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Warum Frau H zuschlug (2019) | Roman-Auszug

 

 

Warum Frau H zuschlug

 

Teil I

 

Kapitel 1

 

Frau H schlug zu. Nun, es ist jedem logisch denkenden Verstand ersichtlich, dass Frau H einen Grund haben musste, an diesem frühen Vormittag ihre Wohnung zu verlassen. Ersichtlich nur insofern, dass es am besagten Vormittag in Strömen regnete. Demzufolge es sich um einen wichtigen Grund handeln musste. Sie lebte in einem zehnstöckigen Hochhaus. Ein Ort, an dem man inmitten von 276 Menschen lebt und doch keinen davon kennt. Eine Anonymität, die für den Stadtmenschen vielleicht gegeben ist, vielleicht sogar Grund dafür, den Beton der Natur vorzuziehen, jedoch dem Menschen vom Land durchaus fremd. Das Hochhaus lag rechts neben dem Ringbrunnen mit seinen künstlich platzierten, exotischen Pflanzen und kurz vor dem großen Kreisverkehr, der Frau H regelmäßig seit dreizehn Jahren ebenso große Bedenken bescherte, da sie, einmal im inneren Ring gelandet, vermutete aufgrund des dichten Verkehrs nicht wieder nach außen zu gelangen. Doch meisterte sie es wieder und wieder, was jedoch ihre Angst nicht minderte. Im Gegenteil, desto öfter sie ihren Weg zur Arbeit in ihrem Corsa absolvierte, desto drückender wurde ihre Sorge, es beim nächsten Mal nicht zu schaffen. Sie hatte nur ein einziges Fenster in ihrer Wohnung, trotz der zu einem großen Teil ungenutzten fünfundsechzig Quadratmeter. Dieses lag in der Küche, und zwar unmittelbar über beziehungsweise neben ihrem Kühlschrank, weswegen sie Bananen, die sie grün gekauft hatte, gerne auf diesem lagerte, bis sie braun wurden, ab welchem Zeitpunkt Frau H sie in den Kühlschrank legte, wo sie sich mehrere Wochen hielten. Zumal sie die Süße der schwarzen Bananen lieber mochte, als die der Gelben. Ein Fenster, durch das sie ab und an einen Blick auf die Welt werfen konnte. Ein Hinterhof, indem zwei Männer, woher sie auch stammen mochten, denn im Haus hatte sie sie nie gesehen, auf weißen Plastikstühlen die Tagesthemen diskutierten. Einer, der ab Mitte März, losgelöst von der Witterung, grundsätzlich weiße Unterhemden trug und der Zweite karierte, kurzärmlige Hemden. Mal blau-gelb, mal rot-grün, aber nur ein einziges Mal schwarz-weiß, als ob ihm jemand empfohlen hätte, dass er bei seiner blassen Haut lieber Farbe tragen sollte. Doch mehr als dieses eine Fenster benötigte sie auch nicht. Die meiste Zeit war sie als Lehrerin ohnehin in der Schule. Ihre Wohnung war sehr sparsam eingerichtet. Sparsam an Mobiliar, sparsam an Existenz, sparsam an Emotion. Eine Wohnung, die so verlassen wurde, wie man sie am Tag des Todes auffinden sollte. Aufgeräumt, ordentlich und sauber. Ein einziges Foto. Es zeigte ihren Bruder Errol. Frau H war das jüngste von sechs Kindern, was ihr fünf ältere Geschwister gab. Doch trotz der vermeintlichen Schubladen, die dies mit sich brachte, war sie im Grunde genommen die Drittälteste. Ihr großer Bruder Errol, der das Amt ihres Vaters übergangslos übernommen hatte, Agathe, die im Grunde genommen Zweitälteste, die sich jedoch um nichts kümmerte, zwei weitere Brüder, die die Nachbarschaft Max und Moritz taufte, und sie, die schlussendlich in die Fußstapfen ihrer Mutter trat, die niemand anders füllen konnte oder wollte. So kochte sie ab dem Alter von acht Jahren bereits für die gesamte Familie. Klar, anfänglich aßen sie es. Gab nichts anderes. Doch mit zehn war es durchaus genießbar, etwa wie das Gericht der Mutter, das nicht zu den Lieblingsgerichten zählt. Kontakt hatte sie jedoch nur noch zu Errol, der Einzige, der auf ihre Weihnachtskarten antwortete, doch hatte sie auch nie einen Gedanken daran verschwendet, dass die anderen dies nicht taten. Ihr Morgenmantel, mit dem sie an diesem regnerischen Vormittag ihre Wohnung verließ und das Treppenhaus betrat, war ihr heilig. Wie viele Klassenarbeiten hatte sie in diesem, frisch geduscht, bis spät in die Nacht korrigiert. Grundsätzlich mit einer Tasse Pfefferminztee, den sie, wenn Unterhemd und Kariert einmal nicht im Hinterhof waren, aus einer der mit Mutterboden und Gartenzwergen versehenen Badewannen erntete. Biologie. Ihr Fach. Der Biologe könnte nun vermuten, dass sie einem Reiz erlag, als ob ein Mückenstich juckt. Man kratzt. Selbst einem Kind erschließt sich jedoch, dass es nicht einfach kratzen kann, sonst blutet es irgendwann, auch wenn sie es wohlgemerkt dennoch tun. Aber sie reagierte auf etwas. Es bestand eine Kausalität. Eine Schlussfolgerung. Etwas, das zu tun ist, das getan werden muss. Etwas Endgültiges.

Obwohl sie Lehrerin war, hatte sie selbst keine Kinder und ebenfalls nie geheiratet. Bei ihrer Vorsorgeuntersuchung mit fünfundzwanzig hatte ihr Gynäkologe ihr mitgeteilt, dass sie vielleicht keine Kinder haben könnte, woraus sie schloss, niemals Kinder haben zu können und gleichermaßen, nun einmal abgesehen davon, dass kein Mann sie bisher haben wollte, wenn auch einer sie entjungferte, dass auch kein Mann eine Frau haben möchte, die nicht in der Lage wäre, ihm Nachfahren zu gebären. Doch, und so mag man aufgrund der bisherigen Darstellung vermuten, war sie nicht einsam.

Zum einen hatte sie »ihre« Kinder, die sie zwei Jahre ihres Lebens begleitete. Von der fünften bis zur sechsten Klasse. Zwar war es Frau H auch lieber gewesen die Jüngeren zu unterrichten, doch hatte es sich am Friedrich-Eberhard-Gymnasium schlichtweg so ergeben. Und so wie Routine einmal Einzug erhält, so bleibt sie doch häufig, selbst wenn sich die Gegebenheiten ändern oder die Regularien etwas anderes vorschreiben. Manchmal unterrichtete sie sie später noch als Vertretung oder sah sie auf dem Schulhof, wenn sie Pausenaufsicht hatte. Doch trat auch selten jemand an sie heran und wechselte ein Wort. Das Reglement der Schulleitung wurde gleichermaßen nie gebrochen. Und so ging sie in der Menge meist unter. Sie war nicht unansehnlich, doch kleidete sich so. Ein brauner langer Rock, eine dunkelgraue Bluse und ihr blassgrüner Seidenschal. Wenn nicht die buschigen, schwarzen Augenbrauen gewesen wären, die ihr ohne Zutun immerwährend einen strengen Blick verliehen, hätte ein fantasievoller Beobachter die Theorie aufstellen können, dass sie nur ein bewegliches Stück des Mauerwerks sei, das sich aus freiem Willen, dazu entschlossen hatte, die Statik zu verlassen. Kein Spitzname, keine Witze.

 

 

 

 

 

 Kapitel 2

 

Doch kannte Frau H Menschen, die selbstverständlich wiederum sie kannten. Dies sei betont, da nun einmal nicht immer der Fall. Und, wie sich im weiteren Verlauf herausstellen wird, auch nicht in diesem. Zum einen ihren Kollegen Johann. Deutschlehrer und Hobbybotaniker. Er bewunderte sie regelmäßig dafür, wie viel Mühe sie sich für den Unterricht gab. Sie hatte sich nie damit abgefunden, bloß erneut den Tanz der Bienen durchzukauen oder den Aufbau eines Blattes. Viel lieber ging sie mit den Kindern raus, so oft es ging, um ihnen die Lebendigkeit der Natur näher zu bringen und lieber den Käfer zu suchen, dessen Abbildung sich in Büchern leicht finden ließ.

»Zu gefährlich, was du da machst«, pflegte Johann zu sagen. Denn auf der Wiese waren die Kinder schließlich nicht versichert und »bei den Zappelphilipps (wie Johann liebevoll seine Schüler nannte) biste ruckzuck in Teufels Küche. Ein verstauchter Arm und die Eltern klagen. Was dann?«

Gekümmert hatte sie das nie trotz mehrmaliger Ermahnung des Direktors. Sie ging einfach weiter mit den Kindern in den Wald oder zum Ufer des Kapuziner-Sees, einer künstlich angelegten Idylle. So künstlich, dass es erst Jahre des Vergessens aufseiten der Stadtverwaltung benötigte, bis sich Insekten und das eine oder andere Kriechtier dort ansiedelten.

»Fällt einer ins Wasser. Plumps! Du kannst nicht schwimmen. Was dann?«, sprach der Johann, der es selbst lange aufgegeben hatte den Reichtum der Dichter und Denker außerhalb von Textrezensionen und den wieder und wieder gleichen Aufsätzen über »Frühlings Erwachen« mit den gleichen Fragen zu immer dem gleichen Kapitel, weiter zu geben. Kein Interpretieren. Kein Hinterfragen. Die Antworten schwarz oder weiß. Richtig oder falsch. Kein Spielen der Dialoge in der Klasse, keine Diskussionen zu der Aktualität aus Sicht derer, um die es nun einmal geht, kein Anreiz, das ganze Buch zu lesen, außer Johanns magische Fertigkeit, einem Buch anzusehen, ob es gelesen wurde oder nicht. Doch dafür reichte auch ein bloßes Durchknicken der einzelnen Seiten. Warum dieses Buch? Warum dieses Kapitel? Nun, Johann hatte nie Gleiches erlebt. Kein Gespür für Philosophie oder ihrem Nihilismus. Er war schlichtweg in seiner Pubertät und auch danach nie an den Rand gekommen. Die Fragen hatten sich für ihn einfach nie ergeben und so wie insbesondere Menschen eine Neugier zu dem Thema »Gewalt« zeigen, die nie Gewalt erlebt haben, so faszinierte ihn das vollkommen Fremde und gleichermaßen Frau Hs eigentümliche Jugend.

Der Romantiker mag jetzt von einer Verliebtheit ausgehen, doch in Johanns Fall lässt sich diese am besten als bloße Verwunderung bezeichnen. Eben die Verwunderung, wenn sich ein Stück Mauer plötzlich aus der Wand löst und sich dazu entschließt, eigene Wege zu gehen. Dazu kam seine Ansicht, dass Darwins Theorien eben nur Theorien seien und seine Hibisken sich ja vollkommen anders verhalten würden, von welcher er Frau H regelmäßig versuchte zu überzeugen, die ihn ebenso regelmäßig darauf hinwies, dass dies Darwins Theorien bestätigte, nicht widerlegte.

Auch zum Hausmeister Hoffmann hatte Frau H ein gutes Verhältnis, der hin und wieder eine Ausnahme machte, wenn er eigentlich Feierabend hatte und sie länger arbeitete. Dafür brachte sie ihm Kuchen mit und nach anfänglichen Versuchen, ihm zu erklären, dass sie diesen nicht selber gebacken hatte, geschweige denn backen konnte, hatte sie es aufgegeben, wodurch er sie jedes Mal als Meisterbäckerin titulierte und ihr vorschlug, daraus doch ein Geschäft zu machen. In ihrem Wohnhaus kannte sie niemanden und niemand kannte sie, aber direkt rechts die Straße runter arbeitete ein türkischer Obsthändler, der sie jedes Mal mit einem Lächeln begrüßte, wenn sie seinen Laden betrat und sich Proviant für den nächsten Tag mit den Zappelphilipps beschaffte. Jedes Mal ließ er ihre Familie grüßen, fragte, ob sie die Nachrichten gesehen hatte und was dort wieder über Muslime zu hören sei, eine Diskussion, die sie nicht führen wollte, denn wenn man nicht darüber sprach, ergab sie sich ganz von selbst. Dennoch zerrten sie an ihr. Beide Parteien. Joshua der schwere Christ aus ihrem argentinischen Tanzkurs, der ihr von den Nachrichten erzählte, vom Papst, den er auch nicht vollends unterstützte, dessen Amt er aber auch nie tragen könnte, und eben Nabil vom Obsthandel, dessen Name sie sich so gut merken konnte, weil er sie immer an das deutsche Wort »Nabel« erinnerte. Keiner von ihnen meinte es wirklich böse, doch fühlten sie, als müssen sie Partei beziehen und an ihr testen, wie weit sie das taten. Sie mochte beide sehr gerne, aber nicht wenn sie darüber sprachen. Viel lieber hörte sie Nabil von seiner kleinen Tochter erzählen, die so ganz und gar nicht Lust hat jetzt Dreirad zu fahren, oder Joshua von seinem Erfolg beim Angeln letzte Woche und welche Hechte und vor allem wie groß er wie an Land gezogen hatte. Daran erfreute sie sich, da sie selbst weder eine Tochter hatte, noch jemals Angeln gefahren war. Oder Birke, eine Rentnerin aus der Nachbarschaft mit zunehmender Arthrose, die sie regelmäßig bei schönem Wetter mit dem Rollstuhl zum Fußballplatz fuhr, damit sie ihren Enkel sehen konnte, und die ihr im Gegenzug Schals und Mützen für den Winter strickte. Obwohl Frau H es nicht deswegen tat. Mehr weil sie auch damit der alten Birke eine Aufgabe geben konnte. Einen Zweck, den sie sich selbst verordnet, aber doch nie zu hundert Prozent geglaubt hatte. Einen Zweck. Auch Ferdinand gehörte zu ihren Bekanntschaften. Er nahm sie jeden Sonntag zum Boule-Spielen mit. Nun möge man sich fragen, wie denn so etwas zustande kam, zumal er wesentlich jünger war als sie, und Frau H doch eher eine introvertierte Existenz führte. Doch die Antwort fällt leichter aus, als man denken möchte. Sie hatten sich einmal auf dem großen Parkplatz in ihrem Häuserblock getroffen, wo Ferdinand sie fragte, ob sie wüsste, von wem das Fahrzeug sei, das ihn zugeparkt hatte. Er hatte es nicht eilig, aber seine Boule-Partner warteten auch nicht gerne. Aus Neugier fragte sie ihn nach dem Spiel, da sie immer mal Herren im Park gesehen hatte, die diesem Sport nachgingen, und schnell schlug er vor, dass sie doch einmal mitkommen sollte. Nun zählte es nicht zu Frau Hs Tugenden »Nein« zu sagen, wenn jemand ihr ein freundliches Angebot unterbreitete. Sie war seit einem Jahr nicht besser geworden, zugegeben, weil sie das Spiel immer noch nicht ganz verstand, obwohl ihr das Lesen von Schopenhauer keine Probleme bereitete. Aber viel interessanter fand sie, dass er sich mit Radios beschäftigte, sie baute und sogar einen kleinen eigenen illegalen Piratensender hatte, dessen Programm sie gerne einschaltete, da er Musik spielte, die sie sehr genoss. Im Gegenzug hatte sie einen ihrer Schüler gefragt, ob dieser nicht ein Online-Radio einrichten kann, damit sie es auch am Computer hören kann und nicht jedes Mal den Sender suchen musste, der sich, wie von Geister Hand, regelmäßig um ein paar Viertel Dreher des alten Radios verstellte. Ferdinand war viel zu jung, um diese Musik zu mögen, vielleicht auch zu jung um Boule zu spielen, zumal seine Spielkameraden wesentlich älter waren. Vielleicht war dies aber auch einfach seine Art, sich lieber mit Dingen zu beschäftigen, die eigentlich nicht seinem Alter entsprachen. So oder so spielte er Swing aus den Vierzigern. Manchmal auch deutsche Sachen wie »Adolf Hitlers Lieblingsblume ist das schlichte Edelweiß« oder Mackie Messers Lied aus der Dreigroschenoper, was beides für Frau H in dieselbe Kategorie fiel. Natürlich wusste sie das »Edelweiß« ein propagandistisches Lied war, auch wenn es zwei Wochen nach Veröffentlichung wegen Führerveralberung indiziert wurde, aber dennoch fand sie es schön und für sie gab es keinen Grund zu trennen, nur weil Adolf Hitlers Name im Titel vorkam. Das änderte doch nichts am Lied und der Mühe, die sich ein Musikant gegeben hatte, dieses zu singen. Ab und an spielte Ferdinand auch andere Sachen, die sie nicht so toll fand, aber dann schaltete sie einfach ab. Also viel aus der NS-Zeit und sie machte aus, wenn sie das Lied nicht mochte.

Frau Kiefer aus der Buchhandlung besuchte sie ebenfalls regelmäßig, auch wenn sie gar kein Buch suchte. Manchmal dachte Frau H sich tatsächlich eins aus, um, wenn Frau Kiefer einmal mit der Suche begonnen hatte, zuzuhören, wenn sie von ihrem Mann und dem stetig andauernden Clinch sprach. So hatte Frau Kiefer ihr erzählt, dass sie einen Architekten für ihr Badezimmer suchten, sie aber weiß Gott (das sagte sie immer) keinen Bausparvertrag abschließen konnten, um einen solchen zu bezahlen. So hatte Frau Kiefer ihrem Mann gesagt, dass er doch mal in seinem Büro fragen sollte, wo laut seiner Aussage aber nur Bauingenieure arbeiteten. Aber das Bad wurde ja nicht alleine fertig und so hatte Frau Kiefer ihrem Mann ein Ultimatum gestellt »Entweder du fragst oder ich mach weiß Gott das Bad alleine und dann will ich auch nie wieder etwas davon hören.«

Kurzum er hatte gefragt und sein Vorgesetzter, die erste Person, die er gefragt hatte, hatte eine Frau, die so oder so nur halbtags als Sekretärin arbeitete. Diese hatte jedoch Architektur studiert und wollte gerne etwas nebenbei dazu verdienen. So erzählte Frau Kiefer.

Doch darüber hinaus hatte Frau H noch einen Bekannten, der sich nicht im Dialog mit ihr verständigen konnte. Er war nicht stumm, sondern schlichtweg tot. Dazu ist zu sagen, dass Frau H schon seit jeher gerne auf dem Friedhof spazieren ging. Der Südfriedhof nicht unweit ihrer Wohnung, aber doch weit genug, dass sie mit dem Auto fahren musste.

»Morbid!«, möge man rufen, aber wo hat der Stadtmensch sonst heute noch Ruhe?

Sie genoss es einfach. Die Stille. Niemand, der einen etwas fragte. Dieses Inruhegelassenwerden, wessen Gegenteil sie im Schulalltag nicht verschmähte, aber in ihrer Freizeit heiligte. Keine Autos oder Sirenen, kein Presslufthammer, kein Klackern der Ampel für Blinde, kein Zug, kein Klirren der Straßenbahn, was sie nur noch als solches empfand. Wahre Ruhe gab es nur auf dem Friedhof. Ohne Zweideutigkeit. Nun, wenn sie sowieso dort spazierte, wäre es doch schade, um nicht zusagen verschwendete Zeit, was Frau H wiederum nicht zu ihren Tugenden zählte, nicht auch ein Grab zu besuchen. Rudolf Bukinski. Zum einen amüsierte sie sein Nachname, zum anderen war es in der Ecke, in der sie spazierte, das ungepflegteste Grab. Rudolf Bukinski starb am neunten September 1973.

»In großer Trauer liegt hier ...« stand auf dem Grabstein. So ziemlich das Einfachste, was sich auch der unbegabteste Graveur ausdenken konnte. Zudem war es, wie gesagt, nicht gepflegt, schon fast das Gegenteil, als ob jemand künstliches Efeu über den Stein verteilt hätte. Wie ein verlassenes Grab aus einem Film und so begann Frau H, es zu pflegen. Sie brachte regelmäßig Blumen und Grabkerzen mit und schuf das schönst gepflegteste Grab, das sie sich vorstellen konnte oder besser gesagt ein Grab, wie sie sich ihr eigenes einmal wünschte. Nicht ganz ohne Folgen für Rudolf, dem sie erzählte, was nirgendwo anders Platz hatte. Zum Beispiel, dass das, was Kariert über den Kampf für Demokratie auf der anderen Seite der Welt gesagt hatte, fernab von der Realität war, obwohl sie ihn für einen gut informierten Mann erachtete. Und Rudolf hörte ihr zu. Er konnte nicht anders. Natürlich schmückte Frau H sich ein Bild dazu aus, wer er wohl war beziehungsweise gewesen ist. Gebildet. Das stand fest. Graues Haar, was sich alleine dadurch ergab, dass er zu dem Zeitpunkt seines Todes alt gewesen sein musste, geboren am 01.01.1891, und was ebenfalls Grund für die Annahme seiner Bildung ihrerseits war. Altes weiß. Manches Mal widerlegte er sie auch, was in der Form stattfand, dass Frau H sich im Disput beruhigte.

»Du hast ja recht. Ich sollte mich nicht so aufregen.«

So erinnerte Rudolf sie auch häufig, doch das Grab ihrer toten Schwester zu besuchen. Sie kannte sie nicht. Frau H war ja nicht einmal geboren, als ihre ältere Schwester Dorothee bei der Geburt verstarb. Zudem war ihr Grab nicht auf dem gleichen Friedhof, sondern lag in Frau Hs Heimatdorf Austen etwa zwei Stunden von Beldern entfernt. Nachdem sie Rudolf besucht hatte, war sie immer sehr erleichtert und tatsächlich plagte sie ein schlechtes Gewissen, wenn sie länger nicht bei ihm war.

»Man vergisst so schnell«, hatte ihre Oma immer gesagt. Das war sozusagen ihr Leitspruch.

»Wie heiß es wieder ist.«

»Man vergisst so schnell.«

»Ich muss noch Milch holen.«

»Man vergisst so schnell.«

»Hast du den Hund schon rausgelassen?«

»Mann vergisst so schnell.«

»Sehr lecker die Suppe.«

»Man vergisst so schnell.«

Einzig auf »Man vergisst so schnell« hatte ihre Oma nicht Selbiges geantwortet. Frau H hatte es als Kind einmal probiert und sich wochenlang dafür geschämt.

 

 

 

 

 

 

Kapitel 3

 

So war Frau Hs Alltag gefüllt. Kein Mensch, der zu Hause saß und sich langweilte, sich in Online-Foren bewegte, um nie selbst aktiv zu werden oder ausschließlich darin zu kommunizieren. Da las sie lieber ein Buch. So oder so mochte sie das Internet nicht. Sie verstand doch hinterfragte auch den Vorteil darin, per Mausklick die gesamte Welt ergründen zu können. Nun ist es so, dass etwas mehr Wert für uns hat, wenn wir eine Leistung dafür erbringen müssen. Sogleich beschäftigt man sich mehr mit der Belohnung. Wissen. Nun, wenn man keine Leistung erbringen muss, um Wissen zu erlangen, ist sozusagen dieses Wissen auch nichts wert, da man es jederzeit wieder ohne Leistung erlangen könnte. Frau H verwendete im Unterricht gerne das Beispiel von einem Reisenden im neunzehnten Jahrhundert. Dieser hegte ein Interesse an Pyramiden. Er hatte gehört, dass diese in Ägypten stehen. Demzufolge trat er seinen Weg an von Duisburg bis nach Kairo. Es gab keine Möglichkeit zu fliegen, so musste er über Österreich, Bosnien und Griechenland. Was er auf dieser Reise lernte, welche Menschen er traf, war fernab von dem, was man im Internet finden kann. Die Athene. Ein Mausklick. Aber du hast sie nicht wirklich gesehen. Die Nachrichten. Ein Mausklick. Aber Unterhemds und Karierts Diskussionen boten so viel mehr.

Sie versuchte dies fast schon unvermittelbare, jedoch vollkommen logische, ihren Schülern mitzugeben und blickte regelmäßig in fragende Gesichter. Sie kannten es nicht anders. Sie sahen sie an, als hätte sie gerade einen verblüffenden Zaubertrick geschildert. Eine Karte, die spurlos verschwand. Doch sie verschwindet niemals. Es ist schlichtweg nicht möglich, dass sie verschwindet. Und plötzlich stand sie, wenn auch vor zehn bis zwölfjährigen Menschen, vor dieser Wand. Eine die seit Menschheitsgedenken aufgebaut wurde. Eine an der herumgetüftelt wurde, deren Mauern an Stellen eingerissen und neu aufgebaut wurden, was man an den unterschiedlichen verwendeten Steinen erkennt. Eine Mauer, die der Mensch aufgerichtet hatte, weil er sie aufrichten musste, sonst wäre sie nicht da. Eine Mauer, durch die so mancher Intellektueller hindurchsah, ohne jedoch je zu vermögen sie einzureißen.

»Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt«, schrieb Shakespeare in oder für die Rolle des Horatio. Frau H mochte Shakespeare, weil er doch gerade in der Lage war, Menschsein in Menschenhandlung zu verwandeln. Doch war es genau diese Mauer. Die Mauer des ewig behaupteten, dass es noch eine andere Antwort gäbe, nur niemand sie bisher wüsste oder erahnen könnte. Sie verstand es nicht und empfand es als töricht und die Leistung aller Wissenden zuvor ignorierend. Newton, der doch so maßgebend für unser Verständnis der Physik war und sich doch nahe dem Wahnsinn bewegt hat, eine verborgene Nachricht in der Bibel zu suchen. Nahe dem Wahnsinn, nur weil er sie nicht fand. Wie sehr verachte ich sein Wesen, seine Neugier und seine Intelligenz mit der saloppen Antwort »Er hat etwas übersehen«?

Wie selbstgerecht muss ein Mensch sein, um die gesamten Errungenschaften der Zivilisation zu hinterfragen mit der Antwort »Du kannst nie alles wissen, also weißt du gar nichts.« Und hatte nicht jemand, der es besser wissen sollte, mal diesen Ausspruch geprägt? Ohne zu wissen, das andere sein Zitat widerverwenden würden, um einen Grund dafür zu haben, nicht nach einer Antwort zu suchen. Zauber, Religion, Aberglaube, Wundermittel. Die Mauer, die der Mensch will, braucht, um den Garten Eden von der Steppe abzugrenzen. Die vollkommene Illusion eines Lebens nach dem Tode, da ja noch kein Mensch zurückgekehrt ist, in Anbetracht einer verwelkenden Pflanze und der schieren Logik dieser Entwicklung. Wie konnten Denkende, Wissende jahrtausendelang zustimmen, dass es da etwas mehr geben würde? Es war doch immer schon so deutlich! Die Mauer, die der Mensch willentlich errichtete, um bloß nicht mit seiner Vergänglichkeit konfrontiert zu werden. So dachte Frau H.

Doch neben den Augen der Verwunderung gab es auch noch rote. Frau H hatte selbstverständlich nie im Leben Drogen genommen und sich immer die Frage gestellt, was schöner sein könnte als alles. Wie könnte es noch schöner sein? Ist es nicht schön genug? Natürlich hatte sie Angst im Kreisverkehr. Natürlich bereitete es ihr Sorge, wenn das Auto kaputt war und sie sich verschulden musste, um es auf Raten reparieren zu lassen. Doch änderte dies doch nichts an der Schönheit allem. Als ob der Grashalm sich beschweren würde, dass der Wind ihn biegt. Welch abstruses Bild!

Frau H suchte Gesellschaft bei ihren Schülern, doch tat sie dies erst nach Jahren und vor allem erst, wenn die Schüler bereits weiter in die Oberstufe gezogen waren. Erst dann traute sie sich ihnen ein E-Mail zu schreiben, an der sie häufig mehrere Stunden saß, ob sie nicht Lust hätten auf eine kleine Fete. Erst dann traute sie sich, zumal der Alkohol rein gesetzlich erst in diesem Alter konsumiert werden durfte, noch einmal Zugang zu suchen. Sozusagen zu ernten, was sie gesät hatte, ohne diesen Anspruch zu hegen. Die meisten wussten nicht einmal mehr, wer sie war und so erschienen nicht viele. Bei einer Fete fragte sie jemand in der Runde, was sie von Drogen halten würde. Sie erklärte, dass für sie persönlich diese keinen Zweck erfüllen würden, doch dass sie verstehen könnte, wenn ein Mensch hin und wieder eine andere Realität sehen möchte, wenn denn die seine ihm nicht gefällt. Es fielen Namen, wie immer wenn Alkohol getrunken wird. Und auf die Tatsache, dass auch sie schon als kurzfristige Vertretung, Schüler, die unter Drogeneinfluss standen, versucht hatte zu unterrichten, antwortete sie wie folgt:

»Wenn ein Mensch, alt genug, um Entscheidungen zu treffen, sich dazu entschlossen hat, seine Wahrnehmung nicht wahrzunehmen, was soll ich denn dann machen? Ein Eintrag ins Klassenbuch, dass dieser Schüler Drogen konsumiert? Ich sehe doch, wenn er da sitzt, abwesend, die Kappe tief gezogen, doch nicht so tief, um diese roten Augen zu verbergen. Natürlich sehe ich es. Aber mir scheint, als hätte dieser Mensch genug Sorgen, als dass ich die zuständigen Behörden einschalten würde. Was soll dabei herauskommen? Und wenn ich Glück habe, fängt er sich nach dem Abi, gründet eine Familie und macht keinen Blödsinn. Ich könnte versuchen ihm zu zeigen, dass das, was er sieht, nicht echt ist. Dass es mehr gibt, als ihm vorgegaukelt wird, aber vor allem auch weniger. Glücklichkeit ist nicht alles im Leben.«

So antwortete Frau H, selbstverständlich erst nach dem ein oder anderen Glas Rotwein, zu dem ihre ehemaligen Schüler sie überredet hatten.

Am Tag nach einer Fete schämte sie sich meistens, so frei gesprochen zu haben, was sich steigerte bis zum Montag, wenn sie wieder in die Schule musste. Erst als Pascal, der sich am gleichen Abend noch übergeben hatte, sie freundlich grüßte, verlor sie langsam dieses Gefühl, sich vollkommen lächerlich gemacht zu haben.

 

 

 

 

 

Kapitel 4

 

Doch die bisherige Darstellung tut ihrem Dasein als Mensch Ungenüge. Natürlich kannte sie das Gefühl genau, was sie überkam, manchmal nach dem Duschen, beziehungsweise wenn sie nackt war, was eben normalerweise vor oder nach dem Duschen vorkam. Eben aufgrund dieses Gefühles, gehörte sie nicht zu den Menschen, die das Nacktsein als Freiheit empfinden, sondern denen die Kleidung eine Trennung gibt vom Tier, das sich nackt, wie es ist, vollkommen seiner Triebe hingibt. Nun muss man dazu sagen, dass sie weder ihren Vater noch ihre Mutter jemals nackt gesehen hatte. Noch nicht einmal, wenn sie badeten, dann trug er Badehose. Kurzum in dem Haus, in dem sie groß wurde, existierte kein Sex. Das erste Mal erfuhr sie davon von einer Freundin, die, so mag der Mann denken, schon erblüht war. Nun Patrizia war keine Freundin in dem klassischen Sinn, dass sie einen langen Zeitraum ihres Lebens miteinander verbracht hätten, aber jemand, der ihr zu einer bestimmten Zeit Aufmerksamkeit schenkte, eben aus diesem Grund, dass sie etwas wusste, was Frau H nicht wusste. Und so wie Menschen, die noch nie Gewalt erfahren haben, die Neugier auf dieses Thema heimsucht, so tat es das Nacktsein. Es geschah selten. Zu Hause niemals, es sei denn zum Zwecke der Körperpflege oder des Wechselns von Kleidung. Erst seit sie durch das BAFÖG finanziert in eine WG zog, sie muss um die neunzehn gewesen sein, ergab sich die Möglichkeit. Nicht weil sie darauf gewartet oder gedrängt hätte, sondern nur dadurch, dass niemand da war, um es ihr zu verbieten, um sie zu ermahnen, um sie an ihr Schamgefühl zu erinnern oder es ihr einzureden. Jetzt verstand sie es. Warum sich junge Mädchen leicht bekleideten und warum junge Herren Gaststätten aufsuchten, um eben diese leicht bekleideten Mädchen zu finden. Warum und das immer und überall mit Sex geworben wurde.

Dass es diesen unterliegenden Mechanismus für alles gab. Dass ihre Kommilitonin Colette einen Mann dazu bringen konnte, so ziemlich alles für sie zu tun, wenn sie ihm nur die Illusion gab. Er könnte ...

Und dass selbst die hartgesottensten Feministinnen danach agierten. Sie hatte sich immer gefragt bei den Bildern, die sie im Schwarz-Weiß Fernseher im elterlichen Wohnzimmer gesehen hatte, warum Menschen für Nacktheit plädierten. Schließlich war es für sie ein eher unangenehmes Gefühl. Und FKK, wovon Patrizia ihr erzählt hatte, die seit jeher mit ihren Eltern ein und denselben Strand an der Nordsee besuchte, ein schlichtweg merkwürdiges Verhalten. Bis dahin. Und alle, jeder und jede Einzelne, den sie respektierte, ihr Professor, der Colette half, auch wenn sie die gleiche Hilfe benötigte, jedweder Schmeichel, den junge Studenten einer Professorin gaben, jeder Geschulte, jeder Wissenschaftler, jeder und jede Bettlerin auf der Straße, jeder Politiker, jeder Freiheitskämpfer, Soldat oder Kriegsveteran. Jede Kassierin. Jeder Dichter. Vater und Mutter. Überall. Alles drehte sich im Grunde genommen nur um das. Nur das. Und dieses Ausmaß zu begreifen erschlug sie fast, sodass sie sich vor die Wahl gestellt fühlte. Jetzt ich oder Tod. Ich muss! Zu schwer schien es, nachdem man dieses Geheimnis einmal entdeckt hatte, anders zu sein. Ich muss, um zu existieren, komme, was wolle. Ich muss.

Jemand, der sie entjungferte, hieß Robert. Sie war in der Zwischenzeit einundzwanzig geworden und hatte sich mit jemandem, die schien wie sie und doch so anders war, angefreundet. »Doch so anders« nahm sie mit. Karneval. Frau H wusste nicht, aber »Doch so anders« wusste. Wusste, wo sie hin sollten, wusste, was sie tragen sollte. Eine Nonne mit Minirock. Welch abstruses Bild! Doch Frau H gefiel sich im Spiegel, wenn sie auch große Hemmungen hatte, vor die Tür zu gehen. Das Kostüm hatte sie vorher schon im privaten ausprobiert und sich vor dem Spiegel bewegt. Zu nackt kam sie sich vor, aber »Doch so anders«, nennen wir sie ab diesem Zeitpunkt Anna, der Einfachheit halber, destruierte ihr Schamgefühl. »So muss das, sonst sehen sie dich nicht. Du willst doch nicht als alte Jungfer sterben.«

Frau H wusste nicht, was das heißen sollte und dachte, dass jemand gemeint war, wie ihre eigene Mutter, auch wenn das im Nachhinein keinen Sinn erfüllte. Dennoch, so wollte sie nicht sein, auch wenn sie sie achtete, aber sie schien immer so abwesend, so nicht teilhabend an der Welt, nahezu bereuend. Marschmusik. Korn, den ihr Anna wieder und wieder verabreichte. Sie fassten sie an. Sie flüchtete. Hinaus. Vor das Zelt. Sich nicht ihrer Sinne mächtig, bemerkte sie jemand. Jemand zu schüchtern, um direkt auf sie zu zugehen. Stattdessen folgte er. Vorbei rannte sie an den urinierenden Frauen direkt unter dem nächsten Baum. Den Liebenden, kurz davor es ins Auto zu schaffen. Sie lachten. Sie lachten sich kaputt. Ruhe. Taxis. Noch mehr Ruhe.

»Wo musst du hin«?, rief ein Fahrer mit bosnischem Akzent ihr hinterher. Ein offenes Tor. Hinein. Die Leiter hoch. Heuboden. Ein Bett.

»Es ist alles so, wie du willst. So, wie du es dir geträumt hast«, flüsterte der Robert.

Als die Sonne sie traf, lag sie alleine da. Nichts, außer verschmiertes Make-up und ihr Rock etwas verzogen. Und als sie zerstreut und verlassen in der WG ankam, fragte Anna sie.

»Hast du?«

Sie nickte. Die von Stolz erfüllten roten Wangen konnte sie nicht brechen und schlief. Schlief, bis es alles vorbei war. Wollte nichts essen. Niemanden sehen. Anna kümmerte sich liebevoll um sie, aber es schien ihr nur, als würde sie sie verhöhnen. Als wäre es alles gespielt.

»Das war alles? Warum sie sich betranken? Warum Werbeplakate sie am Strand im Bikini zeigten? Das???«

Ein gemischtes Gefühl von momenthafter, körperlicher Erregtheit wieder und wieder gebrochen durch den Geschmack der Schande.

Und wiedererkennend, dass das, was du geglaubt hast, nicht real ist, und das, was dir als real erzählt wird, auch nicht real ist, tat sie das einzig Sinnvolle. Sich zu distanzieren. Eine Woche später zog sie aus der WG aus und in das fünfundsechzig Quadratmeter Apartment, was sie nie füllen konnte. Es folgten Wochen der vermeintlichen Depression, obwohl Frau H ihr Studium auf Lehramt Biologie erfolgreich absolvierte, doch nahezu, wie ohne ihr Zutun. Fragebögen ausfüllen. Dann war sie Lehrerin. Erst Intendant und wie zuvor sah sie nur zu, verbarg sich ihre Kritik, selbst wenn Sachverhalte falsch erklärt wurden. Sie verschwand. Und sie wurde belohnt. Eine Weile unterrichtete sie, wie sie es gelernt hatte. Ein Buch nach dem anderen, bis Anna, selber Name anderes Alter, im Unterricht unaufgefordert fragte, ob sie die Metamorphose nicht direkt gucken könnten, am Garten des Hofes ihrer Eltern. Auf das Betteln der anderen Kinder sah Frau H aus dem Fenster. Es war Anfang März. König Winter hatte sich in diesem Jahr lange nicht von seinem Thron stoßen lassen, doch der Frühling nahte. Und plötzlich verschwand etwas. Ein Knoten in ihrer Magengrube, der sie seit Langem und bis zu diesem Tag begleitet hatte. Noch am Tag davor wären ihr bei diesem Gedanken alle Fragen durch den Kopf geschossen, alle Konsequenzen jedweder Entscheidung, was sie wohl erwarten würde, ob das richtig ist oder viel mehr, ob sie etwas Falsches tat, ob sie sich den Missmut anderer einholen oder schlichtweg ob sie nicht mehr gefallen würde. Kurzerhand packte sie ihre Sachen zusammen und verließ mit den Kindern das Schulgebäude. Angstfrei.

Seit dem Tag akzeptierte sie es, so zu sein, wie sie ist und je länger sie dies akzeptierte, desto mehr akzeptierten ihre Mitmenschen sie auch. Vielleicht hatte es auch gar nichts mit den Kindern oder dem Schmetterling zu tun. Dies ist nur die Perspektive, die ein Romantiker gerne einnimmt, nämlich die, dass es alles eine Bedeutung hat. Schicksal. Vielleicht lag es aber auch schlichtweg an ihrem Alter. Anfang dreißig, in dem der Zweifel und das Widerstreben der Zwanziger nun einmal abnimmt und die Festigung der Identität einen natürlichen Prozess darstellt.

Doch verfallen wir nicht der Romantik, die doch auch heute noch so oft das geschriebene Wort begleitet, anzunehmen, dass Frau H sich geändert hätte. Weder war sie erblüht, noch kleidete sie sich anders, noch suchte sie sich einen Freundeskreis, mit dem sie jedes Wochenende etwas unternehmen konnte, oder gar einen Partner. Kurz gesagt, sie spielte ihre Rolle, doch nicht mehr hinterfragend oder durch Zweifel widerstrebend. Nicht mehr gezwungen, sondern gerne. Ein Kostüm, dass zu ihrer Haut wurde und solange sie das hatte, dass sie den Kindern etwas zeigen konnte und deren Neugier wiederum ihr Energie gab, um am nächsten Tag aufzustehen, wie nach einem schönen Traum, erübrigte sich alles andere. Ein Zweck.

Eben der Zweck den Johann in seiner Familie fand, obwohl er ihn nie gesucht hatte. Nicht seine Hobby-Botanik, für die er sich regelmäßig im Freundes- und Familienkreis rechtfertigen musste, keine Leidenschaft für irgendetwas, ein Gedanke, der ihn in der Midlife-Crisis kurzzeitig wieder eingeholt hatte, der aber genau so schnell wieder verpufft war, wie jeglicher Anflug von Zweifel bei ihm nun einmal keinen Nährboden traf.

So war es auch bei Frau H keine Leidenschaft, die sie bei der Arbeit mit ihren Kindern vorantrieb, sondern eine schlichte Aufgabe, die sie zu ihrem besten Wissen und Gewissen erfüllen wollte und sich somit auch von Regularien nicht abhalten ließ. Sie lebte ein erfülltes Leben, eben weil sie sich nicht beschwerte. Dazu ist zu sagen, dass man, um ein Leben zu verstehen, sich nicht an Begrifflichkeiten, wie »Glücklichkeit« oder »Zufriedenheit« aufhängen sollte, denn die ziemlich meisten Menschen schwanken bei einer Angabe derlei und die, die es nicht tun, lügen für gewöhnlich. Dies soll heißen, dass die Ersteren mit »Ja, aber ...« antworten und die Letzteren mit »Selbstverständlich«, da sie irgendwann anfingen eine Lüge zu glauben, bis sie zur Wahrheit wurde. Dies ist als solches auch nicht weiter verwerflich, da optimistisches Auftreten wiederum Bewunderung und damit Bestätigung in sich birgt, während das Gegenteil zuweilen Mitleid hervorruft, das sich wiederum in Selbstmitleid reflektiert und diese Denkweise bestätigt.

Frau H jedoch tat weder noch. Sie akzeptierte, ohne schönzureden, nahm es, wie es ist, ohne zu bedauern, noch in irgendeiner Art und Weise ihr Denken über das anderer zu erheben, zu vergleichen, geschweige denn andere davon überzeugen zu wollen, dass diese Art zu denken und zu leben besser sei oder dergleichen Ratschläge. Sie gab keine. Sich an kleinen Dingen zu erfreuen und die großen nicht überzubewerten. Mit einem Wort: Ordnung.

 

 

 

 

 

Kapitel 5

 

Etwa zwei Wochen, bevor Frau H tat, was getan werden musste, wurde der Kreisverkehr, der ihr so lange dieses nervöse, unangenehme Kribbeln im Bauch, das sich leicht mit Hunger verwechseln lässt, beschert hatte, geschlossen, um Baumaßnahmen durchzuführen. Nun ergab sich diese alltägliche Überwindung von selbst, doch Frau H musste auf ihrem Weg zur Schule eine Umleitung fahren, was dazu führte, dass sie sich verspätete. Dies wäre weiter nicht schlimm, konnte es doch einmal passieren, aber eben nicht ihr. Zunächst folgte sie der Beschilderung, während die Minuten verrannten. Wohl wissend, dass sie auch nach der Umleitung mindestens noch zwanzig Minuten zu fahren hätte und der Unterricht in zehn Minuten begann. Alleine der Gedanke, zu spät zu sein, ließ ihren Puls hochfahren, wodurch sie gleichzeitig immer hektischer wurde, dadurch ein Schild übersah und in die falsche Straße einbog, was sie aber erst bei der nächsten Kreuzung bemerkte und nun vollends die Orientierung verloren hatte. Was sollte sie den Kindern sagen? Obwohl sie noch nie zu spät gekommen war, sah sie darin plötzlich eine Bestätigung aus Sicht derer, die sie ohnehin nicht als akzeptable Lehrkraft betrachteten, was in Wirklichkeit niemand tat, doch schien es ihr, als hätten sie nur darauf gewartet. Nur darauf gewartet, den Kopf zu schütteln. Als wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen. Als wäre ihr Geheimnis gelüftet. Und die Sekunden jagten die Minuten. Zudem hatte der Winter eingesetzt. Frau H selbst hatte bereits im Oktober die Reifen wechseln lassen, wenn auch die Winter der letzten Jahre nie einen Anlass geboten hatten, dies überhaupt zu tun. Aber allein das Wissen, es nicht getan zu haben, war etwas, das ihr bereits im Herbst drohendes Unbehagen bereitete. Was, wenn dann doch etwas passierte und sie würden sie fragen, warum sie denn zu dieser Jahreszeit noch mit Sommerreifen fuhr? Was würde sie antworteten? Nun gut, diesen Gedanken schien niemand anderes zu haben, denn obwohl nur leichte, dünne Flöckchen vom Himmel fielen, die, noch bevor sie die Windschutzscheibe trafen, schmolzen, fuhren alle anderen, als hätten sie eben die Reifen nicht gewechselt.

Soweit, dass Frau H begann, wild zu hupen, als ein Audi vor ihr erst links den Blinker setzte, dann rechts, um für noch einen weiteren Moment zu verharren. Etwas, dass sie sonst nie tat. So weit, dass sie den Zebrastreifen ignorierte, schimpfend, als ihr die alte Frau mit ihrer blauen Einkaufstasche über den Rückspiegel einen Vogel zeigte, als ob Frau H dies jeden Tag tun würde. Es war doch nur das eine Mal, um pünktlich zu sein, wegen dieser verdammten Baustelle!

Je näher sie an die Schule kam, desto fröhlicher wurde für gewöhnlich ihr Gemütszustand. Im Kopf bereits den Inhalt der ersten Stunden durchgehend, die Hausaufgaben zu überprüfen, bei denen sie ihren Kindern auf den Kopf zusagen konnte, wer sie nicht gemacht hatte, und diese es bereits aufgegeben hatten für Minuten in ihren Tornistern zu kramen, um zu sagen, dass sie sie vergessen hatten. Bei Frau H kamen sie vor dem Unterricht zu ihr, um zu gestehen, dass sie sie nicht gemacht hatten und auf die Frage »Warum?« zu erklären, dass es so schönes Wetter war, sie ein Fußballspiel hatten, Onkel Siegfried zu Besuch war, ihr Hund krank, sie die Aufgabe nicht verstanden haben oder schlichtweg keine Lust hatten. Zugegeben Letzteres hörte sie eher selten, aber zumindest bemühten sie sich um eine ehrliche Erklärung. Aber wenn denn der LKW genau jetzt ausladen musste, hatten sie ja gar nicht erst die Möglichkeit dazu! Und so wuchs ihre Panik, wie die Angst eines Kindes vor den Schatten, mit jedem Kilometer, den sie näher zur Schule kam. Zumal sie erst im letzten Moment, der Unterricht hatte bereits angefangen, die richtige Straße fand. So, dass sie schließlich mit wässrigen Augen und am ganzen Leibe zitternd das Schulgebäude betrat und Herrn Weyer über den Weg lief. Er war gerade neu an der Schule als Vertretung für Johann, der sich vor ein paar Tagen beim Abbau des Campingwagens, den er und seine Familie an der holländischen Grenze stehen hatten, das Bein gebrochen hatte. Herr Weyer versuchte sie zu beruhigen und brachte ihr einen Stuhl. Auf dem sich Frau H widerwillig niedersetzte.

Er war wesentlich jünger als sie oder Johann und hatte nach dem zweiten Staatsexamen Glück gehabt, dass er direkt an das Gymnasium wechseln konnte. Zu jung hatte sich Frau H gedacht, als er Anfang der Woche im Lehrerzimmer vorgestellt wurde. Doch in seinem Mitleid für ihren Zustand las sie etwas anderes. Genau, was sie befürchtet hatte. Inkompetenz. Ihre Inkompetenz. Den Gedanken, dass man so was ja nicht unterrichten lassen könnte. Frau H versuchte zu erklären, wobei ihr Atem ihr regelmäßig die Sprache verschlug.

»Warum gehen Sie nicht nach Hause? Ich habe Deutsch erst in der Dritten«, versuchte Herr Weyer es, »Ich kann sie heute vertreten.«

Selbst Hausmeister Hoffmann kam dazu und erkundigte sich, was denn los sei, doch je mehr vertraute Gesichter sie so sahen, desto mehr schämte sie sich, verlor sich in Erklärungen über Baustellen, das Wetter und Sommerreifen, sodass Herr Weyer den Hausmeister bat, kurz bei ihr zu bleiben, während er zum Direktor ging, um angeblich eine Lösung zu suchen, was Frau H wütend machte. Was für eine Lösung denn? Was soll denn für eine Lösung gefunden werden? Als wäre sie ein Problem! Dabei wollte sie nichts anderes, als jetzt normal weiter zu machen, zu ihren Kindern zu gehen und zu unterrichten, so wie sie es die letzten Jahre jeden Tag getan hatte. Und je länger sie wartete, je wärmer Hausmeister Hoffmann ihr zusprach, desto fremder fühlte sie sich in ihrer Haut und desto abstrakter schien ihr die Situation. Johann hätte von kafkaesk gesprochen. Und desto weniger beruhigte sie sich und desto weniger verlor sie das Gefühl vollkommen missverstanden zu werden, bis Herr Weyer schließlich mit dem Direktor zurückkam. Frau Hs Hoffnung, dass dieser Normalität herstellen würde, zerbrach mit den Worten »Keine Sorge, das wird schon wieder« und einem kollegialen Tatscher auf ihr linkes Knie. Dann trat er zu Herrn Weyer und sie sprachen. Über sie. Hausmeister Hoffmann stand untätig neben ihr, als müsste sie bewacht werden. Herr Weyer nickte und ging die Treppe zum Sekretariat hinauf. Der Direktor trat an sie heran und beugte sich zu ihr runter.

»Wir machen es so. Herr Weyer ruft dir jetzt ein Taxi, das dich nach Hause bringt. Dann ruhst du dich erstmal aus.«

Wovon sie sich ausruhen sollte, wusste Frau H nicht.

»Morgen sehen wir dann weiter. Ok?«

Nichts war ok. Frau H versuchte ruhiger zu atmen und etwas entgegenzusetzen oder zu reagieren, aber nichts drang aus ihrer Kehle. Der Direktor wies Hausmeister Hoffmann an sie zum Taxi zu begleiten, das soeben vor dem Eingang des Schulgebäudes angehalten hatte. Dieser brachte sie hinaus. Sie sah noch zurück zum Fenster, an dem Herr Weyer »ihre« Kinder von eben diesem wegholte, bevor er selbst noch einen Blick hinauswarf.

Hausmeister Hoffmann fragte sie nach ihrer Adresse. Sie antwortete, wobei die Wirklichkeit sie längst verloren hatte, ein Gefühl, das sie den gesamten Weg nach Hause begleitete.