderen beiläufig in seine Hemdtasche, wohl wissend, dass sie davon erzählen würden. Oder wenn sie Bargeld benötigte, rundete er auf und der Rest landete in der Klammer. Eine gewisse Art zu sparen, ohne sich jedoch an feste Beträge zu festen Zeiten zu binden. Und wenn er sie dann hervorholte, um beiläufig tausend Euro auf den Rand des Billardtisches zu legen, staunten sie, wie er gestaunt hatte, als der Kunde ihm von seinen maßgeschneiderten Anzügen erzählte. Es ging sich nicht darum zu prahlen, den Erfolg anderen unter die Nase zu reiben, sondern darum Vorbild zu sein im Umgang damit. Den die Cleveren sahen nicht, was er hinlegte, sondern mit wie viel er wieder ging.

 

Er schnippte ihn auf den Tisch. Neben die Flasche. Wertlos. Denn der wahre Wert befand sich hinter dem Klarsichtfach, als er die Geldbörse aufklappte. Da war das Foto, das, was er gerne Klienten zeigte, wenn die Frage danach gestellt wurde. Ganz verstanden hatte er dieses Prozedere nie. Sie fingen immer zuerst damit an. Es schien scheinbar von allem am meisten Wert zu haben. Trotz Rolex, Designer-Anzügen, Sportwagen oder Limousinen, Yachten und dergleichen Luxusgüter, war doch alles nur halb so beeindruckend, wenn das Foto fehlte.

Es war inzwischen zehn Jahre alt. Aber sie glaubten es. Und meistens entstand danach eine andere Ebene des Gespräches, denn häufig folgte im unmittelbaren Anschluss, nachdem er die Geldbörse wieder eingesteckt hatte, die Frage nach »Good times in this city.«

Dabei hatten sie immer den gleichen Blick, egal ob Asiate, Europäer oder Afrikaner. Begierde. Etwas geboten zu bekommen, dass nur für Geld zu haben ist.

Nun geht es im Geschäft nicht darum, ein Problem bei der Wurzel zu packen, sondern eine Lösung anzubieten. Und die hatte er. Es gehörte dazu. Nichts weiter.

Natürlich sah er es. Früher. Dieses Grinsen in den Gesichtern seiner Kollegen, wenn er ihnen die Geschichten erzählte.

Der Eine hatte geerbt und investiert und jetzt ein Haus am See irgendwo in der Schweiz. Der andere machte irgendetwas im New-Web-Bereich, IT. Er behauptete ständig, also wenn er ihn mal sah, was inzwischen selten vorkam, bereits einen Schritt weiter zu sein, dass Social Media gerade erst der Anfang war. Doch seine Arbeit brachte ihm nichts. Konstant in einer »Was wäre wenn«-Blase aus der das, was dann wäre, nie wurde. Träume sind für Bettler. Das war der Spruch seines Vaters.

Der Mann, dessen Namen er trug, der es von dem Bauer, der er einst war, bis in die oberste Etage marmorgefliester Gebäude gebracht hatte. Nicht indem er auf dem Feld ackerte, sondern in dem er Marktforschung betrieb, zuhörte, wenn sie in der Gaststätte klagten, über sinkende Preise und dadurch erforderliche hohe Erträge, die nur mit dem Einsatz von Pestiziden zu erzielen waren und die, wenn nicht gerade ein erhöhter Bedarf bestand, nur im Ausland Abnehmer fanden. Wenn sie nun die Preise anheben könnten, ohne jedoch am Produkt oder der Herstellungsweise etwas zu verändern, ergebe sich der Rest von ganz allein. Die Idee war einfach. Vermarktung. Ein Logo. Ein Siegel, dass betriebsübergreifend, also nicht nur für einen Landwirt oder seinen eigenen Betrieb einen erhöhten Preis dem Verbraucher gegenüber rechtfertigen würde.

In den obersten Etagen marmorgefliester Gebäude hatte er kein Büro. Dort fand er die Geldgeber, denn im Vergleich zu den Kosten der Entwicklung umweltfreundlicher Pestizide, oder andere Technologien der Ertragssteigerung und dergleichen, kostete es so gut wie nichts. Und der Rest war Gewinn. Und nachdem es einmal durch Werbung etabliert war, zahlten sowohl die Endverbraucher als auch seine ehemaligen Kollegen dafür. Gerard konnte sich noch genau daran erinnern, wie er seinen Betrieb verkaufte, Büroräume mietete und plötzlich nicht der gerade so bezahlbare Platz 10 auf der Wunschliste an den Weihnachtsmann unter dem Tannenbaum lag, sondern Platz 1-5. Das schönste Weihnachtsfest, an das er sich erinnern konnte. Nicht wegen der Geschenke, sondern der Glücklichkeit, die im ganzen Haus zu spüren war. Sorgenfreiheit.

Aber er hatte zwei Fehler gemacht. Zum einen hatte er seinen besten Freund mit ins Boot geholt, weil er seinen Erfolg mit ihm teilen wollte. Zum anderen hatte er kein Patent angemeldet. Er wusste schlichtweg nicht wie, da sich derlei nur auf ein Erzeugnis oder ein Verfahren anwenden lässt, zumal er doch anfänglich eigentlich nur seinen Kollegen helfen wollte, weswegen er es auch zuerst nicht einsah, dass sie dafür bezahlen sollten, das war die Idee seines besten Freundes, der damals wie ein Onkel für sie war. Dieser wusste jedoch auch, wie er diese bürokratische Hürde umgehen konnte, Marketing, er musste es nur anders verkaufen, und meldete sein eigenes Gewerbe mit zugehörigem Patent an.

Ganz konnte Gerard sich nicht daran erinnern, wie es danach weiterging. Seine Eltern stritten dann oft. Wohl hatte Onkel Manfred eine Art Abfindung angeboten, die sein Vater jedoch nicht annehmen wollte.

Noch im Delirium sprach sein Vater von Verrat, wobei er, nicht seine Schwestern, die ihm wiederum seinen Erfolg nie gegönnt hatten, weil es nichts anderes sei, als das, was seinem Vater wiederfahren war, und die jedoch ohnehin nicht das Geld gehabt hätten, da die eine esoterisch pleite war und die andere fremde Kinder großzog, sodass nur er blieb, um das Hospiz zu bezahlen, und mehr vom Gleichen zu ernten, als er ebenso für die schöne Beerdigung aufkam, zu der nur die eine Schwester erschien.

 

Dafür hatten sie Kinder. Wie seine früheren Freunde auch. Er wollte. Unbedingt, was er ihr unmissverständlich zu verstehen gab, als er die weiß-rosafarbene Verpackung mit der dünnen, sexy Zeichnung, die ihre Brüste verdeckt, wobei nur das sinnliche Kinn zu sehen ist, im Bad fand und nachlas, wofür es sei.

Geknallt hatte es. Anders, als wenn er einen Azubi ausmotzte, der, obwohl studiert, nicht eins von drei unterscheiden konnte. Es war ein Donnerwetter gewesen, wie er es von seinem Vater nur ein einziges Mal erlebt hatte, als er das Tagebuch seiner Schwester stibitzt hatte, um es mit Freunden zu lesen, und Kopien unter den Klassenkameraden verteilt hatte.

Nachfahren gab es dennoch noch nicht, obwohl er sich so sehr einen Erben wünschte. Doch mit der Zeit hatte es sich irgendwie ergeben.

Er fand Ersatz in seinem Arbeitskollegen, der knapp zwanzig Jahre jünger war und gleichermaßen weniger verdiente. Aber er hatte die Ambition und Disziplin mehr zu erreichen. Mehr als er selbst erreicht hatte.

Ein Junge, wenn auch schon weit über das Alter hinaus, wie er sein Sohn sein könnte. Jemand, der es nicht einfach hatte, aber der etwas will im Leben und auch bereit ist, dafür Opfer zu bringen.

Er hatte den Anruf entgegengenommen und nur erklärt, dass seine Frau angerufen hätte. Dann hielt er sich zurück, wartete darauf, aufgefordert zu werden, um Näheres zu erläutern. Und selbst dann war er diskret, wartete noch einen Moment, bis ein paar Kollegen vorbeigezogen waren, erhob sich und trat ein paar Schritte auf ihn zu, um mit leiser Stimme zu sprechen.

»Sie hat geweint.«

Wodurch Gerard kurz die Fassung verlor, nicht nur, dass sie die Regel gebrochen hatte, sondern so. Vielleicht hatte sie einen Unfall. Sie war keine gute Autofahrerin. Aber seine Frage wurde verneint, woraufhin sein Zögling noch leiser sprach und Gerard einen Schritt auf ihn zuging, was ihn einzuschüchtern schien.

»Ich habe es nicht ganz verstanden«, entschuldigte er sich als Erstes, »aber sie weinte und schrie auch ...«

»Sag schon«, hatte er ihn aufgefordert in dem Tonfall, den er normalerweise an den Tag legte, um Geschäfte vorzeitig abzuschließen.

»Sie meinte, sie wüsste ... etwas ... und dass du ... heute besser nicht nach Hause kommst.«

Er wandte den Blick ab und trat, wie zur Vorsicht, einen halben Schritt zurück.

»Was denn?«, fragte er ungläubig, besorgt und vor allem verunsichert, um nur einen Augenblick später wieder den Schein vollkommen Herr der Lage zu sein einzunehmen. Ein Reflex, der keinerlei Absicht benötigte.

»Das hat sie nicht gesagt ... oder ich habe es nicht verstanden. Nur dass ich das ausrichten soll. Dann legte sie auf.«

Er klopfte ihm auf die Schulter, eine Geste, die Teil dieses Reflexes war. So nahm er ihm die Anspannung und dadurch sich selbst. Augenscheinlich, dass es wohl keine große Sache sei, aber er dennoch die Mühe seines Zöglings schätzte, ohne dass er ein Wort darüber verlieren musste.

Dann zog er sich in sein Büro zurück, wo er sich erstmal einen Cognac einschenkte.

 

Sie sollte nicht auf der Arbeit anrufen. Das war die Vereinbarung. Und da sie diese gebrochen hatte, saß er jetzt hier. In der Küche. Und wartete. Dabei hasste er nichts mehr, als zu warten. Kontraproduktivität. Das Warten, eine Nicht-Handlung. Passiv. Verschwendete Zeit, in der man nichts anderes tun konnte, denn es konnte ja jeden Moment so weit sein. Er hatte alle weiteren Termine abgesagt, verschoben oder seinen Zögling damit beauftragt, ihn zu ersetzen, was auch immer die lukrativste Wahl bot, wohl gemerkt so weit möglich losgelöst von dieser Tatsache. So war er trotzdem noch für einige Zeit im Büro geblieben und hatte die Tätigkeiten auf diese Zeit verteilt. Erst das eine, dann scheinbar unabhängig das andere, bis er sich sicher war, dass jede Änderung schlüssig war und nicht den Anschein bot, als wäre etwas nicht in Ordnung. Nur ihn konnte er nicht ganz überzeugen, auch wenn er kein Wort mehr darüber verlor und bestätigte, dass es sinnvolle und dem Geschäft dienliche Entscheidungen waren, wie dass er dem Klienten schon einmal auf den Zahn fühlen solle, wodurch dieser um so dringlicher abschließen wollen würde, wenn Gerard sich dann mit ihm trifft.

Aber den Großteil, die restliche Zeit, verbrachte er mit ihrem Anruf, was ihn immer und immer wieder zu dem gleichen Schluss führte, der zu dem er in diesem Moment erneut gelangte, und sich mit der Tätigkeit, die leere Flasche in den Kasten daneben und eine frische aus dem Kühlschrank zu holen, dass, egal um was es ging, sie nicht hätte anrufen sollen und dürfen.

Und es gab viel, was er wusste, aber sie nicht, und was sie niemals erfahren, noch sich überhaupt dafür interessieren sollte. Entscheidungen, die er traf und treffen musste, um letzten Endes dafür zu sorgen, dass es ihnen so gut geht, wie sie es nun einmal hatten.

Es war doch alles immer abgemacht gewesen. Sie müsse sich um nichts kümmern. Das war von Anfang an klar. Nicht umsonst hatte sie eine jugoslawische Putzfrau für das Apartment und die Schwarze für das Ferienhaus in Tirol, die so natürlich hübsch war und sich gleichzeitig einfach um alles kümmerte, noch bevor sie etwas sagen konnten. Eine junge Frau, die seine Tochter hätte sein können. Gleichermaßen intelligent, ambitioniert und attraktiv, wenn sie eben nicht aus Afrika wäre, wodurch er sich ihren Namen auch nie merken konnte, an den sie ihn immer erinnerte, wenn er von »der Schwarzen« sprach, sie beispielsweise Bekannten empfehlen wollte, die über ein Haus oder einen Urlaub dort nachdachten.

Aber sie musste sich um nichts kümmern. Diese Stelle bei diesem sozialen Verein machte sie freiwillig. Und er hatte ein paar Fäden gezogen, ohne es ihr zu sagen. Eins von den Dingen, die sie eben nicht erfahren und für die sie sich nicht interessieren sollte. Er tat es doch gerne für sie. Natürlich gab es Gehalt, aber sie musste es nicht deswegen machen und dafür wäre es auch zu gering. Klar hatte sie Stolz erzählt, wie sie es da weiterbrachte und klar begleitete er sie zu Verleihungen, wo sie im Kleid, das aussah, als wäre es mit Austernperlen bestückt, für ihre Tätigkeit belohnt wurde und gleichzeitig behaupten konnte und mit gutem Recht sollte, dass sie Geld für Bedürftige sammelte. Das Kleid aber hatte er bezahlt. Und gerne. Wie eine Prinzessin hatte sie auf der Bühne gestanden, während er am lautesten applaudierte und erneut so fasziniert davon war, wie perfekt sie diese Rolle erfüllte. Bescheiden und doch Sinnbild einer starken Frau. Nun war das schon etwas her und die Arbeit stellte sich, wie war es auch anders zu erwarten, als Arbeit heraus, wenn der Verein zum Beispiel in Kritik geriet, wegen eines Fotos auf der Webseite. Banalitäten. Die sie sich erst zu Herzen nahm, bis auch das langsam verstummte. Aber im Grunde hatte sie alle Möglichkeiten. Immer noch. Zusätzlich zu einem Lebensstandard, von dem andere träumten, weswegen sie Lotto spielten und auf jegliche Betrügerei reinfielen. Er war kein Millionär, aber es fehlte an nichts. Er hatte nicht den Fehler seines Vaters wiederholt. Nie ein Verlangen gehabt, selbstständig zu sein oder ganz oben an der Spitze zu stehen. Den Kopf sollten sich andere zerbrechen. Er hatte vorgesorgt. Für sich und sie.

Und bis auf die Tatsache, dass sie neuerdings so anders war, etwas, dass sich wahrscheinlich wieder legen würde, hatte sie keine Sorge auf der Welt. Dank ihm, ohne dass er sich Dank dafür erwarten würde. Es reichte ihm doch vollkommen, dass sie da war.

Und jetzt dieser Anruf. Wovon hatte sie gesprochen?

Es war nicht die Tatsache, dass sie so wütend war oder schien, sondern was sie wüsste oder glaubte zu wissen, das sie so aufgebracht hatte, das ihn besorgte. Es gehörte doch alles dazu. Und sie wusste es doch, sozusagen ohne es zu wissen, ohne dass er es ihr erzählen müsste.

 

Ein Klient ließ sich nun einmal nicht durch eine Adresse abspeisen, eine Visitenkarte oder dergleichen, die du ihm reichst, wenn auch aus deinem dreihundert Euro teuren Portemonnaie. Er wollte, dass du es ihm präsentierst. Ein Einvernehmen, dass das, was heute Abend geschieht, sich zum einen lohnt und zum anderen morgen nicht mehr Erwähnung findet. Und dazu musstest du es ihm durch ein paar eigene Anekdoten schmackhaft machen, für die man grundsätzlich ein Stückchen näher zusammenrückte. Und je nach Priorität des Klienten musstest du natürlich mit.

»So where I find good times in this city?«

Und immer der gleiche Gesichtsausdruck. Der Gleiche, den seine Freunde hatten, wenn er ihnen damals davon erzählte, und doch war da noch etwas anderes, schließlich stellte der Großteil diese Frage nicht zum ersten Mal.

Und selbst die Asiaten hatten dazu gelernt. Als er noch Anzüge trug, die bleiche Unterschenkel beim Sitzen entblößten, half er ihnen meist schon zum Taxi, noch bevor sie richtig etwas erlebt hatten. Die Meisten hielten nicht mal eine Striptease-Bar durch, zumal es ja auf Kosten der Firma ging. Hauptsache sie hatten eine gute Zeit. Damals. Jetzt waren es die Gleichen nur älter und mit anderen Namen, die um 1.00 Uhr nachts nach mehr fragten. Manchmal so viel mehr, dass selbst er erstaunt war. Sie schienen es aus ihrem jeweiligen Heimatland nicht anders zu kennen, dass es eigentlich alles gab, wenn du den richtigen Preis zahlst. Das, was selbst er nicht kannte, aber jemanden kannte, der es kannte. Der einzige Mensch, der ihn, abgesehen von seinem Vater, jemals beeindruckt hatte. Er war so kompromisslos. Jonathan, dieser ehemalige Schulkamerad, der eigentlich nie etwas hätte erreichen sollen, sich irgendwie durch das Abitur schummelte, wonach man sich aus den Augen verlor, bis Gerard plötzlich seinen Namen als Empfehlung bekam, wenn es darum ginge, den Klienten etwas Besonderes zu bieten.

Und wie er die Menschen drehte. Eine gewisse Manipulation gehörte zum Geschäft. So fand ein Klient jede Zusatzklausel besser, wenn er der Auffassung war, dass es seine eigene Idee gewesen wäre.

Aber so etwas hatte er noch nie erlebt. Jonathan sorgte nicht nur für die Unterhaltung, sondern dafür, dass sie selbst der Auffassung waren, sie hätten die beste Zeit ihres Lebens gehabt. Egal, um was es ging. Die gleiche Wirkung hatte er auf Frauen. Wenn er bereits zum Geschäftsessen kam, das den Abend meist einläutete, kam er nie alleine, sondern brachte grundsätzlich zwei Begleitungen mit.

Jung waren sie und attraktiv und doch hatte er immer das Gefühl, dass sie es nicht für Geld taten, sondern für Jonathan. Wie sie ihn vergötterten. Die schlichte Gegenwart seiner Person hatte diese merkwürdige Wirkung, die er selbst bei Claudia gemerkt hatte, wie sie plötzlich ganz anders war, als er ihn einmal durch Zufall und zum einzigen Mal mit nach Hause brachte.

Und dann gingst du eben mit, egal was es war. Auch da gab es durchaus Ausnahmen, wie als er Jonathan um drei Uhr nachts anrief, da die Klienten, eine Gruppe von zehn Japanern, ihm erklärten:

»This is nice. But we want really good time.«

Bereits davor hatte er schon festgestellt, dass er nur noch wenig Kontrolle über die Situation hatte. Sie tranken, wie er es noch nie erlebt hatte, und schnupften Zeug aus kleinen Ampullen, von denen er nicht wusste, woher sie sie hatten und mit seinen Adressen war er am Ende.

Jonathan fragte nur: »Japaner? Bist du dir sicher?«

Er bestätigte, worauf Jonathan erklärte: »In fünfzehn Minuten kommt ein Bus.«

»Wo geht es hin?«

»Willst du das wirklich wissen? Grenze. Das läuft.«

Zum Abschluss erschienen nur drei. Aber sie waren hellauf begeistert von der Gastfreundschaft. Und vor allem waren sie das exakte Gegenteil von dem Abend dafür. Leise, höflich, diszipliniert. Er war nahezu fasziniert, dass diese beiden Extreme innerhalb eines Menschen existieren konnten.

Natürlich gehörte derlei nicht zum Tagesgeschäft, es geschah selten, aber doch oft genug, dass es dazugehörte. Und es gehörte dazu im vornhinein zu wissen, wen er vor sich hatte, noch bevor das erste Wort gewechselt wurde, besonders wenn es sich um wichtige Kunden handelte. Und das konnte er, las in innen wie in offenen Büchern. Wenn er mal versagt hatte, bezog sich dies eben auf Asiaten, die er einfach nicht auseinanderhalten konnte, egal wie sehr er sich des Geschäfts wegen bemühte. Sodass er sich eine Strategie zurechtgelegt hatte, gehe, wohin sie gehen und nicht weiter, und wenn sie fragen, warum du nicht weiter gehst, gehst du den nächsten Schritt.

Natürlich musste er dabei manchmal Verhaltensweisen an den Tag legen, die er sonst nicht zu seinen Charakterzügen zählte, insbesondere wenn sie wollten, dass er mittrinkt, wie es bei Osteuropäern und besonders bei Russen der Fall war. Interessanterweise vertrugen diese gar nicht so viel, wie gemeinhin behauptet wurde, sie tranken nur schlichtweg weiter, sodass er grundsätzlich davon absah, seinen besten Anzug zu tragen, wenn es darum ging, einem Russen »die Stadt zu zeigen«.

Im Vergleich waren Deutsche recht pflegeleicht. Zum einen musste, innerhalb des Rahmens, alles rechtens sein, wenn sie nicht zuvor mit Asiaten verhandelt hatten.
Gutbürgerliche, rheinische Küche und regionales Bier & Spirituosen reichten meist aus. Für alles andere wollten sie meistens unter sich sein, ließen sich ein paar Adressen geben und zogen alleine weiter oder fragten schlichtweg nach einem guten »Room Service«. Und auch wenn sie ihn dabei haben wollten, schlug es selten über die Stränge. Sich mal ein wenig gehen lassen, aber eben selten mehr. Für Amerikaner hatte sich im Büro, unter denen die es etwas anging, das Gentlemans-Treatment etabliert. Bewunderung, Komplimente, Whiskey & Zigarre, VIP und Bordell mit einer Auswahl möglichst groß bestückten Blondinen. So war es einfach und funktionierte immer, mit Ausnahme des Homosexuellen, aus der er gelernt hatte. Es war durchaus nützlich auf seine Erfahrung zurückzugreifen und bereits anhand der Nationalität eine ungefähre Ahnung zu haben, was ihn erwartet. Es war nun einmal der größte Nenner. Aber ebenso hatte er gelernt, dass nichts in diesem Geschäft mehr zählte, als flexibel zu sein. Mancher, der einen Abend lang kulturelle Unterhaltung genießen wollte, Oper, Klassik und dabei am besten klischeehaft deutsch, Gotterdämmerung, Brahms, Faust. Sie wollten das Land der Dichter & Denker kennenlernen, von dem jedoch, wie er zugeben musste, heute nicht mehr viel übrig war, wenn es denn je existierte. Und erst danach fragten sie, und auch nicht immer. Es war nun einmal nicht die Regel. Aber es gehörte dazu. Alles. Es war wie eine Verhandlung, obwohl den gesamten Abend nie über Geschäftliches gesprochen wurde und doch zeigtest du wie weit du bereit bist für diesen Klienten zu gehen, was du ihm bieten würdest. Denn und das wusste er so gut wie niemand anders, war es mit größter Wahrscheinlichkeit nicht ihr einziges Meeting in der Zeit, auch wenn grundsätzlich der Schein gewahrt wurde, als wäre dies der Fall. Und jedwedes Zögern war ein Indiz dafür, dass es sozusagen noch Konkurrenz gab. So konntest du nicht hinterfragen, warten lassen, nicht passiv bleiben oder gar versuchen, sie von etwas anderem zu überzeugen, als das, was sie wollten. Es war nicht der Punkt. Auch wenn er für diese Skrupellosigkeit Jonathans Respekt hatte, gab es doch einen Grund, warum er abgesehen davon so wenig wie möglich mit ihm zu tun haben wollte. Es war halt die Arbeit. So wie du dich in jeglicher leitenden Position nicht für private Anliegen der Angestellten verantwortlich bist oder dich mit Unzulänglichkeiten in der Aufgabenerfüllung zufriedengeben kannst. Dann hast du bald keine Angestellten mehr, nicht weil diese nicht gerne für dich in dieser Form arbeiten würden, wenn man es denn Arbeit nennen kann, sondern weil sich so kein Gewinn erzielen lässt. Und eine Firma, die keinen Gewinn erzielt, geht pleite. Der Kunde ist doch überall König, oder sollte er zumindest sein. Dann funktioniert das Geschäft. Nicht umsonst existierte es seine Firma seit über siebzig Jahren. Und nicht umsonst war er bereits seit zwanzig Jahren dabei und erfolgreich. Natürlich war es was anderes, ob du eine Papierfabrik leitetest oder irgendwas in der Textilindustrie, aber auch da ging es doch um Gewinnmargen, zwar geringere Beträge, aber auch da wurde doch nicht gefragt, wo, wer und wie produziert, was vor Ort passiert oder wie lange der Regenwald das noch aushält. Es war doch das gleiche Prinzip. Arbeit. Der einzige Unterschied war, dass er es wusste, sah, mitspielte. Aber es war eben nur das. Und wenn er nach Hause kam, war er wieder der gleiche. Der gleiche Mann, in den sie sich einst verliebte.

 

Er fuhr sich durch die Haare. Er hatte alles richtig gemacht.

Wie sonst würde es sich erklären, dass sie neben dem Bungalow in Tirol, noch eine Finca auf Mallorca hatten, wo sie immer so gerne hinwollte, und die er schon überlegt hatte zu verkaufen. Wenn es sie nicht gäbe. Die, die ihm alles gab, was er brauchte. Ein Zuhause. Und für die er tat, was er tun musste, damit sie ihm das geben konnte. Und als er dem Kreis der Gedanken folgend erneut innerlich die Waagschalen verglich, auf der einen Seite all das, was er für sie erreicht hatte, und auf der anderen das kleine Unbekannte, das dazu geführt hatte, dass sie der Auffassung war, es wäre gerechtfertigt, die Regel zu brechen, die Flasche ins Glas leerte und gerade einen Schluck nehmen wollte, hörte er Stöckelschuhe im Treppenhaus.

Augenblicklich saß er aufrecht, um sich dann zu entscheiden, die Ellenbogen auf die Knie zu legen und das Kinn mit den gefalteten Händen abzustützen. Und doch im selben Moment, als sie erst an der Mechanik verzweifelnd, den Schlüssel ins Loch zwang, zog und dann bloß ihr blondes, zitterndes, dauergewelltes Haar im Türspalt erschien, aufstand. Als wäre es zu wichtig, um sitzen zu bleiben.

Herr Gott war sie sauer, als ob der Hass sich plötzlich mit dem Öffnen der Tür über sie gelegt hätte, die sonst rosa schimmernden Wangen, mit den Sommersprossen, die sie regelmäßig überschminkte, in Scharlachrot getaucht hatte und sie zu etwas werden ließ, das er nicht kannte. Sie sah vollkommen anders aus, wie eine Fremde, schien sich im selben Moment zu beruhigen, als sie seine Schuhe nicht vor der Kommode entdeckte, und dann zu erstarren, als sie den Schal von sich riss und dem nassen Mantel entledigt, die Stiefel auszog, um, den Fuß in der Hand auf einem Bein hüpfend plötzlich Richtung Küche zu blicken. Augenblicklich setzte sie den Fuß auf. Und starrte ihn in einem Moment von unglaublicher Schönheit an. Die nassen Tropfen auf Haut und Haar, die das bleiche und doch grelle Licht der energiesparenden Flurbeleuchtung und der Küche, glitzern ließ, wie eine Prinzessin mit magischem Reif, wie auf der Bühne damals. So viel Stärke, die in demselben Augenblick zerbrach und etwas anderem nachgab.

Die Klinke hatte sie noch in der Hand.

»Schmuntzel ...«, eröffnete Gerard das Gefecht, zum einen, weil es nun einmal ihr mit Emotionen verbundener Kosename war. Auch erfüllte dieser am besten die besorgte, verwunderte und beruhigende Absicht. Gleichzeitig forderte er ihre Aufmerksamkeit und schlussendlich, wusste er absolut nicht, was er sonst sagen sollte, da er sich zum ersten Mal seit Jahren nicht sicher war, was im nächsten Moment geschehen würde.

Claudia wandte den Blick ab und drückte die Tür zu, stürmte in den Stiefeln in die einzige Richtung, die weg von im führte, bis auch der Zipfel ihres weißen Ledermantels verschwunden war.

Er hastete aus purer Neugier nach zum Küchenbogen, sah um die Ecke und die Neugier gab der Erkenntnis nach, dass das, was passierte, echt war. Gepolter. Er ging kräftigen und doch gemächlichen Schrittes den Flur entlang, aber nahezu lautlos aufgrund des Läufers designt von so einem Ami, den sie unbedingt haben wollte. Ein Säufer eigentlich, der hin und wieder Spritzer auf ein Stück Papier warf.

Sie hatte den Kleiderschrank aufgerissen. Als er gerade zur Tür kam, stürmte sie schon wieder aufgebracht und seinen Blick meidend an ihm vorbei zum Bett gegenüber, auf dass sie ihren kleinen Hartschalenkoffer warf.

Was hat er denn gemacht?

Er verbalisierte diese Frage nicht, da sie Tausende andere aufwerfen würde. Und sagte, wie er es gelernt hatte, wenn Menschen ihm zuhören sollten, bloß ihren Namen. Es lag eine besondere Wirkung in diesem einfachen Mittel, da der Mensch, jeder Mensch, von Geburt an darauf gedrillt wird, auf seinen Namen zu hören.

»Claudia.«

In dem gleichen Tonfall, wie zu ihrer Hochzeit, wo sie sich so blamiert hatte, weil sie schon vormittags viel zu viel getrunken hatte. Gleich nach dem Ja-Wort, bei dem sie bereits etwas säuselte. Doch wollte sie auch nicht schlafen gehen, als er sie nach dem Hochzeitstanz, bei dem sie fast gestürzt wäre, auf das Zimmer brachte. Nahezu provokant war sie die Holztreppe des für sie gebuchten Gestüts wieder heruntergestolpert, als er die Gäste, die Kinder hatten und dadurch früh wieder aufbrechen mussten, gerade verabschiedete.

»Claudia.«

Nicht wütend, sondern verständnislos mahnend, wie man mit einem Kind spricht, das sich am Tisch nicht benimmt.

Doch diese Fremde, die aussah wie seine Frau, aber nicht so agierte, trat einen Schritt auf ihn zu, fast mutig, bis sie nur für einen Moment seinen Blick erwiderte. Ein kurzes Aufblitzen von Traurigkeit und Angst, die ihre Kehle zittern ließ. Keine Angst vor ihm, sondern vor sich selbst. Vor ihrer Schwäche, wenn sie diesen Augenblick nur einen Moment zu lange aufrechterhalten würde, sodass das Fremde diesen im nächsten Moment verschlang, den Blickkontakt abreißen ließ und an ihm vorbei durch die Tür drängte.

Wenn er nur wüsste, was sie wüsste, worum genau es ging, dann könnte er sie besänftigen, das wusste er. Erklären, dass es nicht so war, wie sie dachte, aber die Möglichkeit gab sie ihm erst gar nicht.

Eine weitere Tür knallte den Flur herunter und kurz darauf kam Claudia mit dem großen Reisekoffer in der Hand zurück, drückte sich an ihm vorbei, schmiss den Koffer auf das Bett und fegte dabei den kleinen Hartschalenkoffer zu Boden. Gleichgültig. Offenbar hatte sie entschlossen, dass der Platz nicht reichen würde, dass es endgültig sei und sie nicht vorhatte, noch einmal zurückzukehren. Sie zurrte den Reisverschluss auf, nahm ein paar Kleider aus dem Schrank und warf sie mitsamt Haken in Richtung des Koffers, wobei eins auf dem Boden landete, was Gerard endgültig zu viel war, zumal es sich um ein sehr teures Stück handelte. Als sie gerade eine weitere Fuhre in den Koffer presste, schlug er mit einem Satz die Schranktür zu und stellte sich davor. Und als sie durch den Knall vor Schreck umfuhr, versuchte er erneut ihren Blick zu finden. Doch wie ein Boxer, der den Schlägen seines Kontrahenten ausweicht, duckte sie sich weg. Und versuchte Mal links, Mal rechts zum Schrank zu gelangen. So wild, dass er mit seinen neunzig Kilo tatsächlich Schwierigkeiten hatte, sie daran zu hindern, bis sie ihn letztendlich in einem Kraftakt, der von einem blanken Wutschrei begleitet wurde, zur Seite drückte, wobei es mehr der Schrei war, als die Kraft, der ihn nachgeben ließ.

Eigentlich wollte er sie festhalten, so lange seine Arme um sie schlingen, bis sie sich ausgetobt hatte. Aber der Gedanke, was er tun würde, wenn ihr Toben kein Ende nahm, so unheimlich aufgebracht, wie sie war, ließ ihn zögern. Er hatte sie nie in der Form angefasst. Nicht weil er vor physischen Auseinandersetzungen zurückschreckte, im Gegenteil. Er hatte sich nie etwas gefallen lassen und noch weniger zugelassen, dass sie sich etwas gefallen lassen müsste. Wie oft hatte sie ihn im Nachhinein, insgeheim bewundernd, ermahnt, dass es doch besonders heutzutage bei dem, was man so liest, gefährlich wäre, sich mit Jugendlichen anzulegen. Wie als er einen von diesen vor seinen Kameraden zurechtgewiesen oder eher zusammengefaltet hatte, nachdem dieser sich vor seinen Kollegen damit gebrüstet hatte, dass er diese Alte gerne einmal rannehmen würde, während sie auf dem Weg vom Theater zum Auto waren.

»Lass gut sein. Der hat bestimmt was getrunken oder ist auf Drogen«, hatte sie gesagt, als Gerard sich umgedreht und der Junge im gedroht hatte, bloß weiter zu gehen, sonst würde er ihm das Nasenbein brechen.

Als er sich ihn dann gepackt hatte am Kragen, wie der Mann im Trenchcoat mit dem edel glänzenden Anzug ihn, als er damals ein viel zu loses Mundwerk hatte, das größte Maul unter all seinen Freunden, hatte der Junge, wie er selbst, geschimpft, geflucht und beleidigt, und wie sich die Mauer in sein Rückgrat bohrte, klein beigegeben und zugehört, als er ihm in die Augen blickend, sodass weder seine Frau noch seine Freunde es hören konnten, sagte, was ihm einst gesagt wurde.

»Mit deinem Mut wirst du es noch mal weit bringen Junge. Aber unterschätz nie die Angst eines Mannes vor der Frau seines Lebens sein Gesicht zu verlieren.«

Dann hatte er ihn losgelassen und nach kurzem Augenkontakt war er zurück zu seinen Freunden, wie er zu seiner Frau.

»Was hat er gesagt?«

»Nichts.«
»Solln wir hinterher? Ich zieh dem die Flasche über!«

»Nein, bist du doof? Ich will heute bumsen, nicht rennen! Lass ma Fraun klarmachen.«

Gerard hörte noch die Gesprächsfetzen und grinste. Zum einen, weil er die Kraft in seinen Adern pumpen fühlte und auch, weil es ihn an seine Jugend erinnerte. Zum anderen, weil er das Glitzern in ihren Augen sah, und schlichtweg vor Erleichterung darüber, dass sie zu feige gewesen waren, die Flasche in die Hand zu nehmen, als er ihn an die Wand drückte. So schlang er seinen Arm um Claudia, ohne es zu wagen, sich noch einmal umzudrehen. Ob es Glück war, seine imposante Gestalt oder die Worte, die er selbst einst hören musste, spielte keine Rolle. Was zählte, war das Resultat.

»Du sollst das doch nicht machen«, hatte sie geschnurrt und doch mit einer Spur Stolz drei Tage später davon erzählt, als ihre Freunde zum Essen da waren.

Wie lange war es her? Bestimmt zehn Jahre. Und der Mann, der ihn einst am Kragen packte, in dem feinen Anzug mit der Blondine in diesem knappen, weißen Kleid hatte recht behalten.

Doch danach? Er scheute es nicht, das hatte ihm dieser Abend bewiesen, aber lange hatte er sie nicht mehr beschützt, weil sich die Gelegenheit nicht gab. Nach der Jugend, in der Mann diese Herausforderung suchte, kam es doch immer seltener vor. Und man redete sich ein, dass man jederzeit wieder dazu bereit wäre, und kapselte sich gleichermaßen von derlei Situationen ab. Mied das Nachtleben, wenn es sich nicht gerade um Klienten drehte, zum einen deswegen, aber um so mehr, weil man sie ja bereits erobert hatte. Nahm das Auto überall hin, nicht die Straßenbahn um 3.00 Uhr nachts, über die neuerdings tatsächlich viel Negatives in den Schlagzeilen stand. Und wenn, dann war es ein gehobenes Restaurant, Theater oder eine Gala, wo es keine Herausforderungen gab. Die Finca, die fernab vom Ballermann stand.

Auch Zivilcourage, wovon die Freunde dann beim Essen sprachen, war ein leichtes Wort, wenn man in einem Viertel lebte, das von einem unauffälligen Sicherheitsdienst patrouilliert wurde, wenn all das, was in der Zeitung stand, irgendwo vollkommen anders passierte.

 

Hätte er heute noch den Mut? Oder würde er untätig bleiben, wie jetzt, als sie die Schranktür aufriss, wobei das Holz den Kürzeren zog und mit einem Ächzen zerbarst, sodass die Tür jetzt nur noch schräg am Schrank hing.
»Claudia! Verflucht noch mal! Sag mir doch ...«

Aber sie ließ sich nicht beirren, während sie mit beiden Händen einen weiteren Haufen Klamotten aus dem Fach griff und in den Koffer drückte.

Was war es? Und wie hatte sie es erfahren?

Beim nächsten Schwung versuchte sie sogar etwas entgegenzusetzen: »Du ...«, doch der japsende, von Tränenausbrüchen unterbrochene Atem verschlang ihr jegliches weitere Wort, woraufhin sie abbrach, die Schubladen aus dem Schrank zog, die mitsamt der Unterwäsche zu Boden fielen. Und während sie versuchte das Nötigste aufzusammeln, wobei die Bluse, die im Hosenanzug steckte, ihrem kleinen Bauch nachgab, trat er ans Bett, klappte den Koffer zu und erhob sein mächtiges Organ.

»Was denn?! Was soll der Zirkus hier?!«

Sie blieb für einen kurzen Moment regungslos. Schnupfte erneut, trat dann entschlossen auf den Koffer zu, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, und versuchte Strumpfhosen, Slips und Socken durch die Ritze zwischen dem Reißverschluss in den Koffer zu pressen. Gerard drückte ihn zu. Sie sah auf.
»Lass!!! Mann!!!«, schrie sie vor Verzweiflung und zog mit beiden Händen am Koffer. Doch er hielt ihn mit einer seiner Pranken fest, so fest, dass sie ihn kein Stück bewegen konnte. Sie ließ die Unterwäsche fallen und gab auf. Abermals zog sie die Nase hoch und starrte den Koffer an. Plötzlich fuhr sie wie von Sinnen um, knallte die kaputte Schranktür zu und rannte aus dem Schlafzimmer.  Glas klirrte. Gerard ließ sich auf das Bett nieder und atmete tief durch. Er müsste sie nur soweit kriegen, dass sie es ihm sagen würde. Das schuldete sie ihm. Danach könnte sie machen, was sie wollte. Aber das schuldete sie ihm!

Er fuhr sich mit der Hand über die verschwitzte Stirn, die doch, ohne dass es ihm im Spiegel aufgefallen wäre, höher war als früher, wodurch er seine Haare, die sich auch nicht mehr so voll und kräftig anfühlten, erst später als erwartet zu greifen bekam. Und auch der Griff war nicht mehr derselbe.

Wenn ihm vielleicht etwas einfallen würde, das sie nur für ein paar Minuten durchatmen ließe. Nachdenken. Die Idylle. Das kleine Gedicht. Wo sie am See waren in dem Haus, dass sie seitdem jedes Jahr zum gleichen Wochenende mieteten, auch wenn er erklärt hatte, dass es günstiger wäre, sich ein Haus an demselben See einfach zu kaufen, und sie doch auf dieses beharrte, das nun einmal nicht zum Verkauf stand, auch wenn er es gescheitert einmal zu ihrem Jubiläum versucht hatte und kurz davor war dem Besitzer einen Besuch abzustatten, bis dieser ihm am Telefon mitteilte:

»Manche Dinge, kann man nicht kaufen Herr Gries.«

Das hatte er verstanden und es bei demselben Telefonat für die nächsten zehn Jahre immer an dem gleichen Wochenende gebucht. »Das kleine Gedicht«. Dieser Name, der gebrandmalt auf einem Holztäfelchen an der Tür, sie sich bereits in diesen Ort verlieben ließ, noch bevor sie es zum ersten Mal betraten.

Und eine Liebe, die er teilte, denn dort ließ sich fantastisch angeln und räuchern, ohne dass Nachbarn sich beschwerten oder ein Angelschein erforderlich war.

 

Er trat in den Flur, wo ein Fotorahmen auf dem Boden lag. Das Glas war zersplittert. Er hob ihn auf. Es war das Foto vom Oktoberfest letztes Jahr, wo sie immer schon einmal hinwollte. Er legte ihn mit dem Glas nach oben auf die Kommode. Langsam, als hätte er alle Zeit der Welt, oder als benötigte er sie, überlegend, wie er sie an das kleine Gedicht erinnern könnte, hob er die Scherben auf und legte sie dazu.

Aus dem Bad in der Mitte des Ganges ertönte weiteres Klirren und Gepolter. Erneut hob er seine Schritte über diesen grässlichen Läufer.
Claudia hatte den kleinen Badezimmerschrank über dem Waschbecken geöffnet und fuhr mit der Hand durch die Regale. Was nicht in der Kosmetiktasche landete, die sie darunter hielt, landete im Waschbecken oder auf dem Boden. Er trat ein.

»Claudia, denk doch bitte an das kleine ...«

Und während er noch überlegte, ob er lieber »unser kleines« hätte sagen sollen, wurde seine in diesem Moment so ungewöhnlich weiche Stimme mitsamt dem Gedanken durch einen Aufschrei unterbrochen. Claudia zog ihre Hand blutend aus dem Waschbecken. Sie betrachtete den Schnitt und noch bevor Gerard einen Schritt auf sie zugehen konnte, ließ sie die Kosmetiktasche fallen, wehrte in seine Richtung ab, als hätte er zum Schlag ausgeholt, wickelte rasch ein Handtuch um ihre verletzte Hand, griff nach der Kosmetiktasche und wollte an ihm vorbei.

Obwohl sein Körper die Tür versperrte, drückte sie sich hindurch, sodass ihm nichts mehr anderes einfiel, als nach ihrer Schulter zu reichen. Im Konter versetzte sie ihm einen Schlag mit der Tasche, den er nicht abwehren konnte und wollte, da sich diese in ihrer verletzten Hand befand. Sie stürmte weiter.

Er zog sein Jackett aus, legte es auf den Toilettendeckel und streifte die Ärmel seines Hemdes hoch, als er einen Blick in den Spiegel warf und ihn kurz das Gleichgewicht verließ. Gerade noch konnte er sich am Rand der Badewanne abstützen, um sich darauf niederzulassen. Es war nicht nur der Blick in den Spiegel, in dem er, die Haare etwas zerzaust, vor Ohnmacht angestrengt und durch das Licht darüber und die schattigen Furchen, die es in sein Gesicht grub, uhrplötzlich gealtert zu sein schien. Sondern ein Bild, das er innerhalb der vergangenen Wochen schon einmal gesehen hatte, aber erst jetzt die Erinnerung daran, wie eine Welle über ihn hereinbrach. War er tatsächlich unvorsichtig gewesen? Auf der Toilette des 96 nachts um halb drei hatte ihn schon einmal dieser fragende, alte Mann aus der Reflexion beobachtet. Unmittelbar nachdem er dieses Mädchen, Tascha oder wie sie hieß, von seinem Schoß gehoben hatte, da der Klient bereits im Separee verschwunden war und so kein Grund mehr bestand, mitzuspielen. Als sie nicht aufhörte und er sein Desinteresse unmissverständlich kundtat, war sie schlagartig wütend geworden, hatte gedroht und mit osteuropäischem Akzent gefordert: »Then give me money to stop!«

Geld hätte er gehabt. Aber er ging nie auf Forderungen ein. Grundsätzlich. Ein in all den Jahren antrainierter Reflex. Er winkte ab.

»Then I don't stop!«

Jonathan hatte es aus der Ferne mitbekommen, runzelte die Stirn und machte sich gerade auf den Weg, als sie Gerards Blick folgend, es bemerkte, rasch das Oberteil aufsammelte und auf Russisch etwas fluchend, das wie »Darmaniet« klang, das Weite suchte. Zu spät, denn er schnitt ihr den Weg ab, und wie Gläubige den Zorn Gottes fürchteten, nickte sie bloß, als er sie am Unterarm hielt und ihr nur wenige Worte sagte, bevor er sie gehen ließ. Dann kam er zu Gerard.

»Wild isse ne? Sorry, die ist neu. Da wo sie herkommt, läuft es nicht so, wie bei uns, da kriegen se keinen Cent, wenn se nicht so aggressiv sind, wie das Klientel. Die muss sich noch gewöhnen.«

»Was hast du ihr gesagt?«

»Never argue with clients. Don't waste time. Make money.«

Gerard blickte ihr hinterher, als sie hinter einem Vorhang verschwand. Vom Alter her hätte sie seine Tochter sein können.

Never argue with clients. Don't waste time. Make money. Ein Spruch, der sich in dieser oder ähnlicher Form in jedem Management-Buch findet. Nicht anders, als er es seit zwanzig Jahren tat. Da war sie auch schon wieder hinter dem Vorhang aufgetaucht, frisch, die Haare durchgekämmt, die Erscheinung flüchtig gerichtet und warf noch einen kurzen und doch bitterbösen Blick in seine Richtung, bevor sie lächelnd einen anderen Gast an der Bar ansprach. Hatte sie ihre Drohung war gemacht? Die, von der er nur »wife« verstanden hatte?

So müde war der alte Mann im Spiegel gewesen. Der, den er am nächsten Morgen im Bett neben ihr ganz vergessen hatte. Sie wusste es nicht. Sie wusste nicht, wie es ihm ging. Noch schien sie sich in irgendeiner Form zu interessieren. Gefragt hatte sie nie und sollte sie auch nicht, denn dann hätte er die Regel vielleicht gebrochen, obwohl er genau wusste, dass, selbst wenn sie es einmal tat, er nie zuließ, dass diese Mauer einstürzte. Ihretwegen. Und das weckte wieder Kraft in ihm, dass egal, was ihr zu Ohren gekommen war, sie nicht das Recht hatte, sich so aufzuführen, bevor sie nicht mit ihm sprach.

Er stapfte den Flur herunter, doch im Schlafzimmer war sie nicht. Er ging zum Koffer öffnete ihn und schüttete das Gewühl von Klamotten auf das Bett. Dann begann er damit, sie wieder in den Schrank zu räumen, ohne jegliche Sorgfalt, als sie in die Tür kam, um wohl den Koffer zu holen.

»Was ...?«, zweifelte sie, als ob er ihr den Verstand rauben wollte. Ein erneuter Tränenausbruch. Ihr Make-up war so zerlaufen, doch es änderte nichts. Nichts an ihrer Schönheit.

»Das schönste Mädchen, musst du dir aussuchen«, hatte sein Vater halbtrunken gesagt, »Nur das Schönste und dann alles tun, was du musst, um sie zu bekommen.«

Und wenn der Pegel weiter stieg, hatte er meistens bereut, nicht nur, dass er nicht der Schönsten nachgegangen sei, sondern vor allem Kinder in diese Welt gesetzt zu haben. Dieser einst so starke Mann, der sich selbst kaputt gewirtschaftet hatte, der die Abfindung hätte annehmen sollen und verkaufen für das, was es noch brachte. Aber er hatte sich geweigert. Geschworen, dass es das Letzte wäre, was er jemals tun würde. Und so kam es. Denn nach dem Tod hatte er diesen Schritt für ihn unternommen, für das Wenige, was es noch gab, da niemand anders damit etwas anfangen könnte. Dank gab es wiedermal nicht. Nur Misstrauen, dass obwohl er es vollständig zwischen seinen Schwestern aufteilte, er, so wie er ja sei, den größten Batzen für sich beansprucht hätte. Nur sie hatte gesagt, dass sie es ja weiß und er selbst, und dass das vollkommen reichte.

 

Sie, die jetzt plötzlich auf ihn zurannte und mit flachen Händen auf seinen Oberkörper einschlug. Noch nie hatte eine Frau ihn so angefahren, abgesehen von seiner Großmutter, als er das erste Mal in ihrer Küche fluchte, woraufhin er es nie wieder tat. Und es hatte wehgetan. Im Gegensatz zu jetzt. Denn, wenn auch die reife Spannung ihren Körper verlassen hatte und auch die Überreife, die sie noch immer als reif und frisch verkaufen konnte, gemächlich dem Zahn der Zeit nachgab, hatte sie jedoch desto mehr die Langeweile sie heimgesucht hatte, gleichermaßen an Kraft verloren.

Ein einziges Mal hatte sie ihm eine ordentliche Ohrfeige gegeben und vollkommen zurecht, weil er sich schlichtweg bei einem Meeting so sehr betrunken hatte, weil der Kunde für ihn wichtiger war, als ihr Wunsch ihre Eltern am selben Tag zu besuchen, dass er mittags schwankend heimgekommen war und sich den restlichen Tag niederlegen wollte. Nun hatte er ganz vergessen, dass es außerordentlich wichtig für sie war, obwohl sie in seit Wochen immer wieder daran erinnert hatte. Geknallt hatte es. Er hatte genickt, sich wieder angezogen, den Autoschlüssel in die Hand genommen und war mit ihr gefahren, um nach Gulasch und Klößen bei Kaffee und Kuchen ihrem Vater, der im Grunde wenig Geld hatte, zu verkaufen, dass er doch in die Finca investieren sollte, was er tat, mit dem Vorteil, dass er ja erstens das Geld wieder reinbekommen würde und zweitens seine Rente damit aufstocken oder sogar ordentlich verdienen könnte, sich einfach in der Zwischenzeit um die Vermietung zu kümmern und sie nebenbei natürlich selbst zu nutzen, sodass sie wiederum sich nicht jedes Mal für ihren Lebensstandard rechtfertigen musste, sondern so etwas davon mit ihren Eltern teilte. Dazu hatte sich ihr Vater jedoch, störrisch, wie er war, nur bereit erklärt, wenn er sich eben mit seinem Ersparten einkaufen könnte. Denn geschenkt wollte er nichts haben. Und dafür wiederum wollte er ein »Verkaufsgespräch« mit Gerard führen, für das er sich allerhand Notizen gemacht hatte. Aber er war ihm nicht ebenbürtig, nicht einmal im Ansatz. Und wie sich herausstellte, hatte er eben so wenig Talent diese »Goldgrube«, wie Gerard es nannte, auszuheben, sodass er dies letztendlich mit Gewinn für ihn übernahm. So stockte es seine Rente zwar auf, aber die Belehrungen durfte sie sich dennoch anhören, wenn auch eben nicht mehr über die Finca, sondern den Bungalow in Tirol.

 

Aber jetzt schmerzte keiner ihrer Schläge, sodass er noch nicht einmal seine Arme hochhob. Der Schmerz war ein anderer. Die Ohnmächtigkeit, die immer mehr in ihm aufstieg. Der Gedanke, sie auf das Bett zu heben und so lange zu küssen, bis jegliche Spur von dieser Fremden verschwunden war. Und doch traute er sich nicht, als sie, so aussichtslos, wie es war, von ihm abließ und sich daran machte, die Klamotten wieder aus dem Schrank in den Koffer zu befördern, der jetzt auf dem Boden lag, und mit dem sich langsam rötlich färbenden und damit Sorge in ihm weckenden Hilfsverband, am Reißverschluss zog, der irgendwo hakte.

»Deine Hand ...«

Kurz sah sie zu ihm auf, wobei ihr Blick für einen Moment auf seinem Hemd verweilte, bis er selbst daran hinuntersah und die Spuren ihrer Schläge auf der rechten Seite in Form von rot gesprenkelten Tupfern entdeckte. Sie musste wahnsinnig geworden sein, um den Wahnsinn in dem Ganzen nicht mehr zu sehen. Nicht die Ursache für das Haken des Reißverschlusses zu suchen, sondern es einfach wieder und wieder zu versuchen. Selbst wenn das ihr Entschluss war, konnte er sie so nicht gehen lassen, sie würde die Treppe runterfallen oder blindlings auf die Straße rennen, wenn sie nicht für einen Moment durchatmete.

Plötzlich trat er in den Flur, was sie nur kurz in ihrem Drang zu fliehen unterbrach, zum einen, um ihr Raum zu geben, sich zu beruhigen, was in seiner Anwesenheit wohl nicht möglich war. Zum anderen um seinen Gedanken in die Tat umzusetzen, sowohl ihretwegen als auch als letzte Maßnahme, die ihm noch zur Verfügung stand. Die Ohnmacht wich Tatendrang und er wusste, was er zu tun hatte.

Vorbei an dem Durcheinander des Badezimmers in den Eingangsbereich. Vor der Tür. Und er fand, was er zu finden gehofft hatte.

Den Schlüsselbund, den sie bei ihrer Ankunft, als sie sich sicher war, alleine zu sein, auf der kleinen Kommode abgelegt hatte. Er steckte ihn ein. Und setzte sich gemütlich in die Küche, so wie er auf sie gewartet hatte, wo noch sein halbes Glas auf dem Tisch stand, von dem er einen ordentlichen Schluck nahm und sich in den Stuhl lehnte.

Ein lautes Poltern aus dem Schlafzimmer ließ ihn wissen, dass die Schranktür jetzt endgültig ihren Geist aufgegeben hatte. Kurz darauf hörte er das Klackern ihrer hochhackigen Schuhe durch den ekelhaften Teppich gedämpft im Flur hier und da mal vor Eile abknickend, als sie mit dem Koffer an der Kommode hängen blieb. Ein Wutschrei, der ihn, von seinem Plan überzeugt, genüsslich den letzten Schluck trinkend und nun wieder Herr der Lage, da er wusste, was geschehen würde, vor wiedererlangter Stärke grinsen ließ.

Die Wohnzimmertür schlug auf und das eingefasste Glas zersplitterte. Ein weiteres Krachen. Der CD-Ständer. Alles ihre. Er machte sich einfach nichts aus Musik.
Nebensächlich ging er zum Kühlschrank, um sich eine neue Flasche zu holen, die er in gemütlicher Ruhe köpfte und sich einschenkte. Mit nichts anderem beschäftigt, als der perfekten Schaumkrone.

Bis ihr Schluchzen in die Küche drang. Dieses Schluchzen, was er kannte. Das, was er gehört hatte, als sie sich frisch kannten. Im Bistro. Und er ihm gefolgt war, bis er sie im Gang zur Küche fand. Sitzend auf dem Boden, die Arme verschränkt auf den Knien, auf denen ihr Kopf ruhte und unter denen dieses winselnde Geräusch hervordrang. Von der Welt verlassen, nicht heulend, sondern schluchzend, sodass es niemand hören sollte. Es war ihr peinlich gewesen, sodass sie augenblicklich die Tränen weggewischt hatte, als sie ihn bemerkte. Damals, als sie nicht weiter wusste, weil ihr gekündigt wurde. Nicht, weil sie schlecht gearbeitet hätte, sondern der Besitzer gewechselt war, der so viel Personal schlichtweg nicht für nötig hielt und sie war am kürzesten dabei. Ihr Studium wollte sie nicht abrechen, aber beim BAföG hatte es irgendwie Probleme gegeben, und jetzt wusste sie nicht einmal mehr, wie sie die Miete zahlen sollte. Ihre Eltern gaben ihr nichts, da sie überhaupt dagegen gewesen waren, dass sie studierte, weil es den Umzug in die Stadt weit von daheim bedeutete. Und Freunde, die ihr aushelfen könnten, hatte sie keine, weil sie entweder arbeitete oder für das Studium lernte. Er hatte sich dazu gesetzt, ihr zugehört und sie überzeugt, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt. Weniger, weil er selbst daran glaubte, sondern weil er einfach so gut darin war, zu verkaufen. Dann hatte er ihr auf die Beine geholfen, woraufhin sie sich dankend an ihn drückte.

 

Eben dieses Schluchzen, dem er auch jetzt nachgehen musste. So stellte er das Glas ab und ging in den Flur. Vorsichtig sah er durch die zerbrochene Glastür. Um den Koffer auf dem Tisch herum, waren Bücher, CDs und Fotos verteilt. Eins, das auf dem Koffer lag, im goldenen Rahmen zeigte sie beide vor dem kleinen Gedicht, als sie zum ersten Mal ein Wochenende dort verbrachten. Jung, lachend und so blind vor Liebe, dass ihnen das Wespennest unter dem sie standen, weil dieser Platz den schönsten Blick auf Haus und See geboten hatte, erst danach bemerkten, als diese zum Angriff übergingen. Er musste schmunzeln, was jedoch augenblicklich verblasste, wie die Erinnerung in Anbetracht des Bildes, was sich ihm bot.

Sie lag auf der Couch. Hatte sich der Businesshose entledigt. Vielleicht weil sie etwas anderes anziehen wollte, um den Koffer zuzukriegen, gerade als ihr Blick auf das Foto viel. Oder wie damals, als sie krank nach Hause kam und er Hose und Sakko im Flur fand, bevor er sie eingehüllt in eine Decke schlafend auf der Couch entdeckte. So lag sie da, nur ohne Decke, die Knie zum kleinen Bauch gezogen, in Slip, Sakko und Bluse, ihr liebstes Kissen umarmend, dass ihre Tränen samtig-weich aufnahm. So verlassen von der Welt. Sodass es eigentlich niemand hören sollte.

Er rieb sich über den Mund und atmete tief. Dann trat er ein, über unter seinen Schritten knirschende CD-Cover, setzte sich neben sie auf die Couch. Diesesmal war er der Grund. Aber was hatte er bloß getan?

Er wollte den Arm um sie legen, doch wie ein trotziges Kind rückte sie ein Stück weg. Er reichte nach ihrem Knie, und als er es berührte, zuckte sie kurz und jaulte ins Kissen. Er faltete die Hände zwischen den Knien.

»Schmuntzel, das ist doch alles ...«

Er rang mit Worten. Es ging sich nicht darum, die Richtigen zu finden, sondern jegliches Falsche zu vermeiden.

»Warum fahren wir nicht zum Haus? Jetzt sofort. Lassen alles so, wie es ist, nehmen nichts mit ... und bleiben das Wochenende da.«

Er sah zu ihr.

»Was wir brauchen, können wir kaufen.«

Nach dem letzten Satz, den er unüberlegt und rein praktischer Natur geschuldet hinzugefügt hatte, regte sich etwas, Muskeln spannten an, sie erhob sich und blickte ihm in die Augen. Nur ein kurzer Anschein, dass sie es in Erwägung ziehen würde, den ihre Suche nach dem Blickkontakt, lag nicht die Sehnsucht nach einem Neuanfang zugrunde, sondern der letzte Schritt. Der Mut, der ihr bisher gefehlt hatte. Blanker Zorn, der ihr genug Kraft gab, sich plötzlich aufzurichten, die nackten Füße auf die Fliesen zu setzen, den Koffer endgültig zu schließen und den Reißverschluss zuzuzerren, aufzustehen und erneut dem Wahnsinn verfallen, mit einem Ruck hinter sich herzuziehen. Komme, was wolle. Zwischen Wohnzimmertisch und seinen Beinen versuchte sie tatsächlich sich einen Weg zu bahnen, mitsamt Koffer, der kürzeste zur Tür. Und es schien ihr zu gelingen.

Sodass er seine Hand um ihr Handgelenk schloss und festhielt, an der Hand, die den Koffer zog. Wenn sie gehen wollte, dann könnte sie, aber ohne ihn. Ohne das alles. So wie er sie damals gefunden hatte.

Sie zog, ohne sich für einen Moment umzugucken, mit voller Kraft, was er an ihren Sehnen spürte. Doch er ließ nicht locker. Bis ihre Energie plötzlich erschlaffte und er auf das um seine Finger rot gewordene Handgelenk blickte und losließ. Nur für einen Moment, als ihre Hand durch seine glitt, an die er Versuchte sein Gesicht zu führen.

»Weißt du noch ...«, flüsterte er, als er die Wärme ihrer Haut spürte und sie roch, als ihm alles wieder einfiel.

Wie sie gelacht hatte, als sie erst am Haus vorbei zum Ufer spazierten und dabei das hölzerne Plumpsklo und die Gartendusche entdeckten. Nicht als scheute sie sich davor, so zu leben, sondern als reizte sie genau das. Weniger. Auch wenn sie im Nachhinein im Haus noch ein richtiges Badezimmer vorfanden. Sie hatte eigentlich immer weniger gewollt und er hatte ihr mehr gegeben. Und sie hatte es angenommen, zu schwach um zu widerstehen.

Doch der Krach des zuknallenden glaslosen Rahmes der Holztür ließ den Gedanken abrupt verstummen, hinter der sie durch den Flur humpelnd, als hätte er sie angefallen, den Koffer hinter sich schwingend und dabei die Tapete auf beiden Seiten in Mitleidenschaft ziehend, sich bis zur Wohnungstür vorarbeitete. Wo er sie schließlich einholte, da sie ruckartig stehen blieb, nach etwas auf der Kommode suchte und an ihrem Sakko tastete, als wäre sie sich nicht dessen bewusst, dass sie so nicht vor die Tür gehen konnte. Mal abgesehen von der Kälte.

Sie riss den Mantel von der Garderobe, die so viel Kraft nicht gewöhnt war und mitsamt Spiegel polternd hinter der Kommode auf den Boden sackte. Dann warf sie ihn sich um und fühlte die Taschen ab.

Fast hatte er gelacht, als sie so in Slip und Mantel vor ihm stand, wie eine Exhibitionistin, und er doch wusste, dass sie nicht finden würde, wonach sie suchte.

Doch dann tat es ihm leid. Nicht nur das alles, was es auch war, sondern, dass er den Drang verspürt hatte, zu lachen. So hilflos sah sie aus. Zumindest die Hose wollte er ihr bringen, doch wusste nicht, ob sie diese überhaupt annehmen würde, und hatte gleichermaßen Angst, sie auch nur für einen Moment aus den Augen zu lassen, was Worte, über der er nicht nachdachte, über seine Lippen führte. Leise, sodass er selbst seine Stimme nicht erkannte:

»Ich bitte dich ...«

Doch da nahm schon sein Verstand wieder Fahrt auf. Es war seine Frau und wenn die Nachbarn nicht schon das Gepolter vernommen hatten, dann sollte ihnen doch wenigstens eine Halbnackte im Treppenhaus erspart bleiben.

»Claudia.«

Derselbe Tonfall. Der, den man einem Kind gegenüber einnimmt, das albern ist.

Aber sie reagierte einfach nicht, stellte den Koffer ab und begann die Zeitschriften, ihre Zeitschriften, die natürlich wie immer verstreut auf der Kommode lagen, als würde sie diese Gästen anbieten wollen auf dem Weg zum Gäste-WC, wo sie sie immer las, hochzuheben. Dann fegte sie alles, was sich nun einmal darauf befand, von dem Beistelltisch daneben auf den Boden, ohne zu finden, wonach sie suchte.

Er stütze sich mit der linken Hand an der Wohnungstür ab. Wobei es ihm eigentlich viel zu ernst war, als bloß zu verhindern, dass sie nicht raus könnte. Im Grunde das exakte Gegenteil. Er wollte mit ihr reden. Sich in Ruhe hinsetzen, zu Wort kommen, dass sie ihm zuhörte und vor allem endlich zu erfahren, worum es verdammt noch einmal ging. Doch zunächst konnte er sie nicht gehen lassen.

Sie fuhr herum.

»Wo ist er?!«, schrie sie ihn an. Die Verzweiflung hatte ihr Gesicht altern lassen, verträntes Make-up, das die Fältchen nicht mehr verdecken konnte, die pochenden Äderchen neben ihrem Auge, die Sommersprossen, die nur durch das wallende Blut unter ihrer Haut jetzt nahezu verschwanden und diese glasigen hellblauen Ränder, um die tiefschwarzen geweiteten Pupillen. So sehr sie auch nahe dem Wahnsinn war oder die Grenze bereits überschritten hatte, sah er es noch. Die Schönheit darunter, sodass er gerade darüber nachdachte, nach ihrer Wange zu reichen und sie zu küssen, als sie plötzlich nach seiner Hosentasche langte. Es war die Falsche. Rasch zog er den Schlüsselbund aus der anderen hervor und versteckte ihn hinterm Rücken.

»Erst sagst du mir endlich, was das Ganze soll!«

Sicher war er sich nicht mehr. Es fühlte sich fast merkwürdig an, erneut auf eine Erklärung zu pochen. Und andererseits blieb ihm nicht anderes übrig. Er hatte einen Fehler gemacht. Sein Zugeständnis zum kleinen Gedicht zu fahren, war einer Entschuldigung gleichgekommen, eine Entschuldigung, die er nur machen müsste, wenn er etwas Falsches getan hatte. Wenn er nichts Falsches getan hätte, müsste er nicht fürchten, sie zu verlieren. Und die Angst hatte sie gespürt. Angst, die er nur haben könnte, wenn sie recht hätte. Er war nicht in seiner Rolle. Er spielte nicht. Dabei hätte er spielen müssen, wie mit seinen Klienten. Erst jetzt stand ihm diese Tatsache so klar vor Augen, dass der Grund inzwischen zu einer Nebensächlichkeit geworden war. Und doch blieb ihm nichts anderes mehr übrig.

Für einen Moment sah sie auf. Ihm in die Augen. Verunsichert nach etwas darin suchend. Nach einer Bestätigung, dass er es tatsächlich nicht wusste, die sie jedoch nicht fand. Dann loderte es erneut auf. Schlagartig versuchte sie mit der einen Hand um ihn zu greifen, während sie mit der anderen so feste sie konnte gegen seinen Brustkorb boxte und dabei immer lauter begann zu schluchzen.
Sie wollte nur noch weg, was ihm am meisten Angst machte und je mehr Angst er hatte, desto mehr wollte sie weg. Sie zerrte an der Tür, die er jedoch immer wieder zudrückte, wenn sie gerade einen Spalt offen war. Mit einem Satz langte sie erneut nach dem Schlüssel hinter seinem Rücken und erwischte seine Hand, sodass dieser rasselnd auf dem Boden landete und durch Gerards Absatz, als er nachsehen wollte, versehentlich unter den Küchentisch befördert wurde. Hektisch drehte er sich um, löste die Hand von der Tür, doch fand ihn nicht. Und während er noch den Boden absuchte, langte sie nach dem Koffer, riss die Tür auf und stürmte ins Treppenhaus. Panisch blickte er zur Tür, schmiss den Tisch dabei um und nahm den Schlüssel auf. Er trat aus der Wohnung. Doch Claudia war bereits im Aufzug verschwunden. Er hastete die Treppe runter, bis er gebannt vor dem Fenster zur Straße in der Zwischenetage stehen blieb.

Da stolperte sie, die Handtasche um die Schulter geworfen, den Mantel mit der einen Hand zukneifend und mit der anderen ihren Reisekoffer ziehend, durch die zahlreichen, dünnen Schneeflocken den Bürgersteig entlang, als sie plötzlich anhielt und den Koffer absetzte. Er hatte es gewusst. Er hatte gewusst, dass sie es nicht durchziehen würde, dass es nur einer von ihren Ausbrüchen war, die sie über die Jahre immer mal wieder, wenn auch nie so, aufblitzen lassen hatte. Meistens, wenn sie etwas wollte, wie das Haus in Tirol, um Skifahren zu gehen. Etwas, von dem er noch bevor sie es das erste Mal versucht hatte, natürlich erst, nachdem sie das Haus gekauft hatten, bereits wusste, dass sie es nicht kann oder gewollt wäre, es zu lernen. So hatte sie es auch seiner Ansicht nach viel zu schnell aufgegeben. Aber Après-Ski liebte sie, nur eben ohne Ski. Im Grunde nichts anderes als das Widerstreben gegen ihren Vater, nachts abzuhauen, um sich mit ihrem Jugendfreund zu treffen, wovon sie ihm erzählt hatte, nachdem sie Zuhause gebetet, gebettelt, Türen geknallt und Möbel verrückt hatte, und es ihr dennoch untersagt wurde. Oder eben als sie Hals über Kopf heirateten. Ihm hatte es nichts ausgemacht, dass es am besten sofort geschehen sollte. Er hatte das Geld, um es beim Fenster rauszuschmeißen, woraufhin es meist bei der Tür wieder reinkam. Und der Alte hatte so eine Terz gemacht, ihm mit Klage gedroht, dass es ihm fast ein Genuss war, das Gestüt zu mieten und ihr gesäuseltes Ja-Wort mit einem langen Kuss, solange, dass dieser von Johlen und Applaus begleitet wurde, zu besiegeln, wenn auch keiner ihrer Verwandten, außer der Halb-Schwester, die ihr ständig Drinks servierte, anwesend war. Oder als diese, seine Kontakte brauchte, um ihre Kunst ausstellen zu können. Er kannte Kunst, soviel er Kunst in seinem Beruf kennen musste, und ihre war keine. Aber sie hatte gefleht, gebettelt und letztendlich getobt, bis er ihr diesen Gefallen tat. Irgendwann hatte er es gar nicht mehr so weit kommen lassen, denn er konnte möglich machen, was sie wollte. Auch wenn er wusste, dass es ein Verlust wäre, konnte er es sich leisten. Das war eben die Vereinbarung. Und wenn er ihr gab, was sie wollte, war sie die liebevollste Frau, die er sich vorstellen konnte. Die ihn überraschte mit etwas, dass er beiläufig erwähnt hatte, als ob sie sich jede Kleinigkeit, über die er sprach, insgeheim merkte. Dafür liebte er sie.

 

So wartete er nur auf den Moment, in dem sie, nachdem sie ihren Ausbruch beendet hatte, zum Fenster hochblicken würde, um ihn zu sehen, der sich soweit erniedrigt hatte, ihr bis in das Treppenhaus zu folgen. Jeden Augenblick. Sie zögerte noch.

 

Dann hielt sie mit der Linken ihren Mantel zu und winkte mit der Rechten, als plötzlich ein Taxi neben ihr stehen blieb, der Fahrer im Schneegestöber ausstieg und ihren Koffer in den Kofferraum hievte, die Beifahrertür öffnete und sie einstieg, ohne sich noch einmal umzublicken.