Epik




Lucky Frankyboys Geschichte

 

Der rechte Vorderreifen des schwarzen Audi Q5 bremste auf dem Kiesbett und kam zum Stehen. Die Felgen glänzten im Schein der Spätsommersonne. Manuel warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel und fuhr sich mit der rechten Hand über seine frisch rasierte Glatze. Dann zog er seine Sonnenbrille aus und hing sie mit dem Bügel in die Brusttasche seines schwarzen Hemdes.

»Denk an die Tasche! Nicht wie beim letzten Mal!«

Ein kurzes Nicken zum Rücksitz reichte aus und Vincenzo langte nach hinten. Sie stiegen aus.


Manuel trug eine weiße Jeans, eine offene Trainingsjacke von Sergio Tacchini und dunkelbraune Slipper. Er sah rüber zu Vincenzo. Dieser verdammte Brad Pitt-Verschnitt. Naja, Brad Pitt aus dem Königsviertel halt. Die Haare bis zur Schläfe abrasiert und sorgfältig nach vorne gekämmt. Ein Sunnyboy, der auch wenn er nicht grinste, so aussah, als ob er grinsen würde. Dem Mutter Natur diesen Blick mitgab, wie ein Welpe, der doch nichts dafür konnte, zu sein, wie er ist.
Und genau mit diesem Blick sah er von der Fensterscheibe des Wagens, vor der er seine Lederjacke gerichtet und eine der Strähnen auf seiner Stirn mit einem Kamm wenige Millimeter nachjustiert hatte, zu ihm auf.

»Versteh' nicht, warum wir immer so weit weg parken müssen«, motzte er rüber und blickte sich auf dem Gelände um. Ein kleiner Park mit akkurat zugeschnittenen Buchsbäumen. Und weiter hinten das Haus. Das Haus, von dem er so oft geträumt hatte. Klar gab es größere Villen. Aber im Vergleich zu seiner 3-Zimmer-Wohnung im Viertel war es ein Schloss.

»Gäste Parkplätze. Mach hinne, wir sollten um 1 da sein!«, motze Manuel zurück. Auch wenn es ihm im nächsten Moment schon wieder leidtat, ihn so anzufahren.

Schnell hatte Vincenzo sein Tempo aufgenommen.

Seh' ich gut aus?«

»Wieso fragste?«

Ein Schmunzeln fuhr Vincenzo über das Gesicht.

»Laetitia.«

»Die Alte vom Schreiner?«
Er nickte.
»Die würde ich gerne mal ... «
»Du und dein Schwanz! Haste mal drüber nachgedacht, dass das eigentlich gar nicht das ist, was du willst?«
Im selben Moment war ihm klar, dass die Frage fehl am Platz war. Vincenzo dachte nicht viel nach, was sich in seinem leeren Blick widerspiegelte. Manuel versuchte es trotzdem.
»Dass du so fixiert auf den Gedanken bist. Doch wenn der Augenblick einmal da wäre ...«
Er schnipste.
»... dann wäre das Gefühl auch schon wieder vorbei.«

»Keine Ahnung, wovon du redest Mann.«

»Du kennst doch die Geschichte von Lucky Frankyboy?«

Vincenzo schüttelte den Kopf. Manuel war sich sicher, sie schon einmal erzählt zu haben, doch gab auf.

»Mein Pa erzählte sie uns früher. Wenn wir uns was wünschten, dass wir aufpassen sollen was.«

Vincenzo hörte zu. Das tat er immer, wenn es um Martin Klemme ging. Gangster. So einen Vater hätte er gerne gehabt. Das sagte er natürlich nie in Manuels Gegenwart, der ihm dafür ohne Warnung in die Fresse geschlagen hätte.

»Lucky Frankyboy war ein Kollege meines Pas. Muss in den 80ern gewesen sein. Er kassierte in den Spilos. Irgendwann fing er selbst das Drücken an.«

»Italiener?«

»Nee Deutscher. Frank hieß er. Was spielt das für 'ne verdammte Rolle?«

Vincenzo zuckte die Schultern hoch. Dann griff er in seine Jackentasche, schnipste eine Lucky Strike aus dem Softpack und machte sie sich an.

»Auf jeden Fall fing er an zu zocken. Vernachlässigte das Geschäft und hing nur noch in den Spilos oder im Wettbüro. Soff. Machte Schulden. Erzählte, dass er den Trick jetzt raushat. Pa wollte davon nichts hören und nahm ihn vor den anderen noch in Schutz. Seine Familie sah er nur noch, wenn er nachts besoffen zu Hause einbrach, um Schmuck von seiner Frau zu klauen, den er irgendwo verticken konnte.«

»Hatte er keinen Schlüssel?«

»Kein Ahnung Mann! Verloren, vertickt, was weiß ich? Aber verstehst du, er wollte nur noch gewinnen. Den einen großen Gewinn. Je länger er zockte, meinte er, desto höher wäre die Wahrscheinlichkeit abzuräumen. Frau schmiss ihn raus. Und das damals. Weiße, was das hieß?«

Vincenzo nickte und bließ den Rauch aus.

»Jeder andere hätte ihr Respekt eingeprügelt.«

Langsam näherten sie sich dem Haus.

»Franky lief nur noch rum, wie ein Penner. In den meisten Spilos hatte er Hausverbot, weil er randaliert hatte und Achtung oder Respekt hatte niemand mehr vor ihm. Er hatte alles verloren, außer dem Gedanken in seinem Kopf. Er muss gewinnen und es allen zeigen. Nur dieser eine Gewinn. Eines Nachts, er war in irgend'nem abgefuckten Wettbüro, da hatte er den Gewinn. 60000 Mann!«

»60000? Was hat er denn gezockt?«

»Is' egal. Er hatte den Gewinn, auf den er immer gewartet hatte. In der gleichen Nacht kippte er sich die Birne zu. Streifte durch die Straßen. Am frühen Morgen griff er nach seiner 99 und ballerte sich in den Kopf.«

Sie treten die Ziegelsteintreppe zu der weißen Haustür mit dem goldenen, gebogenen Griff hinauf.

»Doch er hatte kein Glück. Die Kugel erwischte nur den Frontallappen und er starb nicht direkt, sondern verblutete elendig in irgend'nem Hauseingang.«

Vor der Tür musterte Manuel Vincenzo nach einer Reaktion, doch bekam nur ein aussageloses Nicken. Schließlich fragte Vincenzo nach.

»Aber warum dann Lucky Frankyboy?«

Manuel atmete tief durch und schüttelte resignierend den Kopf. Dann drückte er wortlos auf die Klingel. Das Klackern von Stöckelschuhen setzte auf der anderen Seite der Tür ein und kurz darauf öffnete eine bildhübsche Frau in einem engen, kurzen weißen Kleid die Tür.

»Ihr seid 's. Kommt rein! Alfred ist auf der Terrasse.«

Manuel nickte ihr zu und ging an ihr vorbei. Vincenzo folgte, doch blieb noch für einen Moment vor ihr stehen und grinste sie mit diesem perversen Brad Pitt-Lächeln an.

»Miss Schreiner«

 

Sie lächelt zurück, bevor sie die Tür ins Schloss fallen ließ.