Epik




Unique

 

Piep Piep Piep Piep Piep.
»Einmal die Arme ausstrecken«, brummte der Justizbeamte.
Arthur nahm seine Arme hoch. Von der Prozedur hatte er schon einmal gehört. Am Flughafen. Doch es war lange her, seit er das letzte Mal geflogen war und spätestens seit Menschen Flugzeuge kidnappten, um ihre Glauben unter Beweis zu stellen, hatte er auch keine Lust mehr dazu. Und Josefine hatte sowieso Flugangst, obwohl er sie immer gefragt hatte, woher sie denn das wüsste, wenn sie noch nie geflogen ist. Damals als sie noch lebte. Und wenn sie in jungen Jahren mal Urlaub gemacht hatte, waren sie mit dem Auto gefahren. Er fuhr. Sie las die Karte.
»Umdrehen!«
Er tat, wie ihm befohlen, doch der Ton gefiel ihm nicht. Aber das war ja nichts Neues. Respekt vor dem Alter gab es nirgendwo mehr und er hatte aufgehört, sich darüber zu beklagen. Doch als er ein kleiner Junge war, grüßte man älterer Menschen auf der Straße, machte ihnen Platz und zeigte den nötigen Respekt. Und wenn man dies nicht tat, gab es einen Satz warmer Ohren. Heute ist es genau anders herum. Die Alten müssen den Jungen Platz machen, sonst werden sie verdroschen. So stand es vorgestern noch in der Zeitung. Piep Piep Piep.
»Haben sie alle Taschen leer gemacht?«
»Ich denke ... «, stotterte Arthur.
»Gehen Sie noch einmal zurück und entleeren sie alle Taschen in die Ablage.«
Der Justizbeamte winkte ein junges Pärchen vor. Sie hatten bereits ihre Umhängetaschen auf das Fließband und den restlichen Inhalt ihrer Taschen in eine zweite Ablage gelegt.
Während Arthur abermals die Taschen seines ausgeblichenen, senfgelben Anoraks kontrollierte, fiel sein Blick auf die Habseligkeiten in den Ablagen. Er hatte nur seinen Schlüssel und die alte dünne Geldbörse aus Wildleder, die ihm Josefine zu ihrem 50. Hochzeitstag geschenkt hatte.
Die jungen Leute schienen sich ihre Taschen mit allem Möglichen vollzustopfen. 2 Handys, Kopfhörer, Kaugummis, Kleingeld, Lippenstift, USB-Stick, diverse Bustickets, Flyer, Taschentücher, eine Reisepackung Deodorant und weiteres Utensil, das Arthur die Frage aufwarf, wofür sie das denn alles benötigten. In der rechten Hintertasche seiner dunkelbraunen Cordhose fand er schließlich 3 Nägel. Er muss sie wohl eingesteckt haben, als er neulich die Fußleiste wieder angebracht hatte, nachdem er zweimal fast darüber gestolpert wäre. Arthur legte die Nägel in die Ablage und trat dann abermals durch den Detektor, der es diesesmal vorzog zu schweigen.
»Sie können Ihre Sachen wieder nehmen. Aber die Nägel lassen Sie bitte hier.«
»Brauchen Sie die denn?«
»Nein, aber die dürfen Sie nicht mit reinnehmen.«
Es verwunderte Arthur etwas, aber er hatte zu Hause ein ganzes Kästchen voll.

Dann betrat er die Treppe. Das alles hatte viel zu lange gedauert. Er hatte den Druck in seiner Blase schon gespürt, als er das Gebäude betreten hatte. Dabei hatte er doch zu Hause und am Bahnhof bereits die Örtlichkeiten aufgesucht. Doch auch daran hatte er sich schon gewöhnt. Abgesehen davon war er viel zu früh. So stieg er langsamen Schrittes die Treppe hinauf. An der Rückwand, an der sich die Treppe um 180° drehte und weiter nach oben führte, hingen diverse Bilder. Moderne Kunst, deren Sinn ihm in einem Gericht nicht einleuchtete. In der ersten Etage angekommen musste er sich erstmal in einer der Sitzrunden niederlassen. Das fahle Licht der Neonröhren tauchte die, durch Bilder, Schaukästen und Pflanzen aufgelockerte Atmosphäre, in die eines Krankenhauses. Ihm gegenüber saß ein Mann mittleren Alters mit Schnäuzer und las die Bildzeitung. Er schien hier zu arbeiten. Zumindest trug er ein hellgrünes Hemd mit einer kleinen Stickerei des Wappens von Nordrhein-Westfalen auf der Schulter. Und da zwickte sie auch schon wieder. Arthur stand auf.
»Entschuldigung Sie ... «
Der Mann blickte zu ihm hoch.
»Ja bitte?«
»Können Sie mir sagen, wo ich hier ein WC finde?«
»Direkt durch den Gang links müssten die sein.«

Als er sich die faltigen Hände trotz fehlender Seife im kalten Wasser wusch, betrachtete Arthur sich im Spiegel. Die Gläser seiner Hornbrille hatten inzwischen einen gelben Stich angenommen. Und seine grauen Haare waren durch den starken Wind draußen ganz durcheinandergewirbelt worden. Die paar, die er noch hatte zumindest. Er strich sie mit den Fingern zurecht. Immerhin wollte er vor Gericht einen ordentlichen Eindruck machen.
Ein Routineverfahren hatte sein Anwalt ihm gesagt. 76 Jahre hatte er sich nichts zuschulden kommen lassen. Natürlich hatte er in der Jugend hier und da mal das Gesetz gebrochen. Mal mit dem Moped ohne Helm gefahren oder Zigaretten geklaut in Schorch's Bäckerei. Aber das war kein kriminelles Delikt, sondern eine Mutprobe und dem alten Schorch hatte er ein paar Tage später wieder 3,20 Mark in die Registerkasse geschmuggelt. Jungs sind nun mal Jungs und machen viel Blödsinn. Doch als Erwachsener hatte er sich immer an alle Regeln gehalten. Abgesehen davon hatte sich Josefine immer um solche Sachen gekümmert, Rechnungen und dergleichen.

Arthur verließ die Toilette. Ein Aufzug öffnete sich und heraus strömte ein Schwall von Menschen in lauten Gesprächen vertieft. Beiläufig warf Arthur einen Blick in den Aufzug. 23 Stockwerke hatte das Gebäude.
»Gab es denn so viel Unrecht?«, dachte er sich. In den Nachrichten hörte man natürlich immer viel. Aber die berichteten von der ganzen Welt. Hier ging es doch nur um eine Stadt. Ein weiterer Aufzug öffnete die Türen. Mehr Menschen. Es musste wohl Mittag sein. Auch Arthur knurrte der Magen. Was es wohl gab? Durch Flure mit Beschilderungen wie »Zu den Sälen 211-246« und »Zivilkammern 14d-14f« folgte er dem Strom. Bis sie die Kantine erreichten. »Schweine-Rückensteak Champignons Kräuterbutter, Grilltomate und Bratkartoffeln 6,50€« verkündete die Kreideschrift eines Aufstellers. Doch das war zu teuer. Von seiner Rente blieb ihm nicht viel, trotz dessen, dass er 47 Jahre lang gearbeitet hatte. Bis die KFZ-Werkstatt schließen musste und er beim Arbeitsamt den Hinweis bekam, er solle doch Socken über das Telefon verkaufen. Dafür hatte er sich dann beworben. Eine Stelle bekam er jedoch nicht. Trotzdem warf er einen Blick in die Kantine. Sie war groß. Lange Holztische mit kleinen Dekorationen und fast hundert Menschen. Ein Polizist sah von seinem Teller auf und blickte zu ihm. Argwöhnisch, als ob er ihn verdächtigte, während er einen Bissen Nackensteak mit offenem Mund zwischen seinen Zähnen zerkaute. Letzten Monat war es doch gewesen, dass in Bayern ein Mann in seinem Alter in einem Gerichtssaal um sich geschossen und eine Staatsanwältin schwer verletzt hatte.

Rasch drehte Arthur sich um und ging weiter. Sein Blick fiel auf einen Schaukasten am anderen Ende der Kantine, der mit reichlich Pokalen gefüllt war. Neugierig trat er näher heran und betrachtete die Auslage. »1. Platz Indoor Soccer Cup Braunsfeld« und daneben ein Foto einer Fußballmanschaft »Richter-Fußballmannschaft 2011«. Arthur hatte früher selber gerne gekickt, aber eine Richter-Fußballmannschaft war ihm noch nicht untergekommen. Vielleicht gab es damals auch noch keine. Irgendwie kam ihm das alles viel zu normal vor. Nachdem ein Richter einen Angeklagten für Raubüberfall mit versuchtem Totschlag zu 5 Jahren Haft verurteilt hatte, aß er hier Grilltomate und ging dann zum Training der Richter-Fußballmannschaft.

Wieder in der ersten Etage betrachtete er die Bilder an den Wänden genauer. Ein Bild mit dem Titel »Spring« zeigte eine junge Frau, die zwischen Blumen Querflöte spielte. Ein weiteres trug den Titel »Dialog« und zeigte zwei gesichts- und haarlose Köpfe. Der eine mit einem ungewöhnlich großen Hinterkopf. Ein Dialog schien jedoch zwischen beiden nicht stattzufinden. Unter dem Namen stand der Preis »3700€«.
»Für wen waren diese Bilder?«, fragte sich Arthur. Die Menschen, die hier vor Gericht standen, hatten doch weitaus größere Sorgen, als sich ein Bild für 3700€ zu leisten. Die Anwälte oder die Richter? Der Richter, der den Angeklagten zu 5 Jahren Haft verurteilte, danach Grilltomate aß und vor dem Fußballtraining der Richter-Fußballmannschaft noch eben ein Bild für 3700€ kaufte. Das alles machte keinen Sinn. So wenig Sinn, wie Arthurs Anwesenheit hier.

Plötzlich polterte es und wenige Gänge weiter wurde eine Tür zugeschlagen und kurz danach wieder geöffnet.
»Das darf nicht wahr sein!«, schrie eine Frauenstimme.
»Wofür bezahl ich sie den eigentlich?!«
Die Tür zum Atrium wurde aufgestoßen und eine aufgelöste junge Frau stürmte auf einen Platz in der Sitzrunde, in der Arthur sich eben noch ausgeruht hatte. Er wandte sich Ihnen zu. Sie hatte die Ellenbogen auf die Knie gelehnt und stützte mit geballten Fäusten ihren Kopf. Eine Frau in einer schwarzen Robe setzte sich neben sie.
»Hören Sie Frau Jakobs, wenn das Verfahren gegen Auflage eingestellt wird, haben wir wenigstens die Hoffnung, dass ihre Tochter verschont bleibt.«
»Und wie, bitte wie soll ich denn das zahlen?!«
Sie blickte zu ihrer Anwältin auf. Ihre Augen mit Tränen gefüllt, doch das Gesicht rot vor blanker Wut. Sie war selbst noch ein Kind. Daran änderten auch das jetzt verlaufene Make-up, die hellblaue Bluse, der Bleistiftrock und die schwarzen Pumps nichts.
»Das reicht doch jetzt so grade so«, fügte sich schluchzend hinzu, bevor sie mit dem Fuß auftrat und ihr Gesicht wieder in den Fäusten verbarg.
»Ich bin mir sicher, dass der Richter sich auf eine Ratenzahlung der Geldstrafe einlässt. Und ich werde ihn noch einmal auf Ihre besondere Situation hinweisen. Aber die Einstellung des Verfahrens ist momentan unsere beste Option, damit Sie ihren Führerschein behalten können.«
Die junge Frau hatte sich etwas beruhigt und atmete jetzt nur noch heftig.
Die Anwältin zog ihre Robe hoch und holte aus der Hosentasche ihrer Jeans eine Packung Taschentücher hervor. Sie reichte ihr eins. Die junge Frau nahm es und wischte sich das Make-up und die Tränen aus dem Gesicht.
»Sollen wir dann wieder rein?«
Sie nickte, stand auf und zog ihre Bluse und ihren Rock zurecht. Die Anwältin legte ihr die Hand auf die Schulter und geleitete sie wieder zurück.
Arthur sah ihnen noch einen Moment hinterher, bis sich die Tür zum Gerichtssaal schloss.

Dann drehte er sich um und betrachtete das nächste Bild.
Es zeigte ca. 20 bunte Gestalten, die zum unteren Bildrand hin in einem dunkelbraunen Farbton verschmolzen. Nur eine einzige Figur hatte ein Gesicht. Sehr konträr zu der Aussage, dass doch alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, trug es den Titel »Unique«.
»Da sind sie ja Herr Brüning.«
Ein glatt rasierter Mann in schwarzer Robe kam auf ihn zu.
»Kommen Sie, die Verhandlung hat bereits begonnen. Also alles, wie besprochen. Sie sagen, dass Sie an den Tattagen dachten, dass ihre Fahrkarte noch gültig wäre und dass Sie nur ihre Frau auf dem Friedhof besuchen wollten. Dass Sie dann nicht bezahlen konnten und sich das aufgestaut hat, lassen Sie mich dann machen. Dazu brauchen Sie nichts sagen.«