Epik




Wachtherapie (Auszug)

 

KAPITEL 1 „WACH AUF!”

 

»Ich weiß nicht, wie viel Uhr es ist. Alles, was ich weiß ist,

ich bin müde. So müde, als hätte ich seit Monaten nicht geschlafen.«


Ein tiefes Brummen. Es stoppt und startet erneut. Es verändert sich. Es wird höher. Schneller. Es stoppt zweimal nacheinander. Aus dem Brummen ist etwas anderes geworden, es stoppt nicht mehr ... eine Sirene? Doch sie klingt so monoton. Noch höher. Ein Hupen!

 

Langsam öffnet er die Augen. Doch sieht die Welt nur, wie durch einen Vorhang. Es ist dunkel.

»Komm schon! Was soll das?«

Eine Stimme. Seine Sicht wird klarer. Hochhäuser. Nasser Asphalt. Ein Regentropfen trifft ihn auf die Stirn.

»Jetzt hau ab da!!!«

 

Valentin stand mitten auf der Straße. Rechts von ihm hatte sich schon eine Schlange von 6 Wagen gebildet. Der Fahrer des Ersten hatte die Tür bereits geöffnet und wollte gerade aussteigen. Valentin ging weiter bis zur anderen Straßenseite.

»Na endlich! Verdammter Spinner!«

Die Reifen des Ford Fiesta quietschen auf dem nassen Teer und der Fahrer schüttelte die flache Hand vor seinem Gesicht, während er vorbeiraste. Valentin sah dem Wagen noch hinterher und griff nach einer Packung Zigaretten in seiner Lederjacke. Sie war leer. Er drückte sie mit der rechten Hand zusammen und ließ sie fallen. Es fing stärker an zu regnen, doch sein Ziel war nicht mehr weit. Eine Kirche.

Doch er betrat sie nicht, um zu beten, noch war er je der Mensch gewesen, der ein inniges Band mit seiner Religion geknüpft hätte. In seiner Kindheit war er oft in der Kirche gewesen, auf dem Dorf auf dem er aufgewachsen ist, gehörte es mit dazu. Und seine Mutter, die selbst nicht sehr religiös war, empfand es als wichtig, diese Tradition aufrechtzuerhalten. Zumindest an Weihnachten, Ostern und dem Rest dieser scheinheiligen Feiertage. So hatte seine ältere Schwester sie immer genannt. Sie hatte es nie verstanden, warum man überhaupt in die Kirche gehen sollte. Allerdings galt sie im Dorf auch als schwarzes Schaf, was dazu führte, dass sie mit 17 in die Großstadt zog und ab da nur noch selten die Familie besuchte. Seinen Vater schien das alles nicht viel zu kümmern. Er wollte immer nur seine Ruhe haben und er verstand die Streitereien nicht, die, als Juliana in der Pubertät war, fast täglich zwischen ihr und ihrer Mutter stattfanden.

 

Der Wind blies ihm einen Schwall Regentropfen entgegen und Valentine dreht seinen Kopf zur Seite. Es donnerte. Ein beschisseneres Wetter hätte er sich nicht aussuchen können, um ein Treffen zu vereinbaren. Aber er brauchte das Geld.

Am Ende der Straße erhob sich das prunkvolle Gebäude, das über die Jahre an seinem Glanz verloren hatte. Jetzt ähnelte es mehr einem bizarren Überbleibsel aus längst vergangener Zeit. Mit den beiden großen Türmen, die in den Nachthimmel ragten und den unzähligen Verzierungen, die wie die Stacheln eines Tieres Schutz vor der aggressiven Dunkelheit bringen sollten. Mit einem Satz nahm er die Treppen zur Eingangstür und ging hinein. Der Geruch von altem Zigarettenqualm und abgestandenem Bier hing in der Luft. Er trat durch den kleinen, spärlich beleuchteten Vorraum, in dem ein großer antiker Spiegel, direkt über einer durchgesessenen, dunkelroten Ledercouch, an der Wand angebracht war. Nass. Bleich. Er fuhr sich durch die Haare.

Das Öffnen der nächsten Tür erweckte die Soundkulisse zum Leben. Menschen, die miteinander sprachen. Das Klirren von Gläsern. Eine weibliche Stimme untermalt von dem Brummen des Kontrabasses und den surrealen Klängen des Saxophons, mit dem ihr Gesang eine Symbiose einzugehen schien.

Der Rauch der Zigaretten und Zigarren stand fast still im Schein der blauen Scheinwerfer und passte sich in seinen minimalen Bewegungen dem langsamen Tanz der Sängerin an.

Der Platz vor der Bühne war gefüllt mit mehreren runden Tischen, an denen vereinzelt Personen saßen und dem Treiben auf der Bühne folgten. An den Seiten des ca. 60 Quadratmeter großen Raumes waren Sitzecken in schwarzem Leder eingerichtet, in denen diejenigen saßen, denen die Darbietung egal war und die nur einen Platz suchten an dem sie sich in Ruhe unterhalten konnten oder alleine betrinken.

Gegenüber war die Bar, an der Valentin sich auf einen der Hocker setzte und von dort aus den melancholisch-verträumten Texten lauschte.
»Rainy memories of forgotten days,

a greyscale picture, a face, no name.

Tiring sleep, dreaming that you wake

up to, another day, another day ... «

»Was darf es sein?«

Ein junges Mädchen hinter der Bar sprach Valentin an. Sie erinnerte ihn an Juliana mit ihren blonden langen Haaren und den Sommersprossen, nur nicht so aufgebraucht.

»Doppelten McAllan ohne Eis.«

Das Barmädchen nickte und drehte sich zu der Reihe von Flaschen um, die, vor einem Spiegel, an der Wand hinter der Bar standen. Valentin griff in seine Lederjacke.

»Ach und 'ne Luckies bitte.«

»Kommt sofort.«

Fachmännisch füllte sie das Glas ein und Valentin fragte sich, wie ein so junges, hübsches Mädchen dazu kam, in so einem Laden zu arbeiten. Die Sistine Chapel hatte eine gewisse Atmosphäre. Man konnte sich gut vorstellen, vor die Tür zu treten, um in einer dreckigen Seitenstraße des Big Apple zu stehen. Sonst machte sie aber nicht viel her. Außerdem war sie dafür bekannt, dass sich hier des Öfteren mal so manches Gesindel rumtrieb. Nicht der Abschaum der Stadt, der verkehrte ein paar Straßen weiter im Café Paris, einem Striptease-Laden. Doch da dies einer der wenigen Schuppen war, die unter der Woche nicht um 0.00 Uhr dichtmachten, fand sich hier ein, wer woanders rausgeflogen war oder keinen anderen Ort hatte, wohin er sich verkriechen konnte. Schließlich gab es keinen Türsteher.

In jedem Fall war es nicht die richtige Nachbarschaft für so ein Mädchen. Er schätzte sie Anfang zwanzig, aber das Make-up könnte täuschen.

Sie stellte ihm das Glas hin und griff unter die Theke um eine Packung Lucky Strike Zigaretten hervor zu holen. Sie entfernte das Zellophan, klappte sie auf, riss die Alufolie heraus und legte die Packung offen vor ihn.

»13,50«

Valentin nickte, griff nach seiner Leder-Geldbörse und legte einen zwanzig Euro-Schein auf die Theke.

»Mach 15«, erwiderte Valentin. Er hätte ihr auch gerne mehr Trinkgeld gegeben, bei den Leuten, mit denen sie sich hier regelmäßig abgeben musste, aber er hasste Kleingeld.

Sie bedankte sich mit einem kurzen Lächeln und ging zu einer alten Kasse, die Valentin bei seinem ersten Besuch damals für Deko gehalten hatte. Er nahm einen kräftigen Schluck und zündete sich eine Zigarette an. Er genoss das Brennen im Hals.

Wahrscheinlich hielt sie ihn auch für einen der Gäste, die sonst keinen Ort hatten, wo sie hingehen konnten und ihr Macker würde sie später abholen, um sie vor Leuten, wie ihm zu beschützen.

Sein fahles, für sein Alter, sehr faltiges Gesicht, als Folge des jahrelangen Kettenrauchens. Die glasigen Augen, die er seiner Schlaflosigkeit verdankte. Die kurzen, leicht lockigen, schwarzen Haare. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal beim Friseur einen richtigen Haarschnitt hatte machen lassen. Kurz, Wachsenlassen, kurz, Wachsenlassen, das waren seine Trends der letzten Jahre gewesen. Für mehr sah er auch keinen Anlass. Wenigstens war er rasiert. Eins der wenigen Rituale, die noch in seinem Alltag erhalten waren seit ....
Sie gab ihm einen 5 Euro Schein, den er achtlos in die Innentasche seiner Jacke stopfte, und bediente einen anderen Kunden, der schon sichtlich angetrunken war.

Die Tür ging auf. Ein Mann im mittleren Alter mit Halbglatze und einer drahtigen Brille mit runden Gläsern, in Anzug und Mantel, den er gerade dabei war aufzuknöpfen, kam herein und ging auf Valentine zu, der ihn noch nicht bemerkt hatte.

Er setzte sich neben ihm auf einen Barhocker.
»Ein feines Wetter, was sie sich da ausgesucht haben Bose.«

Valentin drehte sich zu ihm und begrüßte ihn mit Handschlag.

»Regnet's noch?«

»Nicht nur das, es stürmt und blitzt, als ob es kein morgen gäbe. Ich musste eine Umleitung nehmen, weil auf der Hauptstraße ein Baum auf die Fahrbahn gekippt ist.«

Das Barmädchen kam auf sie zu.

»Was darf ich Ihnen bringen?«

Valentin kippte gerade den letzten Schluck aus seinem Glas runter. Der Mann griff in seine Tasche, zuckte sein Portemonnaie und reichte ihr einen 100 Euro Schein, nachdem er festgestellt hatte, dass er nichts Kleineres im Portemonnaie hatte.

»Wodka ohne Eis und ihm noch mal das, was er gerade hatte.«

Nachdem das Barmädchen sich wieder weggedreht hatte, wandte er sich Valentin zu.

»Haben Sie alles?«

Plötzlich wirkte der Mann nervös. Valentin nickte. Sie warteten noch auf ihre Getränke und das Wechselgeld, bevor sie sich in eine der Sitznischen zurückzogen.

»Also?«, fragte der Mann mit ernster Miene. Valentin griff in seine Jacke, um einen gefalteten Umschlag herauszuholen, den er dem Mann über den Tisch schob.

»Darin sind Fotos und ein genauer Bericht zum Tagesablauf der letzten Woche.«

Der Mann warf hastig einen Blick in den Umschlag, doch nahm nichts heraus. Er wusste, dass dies nicht der Ort war, um sich darum zu kümmern.

»Und? Was denken Sie?«

Valentin nahm ein Schluck.

»Alle Informationen, die ich Ihnen geben kann, sind in diesem Umschlag, welchen Schluss Sie daraus ziehen, bleibt Ihnen überlassen. Ich hoffe Sie verstehen das.«

»Ja klar.«

Der Mann nickte aufgeregt und rieb sich über das Gesicht.

»Es ist nur ...«

Er kippte sein Glas Wodka runter.

»Ich hab ja keine andere Wahl ...«, versuchte er seinen Auftrag an Valentin zu rechtfertigen, der verständnisvoll nickte. Wie oft hatte er das schon gehört. Jeder denkt, dass er keine andere Wahl hat, sonst wären die meisten Menschen nicht in der Lage jeden Tag zu einer Arbeit zu gehen, die sie ankotzt. Sonst wäre er doch auch nicht hier.

Der Mann griff in seine Manteltasche, um ebenfalls einen Umschlag hervorzuholen, der allerdings kleiner war, groß genug um sein Honorar zu enthalten.

»Das ist die zweite Hälfte für letzte Woche und die Anzahlung für die nächste.«

»Ich soll sie weiter beschatten?«, fragte Valentin erstaunt, andererseits kannte sein Auftraggeber auch den Inhalt des Umschlages noch nicht.

»Ich muss mir absolut sicher sein, unabhängig davon, was letzte Woche passiert ist, oder diese Woche passiert, am Wochenende stelle ich ihr ein Ultimatum und ich muss wissen, ob sie es einhält.«

Valentin nickte, obwohl ihn die Beweggründe eigentlich wenig interessierten. Der Mann stand auf und reichte ihm die Hand.

»Ich muss los, ich hab noch einen Termin in der Innenstadt.«

»So spät?«

»Geschäftlich.«

»Dann hören Sie nächste Woche von mir.«

Der Mann nickte und knöpfte sich den Mantel zu, während er zum Ausgang ging.

Valentin blickte ihm noch hinterher, zündete sich eine Zigarette an und steckte den Umschlag in seine Lederjacke. Er hielt es nicht für nötig, den Inhalt zu kontrollieren. Sein Auftraggeber war auf ihn angewiesen, es würde keinen Sinn machen, ihm zu wenig Geld zu geben.

»Geschäftlich ... «, dachte er sich. »Nicht um diese Uhrzeit.«
Aber das ging ihn nichts an, ob er noch ein Rendezvous mit seiner Geliebten hatte, etwas, wofür er seine Frau überwachen ließ oder sein hart verdientes Geld in einem der zahlreichen Casinos der Stadt verzocken ging. Hauptsache Valentin konnte nächsten Monat seine Miete bezahlen.

Er trank den letzten Schluck, bevor er ebenfalls die Bar verließ, während die Sängerin zu einem erneuten Ausdruck ihres persönlichen Schmerzes ansetzte.

»Truth is blind,

wild lies, can't see,

the sun shining,

no, it won't shine for me,

nightlife ...«

 

KAPITEL 2 GONZO

 

Es regnete in Strömen und ab und zu erhellten Blitze die Nacht, die die Gebäude für einen Sekundenbruchteil wie abstrakte Silhouetten ihrer selbst wirken ließen.

Für einen kurzen Moment blieb Valentin noch unter dem Vordach der Sistine Chapel stehen. Bei diesem Regen spielte er mit dem Gedanken, doch wieder hineinzugehen, sich noch einen Whisky zu bestellen und herauszufinden, was das Barmädchen dazu trieb, hier zu arbeiten, wo sie herkam und wo sie hinwollte.

Es war diese Neugier, die ihn zu der Idee gebracht hatte, eine Annonce in die Zeitung zu stellen, nachdem er damals seinen Job verloren hatte. Keine Wertung seiner Fähigkeiten, sondern ein Resultat der stätig wachsenden Rationierung, hatte sie ihm gesagt, mehr Arbeit mit weniger Personal.

Er hatte immer gerne als Postzusteller gearbeitet. Das Lächeln der Menschen, wenn er ihnen eine lang erwartete Bestellung brachte. Selbstverständlich hatte der Beruf auch seine Schattenseiten, wenn er auf Briefen las »Klinikum Sankt Josef«.
Selten gab es gute Nachrichten aus einem Krankenhaus. Oder Mahnschreiben von Inkasso Unternehmen, die hätte er am liebsten nicht in den Briefkasten gesteckt, sondern zurückgehen lassen mit dem Hinweis »Adressat verzogen«. Aber das war nicht seine Aufgabe.

Er hätte nie damit gerechnet, dass seine Annonce als diskreter Ermittler so viel Anklang finden würde. Im Nachhinein machte es jedoch Sinn, denn niemand traute dem anderen mehr über den Weg. Ob es der Mann war, der seine Frau kontrollieren will, ein Boss der seinen Mitarbeitern mit Betriebsgeheimnissen nicht traute oder sogar Mitglieder eines Motorrad Clubs, die das Gefühl hatten, das einer von ihnen ein Verräter war. Selbst die hatten keine Zeit mehr sich selbst um die Drecksarbeit zu kümmern. Er bekam einen Anruf und nachdem das Honorar geklärt war, machte er sich an die Arbeit und in einer Stadt mit knapp einer Millionen Einwohner gab es genug zu tun, um über die Runden zu kommen. Deswegen konnte er auch noch nicht nach Hause oder wieder in die Bar, er hatte noch einen Termin.

 

Vor 2 Tagen hatten ihn ein Mann angerufen und ihn damit beauftragt eine junge Frau mit dem Namen Luisa Speer zu beschatten. Normalerweise gaben ihm die Auftraggeber immer noch mehr Information zu einem Namen, zum einen, um sich zu rechtfertigen, zum anderen, um ihm einen Anhaltspunkt zu geben, worum es ging, sodass er ein besonderes Augenmerk auf z.B. männliche Bekanntschaften bei seinen Fotos legen konnte. Doch diesesmal gab es nur einen Namen, eine Adresse, ein Datum und eine Uhrzeit. Darüber hinaus wollte dieser Auftraggeber ihn nicht persönlich treffen. Er hinterließ die Anzahlung in einem Schließfach am Hauptbahnhof, zu dem er ihm die Zahlenkombination nannte, und wollte auch die Fotos und Berichte im Schließfach hinterlegt haben. Das Honorar stimmte und so machte sich Valentin auf den Weg zu der genannten Adresse. Seine Fotokamera hatte er wie immer in der Jackentasche und er musste sich selber eingestehen, dass er ein wenig gespannt war, um was für eine mysteriöse Person es sich handeln würde, doch er erwartete sich nicht viel. Wahrscheinlich hatte der Auftraggeber nur Angst, war in der korrupten Politik aktiv oder hatte sonst einen Ruf zu verlieren.

Die Adresse gehörte zu einer Lagerhalle im Industriegebiet der Stadt. Er hatte sich selbstverständlich vorher über das Internet informiert und gewundert, was eine junge Frau um genau 2.10 Uhr in diesem Teil der Stadt verloren hatte und woher sein Auftraggeber wusste, dass sie da sein würde.

Er hatte keine Informationen über ihr Alter oder ihr Aussehen, aber im Zeitalter der Social Media Profile war er schnell fündig geworden und konnte das Ergebnis zu 99 Prozent aufgrund von Lokalität eingrenzen.
Das tat er immer, bevor er sich an einen Auftrag machte, und irgendwo gab es immer einen Eintrag, ein Profil oder dergleichen, dass ihm doch noch ein paar mehr Informationen gab, als es der Auftraggeber meistens tat.

Sie war hübsch und ihr Anblick erinnerte ihn an eine Porzellanpuppe, die er als Kind bei seiner Oma gesehen hatte. Sie hatte immer gefragt welche ihrer Puppen ihm am liebsten gefallen würde und er hatte, trotz der großen Auswahl, immer auf die gleiche gezeigt.

Dunkelrote Haare, ein bleiches Gesicht, grüne Augen und rosa Lippen.

Er wusste nicht, warum ihm diese Puppe am meisten gefiel, wahrscheinlich machte sie ihm am wenigsten Angst.

 

Er musste die U-Bahn nehmen, doch das traf sich gut, denn so führte sein Weg am Café Paris vorbei. Nicht, dass er das Etablissement mochte und sich Tänzerinnen mit aufgespritzten Brüsten angucken wollte, die ihm für sein Geld noch einen Lapdance gaben. Aber er wusste, dass Gonzo sich dort rumtreiben würde und Gonzo hatte alles, immer. Er hatte nie rausgefunden, wie er es machte, aber Gonzo hatte diesen Ruf in der Szene. Egal ob ein paar Touristen ihn ansprachen, um Marihuana zu kaufen oder Junkies, die, ohne es zu wissen, einen Schuss von ihrem Letzten weg waren. Gonzo hatte es. Er musste nicht erst jemandem Bescheid sagen, der es aus einem Hinterzimmer holen ging. Er griff einfach in seine Tasche und holte ein kleines Tütchen heraus, das den verlangten Inhalt besaß. Wie ein Clown, der aus seiner Tasche von Luftschlangen bis zu einem Piano alles herauszaubern konnte, was sehr wahrscheinlich auch der Grund war, warum er Gonzo genannt wurde. Doch wenn die Bullen ihn mal hochnahmen, waren seine Taschen leer und sie mussten ihn laufen lassen. Es wunderte Valentin, dass Gonzo das überhaupt noch machte. Seiner Ansicht nach hatte er das nicht mehr nötig, da er Gerüchten zur Folge auch größere Deals abschloss, aber er schien den Ruf zu genießen.

Doch Valentine war kein Junkie oder ein Tourist. An sich verabscheute er Drogen oder er verabscheute sie sein ganzes Leben lang. Doch nach monatelanger Insomnie kam er zu dem Entschluss, dass, wenn er sowieso nicht schlafen, er genauso gut arbeiten konnte und dazu brauchte er Gonzos Dienste. Er musste wach bleiben.

 

Schon von Weitem war es der typische Anblick des Café Paris. Eine rote Neonreklame im Stil der späten 70er, wie ein Kino, das vor seinem Eingang mit den heutigen Aufführungen warb. Früher ein Anlaufpunkt für Künstler. Ausstellungsfläche von unzähligen Vernissagen und kulturellen Vorführungen. Ein Ort für kreative Freiheit und Andersdenkende. Bevor die Stadt dem Ganzen, aufgrund von Sicherheitsvorschriften und bauamtlichen Regelungen, einen Riegel vorschob.

Merkwürdigerweise spielten die Sicherheitsvorschriften keine Rolle mehr, als Jonathan Milies, ein Immobilienmakler, dessen Firma von Spielotheken zu Bars ein Viertel der Stadt gehörte, die Räumlichkeiten kaufte und, nachdem er hinter den Kulissen einen großen Batzen Geld verteilt hatte, einen Striptease Club daraus machte. Aber das war auch nur ein Zeichen des sich wandelnden Stadtbildes, genau wie Valentins Rationierung. Plötzlich ging es nur noch darum, für kurze Zeit so viel Profit wie möglich zu machen und das war es dann auch. Dann schlossen die Läden wieder und öffneten woanders unter anderem Namen.

Vor dem Eingang lungerten besoffene Touris und einheimische Drogenkonsumenten.

Ein Türsteher versperrte den Weg, doch das war nur Alibi, da er bekannte Gesichter und die, die viel Geld hatten ohne Probleme passieren ließ. Valentin war ihm bekannt und so öffnete er ihm die Tür in das, was in alten Gemälden oft als Hölle dargestellt wurde. Der Geruch von gebrauchten Kondomen und süßem Parfüm lag in der Luft.

Es war bekannt, dass das Café Paris nicht nur ein Striplokal war, doch was sich in den Hinterzimmern abspielte, darum gab es viele Gerüchte. Aber das ging ihn nichts an und so stellte er sich an die rot ausgeleuchtete Bar und guckte sich in dem 80 Quadratmeter großen Gelände um. Die diversen Podeste und Käfige mit Tänzerinnen, die, ohne das Make-up und dem chirurgisch korrigierten Brustbereich, vom Alter als 20-Jährige einzustufen waren. Obergrenze.

Doch für die Touristen und zahlreichen Junggesellenabschiede machte genau das es so interessant. Du wusstest nie, ob das, was du gerade sahst, legal war. Einmal am Gulli der Stadt schnuppern, bevor man am nächsten Tag verkatert aufwachte und wieder zurück zu seiner Freundin ging und in den Job als Vertriebler für Kopiergeräte.

»Was darf es sein?« sprach ihn eine braunhaarige Frau in Strapsen und Dessous an, die hinter der Bar arbeitete. Valentin schüttelte den Kopf.

»Ich such Gonzo, ist er hier?«

»Gonzo ist immer hier Schätzchen.«

Sie zeigte auf die andere Seite des Areals auf eine lange, weiße Ledercouch, auf der gerade drei Tänzerinnen ihren Kunden einen Lapdance gaben. Eine Blonde, die einen Tourist für sich beansprucht hatte und ihn nicht gehen lassen würde, bevor er nicht seinen letzten Cent für einen Drink oder ihren Slip ausgegeben hatte. Die Zweite tanzte für einen Yuppie und ein paar Meter weiter tanzte ein braunhaariges Mädchen für Gonzo, der seine Hände nicht bei sich lassen konnte. Immer wieder tatschte er sie an und sie zog seine Hände zurück und legte sie ihm in den Schoß, woraufhin er erneut grapschte, bis sie schließlich nachgab.

Das war das, was Valentin an diesem Laden störte. Hätte ein Tourist sie so angegrapscht, wäre er direkt rausgeflogen und, je nach Stimmung der Türsteher, vermöbelt worden. Zumindest im vorderen Bereich gab es noch Regeln. Doch Gonzo war Stammgast, machte sein Business hier und tat Jonathan Milies den ein oder anderen zwielichtigen Gefallen. Somit hatte er alle Freiheiten in einem gewissen Rahmen, aber alles, was die Gesellschaft als asozial bezeichnen würde, gehörte dazu.

Valentin ging zu ihm rüber, vorbei an den Tänzerinnen, die ihm zuwinkten und herumlaufenden leicht bekleideten Mädels, die im Vorbeigehen mit der Hand über seinen Brustkorb streiften, in der Hoffnung er würde darauf anspringen und nicht in der Lage sein seinen Trieb zu kontrollieren.

»Gonzo!«

Valentin trat hinter der Tänzerin hervor.

»Bose alter Freund, du kannst auch anrufen.«

Gonzo lachte und fügte, als die Tänzerin nicht aufhörte zu tanzen, hinzu: »Schwirr ab! Wir machen später weiter.«

Widerwillig drehte die Tänzerin sich weg. Valentin hatte sie gerade einen guten Kunden gekostet, denn auch wenn er sich nicht benehmen konnte, hatte er Geld.

»Setz dich! Was trinken?«

Valentin lehnte ab.

»Ich hab nicht viel Zeit. Hast du was für mich?«

»Aber immer.«

Er griff in seine Tasche und holte ein kleines Tütchen mit Kapseln hervor. Eine Hälfte blau. Eine grün. Doch gerade so, dass nur Valentin es sehen konnte, der ebenfalls in seine Tasche griff um ... »Mist!«

Er hatte vorhin vergessen sich aus dem Umschlag abgezählt 100 Euro herauszunehmen und vor Gonzo wollte er den Umschlag nicht auspacken. Dazu gab es zu viele Beobachter. Die Gäste, die weder für die Mädchen, noch für die Drogen hier waren. Gonzos Leute und Businesspartner. Höchstwahrscheinlich würde er nachher mit einer gebrochenen Nase in einer der Seitengassen aufwachen. Gonzo bemerkte sein Zögern.

»Kein Problem, du bist gut dafür.«

Er reichte ihm die Hand, um per Handschlag den Inhalt seiner Handfläche auszutauschen. Valentin steckte das Tütchen zögerlich ein.
»Ich bring es dir morgen.«

Gonzo nickte und sah sich schon wieder nach der Tänzerin um. Valentin kehrte ihm den Rücken zu und trat Richtung Ausgang.

»Bose!«

Er drehte sich noch mal um, während die Tänzerin schon wieder ihren Platz eingenommen hatte.

»Lass mich nicht hängen!«
Gonzo sagte diesen Satz mit einer plötzlichen Ernsthaftigkeit, bevor er wieder anfing zu grinsen und sich der Tänzerin widmete.

Valentin wusste, was er meinte. Er hasste es, bei so jemandem Schulden zu haben. Wäre er nicht so verdammt unkonzentriert, so was wäre ihm nie passiert.

 

KAPITEL 3 DIE MASKE

 

Es regnete noch immer, doch inzwischen war seine Lederjacke schon so durchnässt, dass es auch keinen Unterschied mehr machte. Er musste einfach nur wach bleiben. In der U-Bahn-Station sah er sich um, doch er war weit und breit der einzige Mensch auf dem Bahnsteig. Dann nahm er eine der Kapseln aus dem Tütchen. Für einen Moment wägte er sie zwischen seinen Fingern hin und her, doch er bemerkte, wie das Licht der Neonröhren sich bereits streckte. Ganz offen hatte er die Augen nicht mehr, ohne dass ihm dies bewusst war. Die Wirkung würde seine Arbeit nicht beeinträchtigen. Dafür hatte er die kleinen Kapseln, laut Gonzo ein Medikament aus Asien, das auf dem deutschen Markt verboten ist, schon zu oft eingenommen. Nebenwirkungen hatte er nicht festgestellt und nach einer Zeit aufgehört sich zu fragen, was er da eigentlich nahm. Er hielt nichts von der Art Drogen, die ihm eine alternative Realität vorgaukelten oder das Bewusstsein erweiterten. Das war so ziemlich das Letzte, was er wollte. Im Gegenteil. Sie betäubten sein Bewusstsein, sodass er sich auf das Wichtige konzentrieren konnte. Er wusste er würde wach sein und eventuell ein etwas gesteigertes Selbstbewusstsein haben. Aber er konnte die Wirkung überschauen und war sich dessen bewusst. Er war nicht abhängig. Er musste nur wach bleiben und seinen Job machen. Allerdings hatte er schon länger auf die Wirkung vertraut und konnte sich nicht mehr an einen Tag erinnern, an dem er keine Kapsel genommen hatte. Der Gedanke wandelte sich in einen bitteren Geschmack auf seiner Zunge. Er spuckte auf den Boden. Doch der Geschmack blieb. Im gleichen Moment traf die U-Bahn ein. Als er gerade durch die, sich mit einem pneumatischen Zischen öffnenden Türen eintrat, fiel ihm auf, dass er gar keinen Fahrschein gezogen hatte.
»Diese verdammte Unkonzentriertheit!«, dachte Valentin und sprach die Worte mit geschlossen Zähnen lautlos mit. Normalerweise wäre ihm das nicht passiert, denn Verspätungen, aufgrund dessen, dass er durch einen Kontrolleur aufgehalten wurde, konnte er sich sparen. Die Türen schlossen sich. Ein paar besoffene Jugendliche grölten in einem Vierer ein paar Reihen vor ihm darüber, wie dünn irgendeine Tussi war, und welche Konsequenzen das für den Geschlechtsverkehr mit ihr hatte. Am Ende des Abteils hinter ihm stammelte ein Obdachloser vor sich hin und wiederholte ständig „So ist das, so ist das heute”. Niemand hörte ihm zu.

Nach und nach stiegen sie aus, bis Valentin alleine im Abteil saß, auf dem Weg in das Industriegebiet, die letzte Haltestelle. Er hatte das Gefühl, dass die Bahn nur fahren würde, um ihn zu seinem Termin zu bringen, doch zerschlug den Gedanken schnell, indem er ihn der eintretenden Wirkung zuschrieb.

 

»Endstation Beldern-West Industriepark. Bitte alle Fahrgäste aussteigen«, verkündete die Ansage. Valentin stand auf. War er zwischenzeitlich eingenickt? Er blickte auf den goldenen Digitalchronograph an seinem Handgelenk. »2.03«. Er war pünktlich, wie immer.

Von der Haltestelle aus war es nicht weit. Auf dem Weg blickte er sich immer mal wieder um, doch außer ihm schien kein Mensch ausgestiegen. Der Regen hatte aufgehört. Er erwartete niemanden anzutreffen und so war es leicht verdientes Geld. Doch als er seine, vorher per ausgedruckter Karte festgelegte, Route über den großen Parkplatz zu der Lagerhalle zur Hälfte bestritten hatte und von einem kleinen Hügel über den Parkplatz sehen konnte, stellte er fest, dass, was auch immer in dieser Lagerhalle stattfand, ein gut besuchtes Event war. Mindestens 100 Wagen standen in den Parklücken. Er zückte seine analoge Kamera, die er natürlich mit einem Film versehen hatte, bevor er aufgebrochen war, und machte ein Foto und noch ein zweites zur Sicherheit. Die Fotos entwickelte er selbst. Alles andere wäre ein Vertrauensbruch und nur so hatte er die Möglichkeit wesentliche Details zu vergrößern und anhand der Negative nachzuweisen, dass es sich um echte Aufnahmen handelte. Von Mercedes Benz zu 5er BMW zum kleinen Toyota war alles vertreten.

»Arbeiten sie um diese Uhrzeit?«

Geduckt zwischen den Autos bahnte er sich seinen Weg zum Eingang. Langsam schlich er an der Mauer der Lagerhalle entlang, immer darauf bedacht von niemandem gesehen zu werden. Er war wie ein Geist. Oder das Bildnis, das die Menschen von dem Geist eines Toten haben. Wie er durch die Szenarien schwebt und observiert, aber von niemandem wahrgenommen wird. Mit einem Auge warf er einen Blick um die Ecke zum Eingang. Ein roter Teppich geleitete die Gäste hinein. Vor dem Eingang standen noch mehrere Personen in kleineren Gruppen. Sie trugen schwarze Kutten, wie Richter bei einem Strafverfahren, nur mit Kapuze und hatten Masken auf ihre Köpfe hochgeschoben, alle dieselben, bleiche Gesichter. Mehr konnte er von hier aus nicht erkennen. Er belauschte ihre Gespräche, sie schienen beiläufig.

» ... nicht so schön, wie ... «

» ... ich hab ihm direkt zu verstehen gegeben, dass da nichts läuft. Er ist so neugierig ... «

» ... so spät diesesmal ... «

» ... dann wollte der doch tatsächlich, dass wir noch mal vor Gericht gehen ... «

Plötzlich hörte Valentin einen Wagen parken, keine 15 Meter von ihm entfernt. Wenn jemand von da aus zum Eingang gehen würde, würde er ihn entdecken. Er musste sich verstecken.

Als er sich umguckte, bemerkte er eine Leiter, die auf das Gebäude hinaufführte. Er erklomm die Sprossen. Seine Boots quietschten leise, als sie auf das nasse Metall trafen, doch vom Eingang würde ihn niemand hören. Ein Dreiklang ertönte vom Inneren des Gebäudes und er hörte ihre Stimmen.

»Geht los.«

»Vergiss die Maske nicht.«

Aus dem Fiat Punto, der kurz zuvor noch dabei war einzuparken, stieg hektisch eine junge Frau aus. Es war sie. Valentin guckte auf seine Uhr »2.20«. Sie war 10 Minuten zu spät, aber das konnte er seinem Auftraggeber nicht vorwerfen und sie war so hübsch, wie auf dem Foto. Ihre langen, dunkelroten, gelockten Haare, das bleiche Gesicht und leicht errötete Wangen, die er auf die Aufregung zurückführte. Sie streifte sich eine schwarze Kutte über und suchte nach etwas in ihrer Tasche auf dem Rücksitz. Eine Maske, genau wie die der anderen, sie setzte sie auf. Eine weiße Maske. Zwischen den goldfarbenen Augen mit buschigen Augenbrauen eine Art Symbol, wie eine kleine Schlange. Sie bedeckte ihr gesamtes Gesicht, nur der Mundbereich war ausgenommen. Hastig lief sie zum Eingang. Hätte sie hochgeguckt, hätte sie ihn sehen können. Doch er wusste, die Menschen blicken niemals hoch, es sei denn an einer spezifischen Stelle steht schon ein Mensch, der hoch guckt, dann können sie der Neugier nicht widerstehen.

»Was zu Hölle geht da drinnen vor sich?«